Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche

So schön wie das Debüt von Vampire Weekend hat lange keines geklungen, schwärmt Jan Wigger und windet sich wohlig im Höllenfeuer des Black Metal. Andreas Borcholte erfreut sich an Nick Caves satanischen Versen und Niels Freverts Melancholie.


Vampire Weekend - "Vampire Weekend"
(XL Recordings/Beggars/Indigo, 22. Februar)

Welche Debüt-LP der letzten Jahre hat schon so schön begonnen wie diese? "I see a mansard roof through the trees/ I see a salty message written in the eaves" beginnt Sänger Ezra Koenig diese warmherzige, ungeheuer schlaue Platte - so, wie es sonst eigentlich nur noch Damon Albarn kann.

Rostam Batmanglij, Chris Baio, Christopher Tomson und Koenig spielen auf "Vampire Weekend" mit Versatzstücken aus afrikanischer, amerikanischer und britischer Musik, zeigen sich aber gleichzeitig von diesen befreit: Zwar klingt "Cape Cod Kwassa Kwassa" tatsächlich nach dem Mittachtziger-Paul-Simon, doch könnte der nach "Graceland" sukzessive betulicher gewordene Capeman ein solches Stück heute gar nicht mehr schreiben. "Oxford Comma" ist, wenn überhaupt, die zurückgelehnteste, gleichmütigste Variante der Strokes. Nein, man kann wahrlich nicht behaupten, dass diese 34 wahnsinnig detailverliebten Minuten etwas zu tun haben mit der The-Bands-Invasion des neuen Jahrtausends: Vampire Weekend mögen die Talking Heads, verehren aber auch Nusrat Fateh Ali Khan, Ali Farka Toure, Fela Kuti, kongolesische Rhythmen, Ska, Reggae und spanischen Pop.

Obwohl Texter Koenig erst Anfang 20 ist, langweilt er nicht mit den eigenen Befindlichkeiten, sondern reflektiert über Peter Gabriel, Louis Vuitton und einen gewissen Walcott, der eben nicht der Literaturnobelpreisträger Derek Alton Walcott ist, sondern einfach nur irgendein Typ. Neben allem Anderssein auch mal wieder ein Album für jene sonderbare Spezies Mensch, die beharrlich bestreitet, dass ein toller Song immer aus beidem besteht: aus Text und Musik. (9) Jan Wigger

Nick Cave - Dig, Lazarus, Dig!!!
(Mute/EMI, 29. Februar)

Mit Lazarus ist es so eine Sache: Es gibt einfach zu viele Legenden, die sich um ihn ranken. Auf eines können sich aber immer alle einigen: Er wurde von Jesus von den Toten erweckt und gilt seitdem als Patron der Totengräber und Leprakranken. Das finden Sie morbide? Willkommen in der sinister-religiösen Welt von Nick Cave, um den sich mindestens ebenso viele Legenden und Mythen gebildet haben.

Im letzten Jahr wurde der Australier 50. Aber statt sich zur Ruhe zu setzen, gründete er mit Waren Ellis, Jim Sclavunos und Martin Casey die Band Grinderman und rockte noch einmal richtig los. An diesen ungehobelten Sound knüpft auch das neue Album von Nick Cave und den Bad Seeds (minus Blixa Bargeld) an: Nach dem überladenen "Abbatoir Blues"-Doppelalbum gibt sich die Band beschwingt und experimentierfreudig.

Nick Cave selbst scheint seine giftigen Texte mit bestgelaunter Bitterkeit zu rezitieren. Man stellt ihn sich ja in zunehmendem Maße wie einen fahrenden Händler und Geschichtenerzähler vor, der in der American-Gothic-Ära des endenden 19. Jahrhunderts durch die karge US-Provinz tingelt und dem Volk vom Planwagen herunter satanische Verse verkündet. Das mag auch am neuen Vollbart des Barden liegen – und an seinen Western-Soundtracks für "The Proposition" und "Die Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford".

Wie "Dig, Lazarus, Dig!!!" klingt? Wie Bob Dylan und Johnny Cash, nachdem sie mit dem Bible Belt verdroschen wurden. "Today’s Lesson", "Midnight Man" und "Moonland" sind einige der besten Songs, die Cave in den letzten Jahren aufgenommen hat: Funky und fiebrig, beseelt und tiefschürfend, finster, kalt und leer wie Lazarus’ Grab nach der Erweckung. (9) Andreas Borcholte


Wolves In The Throne Room - "Two Hunters"
(Southern Lord/Soulfood, 29. Februar)

Eigentlich unnötig, zu erwähnen dass der Autor dieser Zeilen nicht mit "Two Hunters" bemustert wurde, sondern sich diese wundervolle, erbarmungslose, durch mörderisches und zugleich heilsames Gekeife glänzende CD bereits vor Monaten in einem absurd winzigen, nur durch eine in den Keller führende Räuberleiter erreichbaren New Yorker Plattenladen kaufen musste.

In den Neunzigern brauchte man kaum Nachschub an neuen Black-Metal-Platten, denn es gab ja Darkthrone, Emperors "In The Nightside Eclipse", Mayhems "De Mysteriis Dom Sathanas", das von endlosem Hass zerfressene, ideologisch äußerst zweifelhafte Burzum-Meisterwerk "Filosofem" und den unmenschlichen, frostklirrenden Monolithen "Battles In The North" von Immortal. Eben jenem unablässig nachwirkenden, unschlagbaren skandinavischen Black Metal der alten Tage spüren nun auch Wolves In The Throne Room aus Olympia, Washington auf ihrer zweiten Platte "Two Hunters" nach.

Das hell wie tausend Sonnen leuchtende Intro "Deo Artio" belehnt Mogwai, The 3rd And The Mortal und Godspeed You! Black Emperor, "Vastness And Sorrow" brettert zielstrebig dem Höllenfeuer entgegen, und nach einer Dreiviertelstunde endet alles mit Vogelgezwitscher und der Stimme von Jessika Kenney. Man möchte die zarten Indie-Seelchen ja nicht einmal dazu zwingen, LaVey zu lesen oder den wirren Varg Vikernes aus dem Gefängnis abzuholen, aber: Wer zwischendurch doch mal wissen will, was eigentlich Sache ist, der kauft bitte genau diese Platte. (9) Jan Wigger

Niels Frevert - "Du kannst mich an der Ecke rauslassen"
(Tapete/Indigo, 29. Februar)

"Außenseiter, Wegbereiter, neuer ständiger Begleiter/ Sprang für Geld aus Telegrammtorten, hatte früher mal Autogrammkarten", singt Niels Frevert in "Der Typ, der nie übt (Worum es eigentlich geht)", einem seiner neuen Lieder. Frevert ist eine Art Veteran, auch wenn er sich immer wieder anhört, als hätte er gerade sein erstes Album aufgenommen, so verletzlich, so tiefschürfend klingt das.

Damals, 1993, war Freverts Band Nationalgalerie eine der wenigen deutschen Bands, die auf MTV gespielt wurden. Mit "Indiana" und der Single "Evelin" gab es einen kleinen Hit. "Meskalin" mit dem beängstigend traurigen "Tränen in mein Herz" war das bessere Album, aber danach war Schluss mit Band und Karriere. Seitdem ist Niels Frevert alleine unterwegs und sucht noch immer nach dem Sinn des Alltags, der Liebe und des Lebens im Allgemeinen.

"Ich will gehen, vergehen, die letzte Bahn verpassen. Du kannst mich an der Ecke rauslassen", heißt es im Titelstück. Wer das sagt, will verschwinden, vom "Fog, Nebel des Grauens" verschluckt werden, anonym bleiben im grellen Großstadt-Gelichter, weil Melancholie als Lebensstil nach Einsamkeit verlangt. Das passt zu diesem Sänger, in den sich sofort alle Fans von Stefan Raabs Casting-Entdeckung Gregor Meyle verliebten, wenn sie ihn bloß kennen würden. Aber vielleicht würde Niels Frevert nicht mehr diese verträumten und vertrackten Lieder schreiben, wäre er berühmt. Und so wünscht man sich ihn erneut als ständigen Begleiter. Wer braucht schon Autogrammkarten. (8) Andreas Borcholte


F.S.K. - "Freiwillige Selbstkontrolle"
(Buback/Indigo, 22. Februar)

Wäre man einer von den intellektuellen Eierköpfen, müsste man jetzt schreiben, wie wichtig, wegweisend und bahnbrechend F.S.K. auch nach nun fast schon 30 Jahren Bandgeschichte noch sind. Man müsste von Hörersubjekt und Künstlersubjekt, von Anti-Rockismus, Anti-Authentizismus, Gender-Theorien und bestimmten Textstellen aus Thomas Meineckes Essays schwafeln sowie anerkennend feststellen, dass Justin Hoffmann auf "Freiwillige Selbstkontrolle" einen "Yamaha DX 7 Synthesizer" spielt.

Man könnte bei dieser Gelegenheit allerdings auch einmal anmerken, dass das vertonte Autorennen "Coupé" ebenso langweilig ist wie das Instrumental "Virginia Beach". Gut ist die zwölfte F.S.K.-Platte, sind Tracks wie "Vogue Vogue" und "Belvedere" (beide mit Kuhglocke) natürlich trotzdem. Glanzlicht: das herrlich genervte, nicht wörtlich zu nehmende "Nokturn": "Ich will doch gar nicht mehr in einen weiteren Club/ Nicht mehr in eine weitere dunkle Bar/ Ich habe doch Angst, Angst, Angst vor der nächtlichen Menschenschar." (6) Jan Wigger


Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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Seite 1
icaros, 19.06.2007
1.
Paradise Lost - Icon: zum ersten Mal seit Jahren wieder ein amtliches Album der britischen Gothic Metal Legende. Hier regiert wieder der Metal und nicht mehr die Anbiederung an das Mainstreetpublikum. Die Songs der neuen Platte können es fast mit den alten Klassikern aufnehmen. Megadeth - United Abominations: Für Megadeth gilt ähnliches wie für Paradise Lost, das beste Album der Band seit Jahren, Dave Mustaine will es wohl noch mal wissen. Samael - Solar Soul: Die Schweizer sind ein Garant für hochklassigen, dunklen Metal mit Elektroschlagseite Akercocke - Antichrist: völlig abgefahrener Mix aus Black Metal, Grindcore, Death Metal, Ambient und ruhigen Passagen. Sicher keine Musik für Gelegenheitshörer aber es lohnt sich Zeit für das Album zu nehmen. Trelldom - Til Minne...: So war Black Metal ursprünglich gemeint: Roh, kalt, atmosphärisch, schwarz. Die Blaxk Metal Scheibe der Woche Und zum Schluß noch was anderes als Metal: Manes - How The World Came To An End: Dunkle Sounds zwischen Avantgarde, Ambient, Elektro mit unterschwelligem Gothictouch. Die Norweger scheuen sich auch nicht davor französischen Rap einzubauen. Funktioniert erstaunlicherweise. Sollte man als Hörer ohne Scheuklappen mal gehört haben.
ralfons 19.06.2007
2.
Zitat von icarosParadise Lost - Icon: zum ersten Mal seit Jahren wieder ein amtliches Album der britischen Gothic Metal Legende. Hier regiert wieder der Metal und nicht mehr die Anbiederung an das Mainstreetpublikum. Die Songs der neuen Platte können es fast mit den alten Klassikern aufnehmen. Megadeth - United Abominations: Für Megadeth gilt ähnliches wie für Paradise Lost, das beste Album der Band seit Jahren, Dave Mustaine will es wohl noch mal wissen. Samael - Solar Soul: Die Schweizer sind ein Garant für hochklassigen, dunklen Metal mit Elektroschlagseite Akercocke - Antichrist: völlig abgefahrener Mix aus Black Metal, Grindcore, Death Metal, Ambient und ruhigen Passagen. Sicher keine Musik für Gelegenheitshörer aber es lohnt sich Zeit für das Album zu nehmen. Trelldom - Til Minne...: So war Black Metal ursprünglich gemeint: Roh, kalt, atmosphärisch, schwarz. Die Blaxk Metal Scheibe der Woche Und zum Schluß noch was anderes als Metal: Manes - How The World Came To An End: Dunkle Sounds zwischen Avantgarde, Ambient, Elektro mit unterschwelligem Gothictouch. Die Norweger scheuen sich auch nicht davor französischen Rap einzubauen. Funktioniert erstaunlicherweise. Sollte man als Hörer ohne Scheuklappen mal gehört haben.
"In Requiem" heißt das neue Album, hört sich allerdings endlich wieder an wie "Icon" :) Eigentlich wäre ja Devildriver - Last Kind Words mein Album der Woche geworden. Amtlicher Thrash, der einem schön die Birne freibläst. Aber dann bin ich im CD-Regal doch nicht an den Re-Releases der Blind-Guardian-Alben von "Battalions of Fear" bis "Nightfall in Middle Earth" vorbeigekommen. Alle Alben sind digital remastered - die ersten beiden ("Battalions of Fear" und "Follow the Blind") sind komplett neu abgemischt - und mit neuen Liner-Notes und Bonus-Tracks versehen. Wer also einige der BG-Klassiker noch nicht sein eigen nennt: Zugreifen! :) Anfangen sollte man vielleicht beim '92er "Somewhere Far Beyond", sozusagen ein Zwischenschritt zwischen den alten, speed-lastigeren Alben und dem neuen, progressiveren Zeug.
icaros, 19.06.2007
3.
Zitat von ralfons"In Requiem" heißt das neue Album, hört sich allerdings endlich wieder an wie "Icon" :) Eigentlich wäre ja Devildriver - Last Kind Words mein Album der Woche geworden. Amtlicher Thrash, der einem schön die Birne freibläst. Aber dann bin ich im CD-Regal doch nicht an den Re-Releases der Blind-Guardian-Alben von "Battalions of Fear" bis "Nightfall in Middle Earth" vorbeigekommen. Alle Alben sind digital remastered - die ersten beiden ("Battalions of Fear" und "Follow the Blind") sind komplett neu abgemischt - und mit neuen Liner-Notes und Bonus-Tracks versehen. Wer also einige der BG-Klassiker noch nicht sein eigen nennt: Zugreifen! :) Anfangen sollte man vielleicht beim '92er "Somewhere Far Beyond", sozusagen ein Zwischenschritt zwischen den alten, speed-lastigeren Alben und dem neuen, progressiveren Zeug.
Oh, das mit dem "Icon" war wohl ein freudscher Verschreiber... Ja, die alten Blind Guardian Sachen waren durchaus hörenswert. Die neueren finde ich persönlich etwas zu überladen, aber das ist natürlich Gerschmackssache. Aber da wir gerade bei Re-Releases sind: Von Edge Of Sanity gibt es demnächst eine Best Of. Eingefleischte Schweden-Death Fans werden zwar eh schon alles der Pioniere haben, wer aber nur im entferntesten auf Melodic Death Metal steht kann nun eine Bildungslücke schließen.
Sonic Nurse, 19.06.2007
4. Musikalische Bandbreite
Der musikalische Geschmack der meisten User hier ist eben genau wie erwartet: Metal, Metal und Metal (in allen möglichen Richtungen und Ausprägungen, ist mir schon bewusst, daß es da ganz viele Kategorien gibt.) Und da werfe nochmal jemand Wigger und Borcholte vor, ihr Geschmack sei einseitig. Tss.
ralfons 19.06.2007
5.
Zitat von Sonic NurseDer musikalische Geschmack der meisten User hier ist eben genau wie erwartet: Metal, Metal und Metal (in allen möglichen Richtungen und Ausprägungen, ist mir schon bewusst, daß es da ganz viele Kategorien gibt.) Und da werfe nochmal jemand Wigger und Borcholte vor, ihr Geschmack sei einseitig. Tss.
Falls die Sysops den neuen Thread eröffnet haben, um die alten Streitereien aus dem Weg zu räumen, hat das ja prima geklappt ;) Zurück zum Thema: Ich finde, dass "A Night at the Opera" die einzig wirklich schlechte Blind-Guardian-Scheibe war, "A Twist in the Myth" ist wieder deutlich eingängiger geworden. Ich freu' mich auf jeden Fall schon auf einige neue Songs in Wacken :) Edge of Sanity sind bei mir allerdings 'ne echte Bildungslücke. Ich kenne zwar einige Songs, hab' aber nie ein Album von ihnen besessen. Von daher hab' ich die Best-Of mal auf meinem Einkaufszettel notiert.
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