Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche

Für die Rückkehr des Unoffensichtlichen bedankt sich Jan Wigger bei Goldfrapp - und lobt den befreienden Nihilismus der Mountain Goats. Andreas Borcholte hat sich das vielgelobte Debüt der jungen Sängerin Adele angehört.


Goldfrapp – "Seventh Tree"
( Mute/EMI, bereits erschienen)

Eine bescheidene Frage: Hat man in den letzten Monaten jemals etwas Bestürzenderes im deutschen Fernsehen erleben müssen als Stefan Raabs diesjährigen "Bundesvision Song Contest"? Die ridikülen Met-Trinker Subway To Sally bedienten sich dreist beim Toten-Hosen-Song "Unsterblich" und der Texter von Madsen rechnete wohl insgeheim damit, dass die Zielgruppe seiner Band im Erscheinungsjahr des Tocotronic-Stücks "Samstag ist Selbstmord" (1995) noch gar nicht geboren war. Daher möchte man Goldfrapp für die drei ersten, grandiosen Songs ihres neuen Albums "Seventh Tree" gleich mehrfach umarmen: "Clowns", "Little Birds" und "Happiness" sind die kaum mehr für möglich gehaltene Rückkehr des Idiosynkratischen und Unoffensichtlichen, die Wiederkunft der Cocteau Twins und der späten Kate Bush in die Pop-Musik von heute.

Überhaupt war Goldfrapps Abkehr vom beat-orientierten Disco-Sound der beiden letzten Platten eine insgesamt vortreffliche Idee. Auch dann noch, wenn man sagen muss, dass der ein oder andere der restlichen neuen Tracks in einsamer Schönheit (und Belanglosigkeit!) erstirbt. Gleichwohl: Wenn "Seventh Tree" demnächst bei "Starbucks" läuft, heben wir die Tassen. (6) Jan Wigger

The Mountain Goats – "Heretic Pride"
(4AD/Beggars Group/Indigo, 29. Februar)

Als großer Lyriker der Vergeblichkeit ist John Darnielle schon seit den Anfangstagen seiner kleinen Band The Mountain Goats unübertroffen. Selten war Nihilismus befreiender als damals in "No Children", zu finden auf der Mountain Goats-LP "Tallahassee" von 2003 : "I am drowning/ There is no sign of land/ You are coming down with me/ Hand in unlovable hand/ And I hope you die/ I hope we both die." Dazu passt Johns leicht verständliche Faszination für die begeisterten Antichristen Deicide und die schwedische Black Metal-Band Marduk, die ihn auf "Heretic Pride" zum berückenden "Marduk T-Shirt Men's Room Incident" inspirierte. "Lovecraft In Brooklyn", "How To Embrace A Swamp Creature", "Michael Myers Resplendent" – die besten Songtitel hat immer noch Darnielle. Auch "Heretic Pride" erkennt man schon von weitem an seiner meckrigen, schneidenden Stimme, dem mal robusten, mal zartgliedrigen Gitarrenspiel und den im "Marduk"-Stück besonders schön zur Geltung kommenden Background-Chören, die angenehm an den Cohen der Achtziger und Neunziger erinnern. Wie Leonard sagt: "I've seen the future, it is murder". (8) Jan Wigger

Adele - "19"
(XL/Beggars/Indigo, 7. März)

Popmusik hat viel mit Projektion zu tun, mit dem Wunsch nach Perfektion und Idealbildern. Deshalb mögen wir die frühen Genies so gerne, die schon im zarten Teenager-Alter über ausgereiftes Talent verfügen. Leider geht dieses frühe Durchstarten, die Überforderung durch das eigene Können und der Schock der Berühmtheit oft mit einem baldigen Zusammenbruch einher - und der eigentlich nur an Schönheit interessierte Konsument muss mitansehen, wie sein Idol im Drogen- und Alkoholsumpf untergeht. So wie die Casting-Entdeckung Leona Lewis gerade als saubere Whitney Houston aufgebaut wird, könnte die 19-jährige Britin Adele die bürgerliche Amy Winehouse werden. In England wird sie bereits als Stimme des Jahres gefeiert, Adeles nun auch bei uns erscheinendes Debüt-Album stürmte die Charts. ein paar gute Songs sind durchaus drauf: Die an Kate Nash erinnernde Single "Chasing Pavements" zum Beispiel, oder das Soulstück "Right As Rain". Aber gemessen am Über-Vorbild Winehouse wirken Adeles beherzt gesungene Lieder bei allem Mut zur Seelenentblößung noch ein wenig brav und aseptisch. Normal, bedenkt man die Jugend und Unschuld der Sängerin. So mag es die Masse. Und so nimmt das Schicksal wieder seinen Lauf. Der große Reality-Check steht erst noch aus. (5) Andreas Borcholte

Scott Matthew – "Scott Matthew"
(Glitterhouse/Indigo, 7. März)

Auf YouTube, dem Marktplatz der Möglichkeiten, gibt es einen Konzertmitschnitt von Bruce Springsteen aus dem Oktober letzten Jahres, auf dem der Boss und die E Street Band in Ottawa gemeinsam mit Win Butler und Régine Chassagne "Keep The Car Running" von Arcade Fire performen. Diese knapp vier Minuten sind reine Ekstase, die aus eigener Kraft den Himmel aufbricht. Von ähnlichem Reiz ist Scott Matthews viel stilleres Klagelied "Abandoned", das leider in der Tat nur wenig andere Vergleiche als jenen mit Antony Hegarty zulässt.

Bislang schrieb Matthew Musik für den Film "Shortbus" und japanische Fernsehserien, nun musste es kommen, das erste "richtige" Album. Und wenn die Ukulele den Blues singt, das Piano friedlich "Surgery" vorantreibt und die Streicher immer an der richtigen Stelle einsetzen, wird es Zehenspitzen-Folkies sicher ganz warm ums Herz. Dann kann es sein, dass ein Mann auch einmal weint. (7) Jan Wigger

Tegan And Sara – "The Con"
(Sire/Warner, 29. Februar)

Neues von der kanadischen Revolution: Tegan und Sarah Quin sind Zwillinge. Aber haben sie auch die Strahlkraft von Bill und Tom Kaulitz? Die Quin-Twins sind eineiig, und dass ihr viertes Album "The Con" nach längerer Wartezeit jetzt doch noch in Deutschland erscheint, ist eine gute Nachricht. Wenn US-Kritiker nun von der "reifsten" und "persönlichsten" Tegan-And-Sara-Platte sprechen, ist naturgemäß Vorsicht angesagt. Und klingt eine der beiden Schwestern bei den schrofferen Songs nicht wirklich etwas zu rockröhrig? Wirkt die Elektronik in "Are You Ten Years Ago" nicht arg aufgesetzt? Jedoch spricht es für "The Con", dass es in der zweiten Hälfte immer besser wird, dass "Burn Your Life Down", "Call It Off" und "Floorplan" originell und gütig sind. "I want to draw you a floorplan of my head and heart": An der Unmöglichkeit dieses Vorhabens können Tegan And Sara zwar auch nichts ändern, aber wenigstens reden sie darüber. (6) Jan Wigger


Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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Seite 1
icaros, 19.06.2007
1.
Paradise Lost - Icon: zum ersten Mal seit Jahren wieder ein amtliches Album der britischen Gothic Metal Legende. Hier regiert wieder der Metal und nicht mehr die Anbiederung an das Mainstreetpublikum. Die Songs der neuen Platte können es fast mit den alten Klassikern aufnehmen. Megadeth - United Abominations: Für Megadeth gilt ähnliches wie für Paradise Lost, das beste Album der Band seit Jahren, Dave Mustaine will es wohl noch mal wissen. Samael - Solar Soul: Die Schweizer sind ein Garant für hochklassigen, dunklen Metal mit Elektroschlagseite Akercocke - Antichrist: völlig abgefahrener Mix aus Black Metal, Grindcore, Death Metal, Ambient und ruhigen Passagen. Sicher keine Musik für Gelegenheitshörer aber es lohnt sich Zeit für das Album zu nehmen. Trelldom - Til Minne...: So war Black Metal ursprünglich gemeint: Roh, kalt, atmosphärisch, schwarz. Die Blaxk Metal Scheibe der Woche Und zum Schluß noch was anderes als Metal: Manes - How The World Came To An End: Dunkle Sounds zwischen Avantgarde, Ambient, Elektro mit unterschwelligem Gothictouch. Die Norweger scheuen sich auch nicht davor französischen Rap einzubauen. Funktioniert erstaunlicherweise. Sollte man als Hörer ohne Scheuklappen mal gehört haben.
ralfons 19.06.2007
2.
Zitat von icarosParadise Lost - Icon: zum ersten Mal seit Jahren wieder ein amtliches Album der britischen Gothic Metal Legende. Hier regiert wieder der Metal und nicht mehr die Anbiederung an das Mainstreetpublikum. Die Songs der neuen Platte können es fast mit den alten Klassikern aufnehmen. Megadeth - United Abominations: Für Megadeth gilt ähnliches wie für Paradise Lost, das beste Album der Band seit Jahren, Dave Mustaine will es wohl noch mal wissen. Samael - Solar Soul: Die Schweizer sind ein Garant für hochklassigen, dunklen Metal mit Elektroschlagseite Akercocke - Antichrist: völlig abgefahrener Mix aus Black Metal, Grindcore, Death Metal, Ambient und ruhigen Passagen. Sicher keine Musik für Gelegenheitshörer aber es lohnt sich Zeit für das Album zu nehmen. Trelldom - Til Minne...: So war Black Metal ursprünglich gemeint: Roh, kalt, atmosphärisch, schwarz. Die Blaxk Metal Scheibe der Woche Und zum Schluß noch was anderes als Metal: Manes - How The World Came To An End: Dunkle Sounds zwischen Avantgarde, Ambient, Elektro mit unterschwelligem Gothictouch. Die Norweger scheuen sich auch nicht davor französischen Rap einzubauen. Funktioniert erstaunlicherweise. Sollte man als Hörer ohne Scheuklappen mal gehört haben.
"In Requiem" heißt das neue Album, hört sich allerdings endlich wieder an wie "Icon" :) Eigentlich wäre ja Devildriver - Last Kind Words mein Album der Woche geworden. Amtlicher Thrash, der einem schön die Birne freibläst. Aber dann bin ich im CD-Regal doch nicht an den Re-Releases der Blind-Guardian-Alben von "Battalions of Fear" bis "Nightfall in Middle Earth" vorbeigekommen. Alle Alben sind digital remastered - die ersten beiden ("Battalions of Fear" und "Follow the Blind") sind komplett neu abgemischt - und mit neuen Liner-Notes und Bonus-Tracks versehen. Wer also einige der BG-Klassiker noch nicht sein eigen nennt: Zugreifen! :) Anfangen sollte man vielleicht beim '92er "Somewhere Far Beyond", sozusagen ein Zwischenschritt zwischen den alten, speed-lastigeren Alben und dem neuen, progressiveren Zeug.
icaros, 19.06.2007
3.
Zitat von ralfons"In Requiem" heißt das neue Album, hört sich allerdings endlich wieder an wie "Icon" :) Eigentlich wäre ja Devildriver - Last Kind Words mein Album der Woche geworden. Amtlicher Thrash, der einem schön die Birne freibläst. Aber dann bin ich im CD-Regal doch nicht an den Re-Releases der Blind-Guardian-Alben von "Battalions of Fear" bis "Nightfall in Middle Earth" vorbeigekommen. Alle Alben sind digital remastered - die ersten beiden ("Battalions of Fear" und "Follow the Blind") sind komplett neu abgemischt - und mit neuen Liner-Notes und Bonus-Tracks versehen. Wer also einige der BG-Klassiker noch nicht sein eigen nennt: Zugreifen! :) Anfangen sollte man vielleicht beim '92er "Somewhere Far Beyond", sozusagen ein Zwischenschritt zwischen den alten, speed-lastigeren Alben und dem neuen, progressiveren Zeug.
Oh, das mit dem "Icon" war wohl ein freudscher Verschreiber... Ja, die alten Blind Guardian Sachen waren durchaus hörenswert. Die neueren finde ich persönlich etwas zu überladen, aber das ist natürlich Gerschmackssache. Aber da wir gerade bei Re-Releases sind: Von Edge Of Sanity gibt es demnächst eine Best Of. Eingefleischte Schweden-Death Fans werden zwar eh schon alles der Pioniere haben, wer aber nur im entferntesten auf Melodic Death Metal steht kann nun eine Bildungslücke schließen.
Sonic Nurse, 19.06.2007
4. Musikalische Bandbreite
Der musikalische Geschmack der meisten User hier ist eben genau wie erwartet: Metal, Metal und Metal (in allen möglichen Richtungen und Ausprägungen, ist mir schon bewusst, daß es da ganz viele Kategorien gibt.) Und da werfe nochmal jemand Wigger und Borcholte vor, ihr Geschmack sei einseitig. Tss.
ralfons 19.06.2007
5.
Zitat von Sonic NurseDer musikalische Geschmack der meisten User hier ist eben genau wie erwartet: Metal, Metal und Metal (in allen möglichen Richtungen und Ausprägungen, ist mir schon bewusst, daß es da ganz viele Kategorien gibt.) Und da werfe nochmal jemand Wigger und Borcholte vor, ihr Geschmack sei einseitig. Tss.
Falls die Sysops den neuen Thread eröffnet haben, um die alten Streitereien aus dem Weg zu räumen, hat das ja prima geklappt ;) Zurück zum Thema: Ich finde, dass "A Night at the Opera" die einzig wirklich schlechte Blind-Guardian-Scheibe war, "A Twist in the Myth" ist wieder deutlich eingängiger geworden. Ich freu' mich auf jeden Fall schon auf einige neue Songs in Wacken :) Edge of Sanity sind bei mir allerdings 'ne echte Bildungslücke. Ich kenne zwar einige Songs, hab' aber nie ein Album von ihnen besessen. Von daher hab' ich die Best-Of mal auf meinem Einkaufszettel notiert.
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