Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche

Helikoptergeräusche, Polizeisirenen, gottverlassene Gitarren: Das neue Album von Portishead raubt Jan Wigger mit tröstendem Wahnsinn die Sinne. Ähnlich verstörend und grimmig geht es bei Kettcar zu: Andreas Borcholte begab sich nach "Sylt" zur Seelensuche.


Portishead – "Third"
(Island/Universal, 25. April)

Ein historischer Augenblick: Die einsamste Stimme der Welt kehrt zurück und wir sind noch am Leben. Beth Gibbons macht weiter, und deshalb kämpft in "We Carry On" eine Mühlstein-Gitarre gegen Techno-Beats an: Die letzten Minuten evozieren Joy Division. Es ist der insgesamt wohl geräuschvollste Track der Portishead-Geschichte. Auch die allenfalls auf dem Mars tanzbare Single "Machine Gun" irritiert mit immer unnachgiebigerem Maschinenrattern und Kraftwerk-Synthies am Ende aufs Angenehmste. Das wirklich unglaubliche "The Rip" beginnt mit dem Folk-Picking eines englischen Traditionals und wird später immer hypnotisierender. Beth Gibbons ergibt sich hier dem tröstenden Wahnsinn und klingt verwaister als je zuvor: "White horses/ They will take me away".

Helikoptergeräusche, Polizeisirenen, eine durchs Echo geschickte Farfisa-Orgel, schwere, störrische Beats, purer Free-Jazz ("Magic Doors") und gottverlassene Gitarren ("Small"), die man am ehesten in der verfallenen, zerstörten Industrielandschaft aus Andrej Tarkowskijs Film "Stalker" vermutet hätte, durchziehen dieses erst dritte Portishead-Album in 14 Jahren. Schon "Nylon Smile" züngelt beunruhigend, doch das zum Heulen schöne, immer wieder jäh durch Störgeräusche unterbrochene "Hunter" schnürt einem die Kehle zu: "And if I should fall/ Would you hold me?/ Would you pass me by?". Für alle, die es wissen wollen: Die Platte nimmt ein grausames Ende, in "Threads" ist Beth Gibbons’ Stimme nur noch ein Leiern und Zittern: "I travelled so far/ I somehow feel the same". Erinnern Sie sich noch an die allerletzten, erschreckenden Minuten von "Twin Peaks", in denen Bob, der Killer, Special Agent Dale B. Cooper diabolisch im Badezimmerspiegel zulächelt? Dann kaufen Sie sich "Third" und denken sie daran: It’s not dark yet, but it’s getting there. (10) Jan Wigger

Kettcar – "Sylt"
(Grand Hotel van Cleef/Indigo, 18. April)

Menschen, die älter als Mitte 30 sind, neigen zu einer gewissen Bitterkeit: So sehr man die Füße auch in Chucks und Sambas quetscht und die Kapuze seines Pullovers wie ein Jugendbanner hinterm Kopf trägt, der Spaß ist vorbei, die 40 naht, wer’s jetzt noch nicht geschafft hat mit Job, Familie und Freunden fürs Leben, der reißt auch nichts mehr. Dieses Lebensgefühl des plötzlich abgestanden schmeckenden Latte Macchiatos bringen Kettcar auf ihrem dritten Album auf den Punkt. Die Generation Galao hat einen Mordskater und Sylt ist ein schönes Bild dafür: Die Insel, an der die Nordsee nagt, als Lebens-Eiland, das immer schmaler wird, immer mehr nach existenziellen Entscheidungen verlangt. Kettcar, jene Hamburger Band, die vor ein paar Jahren mit einer Welle des deutschen Befindlichkeits- und Nabelschau-Pops nach oben gespült wurde, kehrt dem Gefälligen, das die letzte Platte "Von Spatzen und Tauben, Dächern und Händen" zum Erfolg machte, radikal den Rücken. Gleich mit dem ersten Song, "Graceland", wird die Weiche zur neuen Widerborstigkeit gestellt: Auf einer Party voller Lügen im vierten Stock eines Altbau-Hauses ist Dekadenz angesagt, "hier bist du entweder jung oder tot", und "Elvis has left the Kartenhaus".

So grimmig geht es weiter, vor allem in den Stücken, in denen sich Texter und Sänger Marcus Wiebusch mit dem Problem von Freundschaften am Scheideweg befasst. In "Am Tisch" (mit Gastsänger Niels Frevert) treffen sich Karrierist und Loser, beide älteste Freunde, und doch lauert "im nächsten Jahr schon das Mitleid". Der Abgleich mit den Anderen ("Überall lauern Barbie und Ken" ("Nullsummenspiel")), die Angst vor dem Nicht-Mithalten-Können, der gesellschaftlichen Exklusion, bestimmt Wiebuschs Lieder auch in Songs wie "Geringfügig, befristet, raus" und "Würde". Textlich wie musikalisch komplexer denn je steuert die Band geradewegs in das finstere Herz der Gegenwart und fragen sich "warum es schneller schlägt" ("Dunkel"). Eskapismus ade, dahin ist die Lust am harmlos-netten Popsong, statt Gefühligkeit regiert der Griesgram und der Wille zur Relevanz. Also werden auf "Sylt" Refrains brutal mit Gitarrenfeedback obstruiert ("Kein Außen mehr"). Das alles funktioniert mal mehr, mal weniger gut und ist vor allem popsoziologisch interessant. Man fragt sich, ob die Zielgruppe mit so einem schweren Brocken Wahrheit leben kann. (7) Andreas Borcholte

JaKönigJa – "Die Seilschaft der Verflixten"
(Buback/Indigo, 25. April)

Um im deutschen Jammertal als sonderbar zu gelten, reichen im Regelfall schon Songtitel wie "Ich schände deine Seele (jeden Tag)", "Die Herrin der Balustrade" oder "Ach, Golgatha!", die JaKönigJa der geneigten Hörerschaft auf ihrem gleichfalls wundervoll betitelten neuen Album "Die Seilschaft der Verflixten" auf einem goldenen Tablett servieren. Zwischen Kunstlied, göttlichem Irrsinn, betörender Leichtigkeit und komischem Ernst schweben auch die zwölf neuen Stücke von Ebba Durstewitz und Jakobus Siebels todesverachtend dem letzten Gefecht entgegen: Mit Mut in der Schlacht "trotz all der Knochen" und einem Bekenntnis, dass man sich von ungezählten Platten vergeblich erhofft: "Grenzen wirst du hier nicht finden / Auf keinem Weg, den du durchsuchst/ In keinem Raum wirst du's empfinden/ An keinem Ort, den du besuchst." Diese Zeilen schmücken übrigens das Titelstück, ein Superhit der verführerischsten Sorte, der als erstes Lebenszeichen nach dem weißen Monolithen "Ebba" (2004) erstklassig funktioniert. Verbeugen wir uns in Ehrfurcht: Die Initiative ist zurück. (8) Jan Wigger

dEUS – "Vantage Point"
(V2/Cooperative Music/Universal, 18. April)

Die Zeit, in der Tom Barman unser liebster und launischster Belgier seit Enzo Scifo war, scheint ewig her zu sein. An ihm zweifelte man nicht, denn dEUS hatten mit "Worst Case Scenario" nur kurz links angetäuscht, um danach mit "In A Bar Under The Sea" und "The Ideal Crash" (Gott, was für ein Album!) zwei der ingeniösesten Indie-Platten der Neunziger rauszuhauen. Schon "Pocket Revolution", 2005 nach einem sechsjährigen Hiatus veröffentlicht, war eine mehr als befriedigende Rückkunft. "Vantage Point" ist noch etwas besser: Was nach 1972, nach Marlon Brando, aus Maria Schneider wurde ("The Vanishing Of Maria Schneider") wollte man schon immer wissen, "The Architect" ist einer der tanzbarsten Tracks der dEUS-Historie, und mit "Popular Culture" ist auch wieder mal ein Stück mit der Strahlkraft von "Nothing Really Ends" oder "Instant Street" dabei. Hart an der Grenze: Männerchor und Karin Dreijer Anderssons Jodeln am Ende von "Slow". (7) Jan Wigger

18th Dye – "Amorine Queen"
(Crunchy Frog/Cargo, bereits erschienen)

In der himmelschreiend phantastischen und naturgemäß katastrophal synchronisierten Coming-of-Age-Komödie "Juno" wirft die musikalisch äußerst gut erzogene Juno McGuff (Ellen Page) Mark Loring (Jason Bateman) aus Wut einen Satz hinterher, den man ihr nicht abnimmt: "Oh yeah, I bought another Sonic Youth record and it sucks. It's just noise!" Durchaus möglich, dass auch 18th Dye zu Zeiten des von Steve Albini betreuten Debüts "Tribute To A Bus" (1995) mit diesem universalen Missverständnis zu kämpfen hatten. Dabei klang Krach selten liebreizender, ja andersartiger als damals in "Play W/You" oder "Only Burn". Nach gefühlten einhundert Jahren Pause ist diese deutsch-dänische Allianz nun wieder da, majestätischer als früher, mit My-Bloody-Valentine-Feel ("Soft The Hard Way"), Cher-Vocoder ("Chinese Spoon"), Liebesgrüßen an "4AD" und mehr Klarheit im Vortrag. Nicht fragen, wer die "Amorine Queen" ist – man bringt sich ums Vergnügen. (7) Jan Wigger


Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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Seite 1
icaros, 19.06.2007
1.
Paradise Lost - Icon: zum ersten Mal seit Jahren wieder ein amtliches Album der britischen Gothic Metal Legende. Hier regiert wieder der Metal und nicht mehr die Anbiederung an das Mainstreetpublikum. Die Songs der neuen Platte können es fast mit den alten Klassikern aufnehmen. Megadeth - United Abominations: Für Megadeth gilt ähnliches wie für Paradise Lost, das beste Album der Band seit Jahren, Dave Mustaine will es wohl noch mal wissen. Samael - Solar Soul: Die Schweizer sind ein Garant für hochklassigen, dunklen Metal mit Elektroschlagseite Akercocke - Antichrist: völlig abgefahrener Mix aus Black Metal, Grindcore, Death Metal, Ambient und ruhigen Passagen. Sicher keine Musik für Gelegenheitshörer aber es lohnt sich Zeit für das Album zu nehmen. Trelldom - Til Minne...: So war Black Metal ursprünglich gemeint: Roh, kalt, atmosphärisch, schwarz. Die Blaxk Metal Scheibe der Woche Und zum Schluß noch was anderes als Metal: Manes - How The World Came To An End: Dunkle Sounds zwischen Avantgarde, Ambient, Elektro mit unterschwelligem Gothictouch. Die Norweger scheuen sich auch nicht davor französischen Rap einzubauen. Funktioniert erstaunlicherweise. Sollte man als Hörer ohne Scheuklappen mal gehört haben.
ralfons 19.06.2007
2.
Zitat von icarosParadise Lost - Icon: zum ersten Mal seit Jahren wieder ein amtliches Album der britischen Gothic Metal Legende. Hier regiert wieder der Metal und nicht mehr die Anbiederung an das Mainstreetpublikum. Die Songs der neuen Platte können es fast mit den alten Klassikern aufnehmen. Megadeth - United Abominations: Für Megadeth gilt ähnliches wie für Paradise Lost, das beste Album der Band seit Jahren, Dave Mustaine will es wohl noch mal wissen. Samael - Solar Soul: Die Schweizer sind ein Garant für hochklassigen, dunklen Metal mit Elektroschlagseite Akercocke - Antichrist: völlig abgefahrener Mix aus Black Metal, Grindcore, Death Metal, Ambient und ruhigen Passagen. Sicher keine Musik für Gelegenheitshörer aber es lohnt sich Zeit für das Album zu nehmen. Trelldom - Til Minne...: So war Black Metal ursprünglich gemeint: Roh, kalt, atmosphärisch, schwarz. Die Blaxk Metal Scheibe der Woche Und zum Schluß noch was anderes als Metal: Manes - How The World Came To An End: Dunkle Sounds zwischen Avantgarde, Ambient, Elektro mit unterschwelligem Gothictouch. Die Norweger scheuen sich auch nicht davor französischen Rap einzubauen. Funktioniert erstaunlicherweise. Sollte man als Hörer ohne Scheuklappen mal gehört haben.
"In Requiem" heißt das neue Album, hört sich allerdings endlich wieder an wie "Icon" :) Eigentlich wäre ja Devildriver - Last Kind Words mein Album der Woche geworden. Amtlicher Thrash, der einem schön die Birne freibläst. Aber dann bin ich im CD-Regal doch nicht an den Re-Releases der Blind-Guardian-Alben von "Battalions of Fear" bis "Nightfall in Middle Earth" vorbeigekommen. Alle Alben sind digital remastered - die ersten beiden ("Battalions of Fear" und "Follow the Blind") sind komplett neu abgemischt - und mit neuen Liner-Notes und Bonus-Tracks versehen. Wer also einige der BG-Klassiker noch nicht sein eigen nennt: Zugreifen! :) Anfangen sollte man vielleicht beim '92er "Somewhere Far Beyond", sozusagen ein Zwischenschritt zwischen den alten, speed-lastigeren Alben und dem neuen, progressiveren Zeug.
icaros, 19.06.2007
3.
Zitat von ralfons"In Requiem" heißt das neue Album, hört sich allerdings endlich wieder an wie "Icon" :) Eigentlich wäre ja Devildriver - Last Kind Words mein Album der Woche geworden. Amtlicher Thrash, der einem schön die Birne freibläst. Aber dann bin ich im CD-Regal doch nicht an den Re-Releases der Blind-Guardian-Alben von "Battalions of Fear" bis "Nightfall in Middle Earth" vorbeigekommen. Alle Alben sind digital remastered - die ersten beiden ("Battalions of Fear" und "Follow the Blind") sind komplett neu abgemischt - und mit neuen Liner-Notes und Bonus-Tracks versehen. Wer also einige der BG-Klassiker noch nicht sein eigen nennt: Zugreifen! :) Anfangen sollte man vielleicht beim '92er "Somewhere Far Beyond", sozusagen ein Zwischenschritt zwischen den alten, speed-lastigeren Alben und dem neuen, progressiveren Zeug.
Oh, das mit dem "Icon" war wohl ein freudscher Verschreiber... Ja, die alten Blind Guardian Sachen waren durchaus hörenswert. Die neueren finde ich persönlich etwas zu überladen, aber das ist natürlich Gerschmackssache. Aber da wir gerade bei Re-Releases sind: Von Edge Of Sanity gibt es demnächst eine Best Of. Eingefleischte Schweden-Death Fans werden zwar eh schon alles der Pioniere haben, wer aber nur im entferntesten auf Melodic Death Metal steht kann nun eine Bildungslücke schließen.
Sonic Nurse, 19.06.2007
4. Musikalische Bandbreite
Der musikalische Geschmack der meisten User hier ist eben genau wie erwartet: Metal, Metal und Metal (in allen möglichen Richtungen und Ausprägungen, ist mir schon bewusst, daß es da ganz viele Kategorien gibt.) Und da werfe nochmal jemand Wigger und Borcholte vor, ihr Geschmack sei einseitig. Tss.
ralfons 19.06.2007
5.
Zitat von Sonic NurseDer musikalische Geschmack der meisten User hier ist eben genau wie erwartet: Metal, Metal und Metal (in allen möglichen Richtungen und Ausprägungen, ist mir schon bewusst, daß es da ganz viele Kategorien gibt.) Und da werfe nochmal jemand Wigger und Borcholte vor, ihr Geschmack sei einseitig. Tss.
Falls die Sysops den neuen Thread eröffnet haben, um die alten Streitereien aus dem Weg zu räumen, hat das ja prima geklappt ;) Zurück zum Thema: Ich finde, dass "A Night at the Opera" die einzig wirklich schlechte Blind-Guardian-Scheibe war, "A Twist in the Myth" ist wieder deutlich eingängiger geworden. Ich freu' mich auf jeden Fall schon auf einige neue Songs in Wacken :) Edge of Sanity sind bei mir allerdings 'ne echte Bildungslücke. Ich kenne zwar einige Songs, hab' aber nie ein Album von ihnen besessen. Von daher hab' ich die Best-Of mal auf meinem Einkaufszettel notiert.
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