Abgehört: Die wichtigsten CDs der Woche

Bei BAP geht es auch 2008 noch um Werte wie Authentizität, Bodenständigkeit und Ehrlichkeit, schaudert Jan Wigger und bewundert die kampflustige Romantik von Gustav. Andreas Borcholte hat sich das ungewöhnlich coole Album von Scarlett Johansson angehört.

BAP – "Radio Pandora"
(Capitol/EMI, 16. Mai)

Befreiendes Aufatmen in der Redaktion: Endlich mal keine dieser intellektuellen und fragwürdig frisierten Studenten-Kapellen wie "Kante" oder "Tocotronic" besprechen müssen, sondern insgesamt 28 (!) neue Aufnahmen von Wolfgang Niedecken und seiner kleinen Band. Also erstmal ganz entspannt das Leopardenfell ausklopfen, die Dylan-Perücke aufsetzen, ein kühles Bier zischen und schön die neue BAP hören! "Radio Pandora" erscheint in zwei verschiedenen Versionen, für die "Unplugged"-Edition hat man acht Stücke des regulären "Plugged"-Albums akustisch eingespielt und vier gänzlich neue Stücke sowie zwei Coverversionen (Dylan und Dylan) hinzugefügt. "Every Grain Of Sand" heißt beim Kölner Überzeugungstäter natürlich "Jed Körnche Sand" und generell sind BAP noch immer dann am besten, wenn es gemütvoll und gefühlig wird, so wie damals bei "Sendeschluss" auf Wolles nach wie vor bestem Album "Zwesche Salzjebäck un Bier". Mit Niedecken ist es beinahe wie mit Rainer Werner Fassbinder: Im Interview analytisch, sympathisch, besessen, aber "Despair – Eine Reise ins Licht" komplett gucken ist so ähnlich wie die späte BAP-LP "Comics & Pin-Ups" am Stück hören. Vielen BAP-Anhängern, vor allem jenen, denen Klaus "Major" Heusers Weggang auch heute noch so weh tut, als wäre Keef bei den Stones ausgestiegen, geht es auch im Jahr 2008 noch um Werte wie Authentizität, Bodenständigkeit und Ehrlichkeit (schauder). Sprich: BAP-Fans kaufen noch Platten!

Und um ein weiteres Klischee zu bemühen: "Musikalisch" kann BAP keiner was – außer vielleicht Rush. Um so unnötiger, dass Niedecken das kölsche Mantra "Et ess wie’t ess" unbedingt mit dem "Start Me Up"-Riff ausstatten musste. Gut abgehangen dagegen das vom Tod des Ideal-Gitarristen Effjott Krüger und religiösen Kriegen handelnde "Kron oder Turban" mit der arg platten Konklusion "Egal, wo der her ist, es kommt nicht drauf an/ Es geht nur um Fairness, Respekt, verstehst du mich, Mann?". "Wa’ss loss met dä Stadt?", entstanden nach einem New York-Besuch, taucht ins Elegische, auch "Songs sinn Dräume" hat viel Wehmut und Empfindung. Dann muss Bob Dylan leider noch einmal dran glauben: Der "Planet Waves"-Doppelschlag "Forever Young" wird zu "Für immer jung". Erkennen sie die Melodie? Schade eigentlich, dass die Texte dieser erstaunlich guten Platte im Booklet nur auf Hochdeutsch abgedruckt sind. (6) Jan Wigger

Scarlett Johansson - "Anywhere I Lay My Head"
(Rhino/Warner, 16. Mai)

Eins mal vorweg: Sie sieht zwar super aus, ist wahnsinnig sexy und kann auch ziemlich gut schauspielern - aber singen kann sie nicht. Scarlett Johansson ist deswegen aber noch lange keines dieser Hollywood-Sternchen, die von ihrem Manager in eine Allround-Karriere als Darstellerin/Sängerin/Model gequatscht werden, dazu ist die Amerikanerin dänischer Herkunft, die nach Scarlett "Vom Winde verweht" O'Hara benannt wurde, viel zu eigenwillig. Und das ist ein Attribut, das auch perfekt auf das Album "Anywhere I Lay My Head" passt. Johansson hat es zusammen mit Dave Sitek, dem Kopf der New Yorker Avantgarde-Rock-Truppe TV On The Radio aufgenommen, der fand, ein Pop-Album mit Scarlett Johansson sollte klingen wie "Tinkerbell auf Hustensaft". Für den gebrochen elfenhaften Effekt sorgte er, indem er Johanssons Stimme, die ein bisschen nach Nico, ein bisschen nach Debbie Harry klingt, durchgängig mit viel Hall belegte und sie schön weit in den Hintergrund mischte. Das gibt einen schön somnambulen Sound, verschleiert das fehlende Gesangstalent und macht sich gut in dieser zeitgeistigen Sixties-Retroseligkeit, die gerade überall grassiert.

Nur einen von elf Songs schrieben Sitek und Scarlett zusammen ("Song for Jo"), die meisten Kompositionen stammen von Tom Waits und seiner Frau Kathleen Brennan. Ha, die Schöne und das Biest! Klarer Fall von Über-Gegensätzlichkeit, und tatsächlich erhalten knarrige Waits-Klassiker wie "Town With No Cheer" oder "Fannin' Street" durch Johanssons entrückten Sprechgesang eine ganz neue Richtung, sie holpern nicht mehr im Ochsenkarren über den Kiesweg, sondern schweben ganz psychedelisch mit einer gläsernen Kutsche durch die Luft. Sitek entwirft dazu einen flächigen Synthetik-Klangteppich, der den Bogen von den sechziger Jahren zu den romantischen Elektronikern der frühen Achtziger schlägt. Die "Maid of Orleans" von Orchestral Manoeuvres in the Dark lässt da zuweilen ganz heftig grüßen. Was bleibt? Man sollte das Album unbedingt zu Ende hören, denn zum Schluss kommen mit dem treibenden "I Don't Want To Grow Up" und dem wundersam kinematischen "No One Knows I'm Gone" die Höhepunkte dieser sehr ungewöhnlichen, sehr gewollt verkünstelten - und irgendwie ziemlich coolen Platte. Wie langweilig wäre es, wenn Scarlett Johansson singen könnte? (6) Andreas Borcholte

Gustav – "Verlass die Stadt"
(Chicks On Speed Records/Indigo, 16. Mai)

Keine Frage: Hier ist wieder eine dieser Frauen, bei der alle Frauen Reißaus nehmen, die eine Abneigung gegen etwas exaltiertere Frauenstimmen haben. Besonders dann, wenn diese in "Neulich im Kanal" auch noch Tom Waits belehnt und einen bekifft verfassten Protestsong gegen "Wetten, dass...?" als Petition verschickt: "Doch jeder Ausschlag schlägt zurück/ Es wird der Bildstand korrigiert/ Und alle Körper, die zersetzten/ Werden eingesammelt, abgeführt." Gemäß dem Tatbestand, dass alles Leben Leiden ist und vieles egal ist, wenn man vieles verliert, singt die Wienerin Eva Jantschitsch alias Gustav zu Laptop-Klängen, Blasmusik und warmen Soundscapes auf "Verlass die Stadt" mit kampflustiger Romantik und todesverachtender Eleganz gegen die schleichende Zombiesierung der Gesellschaft an. Dabei funktionieren die deutschsprachigen Tracks etwas besser als jene in Englisch, gefallen die melancholischen mehr als die überreizten: "Es ist Sommer in Wien und nicht Stalingrad, sagt er/ Ich weiß, sag ich/ Und trotzdem ist mir kalt." Der kurze Brief zum langen Abschied. (7) Jan Wigger

Elvis Costello And The Imposters – "Momofuku"
(Lost Highway/Universal, bereits erschienen)

Der ewige Elvis: Einst chronisch missgelauntes new kid in town, viel später, auf "North", grandioser Schnulzier, zuletzt krachlederner Auslieferer ohne Reue, aber mit viel Groove. Heute, mit 53, leistet Costello aktiven Widerstand, indem er seine ungefähr dreißigste Platte "Momofuku" (What the fuck?) nach dem Erfinder von Fertignudeln benennt, komplett analog aufnahm und erstmal nur auf Vinyl veröffentlicht. Schon "The Delivery Man" klang in Teilen nach Groll und Jähzorn, nach "Blood & Chocolate" und Rabaukentum. Die fiebrigen Balladen zwischen den hier weniger gewordenen Wutliedern gibt es auch auf "Momofuku" wieder, obwohl im zu langen "Turpentine" und bei "Stella Hurt" auch wieder georgelt, gefleht und gelärmt wird. Viel mehr aber gibt es vom anderen Elvis, vom seufzenden und lodernden Elvis, denn "Harry Worth" oder "Pardon Me, Madam, My Name Is Eve" (an dem Lucinda Williams mitschrieb) wirken wie Nachklänge zu "Imperial Bedroom" oder "When I Was Cruel". Insgesamt klassischer Costello, da kann man nichts falsch machen. (7) Jan Wigger

Atlas Sound – "Let The Blind Lead Those Who Can See But Cannot Feel"
(4AD/Beggars/Indigo, bereits erschienen)

Zum berüchtigten und geschichtsträchtigen 4AD-Label passen die Bettkanten-Frickeleien des Deerhunter-Wortführers Bradford Cox ganz ausgezeichnet. "The dream of one summer, this last summer I had", so hat Cox das Album "Let The Blind Lead Those Who Can See But Cannot Feel" zusammengefasst, und auf diesen 14 Tracks bimmelt und zirpt und zischt es gleichzeig tröstend und gefährlich. Akkurates Songwriting darf niemand von Cox erwarten: Es geht um Tracks, nicht um Songs, und "Quarantined" oder "Winter Vacation", mit Glockenspiel und Rotgold-Färbung, hören sich an wie Ambient-Versionen von Animal Collective oder dessen begabtesten Mitglied Noah Lennox (Panda Bear). Am besten: Das traumhaft schöne "Recent Bedroom" und das langsam vorwärts galoppierende "River Card", in dem Cox noch im Halbschlaf "River so clear and blue/ I’m so in love with you / But you'll drown me" murmelt. Das Puzzlespiel der Monaden, jetzt auch auf CD. (6) Jan Wigger


Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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1.
icaros 19.06.2007
Paradise Lost - Icon: zum ersten Mal seit Jahren wieder ein amtliches Album der britischen Gothic Metal Legende. Hier regiert wieder der Metal und nicht mehr die Anbiederung an das Mainstreetpublikum. Die Songs der neuen Platte können es fast mit den alten Klassikern aufnehmen. Megadeth - United Abominations: Für Megadeth gilt ähnliches wie für Paradise Lost, das beste Album der Band seit Jahren, Dave Mustaine will es wohl noch mal wissen. Samael - Solar Soul: Die Schweizer sind ein Garant für hochklassigen, dunklen Metal mit Elektroschlagseite Akercocke - Antichrist: völlig abgefahrener Mix aus Black Metal, Grindcore, Death Metal, Ambient und ruhigen Passagen. Sicher keine Musik für Gelegenheitshörer aber es lohnt sich Zeit für das Album zu nehmen. Trelldom - Til Minne...: So war Black Metal ursprünglich gemeint: Roh, kalt, atmosphärisch, schwarz. Die Blaxk Metal Scheibe der Woche Und zum Schluß noch was anderes als Metal: Manes - How The World Came To An End: Dunkle Sounds zwischen Avantgarde, Ambient, Elektro mit unterschwelligem Gothictouch. Die Norweger scheuen sich auch nicht davor französischen Rap einzubauen. Funktioniert erstaunlicherweise. Sollte man als Hörer ohne Scheuklappen mal gehört haben.
2.
ralfons 19.06.2007
Zitat von icarosParadise Lost - Icon: zum ersten Mal seit Jahren wieder ein amtliches Album der britischen Gothic Metal Legende. Hier regiert wieder der Metal und nicht mehr die Anbiederung an das Mainstreetpublikum. Die Songs der neuen Platte können es fast mit den alten Klassikern aufnehmen. Megadeth - United Abominations: Für Megadeth gilt ähnliches wie für Paradise Lost, das beste Album der Band seit Jahren, Dave Mustaine will es wohl noch mal wissen. Samael - Solar Soul: Die Schweizer sind ein Garant für hochklassigen, dunklen Metal mit Elektroschlagseite Akercocke - Antichrist: völlig abgefahrener Mix aus Black Metal, Grindcore, Death Metal, Ambient und ruhigen Passagen. Sicher keine Musik für Gelegenheitshörer aber es lohnt sich Zeit für das Album zu nehmen. Trelldom - Til Minne...: So war Black Metal ursprünglich gemeint: Roh, kalt, atmosphärisch, schwarz. Die Blaxk Metal Scheibe der Woche Und zum Schluß noch was anderes als Metal: Manes - How The World Came To An End: Dunkle Sounds zwischen Avantgarde, Ambient, Elektro mit unterschwelligem Gothictouch. Die Norweger scheuen sich auch nicht davor französischen Rap einzubauen. Funktioniert erstaunlicherweise. Sollte man als Hörer ohne Scheuklappen mal gehört haben.
"In Requiem" heißt das neue Album, hört sich allerdings endlich wieder an wie "Icon" :) Eigentlich wäre ja Devildriver - Last Kind Words mein Album der Woche geworden. Amtlicher Thrash, der einem schön die Birne freibläst. Aber dann bin ich im CD-Regal doch nicht an den Re-Releases der Blind-Guardian-Alben von "Battalions of Fear" bis "Nightfall in Middle Earth" vorbeigekommen. Alle Alben sind digital remastered - die ersten beiden ("Battalions of Fear" und "Follow the Blind") sind komplett neu abgemischt - und mit neuen Liner-Notes und Bonus-Tracks versehen. Wer also einige der BG-Klassiker noch nicht sein eigen nennt: Zugreifen! :) Anfangen sollte man vielleicht beim '92er "Somewhere Far Beyond", sozusagen ein Zwischenschritt zwischen den alten, speed-lastigeren Alben und dem neuen, progressiveren Zeug.
3.
icaros 19.06.2007
Zitat von ralfons"In Requiem" heißt das neue Album, hört sich allerdings endlich wieder an wie "Icon" :) Eigentlich wäre ja Devildriver - Last Kind Words mein Album der Woche geworden. Amtlicher Thrash, der einem schön die Birne freibläst. Aber dann bin ich im CD-Regal doch nicht an den Re-Releases der Blind-Guardian-Alben von "Battalions of Fear" bis "Nightfall in Middle Earth" vorbeigekommen. Alle Alben sind digital remastered - die ersten beiden ("Battalions of Fear" und "Follow the Blind") sind komplett neu abgemischt - und mit neuen Liner-Notes und Bonus-Tracks versehen. Wer also einige der BG-Klassiker noch nicht sein eigen nennt: Zugreifen! :) Anfangen sollte man vielleicht beim '92er "Somewhere Far Beyond", sozusagen ein Zwischenschritt zwischen den alten, speed-lastigeren Alben und dem neuen, progressiveren Zeug.
Oh, das mit dem "Icon" war wohl ein freudscher Verschreiber... Ja, die alten Blind Guardian Sachen waren durchaus hörenswert. Die neueren finde ich persönlich etwas zu überladen, aber das ist natürlich Gerschmackssache. Aber da wir gerade bei Re-Releases sind: Von Edge Of Sanity gibt es demnächst eine Best Of. Eingefleischte Schweden-Death Fans werden zwar eh schon alles der Pioniere haben, wer aber nur im entferntesten auf Melodic Death Metal steht kann nun eine Bildungslücke schließen.
4. Musikalische Bandbreite
Sonic Nurse 19.06.2007
Der musikalische Geschmack der meisten User hier ist eben genau wie erwartet: Metal, Metal und Metal (in allen möglichen Richtungen und Ausprägungen, ist mir schon bewusst, daß es da ganz viele Kategorien gibt.) Und da werfe nochmal jemand Wigger und Borcholte vor, ihr Geschmack sei einseitig. Tss.
5.
ralfons 19.06.2007
Zitat von Sonic NurseDer musikalische Geschmack der meisten User hier ist eben genau wie erwartet: Metal, Metal und Metal (in allen möglichen Richtungen und Ausprägungen, ist mir schon bewusst, daß es da ganz viele Kategorien gibt.) Und da werfe nochmal jemand Wigger und Borcholte vor, ihr Geschmack sei einseitig. Tss.
Falls die Sysops den neuen Thread eröffnet haben, um die alten Streitereien aus dem Weg zu räumen, hat das ja prima geklappt ;) Zurück zum Thema: Ich finde, dass "A Night at the Opera" die einzig wirklich schlechte Blind-Guardian-Scheibe war, "A Twist in the Myth" ist wieder deutlich eingängiger geworden. Ich freu' mich auf jeden Fall schon auf einige neue Songs in Wacken :) Edge of Sanity sind bei mir allerdings 'ne echte Bildungslücke. Ich kenne zwar einige Songs, hab' aber nie ein Album von ihnen besessen. Von daher hab' ich die Best-Of mal auf meinem Einkaufszettel notiert.
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