Abgehört: Die wichtigsten CDs der Woche

Tocotronic-Drummer Arne Zank ist auf seinem zweiten Solo-Album ein Meister der Selbstbeherrschung, lobt Jan Wigger und bescheinigt Walter Becker echtes Steely-Dan-Gefühl. Andreas Borcholte geht mit Menomena-Drummer Danny Seim in den Keller.

Arne Zank – "Love And Hate From A To Z"
(Digital: Rock-O-Tronic Records, Vinyl: Hanseplatte Hamburg)

Am Beispiel der extravaganten Rockgruppe Tocotronic, die ihre Mitte der Neunziger noch zu erzürntem Gitarrenlärm gebellte Befindlichkeitslyrik allmählich gegen ein verführerisches Spiel mit Masken und multiplen Identitäten eintauschte, lässt sich auch die musikalische Entwicklung ihres Schlagzeugers Arne Zank nachverfolgen: Sein nun schon 14 Jahre altes Debüt-Tape "Die Mehrheit will das nicht hören, Arne" war lückenhafter bis dilettantischer Lo-Fi. Zanks neues Album "Love And Hate From A To Z" umarmt nun elektronischen Folk und Minimal House gleichermaßen. Zank singt nur noch selten und wenn, wie in "Always With Me" oder "Acteure & Actricen", klingt er manchmal wie der Schatten des Tocotronic-Sängers Dirk von Lowtzow.

Die besondere Leistung von "Love And Hate From A To Z", das schon viel früher erschienen wäre, hätte das Hamburger Label L'age D'or-Label überlebt, besteht übrigens darin, dass Zank hier das mild-melancholische Pop-Stück und den tanzbaren Club-Track zusammenführt, ohne eines von beidem zu beschädigen. Und das kann eben doch nur einem Meister der Selbstbeherrschung gelingen. (7) Jan Wigger

Walter Becker – "Circus Money"
(Rykodisc/Roughg Trade, bereits erschienen)

Zwar weiß man nicht so genau, ob Arne Zank einmal Steely-Dan-Fan war oder immer noch ist, doch diese Koinzidenz ist schon bemerkenswert: Wie Zank veröffentlicht nun auch Walter Becker nach 14 Jahren Pause seine zweite Solo-LP. Die erste, "11 Tracks Of Whack", gab mit "Girlfriend", "Down In The Bottom" und "Junkie Girl" zwar nur drei Songs auf Steely-Dan-Niveau her, doch "Circus Money" ist dafür doppelt so gut: Der von Becker und Donald Fagen vor Jahrzehnten perfektionierte, zirkelgenaue, stahlblitzende und präzise Groove (der Informant der Plattenfirma entdeckte diesmal zudem einen "very strong jamaican dub feel") trägt jedes Stück, Beckers Gitarren-Licks kommen lässig aus der Hüfte, und in der Mitte der Platte wird ein in Steely-Dan-Kreisen altbekannter Charakter vorgestellt, der durchaus auch Barney Stinson heißen könnte - wie der aalglatte Womanizer aus der US-Serie "How I Met Your Mother".

Becker nennt den gut betuchten Erotomanen jedoch "Selfish Gene": "The mâitre'd's gonna take care of everything/ He's a personal friend of mine/ What a prize you are/ Honey don't you scratch my new car." Nur das Cover, Walter, das ist wieder genauso scheußlich wie das letzte. (8) Jan Wigger

Lackthereof - "Your Anchor"
(City Slang/Universal, bereits erschienen)

Am Ende ist's doch im Keller am gemütlichsten. Danny Seim ist ein Drittel der in Kritikerkreisen hochgeschätzten Rockband Menomena aus Portland, Oregon, und nicht erst seit neuestem unter dem Solo-Moniker Lackthereof unterwegs. Insgesamt neun Alben nahm der Schlagzeuger im heimischen Untergeschoss bereits auf, aber erst das vorletzte wurde in den USA veröffentlicht. "Your Anchor" ist nun die erste seiner Platten, die auch bei uns herauskommt. Dass Seim verstanden hat, wie trist, eintönig und redundant das Leben sein kann, davon zeugen gleich die ersten Worte im Opener "Chest Pass": "The new year is the old year again" - hello Darkness, alter Freund. Viel zu lachen gibt es also nicht, dafür umso mehr zu entdecken, denn Seim fusioniert in seinem kleinen Kellerstudio mutig Afrobeat, Folk, Pop, Dub und Indierock zu einem melancholischen Stil, der klingt, als hätte man Dinosaur Jr. unter eine Wolldecke gesteckt und mit Cannabis bedampft. Entsprechend gibt es trunken taumelnde Gitarren in "Fire Trial", auf der Stelle tretende Kiffer-Mantren wie "Vacant Stare" oder feuchte Jeff-Buckley-Hommagen wie "You Can". Zum Schluss gibt es dann noch ein grandioses Cover von The Nationals "Fake Empire", ein Song, von dem man nun wirklich nicht gedacht hätte, dass er noch verzweifelter klingen kann. Danny Seims Keller ist nichts für sonnige Gemüter, aber wer ist das schon, in Wahrheit? (7) Andreas Borcholte

Amanda Rogers – "Heartwood"
(Expect Candy/Cargo, 8. August)

Die Tatsache, dass man die New Yorker Songschreiberin Amanda Rogers scheinbar auch aus dem Vorprogramm von tätowierten Emo-Punk-Gestalten wie New Found Glory kennen könnte, wäre eigentlich eher Grund gewesen, "Heartwood" nicht zu besprechen. Nun gibt es aber ein wundervolles Pressefoto, auf dem die Rogers inmitten von auf dem Boden herumliegenden Vinylausgaben von "Tapestry", "Wish You Were Here" und natürlich "Born To Run" zu sehen ist und uns sagen will: Diese Frau hier, die Veganerin ist und auf Tour ein mit Pflanzenöl betriebenes Campingmobil spazieren fährt, kann unmöglich ein schlechter Mensch sein. Entsprechend wohnt "Heartwood" die Erfahrung von nicht wenigen Klassikern inne: Von Judee Sill, Carole King, Laura Nyro, der frühen Tori Amos und der späten Chan Marshall hat die noch junge Amanda Rogers sicher mehr als nur mal gehört, auch das Klavierspiel funktioniert vorbildlich. Weniger schön: Songs wie "Cabin Muse", "Endless Saturday" und "Fate’s Northern Shore" schielen dann doch etwas zu sehr nach dem Mainstream-Publikum: "Dawson's Creek" lässt grüßen. (6) Jan Wigger

U2 – "Boy", "October", "War" (Deluxe Edition)
(Island/Universal, bereits erschienen)

Heute ist es nur schwer zu glauben, aber: Bevor Bono Vox irgendwann zwischen "Rattle And Hum" und "Achtung Baby" endgültig zu Jesus wurde und 1989 gemeinsam mit Sting den dritten Weltkrieg verhinderte, veröffentlichte die irische Institution U2 eine Reihe von tollen Alben. Die stürmische, quecksilbrige und massiv von Joy Division und den in etwa zeitgleich gestarteten Echo & The Bunnymen beeinflusste Musik, die Bono, The Edge, Adam Clayton und Larry Mullen Jr. zu Beginn der Achtziger spielten, bleibt trotz aller Abi-Feten, die mit "Sunday Bloody Sunday" begannen und mit "New Year's Day" endeten, weitestgehend großartig. Man nehme das dritte U2-Album "War": Larry Mullens Drumming auf "Like A Song ..." bleibt atemraubend, und "The Refugee" könnte bei genauer Betrachtung den apokalyptischen Windmühlen-Track "Wild Boys" von Duran Duran erst ermöglicht haben. Oder man nehme das U2-Debüt "Boy": Adam Claytons Stakkato-Bass, auch das Gitarrenmotiv aus "I Will Follow", wurde von einigen britischen und amerikanischen One-Album-Wondern der letzten zwei Jahre übernommen, das elegische "Into The Heart" dürfte den fraglos genialen Sunny Day Real Estate als Folie für mehr als nur einen Song gedient haben. Noch immer berührend: Der kurze und kaum mit Text versehene Titelsong des zwar unfertigen, aber unterschätzten "October": "October and kingdoms rise/ And kingdoms fall/ But you go on and on." Die drei ersten Alben von U2 sind jetzt als "Deluxe Edition" im Buchformat und mit insgesamt 43 Bonustracks erhältlich, was auch bedeutet, dass eher seltene Stücke wie "11 O'Clock Tick Tock", "Another Day" oder "A Celebration" hier in der jeweiligen Studio-Version zugänglich gemacht werden. "Boy" (8), "October" (7), "War" (8) Jan Wigger


Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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1.
icaros, 19.06.2007
Paradise Lost - Icon: zum ersten Mal seit Jahren wieder ein amtliches Album der britischen Gothic Metal Legende. Hier regiert wieder der Metal und nicht mehr die Anbiederung an das Mainstreetpublikum. Die Songs der neuen Platte können es fast mit den alten Klassikern aufnehmen. Megadeth - United Abominations: Für Megadeth gilt ähnliches wie für Paradise Lost, das beste Album der Band seit Jahren, Dave Mustaine will es wohl noch mal wissen. Samael - Solar Soul: Die Schweizer sind ein Garant für hochklassigen, dunklen Metal mit Elektroschlagseite Akercocke - Antichrist: völlig abgefahrener Mix aus Black Metal, Grindcore, Death Metal, Ambient und ruhigen Passagen. Sicher keine Musik für Gelegenheitshörer aber es lohnt sich Zeit für das Album zu nehmen. Trelldom - Til Minne...: So war Black Metal ursprünglich gemeint: Roh, kalt, atmosphärisch, schwarz. Die Blaxk Metal Scheibe der Woche Und zum Schluß noch was anderes als Metal: Manes - How The World Came To An End: Dunkle Sounds zwischen Avantgarde, Ambient, Elektro mit unterschwelligem Gothictouch. Die Norweger scheuen sich auch nicht davor französischen Rap einzubauen. Funktioniert erstaunlicherweise. Sollte man als Hörer ohne Scheuklappen mal gehört haben.
2.
ralfons 19.06.2007
Zitat von icarosParadise Lost - Icon: zum ersten Mal seit Jahren wieder ein amtliches Album der britischen Gothic Metal Legende. Hier regiert wieder der Metal und nicht mehr die Anbiederung an das Mainstreetpublikum. Die Songs der neuen Platte können es fast mit den alten Klassikern aufnehmen. Megadeth - United Abominations: Für Megadeth gilt ähnliches wie für Paradise Lost, das beste Album der Band seit Jahren, Dave Mustaine will es wohl noch mal wissen. Samael - Solar Soul: Die Schweizer sind ein Garant für hochklassigen, dunklen Metal mit Elektroschlagseite Akercocke - Antichrist: völlig abgefahrener Mix aus Black Metal, Grindcore, Death Metal, Ambient und ruhigen Passagen. Sicher keine Musik für Gelegenheitshörer aber es lohnt sich Zeit für das Album zu nehmen. Trelldom - Til Minne...: So war Black Metal ursprünglich gemeint: Roh, kalt, atmosphärisch, schwarz. Die Blaxk Metal Scheibe der Woche Und zum Schluß noch was anderes als Metal: Manes - How The World Came To An End: Dunkle Sounds zwischen Avantgarde, Ambient, Elektro mit unterschwelligem Gothictouch. Die Norweger scheuen sich auch nicht davor französischen Rap einzubauen. Funktioniert erstaunlicherweise. Sollte man als Hörer ohne Scheuklappen mal gehört haben.
"In Requiem" heißt das neue Album, hört sich allerdings endlich wieder an wie "Icon" :) Eigentlich wäre ja Devildriver - Last Kind Words mein Album der Woche geworden. Amtlicher Thrash, der einem schön die Birne freibläst. Aber dann bin ich im CD-Regal doch nicht an den Re-Releases der Blind-Guardian-Alben von "Battalions of Fear" bis "Nightfall in Middle Earth" vorbeigekommen. Alle Alben sind digital remastered - die ersten beiden ("Battalions of Fear" und "Follow the Blind") sind komplett neu abgemischt - und mit neuen Liner-Notes und Bonus-Tracks versehen. Wer also einige der BG-Klassiker noch nicht sein eigen nennt: Zugreifen! :) Anfangen sollte man vielleicht beim '92er "Somewhere Far Beyond", sozusagen ein Zwischenschritt zwischen den alten, speed-lastigeren Alben und dem neuen, progressiveren Zeug.
3.
icaros, 19.06.2007
Zitat von ralfons"In Requiem" heißt das neue Album, hört sich allerdings endlich wieder an wie "Icon" :) Eigentlich wäre ja Devildriver - Last Kind Words mein Album der Woche geworden. Amtlicher Thrash, der einem schön die Birne freibläst. Aber dann bin ich im CD-Regal doch nicht an den Re-Releases der Blind-Guardian-Alben von "Battalions of Fear" bis "Nightfall in Middle Earth" vorbeigekommen. Alle Alben sind digital remastered - die ersten beiden ("Battalions of Fear" und "Follow the Blind") sind komplett neu abgemischt - und mit neuen Liner-Notes und Bonus-Tracks versehen. Wer also einige der BG-Klassiker noch nicht sein eigen nennt: Zugreifen! :) Anfangen sollte man vielleicht beim '92er "Somewhere Far Beyond", sozusagen ein Zwischenschritt zwischen den alten, speed-lastigeren Alben und dem neuen, progressiveren Zeug.
Oh, das mit dem "Icon" war wohl ein freudscher Verschreiber... Ja, die alten Blind Guardian Sachen waren durchaus hörenswert. Die neueren finde ich persönlich etwas zu überladen, aber das ist natürlich Gerschmackssache. Aber da wir gerade bei Re-Releases sind: Von Edge Of Sanity gibt es demnächst eine Best Of. Eingefleischte Schweden-Death Fans werden zwar eh schon alles der Pioniere haben, wer aber nur im entferntesten auf Melodic Death Metal steht kann nun eine Bildungslücke schließen.
4. Musikalische Bandbreite
Sonic Nurse, 19.06.2007
Der musikalische Geschmack der meisten User hier ist eben genau wie erwartet: Metal, Metal und Metal (in allen möglichen Richtungen und Ausprägungen, ist mir schon bewusst, daß es da ganz viele Kategorien gibt.) Und da werfe nochmal jemand Wigger und Borcholte vor, ihr Geschmack sei einseitig. Tss.
5.
ralfons 19.06.2007
Zitat von Sonic NurseDer musikalische Geschmack der meisten User hier ist eben genau wie erwartet: Metal, Metal und Metal (in allen möglichen Richtungen und Ausprägungen, ist mir schon bewusst, daß es da ganz viele Kategorien gibt.) Und da werfe nochmal jemand Wigger und Borcholte vor, ihr Geschmack sei einseitig. Tss.
Falls die Sysops den neuen Thread eröffnet haben, um die alten Streitereien aus dem Weg zu räumen, hat das ja prima geklappt ;) Zurück zum Thema: Ich finde, dass "A Night at the Opera" die einzig wirklich schlechte Blind-Guardian-Scheibe war, "A Twist in the Myth" ist wieder deutlich eingängiger geworden. Ich freu' mich auf jeden Fall schon auf einige neue Songs in Wacken :) Edge of Sanity sind bei mir allerdings 'ne echte Bildungslücke. Ich kenne zwar einige Songs, hab' aber nie ein Album von ihnen besessen. Von daher hab' ich die Best-Of mal auf meinem Einkaufszettel notiert.
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