Abgehört: Die wichtigsten CDs der Woche

Nicht so mies, wie es schon gemacht wurde, findet Jan Wigger das Reunion-Album von The Verve. Mit einem kalifornischen Träumer und geschundenen Beach-Boys-Genie können sich die Briten natürlich trotzdem nicht messen. Lang musiziere Brian Wilson!

The Verve – "Forth" (Parlophone/EMI)

Wohl noch unter dem Eindruck der grässlichen, mit einer Art Teletubbies-Loop versehenen Single "Love Is Noise" stehend, sprach der Kulturwissenschaftler Dr. Christian Ihle zuletzt einen Signalsatz in Sachen Verve-Reunion aus: "Als hätte Paul McCartney in den Siebzigern die Beatles wieder zusammengebracht und sie dann gezwungen, wie die Wings zu klingen."

Wobei selbst die Wings noch deutlich bessere Texte hatten als Richard "Oh Lord" Ashcroft, dessen notorische Einfältigkeit locker an Pfeifen wie Eskobar oder Starsailor heranreicht: "Love is noise / Love is pain / Love is this blues that I’m singing again." Liebe ist ... vielleicht auch einfach mal die Klappe halten, wenn man nichts zu sagen hat.

Musikalisch sieht die Sache allerdings anders aus: Bewunderer der "alten" Verve, die auf Ashcrofts Solo-Alben nach "Alone With Everybody" verzichteten, weil ihnen schon "Urban Hymns" zu weit in den Mainstream ragte, dürften die neuen, unendlich langen Tracks "Appalachian Springs", "Sit And Wonder" oder "Judas" geradezu aus dem Mushroom-Delirium reißen. In "Noise Epic" ist es ja fast schon wie früher: das große Wabern, Ashcroft in einer Raumkapsel aus Gras, Schweine im Weltall. Und welcher Dummkopf würde von The Verve schon konzises Songwriting im Strophe-Bridge-Refrain-Schema erwarten? "Forth" ist trotzdem die schwächste aller Verve-Platten – nicht jedoch die Katastrophe, zu der sie schon gemacht wurde. (5) Jan Wigger

Brian Wilson – "That Lucky Old Sun" (Capitol/EMI)

In der Reihe wundersamer und herrlich altmodisch klingender Platten wie "Discover America" (Van Dyke Parks), "Orange Crate Art" (Brian Wilson & Van Dyke Parks) und "A Tramp Shining" (Richard Harris) ist noch Platz für Brian Wilsons neue Solo-LP "That Lucky Old Sun".

Sicher, auch das allenfalls mediokre "Gettin' In Over My Head" bekam 2005 ein paar gute Kritiken. Die hatten aber auch mit dem Reflex zu tun, dass eine Platte, die vom geschundenen Beach-Boys-Genie eingesungen wurde, gar nicht schlecht sein darf.

Der bereits 59 Jahre alte Titelsong "That Lucky Old Sun" ist von Beasley Smith und Haven Gillespie, doch auch die Wilson-Kompositionen, die den Rest des Albums bilden, klingen teilweise wie Klassiker: "Good Kind Of Love", "Midnight's Another Day" und "Forever My Surfer Girl" sind allesamt Songs auf Frühsiebziger-Beach-Boys-Niveau. Selbstredend kann man darüber diskutieren, ob die gesprochenen Zwischenspiele zwingend nötig sind und ob Wilsons junge Backing-Band hin und wieder nicht allzu sportiv und lebenskräftig musiziert. Eines aber bleibt in Stein gemeißelt: Der kalifornische Träumer wird immer gebraucht werden. Love and mercy to Brian! (8) Jan Wigger

Lykke Li – "Youth Novels" (Eastwest/Warner)

Im einer alternativen Version ihres Videos zum formidablen "I'm Good, I'm Gone" bewegt sich die zauberische Lykke Li mit anderen schwedischen Musikern wie Robyn und den Shout Out Louds halbbetrunken (mindestens!) zu ihrer eigenen, unter keinen Umständen gewöhnlichen Musik.

Li benutzt komische Instrumente und haucht auch mal ins Mikro, wie Cranes-Vokalistin Alison Shaw oder Stina Nordenstam auf ihren jüngeren, weniger suizidalen Alben. Und das Elfenhafte, das man Björk oder Isobel Campbell (warum auch immer) so beharrlich zuschreibt? Pah. Lis "Breaking It Up" ist einer der schönsten Ameisentänze dieses Jahres, und im übernächtigten "Dance, Dance, Dance" gibt es eines der wenigen Saxophonsolos, die die Welt tatsächlich braucht.

Todtraurig, kurz, aber unentbehrlich: "This Trumpet In My Head". "And you say you can't stand me when I'm quiet / And so I shot you with my silence." Stille Wasser sind tödlich. (7) Jan Wigger

The Rascals – "Rascalize" (Deltasonic/Cooperative Music/Universal)

So verrinnt die Zeit: Lemmy wirft mit Motörhead zum 24. Mal den "Motörizer" an, und die Rascals veröffentlichen ihr Albumdebüt "Rascalize", damit die Kinder es später mal besser haben.

Tatsächlich ist es bei britischen Garagenbewohnern unter 25 gerade der Dernier Cri, listig Scott Walker zu zitieren und den Triumph des Geschmacks und der Verfeinerung zu feiern. Mit dem Arctic Monkey Alex Turner singt der Rascal Miles Kane auch bei den Last Shadow Puppets, deren "The Age Of The Understatement" jedoch etwas großzügiger mit Gitarren-Twang, Höllenstreichern und Bowie-Nachklängen verfuhr.

"Rascalize" tendiert nicht nur stimmlich eher zur Schroffheit der Arctic Monkeys, jedoch mit einer Menge Riffs, die zweieinhalb Jahre nach "Whatever People Say I Am, That's What I'm Not" nicht so aufregend sind. Höhepunkt: das gefährlich lauernde "Fear Invicted Into The Perfect Stranger". (6) Jan Wigger

Okkervil River – "The Stand Ins" (JagJaguwar/Secretly Canadian/Cargo; erscheint am 12. September)

Schon oft gelangen dem amerikanischen Songschreiber und Literaten Will Sheff wunderbare Stücke wie "Our Life Is Not A Movie Or Maybe" oder "King And A Queen".

Nun gehören auch "Calling And Not Calling My Ex" und das vorsichtig auf Iggy Pops "Lust For Life"-Riff balancierende "Lost Coastlines" dazu. In Ersterem transformiert Sheff die Trennung von einer Frau, die bald darauf zum gefragten Star avanciert, in eine Kurzgeschichte, die so wehmütig endet, wie sie einst begann: "You're so lovely / You're so smart / So go turn their heads / Go knock them dead / Go break their hearts".

Interessanter, als zu erkunden, wie dieser auch vor allem thematisch direkte Nachfolger zu "The Stage Names" aus dem letzten Jahr klingt, ist es aber zu spekulieren, wo er herkommt. Ergebnis: Mit Mark Eitzel, den Decemberists und Tom Pettys "Into The Great Wide Open" im Ohr dürften Will Sheff mehr als einmal die Augen zugefallen sein. (7) Jan Wigger

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