Abgehört: Die wichtigsten CDs der Woche

Deutschland im Herbst, da hilft nur ein starker Drink - oder AC/DC, konstatiert Andreas Borcholte. Jan Wigger lässt sich lieber von Depri-Papst Robert Smith und einem neuen Cure-Album betören - und bescheinigt Deichkind bedrückende Ideenlosigkeit.

AC/DC - Black Ice
(Columbia/SonyBMG, bereits erschienen)

Vielleicht hat es einen tieferen Sinn, dass der Titel des neuen AC/DC-Albums so klingt wie der Name einer neuen Wodka-Marke. Denn ein starker Drink ist immer nötig, wenn Angus und Malcolm Young ihre Gitarren auspacken. Das haben sie jetzt acht Jahre lang nicht getan, zumindest nicht, um neue Songs aufzunehmen, weshalb das Erscheinen von "Black Ice" in den Medien wie ein kleines Wunder bestaunt wird - und das Comeback der Australier wie die Rückkehr heiliger Männer gefeiert wird. Die Plattenfirma berichtet von Ausnahmezuständen, weil jeder eine CD, jeder ein Konzert-Ticket haben will; selbst biedere Früchstücksradiosender spielen die Single "Rock'n'Roll Train" gnadenlos ab sieben Uhr morgens. Fast schon ein Versäumnis, dass der neue alte Vorsitzende Franz Müntefering sich am vergangenen Wochenende beim SPD-Parteitag nicht mit AC/DC-Beschallung in den Saal pushen ließ. "War Machine" vom neuen Album hätte da gut gepasst. Oder "Rocking All The Way". Kurzum: Die alten Männer sind zurück, auch wenn sie immer noch stolz ihre burschikosen Schuluniformen auftragen und mit der Axt im Walde rumfuchteln.

Das Gute an alten Männern ist: Sie erzählen uns immer wieder dieselben Geschichten, immer wieder denselben "Rock'n'Roll Dream". Sie merken schon, das Wort "Rock" kommt gleich mehrfach in den neuen Songtiteln vor, fast als müssten sich die alten Rüpel ständig selbst vorsagen, dass es noch rockt, wenn die Finger in die Saiten greifen. Tatsächlich klingt "Black Ice" nicht viel anders als "Stiff Upper Lip" von 2000, eigentlich auch kaum anders als "Back In Black", dem ersten Album, das Brian Johnson mit seiner stets leicht gepresst dahinknödelnden Stimme besingen durfte. AC/DC, inzwischen ein lustiger Haufen jenseits der Fünfzig, rocken wie früher. Und früher war alles besser, das wissen wir nicht erst seit Finanzkrise, Peter Sodann und Marcel Reich-Ranicki. Es ist also auch dieser besonders miesepetrigen Gemütslage zu verdanken, dass die berufsjuvenilen Rocker mit ihrer Rückkehr besonders in Deutschland auf so viel Liebe stoßen. Deutschland im Herbst, da hilft nur Alkohol - oder das gute alte Rock'n'Roll-Versprechen. We've got the Jack. (7) Andreas Borcholte

The Cure – "4:13 Dream"
(Vertigo/Universal, 24. Oktober)

Nur wenige Gruppen wurden an dieser Stelle so häufig erwähnt wie The Cure, die große Liebe. Nachdem sich der Autor dieser Zeilen im Jahr 1984 mit dem Kauf von Bruce Springsteens "Born In The U.S.A" erstmals dazu entschied, "richtige" Musik zu hören, erwarb er 1985 statt der Cure-LP "The Head On The Door" lieber "Dream Into Action" von Howard Jones. Natürlich ein Fehler, denn die wunderbar trostlosen, einfarbigen Stücke von Robert Smith machten das Überleben in stürmischen Zeiten etwas leichter. Selbst heute, mehr als 30 Jahre nach der Bandgründung, ist der verhangene Zauber von The Cure ungebrochen: Das beste und depressivste Cure-Album "Pornography" wird dieser Tage in der beliebten Japan-Edition wiederveröffentlicht, die Band spielt dreistündige Konzerte, die mit "Fire In Cairo" oder "Killing An Arab" enden, und das neue Album "4:13 Dream" beginnt mit "Underneath The Stars" so elegisch, ausufernd und grandios wie seinerzeit "Disintegration" oder "Bloodflowers".

"The Only One" spielt noch einmal mit der Leichtigkeit von "Just Like Heaven", während knappere, robustere Songs wie "Freakshow" Smith auch weiterhin nicht so gut zu Gesicht stehen. In "The Real Snow White" dagegen gelingt Robert Smith die Symbiose aus Tristesse und Ausgelassenheit, fast scheint es, als wäre er für Momente zum Realisten geworden: "I made a promise to myself/ I wouldn’t start with anyone else/ Well, you know how it is/ And these promises made/ In the heat of the moment/ They’re made to be broken in two.” Auch das unheilvoll leiernde "The Scream” stößt schnell auf die Risse im Fundament: "Your eyes are too bright." Und später: "And your smile is gone." Eigentlich erstaunlich, dass "4:13 Dream" nicht mit einem Runterzieher, sondern mit dem hübsch lärmenden "It’s Over" endet: "Oh, I can’t do this anymore", murrt Smith zum Abschied. Gut, dass er für uns nochmal eine Ausnahme gemacht hat. (7) Jan Wigger

Jóhann Jóhannsson – "Fordlandia"
(4AD/Beggars, 31. Oktober)

Wenn jemand Jóhann Jóhannsson heißt, untrennbar mit seiner isländischen Heimat verbunden ist und Teile seiner Suiten "Melodia (Guidelines For A Propulsion Device Based On Heim’s Quantum Theory)" nennt, weiß man, was die Stunde geschlagen hat. Während eine Band wie die Kaiser Chiefs es auch weiterhin vorzieht, dumm zu bleiben ("It’s cool to know nothing!") und entsprechende Platten veröffentlicht, ist die sublime, geduldige und nicht zu kategorisierende Musik des Komponisten Jóhann Jóhannsson das absolute Gegenteil: Mit größtmöglicher Klarheit konzipiert und doch ergreifend (das 13-minütige Titelstück "Fordlandia"), todtraurig ("Chimaerica") und entfernt an Sigur Rós als auch an John Tavener, György Ligeti oder Jonny Greenwoods Score für "There Will Be Blood" erinnernd, ist Jóhannssons Einzigartigkeit spätestens seit der letzten LP "IBM 1401, A User’s Manual" unumstritten. Man kann nur ohnmächtig darauf hoffen, dass die kleinen Symphonien des großen Isländers manchen Rezensenten zu mehr hinreißen werden als den üblichen Assoziationen mit Elfen, Geysiren und seltenen Gewächsen. In diesem Sinne: Listen to the music! (9) Jan Wigger

Deichkind – "Arbeit nervt”
(Vertigo/Universal, bereits erschienen)

Seit der zweifelsfrei genialen (oder bauernschlauen) Neuerfindung mit "Aufstand im Schlaraffenland" werden Deichkind zunehmend von Intellektuellen gelobt. Kein Wunder: Wer ironisch gebrochen zugibt, im tiefsten Herzen eben doch ein Proll zu sein und Gefallen an Bierduschen und Kirmes-Techno zu finden, gilt in Prekariats-Kreisen als besonders locker und heimst bei Bescheidwissern zudem einen mehr als ordentlichen Distinktionsgewinn ein. Schon klar, dass Deichkind eigentlich Satire machen, dass die Leute zu gezielt asozialen, unfassbar schlechten Tracks wie "Komm rüber" einfach nur feiern, saufen, kotzen und sich selbst nicht so ernst nehmen sollen. Dieses Meta-Wissen macht eine ideenlose Platte wie "Arbeit nervt" aber auch nicht besser: Zwar wird der großartig stumpfe "Remmidemmi"-Beat leicht variiert durch "Travelpussy", "Hovercraft" und "Dicker Bauch" geschleppt, werden Styx, Gary Glitter und Jeans Team zitiert, doch ein Hit ist lediglich das entzückende Vocoder-Pop-Stück "Luftbahn". Wie weit "Arbeit nervt" von einem Genre-Meilenstein wie "Das Rap Deutschland Kettensägen Massaker" (K.I.Z) entfernt ist? Reden wir nicht drüber. (4) Jan Wigger

+/- (Plus/Minus) - "Xs On Your Eyes"
(Absolutely Kosher/Cargo, 31. Oktober)

Hätte nicht kürzlich jemand die bemerkenswerte Idee gehabt, die spektakulär unspektakuläre Plus/Minus-Platte "You Are Here" in einer großzügig ausgeweiteten Doppel-CD-Ausgabe ein zweites Mal auf den Markt zu bringen, wäre die Flüster-Band aus New York wohl komplett untergegangen. Auch der präzise gezirkelte Pop auf "Xs On Your Eyes" drängt sich nicht auf: Das Interesse dieser Musiker gilt dem Luftigen und Hochsensiblen, ganz sicher auch bestimmten Songs von Nada Surf oder The Sea And Cake, die gleichfalls nie belanglos waren, wenn sie auf den offensichtlichen Refrain einmal verzichteten. Zwischendurch, in "The Hours You Keep" oder "Tired Eyes", wird höflich gerockt, und in "Harder Than It Feels" betrübt Bilanz gezogen: "There’s nothing to connect to/ It all descends on you/ And you are an empty frame." Müssen nur wollen. (7) Jan Wigger


Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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insgesamt 10044 Beiträge
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1.
icaros 19.06.2007
Paradise Lost - Icon: zum ersten Mal seit Jahren wieder ein amtliches Album der britischen Gothic Metal Legende. Hier regiert wieder der Metal und nicht mehr die Anbiederung an das Mainstreetpublikum. Die Songs der neuen Platte können es fast mit den alten Klassikern aufnehmen. Megadeth - United Abominations: Für Megadeth gilt ähnliches wie für Paradise Lost, das beste Album der Band seit Jahren, Dave Mustaine will es wohl noch mal wissen. Samael - Solar Soul: Die Schweizer sind ein Garant für hochklassigen, dunklen Metal mit Elektroschlagseite Akercocke - Antichrist: völlig abgefahrener Mix aus Black Metal, Grindcore, Death Metal, Ambient und ruhigen Passagen. Sicher keine Musik für Gelegenheitshörer aber es lohnt sich Zeit für das Album zu nehmen. Trelldom - Til Minne...: So war Black Metal ursprünglich gemeint: Roh, kalt, atmosphärisch, schwarz. Die Blaxk Metal Scheibe der Woche Und zum Schluß noch was anderes als Metal: Manes - How The World Came To An End: Dunkle Sounds zwischen Avantgarde, Ambient, Elektro mit unterschwelligem Gothictouch. Die Norweger scheuen sich auch nicht davor französischen Rap einzubauen. Funktioniert erstaunlicherweise. Sollte man als Hörer ohne Scheuklappen mal gehört haben.
2.
ralfons 19.06.2007
Zitat von icarosParadise Lost - Icon
"In Requiem" heißt das neue Album, hört sich allerdings endlich wieder an wie "Icon" :) Eigentlich wäre ja Devildriver - Last Kind Words mein Album der Woche geworden. Amtlicher Thrash, der einem schön die Birne freibläst. Aber dann bin ich im CD-Regal doch nicht an den Re-Releases der Blind-Guardian-Alben von "Battalions of Fear" bis "Nightfall in Middle Earth" vorbeigekommen. Alle Alben sind digital remastered - die ersten beiden ("Battalions of Fear" und "Follow the Blind") sind komplett neu abgemischt - und mit neuen Liner-Notes und Bonus-Tracks versehen. Wer also einige der BG-Klassiker noch nicht sein eigen nennt: Zugreifen! :) Anfangen sollte man vielleicht beim '92er "Somewhere Far Beyond", sozusagen ein Zwischenschritt zwischen den alten, speed-lastigeren Alben und dem neuen, progressiveren Zeug.
3.
icaros 19.06.2007
Zitat von ralfons"In Requiem" heißt das neue Album, hört sich allerdings endlich wieder an wie "Icon" :) Eigentlich wäre ja Devildriver - Last Kind Words mein Album der Woche geworden. Amtlicher Thrash, der einem schön die Birne freibläst. Aber dann bin ich im CD-Regal doch nicht an den Re-Releases der Blind-Guardian-Alben von "Battalions of Fear" bis "Nightfall in Middle Earth" vorbeigekommen. Alle Alben sind digital remastered .....
Oh, das mit dem "Icon" war wohl ein freudscher Verschreiber... Ja, die alten Blind Guardian Sachen waren durchaus hörenswert. Die neueren finde ich persönlich etwas zu überladen, aber das ist natürlich Gerschmackssache. Aber da wir gerade bei Re-Releases sind: Von Edge Of Sanity gibt es demnächst eine Best Of. Eingefleischte Schweden-Death Fans werden zwar eh schon alles der Pioniere haben, wer aber nur im entferntesten auf Melodic Death Metal steht kann nun eine Bildungslücke schließen.
4. Musikalische Bandbreite
Sonic Nurse 19.06.2007
Der musikalische Geschmack der meisten User hier ist eben genau wie erwartet: Metal, Metal und Metal (in allen möglichen Richtungen und Ausprägungen, ist mir schon bewusst, daß es da ganz viele Kategorien gibt.) Und da werfe nochmal jemand Wigger und Borcholte vor, ihr Geschmack sei einseitig. Tss.
5.
ralfons 19.06.2007
Zitat von Sonic NurseDer musikalische Geschmack der meisten User hier ist eben genau wie erwartet: Metal, Metal und Metal (in allen möglichen Richtungen und Ausprägungen, ist mir schon bewusst, daß es da ganz viele Kategorien gibt.) Und da werfe nochmal jemand Wigger und Borcholte vor, ihr Geschmack sei einseitig. Tss.
Falls die Sysops den neuen Thread eröffnet haben, um die alten Streitereien aus dem Weg zu räumen, hat das ja prima geklappt ;) Zurück zum Thema: Ich finde, dass "A Night at the Opera" die einzig wirklich schlechte Blind-Guardian-Scheibe war, "A Twist in the Myth" ist wieder deutlich eingängiger geworden. Ich freu' mich auf jeden Fall schon auf einige neue Songs in Wacken :) Edge of Sanity sind bei mir allerdings 'ne echte Bildungslücke. Ich kenne zwar einige Songs, hab' aber nie ein Album von ihnen besessen. Von daher hab' ich die Best-Of mal auf meinem Einkaufszettel notiert.
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