Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche

Bei allem Respekt vor Kanye Wests persönlicher Trauerarbeit: Das neue Album des Superstar-Rappers ist sentimentaler Retro-Murks, meint Andreas Borcholte. Außerdem bei Abgehört: Neues von Megapuss, Dido und Jeremy Warmsley sowie das endlich veröffentlichte Frühwerk von Arthur Russell.


Kanye West – "808s & Heartbreak"
(Rock-A-Fella Records/Universal, bereits erschienen)

Wäre man bösartig, könnte man jetzt sagen: War ja nur eine Frage der Zeit, bis HipHop-Superstar Kanye West auf seinem eigenen Größenwahn ausglitscht und ein nahezu unhörbares Album veröffentlicht. Aber die Häme wäre ungerecht, denn der Mann hat im vergangenen Jahr gelitten wie ein Hund: Erst starb seine Mutter (der das Stück "Coldest Winter" gewidmet ist), dann trennte sich seine Verlobte Alexis Phifer von ihm. "808s & Heartbreak" ist also vor allem Zeugnis tief empfundener Verletzung und Trauer, quasi das urbane "Black Sheets Of Rain" oder "Blood On The Tracks". Die Wandlung vom B-Boy zum Barden geht so weit, dass der als Großmaul bekannte Rapper sogar den Sprechgesang über Bord wirft - und versucht zu singen. Natürlich nicht ohne den in der Szene inzwischen allgegenwärtigen Auto-Tune-Effekt. Eigentlich dazu gedacht, unzulängliche Casting-Star-Stimmchen auf Vordermann zu bringen, taugt die Software auch als Vocoder-Effekt, wenn man die Regler ganz nach rechts dreht. West klingt also auf dem ganzen Album wie Cher. Sollte ihm (und seinen Auto-Tune-verrückten Kollegen Akon, T-Pain und Lil Wayne) vielleicht mal jemand sagen. Die Musik dazu kommt aus dem titelgebenden Roland TR-808, einer legendären Rhythmus-Maschine, die alles schön nostalgisch prädigital klingen lässt - wie damals in den Achtzigern.

Die Zutaten, einen ganz großen Moment der Musikgeschichte zu schaffen, sind also vorhanden: Großes Selbstmitleid, gepaart mit grenzenloser Selbstüberschätzung und dem Ehrgeiz, die Genre-Grenzen niederzureißen, so radikal wie es geht. "I wanna be Elvis", sagte West am Sonntag bei der Verleihung der American Music Awards. In den HipHop-Künstlern von heute sieht er die neuen Beatles, dazu bestimmt, Popmusik aus den Angeln zu heben, neu zu definieren. Es gibt aber leider viel zu viel schnulzig-sentimentales Herzeleid und öden Retro-Murks auf "808s & Heartbreak", so dass die Revolution fürs erste ausfällt. Kanye West, das bleibt auch nach dieser Pleite von Album unangefochten, ist einer der wichtigsten und kreativsten Musiker, die es zurzeit gibt. Beim nächsten Album, wenn er seinen Biss - und vor allem seinen Sinn für Humor! - wiedergefunden hat, können wir wieder über die Neuerfindung von Pop reden. (5) Andreas Borcholte

Megapuss – "Surfing"
(Vapor Records/Rough Trade, 28. November)

Mal angenommen, man heißt Devandra Banhart, hat innerhalb von fünf Jahren ebenso viele Alben und noch mal dieselbe Anzahl Kooperationen auf Tonträger gebannt und soll mal eine Minute stillsitzen. Geht nicht. Es muss sofort das nächste schreibunte Kostüm anprobiert, die neueste Bartmode ausprobiert, am besten gleich die nächste Band gegründet werden. Megapuss zum Beispiel. Sie besteht aus Banhart, der auf der Bühne gerne mit einem Gürtel voller Gummi-Penisse auftritt, seinem Kumpel Greg Rogove, der bei der delirierenden Truppe Priestbird aus Brooklyn spielt, wenn er nicht mit Banhart auf Tour ist, sowie Strokes-Drummer Fabrizio Moretti. Er ist es auch, der auf dem Megapuss-Debüt "Surfing" für den präzisesten Sound sorgt. Ansonsten geht es ganz schön wüst und wahnsinnig zu: "We are having too much fun", leiert es total bedröhnt in "Theme From Hollywood", das bei Buffalo Springfield ebenso klaut wie bei Jimi Hendrix in seiner Mermaid-Phase.

An anderer Stelle wird die scheidende US-Regierung zum Bo-Diddley-Beat von hinten genommen und die indische Minderheit als "Duck People" bezeichnet (allerdings unter Mitwirkung des TV-Komikers Azis Ansari). Erwähnten wir schon, dass Banhart und Rogove auf dem Cover nackt posieren? Kurzum: Wenn jetzt Sommer wäre, ginge ohne diese Platte rein gar nichts mehr. Schön aufbewahren, das Ding. (7) Andreas Borcholte

Dido – "Safe Trip Home"
(RCA/SonyBMG, bereits erschienen)

Sean Lennon sagte einmal, mit Jon Brion zu arbeiten sei so wie man es sich mit Prince vorstellt: "Als sei man mit in einem Raum mit diesem irren, außerirdischen Wunderkind". Brion, Ex-Freund von Aimee Mann und gefragter Soundtrack-Komponist ("Magnolia") hat schon allerlei Produktionen veredelt. Neben dem Lennon-Sproß verhalf er unter anderem auch Kanye West zu mehr Pop-Appeal ("Late Registration"). Die britische Sängerin Dido, nach ihren beiden immens erfolgreichen Alben "No Angel" und "Life For Rent" etwas ausgelaugt, muss sich in Brions Studio in Los Angeles vorgekommen sein wie der einsame Astronaut auf dem Cover ihrer neuen CD: völlig losgelöst. Aber der sichere Trip nach Hause ist ihr gelungen: Trauriger klangen Miss Armstrongs Lieder noch nie, klarer kam der Blues selten zu Tage. Der flächige TripHop-Sound ihrer ersten Platten ist einer teils orchestralen, aber nie aufdringlichen Instrumentierung gewichen, die Dido zum großen Teil selbst bediente. So entstanden opulente Schmachtfetzen wie "Look No Further", aber auch keltisch-kühle Folk-Nummern wie "Grafton Street", auf der Brian Eno "Ambience" beisteuerte, wie es in den Credits heißt. Manchmal, wie in "Never Want To Say It’s Love" schlägt der lakonische Brion-Sound etwas zu sehr durch, dann wirkt die zarte Dido mit ihrer delikaten Stimme etwas austauschbar. Aber so oft wie früher kommt das längst nicht mehr vor. Dem Alien aus L.A. sei Dank. (6) Andreas Borcholte

Jeremy Warmsley – "How We Became"
(Transgressive Records/Rough Trade, 28. November)

Jeremy Warmsley weiß vermutlich, dass es verdammt schwierig ist, mit einem Namen wie diesem berühmt zu werden. Daran gemessen, hat es der halb britische, halb französische Sänger, Songschreiber und Pianist ganz schön weit gebracht. Nachdem er mit den Shins und Regina Spektor auf Tour war, genießt er Kultstatus in der kleinen, aber feinen Szene der jungen Shoegazer (die man nicht so nennen darf, weil’s ja was Neues ist, aber noch keinen eigenen Namen hat). Warmsley hatte sich für sein zweites Album vorgenommen, es so zu produzieren, dass es "jeder gleich beim ersten Hören begreift". Entsprechend refrainstark ist "How We Became" geworden, das merkt man bereits im Opener "Lose My Cool", einer leichten Indiepop-Nummer, die den Ton für das Ganze Album setzt. Warmsley liebt ganz offenkundig Morrissey, hat aber auch ein Faible für Rufus Wainwright. Aus dieser Schnittmenge stammen theatralische Höhepunkte wie "Sins (I Try)" und burlesk-sarkastische Nummern wie "Dancing With The Enemy". Die insgesamt sympathisch überdrehte Platte endet mit einer jauchzenden, sehr analogen Coverversion von New Orders "Temptation", zu der man mit Gummistiefeln und Barbourjacke durchs Winterlicht-durchflutete Landhaus toben möchte. (6) Andreas Borcholte

Arthur Russell – "Love Is Overtaking Me"
(Rough Trade Records/Beggars Group/Indigo, bereits erschienen)

Sieht man nur das Cover dieser Compilation, könnte man denken: Hey, schon wieder einer dieser jungen Typen, die glauben, sie können Jayhawks, Ryan Adams und Wilco auf dem Kamm blasen. Der ausgebildete Cellist Arthur Russell aber experimentierte schon mit Philip Glass und Allen Ginsberg herum, als die oben genannten noch The Waltons guckten und früh ins Bett mussten. Als lebendes Inventar der New Yorker Kitchen-Studios wurde Russell nie wirklich berühmt, was zum Teil daran lag, dass sich auch die Anfang der Achtziger aufkeimende DJ-Szene schon hinter Kunstnamen verbarg. So hatte Russell unter den Monikern Loose Joints und Dinosaur L einige Party-Hits, bevor das Genre "House" genannt wurde. Zusammen mit David Byrne spielte er Ende der Siebziger kurzzeitig in der Band The Flying Hearts. Auf "Love Is Overtaking Me" ist von Dance-Beats und Disco nichts zu hören, und auch das Cello, das der 1992 an Aids gestorbene Musiker so liebte, kommt kaum vor. Stattdessen sind hier frühe Archiv-Aufnahmen erstmals der Öffentlichkeit zugänglich gemacht worden, die den Big City Boy Arthur Russell tatsächlich eher als Farmjungen präsentieren. Nicht alles glänzt, vieles wirkt so unfertig skizzenhaft wie es posthume Veröffentlichungen oft an sich haben. Aber in offenherzigen Folk-Songs wie "I Couldn’t Say It To Your Face" oder "This Time Dad You’re Wrong" sowie in der kleinen Erzählung "What It’s Like" blitzt das Talent eines Songwriters auf, der es mit James Taylor, mindestens aber Jonathan Richman hätte aufnehmen können. What a waste. (8) Andreas Borcholte


Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

Mehr zum Thema
Newsletter
Abgehört: Die wichtigste Musik der Woche


insgesamt 10044 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
icaros, 19.06.2007
1.
Paradise Lost - Icon: zum ersten Mal seit Jahren wieder ein amtliches Album der britischen Gothic Metal Legende. Hier regiert wieder der Metal und nicht mehr die Anbiederung an das Mainstreetpublikum. Die Songs der neuen Platte können es fast mit den alten Klassikern aufnehmen. Megadeth - United Abominations: Für Megadeth gilt ähnliches wie für Paradise Lost, das beste Album der Band seit Jahren, Dave Mustaine will es wohl noch mal wissen. Samael - Solar Soul: Die Schweizer sind ein Garant für hochklassigen, dunklen Metal mit Elektroschlagseite Akercocke - Antichrist: völlig abgefahrener Mix aus Black Metal, Grindcore, Death Metal, Ambient und ruhigen Passagen. Sicher keine Musik für Gelegenheitshörer aber es lohnt sich Zeit für das Album zu nehmen. Trelldom - Til Minne...: So war Black Metal ursprünglich gemeint: Roh, kalt, atmosphärisch, schwarz. Die Blaxk Metal Scheibe der Woche Und zum Schluß noch was anderes als Metal: Manes - How The World Came To An End: Dunkle Sounds zwischen Avantgarde, Ambient, Elektro mit unterschwelligem Gothictouch. Die Norweger scheuen sich auch nicht davor französischen Rap einzubauen. Funktioniert erstaunlicherweise. Sollte man als Hörer ohne Scheuklappen mal gehört haben.
ralfons 19.06.2007
2.
Zitat von icarosParadise Lost - Icon: zum ersten Mal seit Jahren wieder ein amtliches Album der britischen Gothic Metal Legende. Hier regiert wieder der Metal und nicht mehr die Anbiederung an das Mainstreetpublikum. Die Songs der neuen Platte können es fast mit den alten Klassikern aufnehmen. Megadeth - United Abominations: Für Megadeth gilt ähnliches wie für Paradise Lost, das beste Album der Band seit Jahren, Dave Mustaine will es wohl noch mal wissen. Samael - Solar Soul: Die Schweizer sind ein Garant für hochklassigen, dunklen Metal mit Elektroschlagseite Akercocke - Antichrist: völlig abgefahrener Mix aus Black Metal, Grindcore, Death Metal, Ambient und ruhigen Passagen. Sicher keine Musik für Gelegenheitshörer aber es lohnt sich Zeit für das Album zu nehmen. Trelldom - Til Minne...: So war Black Metal ursprünglich gemeint: Roh, kalt, atmosphärisch, schwarz. Die Blaxk Metal Scheibe der Woche Und zum Schluß noch was anderes als Metal: Manes - How The World Came To An End: Dunkle Sounds zwischen Avantgarde, Ambient, Elektro mit unterschwelligem Gothictouch. Die Norweger scheuen sich auch nicht davor französischen Rap einzubauen. Funktioniert erstaunlicherweise. Sollte man als Hörer ohne Scheuklappen mal gehört haben.
"In Requiem" heißt das neue Album, hört sich allerdings endlich wieder an wie "Icon" :) Eigentlich wäre ja Devildriver - Last Kind Words mein Album der Woche geworden. Amtlicher Thrash, der einem schön die Birne freibläst. Aber dann bin ich im CD-Regal doch nicht an den Re-Releases der Blind-Guardian-Alben von "Battalions of Fear" bis "Nightfall in Middle Earth" vorbeigekommen. Alle Alben sind digital remastered - die ersten beiden ("Battalions of Fear" und "Follow the Blind") sind komplett neu abgemischt - und mit neuen Liner-Notes und Bonus-Tracks versehen. Wer also einige der BG-Klassiker noch nicht sein eigen nennt: Zugreifen! :) Anfangen sollte man vielleicht beim '92er "Somewhere Far Beyond", sozusagen ein Zwischenschritt zwischen den alten, speed-lastigeren Alben und dem neuen, progressiveren Zeug.
icaros, 19.06.2007
3.
Zitat von ralfons"In Requiem" heißt das neue Album, hört sich allerdings endlich wieder an wie "Icon" :) Eigentlich wäre ja Devildriver - Last Kind Words mein Album der Woche geworden. Amtlicher Thrash, der einem schön die Birne freibläst. Aber dann bin ich im CD-Regal doch nicht an den Re-Releases der Blind-Guardian-Alben von "Battalions of Fear" bis "Nightfall in Middle Earth" vorbeigekommen. Alle Alben sind digital remastered - die ersten beiden ("Battalions of Fear" und "Follow the Blind") sind komplett neu abgemischt - und mit neuen Liner-Notes und Bonus-Tracks versehen. Wer also einige der BG-Klassiker noch nicht sein eigen nennt: Zugreifen! :) Anfangen sollte man vielleicht beim '92er "Somewhere Far Beyond", sozusagen ein Zwischenschritt zwischen den alten, speed-lastigeren Alben und dem neuen, progressiveren Zeug.
Oh, das mit dem "Icon" war wohl ein freudscher Verschreiber... Ja, die alten Blind Guardian Sachen waren durchaus hörenswert. Die neueren finde ich persönlich etwas zu überladen, aber das ist natürlich Gerschmackssache. Aber da wir gerade bei Re-Releases sind: Von Edge Of Sanity gibt es demnächst eine Best Of. Eingefleischte Schweden-Death Fans werden zwar eh schon alles der Pioniere haben, wer aber nur im entferntesten auf Melodic Death Metal steht kann nun eine Bildungslücke schließen.
Sonic Nurse, 19.06.2007
4. Musikalische Bandbreite
Der musikalische Geschmack der meisten User hier ist eben genau wie erwartet: Metal, Metal und Metal (in allen möglichen Richtungen und Ausprägungen, ist mir schon bewusst, daß es da ganz viele Kategorien gibt.) Und da werfe nochmal jemand Wigger und Borcholte vor, ihr Geschmack sei einseitig. Tss.
ralfons 19.06.2007
5.
Zitat von Sonic NurseDer musikalische Geschmack der meisten User hier ist eben genau wie erwartet: Metal, Metal und Metal (in allen möglichen Richtungen und Ausprägungen, ist mir schon bewusst, daß es da ganz viele Kategorien gibt.) Und da werfe nochmal jemand Wigger und Borcholte vor, ihr Geschmack sei einseitig. Tss.
Falls die Sysops den neuen Thread eröffnet haben, um die alten Streitereien aus dem Weg zu räumen, hat das ja prima geklappt ;) Zurück zum Thema: Ich finde, dass "A Night at the Opera" die einzig wirklich schlechte Blind-Guardian-Scheibe war, "A Twist in the Myth" ist wieder deutlich eingängiger geworden. Ich freu' mich auf jeden Fall schon auf einige neue Songs in Wacken :) Edge of Sanity sind bei mir allerdings 'ne echte Bildungslücke. Ich kenne zwar einige Songs, hab' aber nie ein Album von ihnen besessen. Von daher hab' ich die Best-Of mal auf meinem Einkaufszettel notiert.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.