Abgehört: Die wichtigsten CDs der Woche

Neues Jahr, neue Platten - und es geht gleich mit einem Höhepunkt los: Fasziniert von den Klangwelten des Animal Collective beschwört Jan Wigger das Ende des Indie-Rocks. Außerdem bei Abgehört: Neues von Antony And The Johnsons, James Yuill, Kreator und Secret Machines.

Animal Collective – "Merriweather Post Pavilion"
(Domino/Indigo, 9. Januar)

Die Tiere sind unruhig: Neun Alben haben Animal Collective nun schon veröffentlicht, und alle klingen sie ein wenig wie Weihnachten. Die Gedankenpartikel, die ewig nachhallenden Erinnerungsfetzen, die Echos und Schatten der Vergangenheit tanzen und wehen wie die Plastiktüte aus Sam Mendes' Film "American Beauty" durch die Tracks, und keine Beschreibung, kein Verweis auf Krautrock, Minimal-Techno, Ambient oder Weird Folk konnte die unfassliche Schönheit von Animal Collective jemals einfangen. Hätten Radiohead auch nur einmal "In The Flowers" gehört (und das haben sie natürlich längst), sie wären von Neid zerfressen: Nach zweieinhalb betörend eleganten Minuten hebt der Song ab wie ein Glasperlen-Raumschiff, nur um wenig später wieder dort zu landen, wo er begann: In der totalen, unverfälschten Glückseligkeit. Das flatterige "Summertime Clothes" ist, man muss es so sagen, ein Superhit, der in jeder Patchinko-Hölle Tokios in Dauerschleife laufen sollte.

Nie waren Animal Collective so verdammt nah an den Beach Boys (und an deren "All I Wanna Do"!) wie mit dem frappierend konventionellen "Guys' Eyes", das Brian Wilson freilich zu Tode erschrecken würde. Man fragt sich, wie Avey Tare, Panda Bear, Deakin und Geologist bloß an diese Melodien, diese Harmonien kommen, und ob ein Stück wie "Bluish" wirklich und allen Ernstes von Menschen verfasst wurde. Wir haben jetzt "Here Comes The Indian", wir haben "Sung Tongs", "Feels" und "Strawberry Jam". Doch genau hier, mit "Merriweather Post Pavilion" beginnt die neue Zeitrechnung. Indie-Rock is over. Bye-bye. (10) Jan Wigger

Antony and the Johnsons – "The Crying Light"
(Rough Trade/Beggars/Indigo, 16. Januar)

Es war dann eben doch das herzerweichende "I Am A Bird Now"-Album, das die hochempfindliche Künstlerexistenz Antony zum Star gemacht hat. Für die einen singt er noch immer wie jemand, dem man versehentlich auf beide Füße getreten hat, für die anderen symbolisieren seine Trauerlieder die maximale Empfindung – und die anderen haben recht. Antony Hegarty ist riesengroß geworden und sich seiner Größe bewusst: Er gestand, mit Lou Reed befreundet (!) zu sein, trat im Dunkeln auf und spielte mit dem London Symphony Orchestra. Für Deutschland reichte freilich ein Duett mit Grönemeyer. Schon oft wurde behauptet, dass die Musik von Antony And The Johnsons ganz besonders grazil und zerbrechlich sei - auf die Wucht, die unabwendbare Kraft von "Cripple And The Starfish" (damals) oder "Aeon" (heute) wurde dagegen weitaus seltener hingewiesen.

Darüber hinaus bleiben die meisten von Hegartys stets verfeinerten, schutzlosen Kompositionen höchst speziell, auch wenn das geradezu beflügelte "Kiss My Name" kurz eine Art Eingängigkeit antäuscht, die jedoch nur dann aufrecht erhalten werden kann, wenn man den eschatologischen Text ignoriert: "As I lie, murdered in ground/ The rain compacting sodden sound/ Of songs I sang the years before/ When it was time to rain/ Upon the coal that I became." Das längste und also ausführlichste Stück auf "The Crying Light" ist Hegarty auch am besten gelungen: In "Daylight And The Sun" fallen tiefste Andacht und höchste Festlichkeit in eins: "You gave me this/ Your fire becomes a kiss." Sein Wille geschehe. (9) Jan Wigger

Kreator – "Hordes Of Chaos"
(Steamhammer/SPV, 16. Januar)

Mit dem stehenden Begriff "Mille von Kreator" dürfte wohl jeder etwas anfangen können, der sich auch nur in Ansätzen mit Thrash Metal und Metal überhaupt beschäftigt hat. Schon die Ende der Achtziger gedrehte Dokumentation "Thrash Altenessen" wies Mille Petrozza als in der Sache knallhartes, im Kern aber unverschämt gutes Gewissen der Ruhrpott-Szene aus. Wer sich noch an den kollektiven Fan-Aufschrei anlässlich der sechsten Kreator-LP "Renewal" (1992) erinnert, auf der Petrozza es wagte, sich "künstlerisch weiterzuentwickeln", weiß, dass es dem gemeinen Anhänger meist schon ausreicht, wenn Kreator drin ist, wo Kreator draufsteht. So wird es auch kaum einen Headbanger weiter interessieren, dass Kreator auf "Hordes Of Chaos" nicht nur Ton Steine Scherben ("Destroy what destroys you"), sondern auch den Tocotronic-Song "Freiburg" ("You don't know how much I hate you") zitieren und somit das Genre Meta-Metal erfinden. Davon abgesehen gibt es die geliebten Iron-Maiden-Twin-Guitars ("To The Afterborn"), einen Titeltrack, der mühelos an "Flag Of Hate" oder "Love Us Or Hate Us" herankommt und eine Produktion, die man nur als perfekt bezeichnen kann. Wie sagt man so schön? Ein gerechtes Brett. (8) Jan Wigger

James Yuill – "Turning Down Water For Air"
(Moshi Moshi/Cooperative/Universal, 9. Januar)

Gar langweilig ist es zuweilen, männlichen Sängern und Songwritern jüngeren Datums, die nicht gerade Sufjan Stevens sind oder in einem früheren Leben Elliott Smith waren, dabei zuzuhören, wie sie von ihren gescheiterten Beziehungen und den bösen Mädchen, die diese angeblich verursacht haben, singen. Traurige Akkordschinder, die ihr auf Erden wandelt, merkt euch bitte eines: Schon bald seid ihr 69, vielleicht schon im Altersheim, danach tot und die Frau längst dreifach verheiratet, also hört auf zu jammern. James Yuill aber, aus Eastbourne und somit Brite, macht auf "Turning Down Water For Air" vieles richtig: Sowohl der unvergessene Warren Zevon als auch Zeitgenössisches wie Maximo Park, !!!, Aphex Twin oder Justice dienten dem Songschreiber als Einflüsse, so dass es im wunderbar hypnotisierenden "No Pins Allowed" oder in "No Surprise" eben auch pluckert und rattert, während es ganz melancholisch wird. "I know you want me to hurt myself" singt Yuill in "Somehow". Das kann er im Prinzip immer noch auf später verschieben. (6) Jan Wigger

Secret Machines – "Secret Machines"
(World's Fair/Cooperative Music/Universal, 9. Januar)

Als Sänger und Gitarrist Ben Curtis im Frühjahr 2007 seinen Hut bei Secret Machines nahm, um fortan mit School of Seven Bells weiterzumachen, hätte die kurze Geschichte der Band aus Dallas, Wahlheimat New York City, schon wieder vorbei sein können. Aber Bands, die sich selbst etwas größenwahnsinnig dem "Space Rock"-Genre zuordnen und es gerne hören, wenn sie mit Rockmonstern wie Led Zeppelin verglichen werden, sind zäh, man denke nur an Pink Floyd, die nach Syd Barretts Drogenexzessen auch noch den Kontrollwahn von Roger Waters überstanden haben.

Ja, man darf kaum tiefer greifen in diesem Genre, dem neben Pink Floyd einst verkopfte Supergroups wie Rush und Hawkwind angehörten. Secret Machines beziehen sich auch nach dem Verlust von Sänger und Majorlabel-Vertrag noch ausgiebig aufs Progressive und Krautrockende, und wollen auf ihrem dritten Album beweisen, dass sie immer noch abheben können. Zunächst bleibt aber alles ganz bodenständig. Die ersten beiden Songs, "Atomic Heels" und "Last Believer, Drop Dead" gehören somit auch zum Besten, was die Band bisher hervorgebracht hat: Konzentriert, mathematisch korrekt und natürlich trotzdem absolut stadiontauglich.

Die Gitarren hat Phil Karnats übernommen (Ex-Tripping-Daisies), den Gesang steuert Bens Bruder Brendan Curtis bei, mit einem wohltuend lakonischen Einschlag bei. Leider hält die Platte das hohe Niveau nicht bis zum Ende, sondern verliert sich trotz moderater Länge von etwa 45 Minuten in Raum und Zeit. Nach der Hälfte, als "Underneath The Concrete" etwas zu dreist den bisher größten Hit der Band, "Nowhere Again", zitiert, verfusselt sich das Trio in Lärm, Langeweile, unnötigen Floyd-Zitaten ("The Walls Are Starting To Crack") und dem elfminütigen, reichlich überflüssigen Schluss-Stück "The Fire Is Waiting". Danach fühlt man sich angenehm betäubt. Immerhin. (6) Andreas Borcholte


Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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Forum - CDs der Woche - und Ihre Favoriten?
insgesamt 10044 Beiträge
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1.
icaros 19.06.2007
Paradise Lost - Icon: zum ersten Mal seit Jahren wieder ein amtliches Album der britischen Gothic Metal Legende. Hier regiert wieder der Metal und nicht mehr die Anbiederung an das Mainstreetpublikum. Die Songs der neuen Platte können es fast mit den alten Klassikern aufnehmen. Megadeth - United Abominations: Für Megadeth gilt ähnliches wie für Paradise Lost, das beste Album der Band seit Jahren, Dave Mustaine will es wohl noch mal wissen. Samael - Solar Soul: Die Schweizer sind ein Garant für hochklassigen, dunklen Metal mit Elektroschlagseite Akercocke - Antichrist: völlig abgefahrener Mix aus Black Metal, Grindcore, Death Metal, Ambient und ruhigen Passagen. Sicher keine Musik für Gelegenheitshörer aber es lohnt sich Zeit für das Album zu nehmen. Trelldom - Til Minne...: So war Black Metal ursprünglich gemeint: Roh, kalt, atmosphärisch, schwarz. Die Blaxk Metal Scheibe der Woche Und zum Schluß noch was anderes als Metal: Manes - How The World Came To An End: Dunkle Sounds zwischen Avantgarde, Ambient, Elektro mit unterschwelligem Gothictouch. Die Norweger scheuen sich auch nicht davor französischen Rap einzubauen. Funktioniert erstaunlicherweise. Sollte man als Hörer ohne Scheuklappen mal gehört haben.
2.
ralfons 19.06.2007
Zitat von icarosParadise Lost - Icon
"In Requiem" heißt das neue Album, hört sich allerdings endlich wieder an wie "Icon" :) Eigentlich wäre ja Devildriver - Last Kind Words mein Album der Woche geworden. Amtlicher Thrash, der einem schön die Birne freibläst. Aber dann bin ich im CD-Regal doch nicht an den Re-Releases der Blind-Guardian-Alben von "Battalions of Fear" bis "Nightfall in Middle Earth" vorbeigekommen. Alle Alben sind digital remastered - die ersten beiden ("Battalions of Fear" und "Follow the Blind") sind komplett neu abgemischt - und mit neuen Liner-Notes und Bonus-Tracks versehen. Wer also einige der BG-Klassiker noch nicht sein eigen nennt: Zugreifen! :) Anfangen sollte man vielleicht beim '92er "Somewhere Far Beyond", sozusagen ein Zwischenschritt zwischen den alten, speed-lastigeren Alben und dem neuen, progressiveren Zeug.
3.
icaros 19.06.2007
Zitat von ralfons"In Requiem" heißt das neue Album, hört sich allerdings endlich wieder an wie "Icon" :) Eigentlich wäre ja Devildriver - Last Kind Words mein Album der Woche geworden. Amtlicher Thrash, der einem schön die Birne freibläst. Aber dann bin ich im CD-Regal doch nicht an den Re-Releases der Blind-Guardian-Alben von "Battalions of Fear" bis "Nightfall in Middle Earth" vorbeigekommen. Alle Alben sind digital remastered .....
Oh, das mit dem "Icon" war wohl ein freudscher Verschreiber... Ja, die alten Blind Guardian Sachen waren durchaus hörenswert. Die neueren finde ich persönlich etwas zu überladen, aber das ist natürlich Gerschmackssache. Aber da wir gerade bei Re-Releases sind: Von Edge Of Sanity gibt es demnächst eine Best Of. Eingefleischte Schweden-Death Fans werden zwar eh schon alles der Pioniere haben, wer aber nur im entferntesten auf Melodic Death Metal steht kann nun eine Bildungslücke schließen.
4. Musikalische Bandbreite
Sonic Nurse 19.06.2007
Der musikalische Geschmack der meisten User hier ist eben genau wie erwartet: Metal, Metal und Metal (in allen möglichen Richtungen und Ausprägungen, ist mir schon bewusst, daß es da ganz viele Kategorien gibt.) Und da werfe nochmal jemand Wigger und Borcholte vor, ihr Geschmack sei einseitig. Tss.
5.
ralfons 19.06.2007
Zitat von Sonic NurseDer musikalische Geschmack der meisten User hier ist eben genau wie erwartet: Metal, Metal und Metal (in allen möglichen Richtungen und Ausprägungen, ist mir schon bewusst, daß es da ganz viele Kategorien gibt.) Und da werfe nochmal jemand Wigger und Borcholte vor, ihr Geschmack sei einseitig. Tss.
Falls die Sysops den neuen Thread eröffnet haben, um die alten Streitereien aus dem Weg zu räumen, hat das ja prima geklappt ;) Zurück zum Thema: Ich finde, dass "A Night at the Opera" die einzig wirklich schlechte Blind-Guardian-Scheibe war, "A Twist in the Myth" ist wieder deutlich eingängiger geworden. Ich freu' mich auf jeden Fall schon auf einige neue Songs in Wacken :) Edge of Sanity sind bei mir allerdings 'ne echte Bildungslücke. Ich kenne zwar einige Songs, hab' aber nie ein Album von ihnen besessen. Von daher hab' ich die Best-Of mal auf meinem Einkaufszettel notiert.
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