Animal Collective – "Merriweather Post Pavilion"
(Domino/Indigo, 9. Januar)

Die Tiere sind unruhig: Neun Alben haben Animal Collective nun schon veröffentlicht, und alle klingen sie ein wenig wie Weihnachten. Die Gedankenpartikel, die ewig nachhallenden Erinnerungsfetzen, die Echos und Schatten der Vergangenheit tanzen und wehen wie die Plastiktüte aus Sam Mendes' Film "American Beauty" durch die Tracks, und keine Beschreibung, kein Verweis auf Krautrock, Minimal-Techno, Ambient oder Weird Folk konnte die unfassliche Schönheit von Animal Collective jemals einfangen. Hätten Radiohead auch nur einmal "In The Flowers" gehört (und das haben sie natürlich längst), sie wären von Neid zerfressen: Nach zweieinhalb betörend eleganten Minuten hebt der Song ab wie ein Glasperlen-Raumschiff, nur um wenig später wieder dort zu landen, wo er begann: In der totalen, unverfälschten Glückseligkeit. Das flatterige "Summertime Clothes" ist, man muss es so sagen, ein Superhit, der in jeder Patchinko-Hölle Tokios in Dauerschleife laufen sollte.
Nie waren Animal Collective so verdammt nah an den Beach Boys (und an deren "All I Wanna Do"!) wie mit dem frappierend konventionellen "Guys' Eyes", das Brian Wilson freilich zu Tode erschrecken würde. Man fragt sich, wie Avey Tare, Panda Bear, Deakin und Geologist bloß an diese Melodien, diese Harmonien kommen, und ob ein Stück wie "Bluish" wirklich und allen Ernstes von Menschen verfasst wurde. Wir haben jetzt "Here Comes The Indian", wir haben "Sung Tongs", "Feels" und "Strawberry Jam". Doch genau hier, mit "Merriweather Post Pavilion" beginnt die neue Zeitrechnung. Indie-Rock is over. Bye-bye. (10) Jan Wigger
Antony and the Johnsons – "The Crying Light"
(Rough Trade/Beggars/Indigo, 16. Januar)
Es war dann eben doch das herzerweichende "I Am A Bird Now"-Album, das die hochempfindliche Künstlerexistenz Antony zum Star gemacht hat. Für die einen singt er noch immer wie jemand, dem man versehentlich auf beide Füße getreten hat, für die anderen symbolisieren seine Trauerlieder die maximale Empfindung – und die anderen haben recht. Antony Hegarty ist riesengroß geworden und sich seiner Größe bewusst: Er gestand, mit Lou Reed befreundet (!) zu sein, trat im Dunkeln auf und spielte mit dem London Symphony Orchestra. Für Deutschland reichte freilich ein Duett mit Grönemeyer. Schon oft wurde behauptet, dass die Musik von Antony And The Johnsons ganz besonders grazil und zerbrechlich sei - auf die Wucht, die unabwendbare Kraft von "Cripple And The Starfish" (damals) oder "Aeon" (heute) wurde dagegen weitaus seltener hingewiesen.
Darüber hinaus bleiben die meisten von Hegartys stets verfeinerten, schutzlosen Kompositionen höchst speziell, auch wenn das geradezu beflügelte "Kiss My Name" kurz eine Art Eingängigkeit antäuscht, die jedoch nur dann aufrecht erhalten werden kann, wenn man den eschatologischen Text ignoriert: "As I lie, murdered in ground/ The rain compacting sodden sound/ Of songs I sang the years before/ When it was time to rain/ Upon the coal that I became." Das längste und also ausführlichste Stück auf "The Crying Light" ist Hegarty auch am besten gelungen: In "Daylight And The Sun" fallen tiefste Andacht und höchste Festlichkeit in eins: "You gave me this/ Your fire becomes a kiss." Sein Wille geschehe. (9) Jan Wigger
Kreator – "Hordes Of Chaos"
(Steamhammer/SPV, 16. Januar)

Mit dem stehenden Begriff "Mille von Kreator" dürfte wohl jeder etwas anfangen können, der sich auch nur in Ansätzen mit Thrash Metal und Metal überhaupt beschäftigt hat. Schon die Ende der Achtziger gedrehte Dokumentation "Thrash Altenessen" wies Mille Petrozza als in der Sache knallhartes, im Kern aber unverschämt gutes Gewissen der Ruhrpott-Szene aus. Wer sich noch an den kollektiven Fan-Aufschrei anlässlich der sechsten Kreator-LP "Renewal" (1992) erinnert, auf der Petrozza es wagte, sich "künstlerisch weiterzuentwickeln", weiß, dass es dem gemeinen Anhänger meist schon ausreicht, wenn Kreator drin ist, wo Kreator draufsteht. So wird es auch kaum einen Headbanger weiter interessieren, dass Kreator auf "Hordes Of Chaos" nicht nur Ton Steine Scherben ("Destroy what destroys you"), sondern auch den Tocotronic-Song "Freiburg" ("You don't know how much I hate you") zitieren und somit das Genre Meta-Metal erfinden. Davon abgesehen gibt es die geliebten Iron-Maiden-Twin-Guitars ("To The Afterborn"), einen Titeltrack, der mühelos an "Flag Of Hate" oder "Love Us Or Hate Us" herankommt und eine Produktion, die man nur als perfekt bezeichnen kann. Wie sagt man so schön? Ein gerechtes Brett.
(8) Jan Wigger
James Yuill – "Turning Down Water For Air"
(Moshi Moshi/Cooperative/Universal, 9. Januar)

Gar langweilig ist es zuweilen, männlichen Sängern und Songwritern jüngeren Datums, die nicht gerade Sufjan Stevens sind oder in einem früheren Leben Elliott Smith waren, dabei zuzuhören, wie sie von ihren gescheiterten Beziehungen und den bösen Mädchen, die diese angeblich verursacht haben, singen. Traurige Akkordschinder, die ihr auf Erden wandelt, merkt euch bitte eines: Schon bald seid ihr 69, vielleicht schon im Altersheim, danach tot und die Frau längst dreifach verheiratet, also hört auf zu jammern. James Yuill aber, aus Eastbourne und somit Brite, macht auf "Turning Down Water For Air" vieles richtig: Sowohl der unvergessene Warren Zevon als auch Zeitgenössisches wie Maximo Park, !!!, Aphex Twin oder Justice dienten dem Songschreiber als Einflüsse, so dass es im wunderbar hypnotisierenden "No Pins Allowed" oder in "No Surprise" eben auch pluckert und rattert, während es ganz melancholisch wird. "I know you want me to hurt myself" singt Yuill in "Somehow". Das kann er im Prinzip immer noch auf später verschieben.
(6) Jan Wigger
Secret Machines – "Secret Machines"
(World's Fair/Cooperative Music/Universal, 9. Januar)
Als Sänger und Gitarrist Ben Curtis im Frühjahr 2007 seinen Hut bei Secret Machines nahm, um fortan mit School of Seven Bells weiterzumachen, hätte die kurze Geschichte der Band aus Dallas, Wahlheimat New York City, schon wieder vorbei sein können. Aber Bands, die sich selbst etwas größenwahnsinnig dem "Space Rock"-Genre zuordnen und es gerne hören, wenn sie mit Rockmonstern wie Led Zeppelin verglichen werden, sind zäh, man denke nur an Pink Floyd, die nach Syd Barretts Drogenexzessen auch noch den Kontrollwahn von Roger Waters überstanden haben.
Ja, man darf kaum tiefer greifen in diesem Genre, dem neben Pink Floyd einst verkopfte Supergroups wie Rush und Hawkwind angehörten. Secret Machines beziehen sich auch nach dem Verlust von Sänger und Majorlabel-Vertrag noch ausgiebig aufs Progressive und Krautrockende, und wollen auf ihrem dritten Album beweisen, dass sie immer noch abheben können. Zunächst bleibt aber alles ganz bodenständig. Die ersten beiden Songs, "Atomic Heels" und "Last Believer, Drop Dead" gehören somit auch zum Besten, was die Band bisher hervorgebracht hat: Konzentriert, mathematisch korrekt und natürlich trotzdem absolut stadiontauglich.
Die Gitarren hat Phil Karnats übernommen (Ex-Tripping-Daisies), den Gesang steuert Bens Bruder Brendan Curtis bei, mit einem wohltuend lakonischen Einschlag bei. Leider hält die Platte das hohe Niveau nicht bis zum Ende, sondern verliert sich trotz moderater Länge von etwa 45 Minuten in Raum und Zeit. Nach der Hälfte, als "Underneath The Concrete" etwas zu dreist den bisher größten Hit der Band, "Nowhere Again", zitiert, verfusselt sich das Trio in Lärm, Langeweile, unnötigen Floyd-Zitaten ("The Walls Are Starting To Crack") und dem elfminütigen, reichlich überflüssigen Schluss-Stück "The Fire Is Waiting". Danach fühlt man sich angenehm betäubt. Immerhin. (6) Andreas Borcholte
Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)