Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche

Tja, so läuft das bei Franz Ferdinand. Erst alle Epigonen an die Wand fahren lassen - und danach Disco-Feger aus der Hüfte schießen. Jan Wigger erfreute sich daran, hörte dann das vergletscherte Herz von The Sight Below pulsieren, bevor er mit Telepathe in die Zukunft entschwand.


Franz Ferdinand - "Tonight: Franz Ferdinand"

(Domino / Indigo)

Vielleicht hat Alex Kapranos in der Zwischenzeit ja wirklich mal als Bankangestellter gearbeitet. Vielleicht hat er Huhn mit Safranreis gekocht. Vielleicht hat er aber auch einfach nur zu Hause gesessen und gelangweilt mit angesehen, wie den Franz-Ferdinand-Epigonen die Ideen ausgingen, wie sie ihre kurzen Karrieren an die Wand fuhren, wenn sie nicht gerade so hochwohlgeboren und gerissen waren wie Maximo-Park-Poet Paul Smith - oder Kapranos selbst. Franz Ferdinand haben sich rar gemacht und jeder hat es gemerkt. Dann kam "Ulysses", eine erste, ganz normale Franz-Ferdinand Single, mit Links besser als "Do You Want To", aber auch kein "Michael", kein "I'm Your Villain", schon gar kein "Take Me Out".

Und jetzt: Das Nachtalbum, die Disco-Platte, der kokette Wegfeger und Hedonisten-Traum - "Tonight: Franz Ferdinand". "Turn It On" und "No You Girls" schießen sie flott aus der Hüfte wie es sonst niemand kann und "Send Him Away" schickt mit diskretem Charme den Nebenbuhler zur Hölle. Die grandiosen "Twilight Omens" und "Live Alone" haben die sehnsüchtigsten Franz-Melodien seit der schummrigen Sternstunde "Eleanor Put Your Boots On". Apropos Balladen: Die beiden beschaulichsten Stücke stehen hübsch exponiert am Ende der Platte, doch nur "Katherine Kiss Me" überzeugt. Davor das dank genereller Ideenlosigkeit und wohlfeilem Disco-Geblubber auf acht Minuten gestreckte "Lucid Dreams" und "Can't Stop Feeling", so enttäuschend wie fast das ganze letzte Drittel von "Tonight: Franz Ferdinand". You could have it so much better. Knapp: (7) Jan Wigger

The Sight Below - "Glider"

(Ghostly International / K7)

Wenn man denn überhaupt dem weit verbreiteten Unfug glauben schenkt, dass bestimmte Musik wie für die tropische Jahreszeit gemacht ist, während andere gefälligst im Winter zu erscheinen hat, um als emotionales Kaminfeuer zu dienen, fällt "Glider" in jedem Fall in letztere Kategorie. In den repetitiven, elegischen Tracks, die gar nicht anders heißen können als "Life's Fading Light", "A Fractured Smile" oder "Nowhere", pocht nicht nur ein vergletschertes Herz, sondern auch der Pulsschlag der Erinnerung: Wolfgang Voigts plötzlich wieder von allen Seiten geschätztes Projekt Gas ist hier so allgegenwärtig wie auf kaum einer Minimal- oder Ambient-Veröffentlichung der letzten Jahre. Doch wo Voigt gern mit Orchester-Samples arbeitete, loopt, verwässert und verfremdet der namenlose Amerikaner The Sight Below vornehmlich Gitarren. Sowieso kein Zufall, dass diese Platte heißt wie eine späte EP von My Bloody Valentine. (8) Jan Wigger

Telepathe - "Dance Mother"

(V2 / Cooperative / Universal)

Wie verblüffend es klingen kann, wenn jenseitiger Achtziger-Wave, entstaubte Synthesizer und zwei Glockenstimmen scheinbar zufällig aufeinander treffen, beweist das von TV-On-The-Radio-Marathon-Mann David Sitek produzierte Album-Debüt des New Yorker Duos Telepathe. Mit einem Bein im experimentellen Pop verwurzelt, mit dem anderen schon auf dem Weg in eine unbestimmte Avantgarde – so flattern "In Your Line" und "Trilogy: Breath Of Life, Crimes And Killings, Threads And Knives" zwischen den Welten.

Aus welcher Zeit "Dear Mother" eigentlich stammte, wird man in fünfzig Jahren nicht mehr sagen können: Wirken Melissa Livaudais und Busy Gangnes in "Can't Stand It" noch wie eine Girl-Group aus der fernen Zukunft, hätte "Lights Go Down" den Marsch nach Damaskus aus David Leans Klassiker "Lawrence von Arabien" untermalen können. Noch mehr zu erwarten, wäre vermessen. (7) Jan Wigger

Robert Wyatt - "EPs"

(Domino / Indigo)

Würde man sich die Arbeit machen und die hundert ergreifendsten Lieder auflisten, die in den letzten 40 Jahren geschrieben worden sind, wäre ganz sicher mehr als nur eine Komposition von Robert Wyatt darunter: "Free Will And Testament" von "Shleep" (1997), natürlich der gerade von Rachel Unthank & The Winterset gecoverte "Rock Bottom"-Höhepunkt "Sea Song" und vermutlich auch "O Caroline", das Wyatt Anfang der Siebziger mit David Sinclair für sein Matching-Mole-Projekt verfasste. Im Zuge der Wiederveröffentlichung fast aller Wyatt-Alben erscheint nun auch das 5-CD-Set "EPs", welches Singles, B-Seiten, Cover-Versionen, sowie Soundtrack- und Compilation-Beiträge versammelt. Und nur ganz selten greift ein Lied so unmittelbar ans Herz wie Hugh Hoppers "Memories", das Wyatt wieder einmal mit der gebrochensten Stimme von allen intoniert - bis Fred Friths Violine einsetzt und alle Dämme brechen. Um es mit einer anderen Großtat von Wyatt zu sagen: "Everything seems to bring / Memories of you." (8) Jan Wigger

Eagles Of Death Metal - "Heart On"

(Downtown / Coop Music / Universal)

Wenn sich Eagles-Of-Death-Metal-Sänger Jesse Hughes - wie gerade geschehen - in einer seiner berüchtigten Interview-Audienzen in bester Ted-Nugent-Manier über die muslimischen Wurzeln von Barack Obama auslässt und ihn als "leichtfüßigen, kommunistischen Schwanzlutscher" bezeichnet, steigert das nicht gerade die Motivation, kostbare Zeit mit "Heart On" zu teilen. Dabei ist Hughes' Liebe zu Surf-Sounds, Fuzz-Gitarren, den frühen Stones und AC/DC auch diesmal wieder ein guter Grund, nicht wegzuhören. Vor allem die wehmütigen "How Can A Man With So Many Friends Feel So Alone" und "Now I'm A Fool" entfernen sich wohltuend von früheren, zuweilen etwas schlappen Parodien und Hommagen auf alte Helden. Nur wenn Mick Jagger "Solo Flights" zu Ohren kommen sollte, ist erstmal Schluss mit lustig. (6) Jan Wigger



Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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Abgehört: Die wichtigste Musik der Woche


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Seite 1
icaros, 19.06.2007
1.
Paradise Lost - Icon: zum ersten Mal seit Jahren wieder ein amtliches Album der britischen Gothic Metal Legende. Hier regiert wieder der Metal und nicht mehr die Anbiederung an das Mainstreetpublikum. Die Songs der neuen Platte können es fast mit den alten Klassikern aufnehmen. Megadeth - United Abominations: Für Megadeth gilt ähnliches wie für Paradise Lost, das beste Album der Band seit Jahren, Dave Mustaine will es wohl noch mal wissen. Samael - Solar Soul: Die Schweizer sind ein Garant für hochklassigen, dunklen Metal mit Elektroschlagseite Akercocke - Antichrist: völlig abgefahrener Mix aus Black Metal, Grindcore, Death Metal, Ambient und ruhigen Passagen. Sicher keine Musik für Gelegenheitshörer aber es lohnt sich Zeit für das Album zu nehmen. Trelldom - Til Minne...: So war Black Metal ursprünglich gemeint: Roh, kalt, atmosphärisch, schwarz. Die Blaxk Metal Scheibe der Woche Und zum Schluß noch was anderes als Metal: Manes - How The World Came To An End: Dunkle Sounds zwischen Avantgarde, Ambient, Elektro mit unterschwelligem Gothictouch. Die Norweger scheuen sich auch nicht davor französischen Rap einzubauen. Funktioniert erstaunlicherweise. Sollte man als Hörer ohne Scheuklappen mal gehört haben.
ralfons 19.06.2007
2.
Zitat von icarosParadise Lost - Icon: zum ersten Mal seit Jahren wieder ein amtliches Album der britischen Gothic Metal Legende. Hier regiert wieder der Metal und nicht mehr die Anbiederung an das Mainstreetpublikum. Die Songs der neuen Platte können es fast mit den alten Klassikern aufnehmen. Megadeth - United Abominations: Für Megadeth gilt ähnliches wie für Paradise Lost, das beste Album der Band seit Jahren, Dave Mustaine will es wohl noch mal wissen. Samael - Solar Soul: Die Schweizer sind ein Garant für hochklassigen, dunklen Metal mit Elektroschlagseite Akercocke - Antichrist: völlig abgefahrener Mix aus Black Metal, Grindcore, Death Metal, Ambient und ruhigen Passagen. Sicher keine Musik für Gelegenheitshörer aber es lohnt sich Zeit für das Album zu nehmen. Trelldom - Til Minne...: So war Black Metal ursprünglich gemeint: Roh, kalt, atmosphärisch, schwarz. Die Blaxk Metal Scheibe der Woche Und zum Schluß noch was anderes als Metal: Manes - How The World Came To An End: Dunkle Sounds zwischen Avantgarde, Ambient, Elektro mit unterschwelligem Gothictouch. Die Norweger scheuen sich auch nicht davor französischen Rap einzubauen. Funktioniert erstaunlicherweise. Sollte man als Hörer ohne Scheuklappen mal gehört haben.
"In Requiem" heißt das neue Album, hört sich allerdings endlich wieder an wie "Icon" :) Eigentlich wäre ja Devildriver - Last Kind Words mein Album der Woche geworden. Amtlicher Thrash, der einem schön die Birne freibläst. Aber dann bin ich im CD-Regal doch nicht an den Re-Releases der Blind-Guardian-Alben von "Battalions of Fear" bis "Nightfall in Middle Earth" vorbeigekommen. Alle Alben sind digital remastered - die ersten beiden ("Battalions of Fear" und "Follow the Blind") sind komplett neu abgemischt - und mit neuen Liner-Notes und Bonus-Tracks versehen. Wer also einige der BG-Klassiker noch nicht sein eigen nennt: Zugreifen! :) Anfangen sollte man vielleicht beim '92er "Somewhere Far Beyond", sozusagen ein Zwischenschritt zwischen den alten, speed-lastigeren Alben und dem neuen, progressiveren Zeug.
icaros, 19.06.2007
3.
Zitat von ralfons"In Requiem" heißt das neue Album, hört sich allerdings endlich wieder an wie "Icon" :) Eigentlich wäre ja Devildriver - Last Kind Words mein Album der Woche geworden. Amtlicher Thrash, der einem schön die Birne freibläst. Aber dann bin ich im CD-Regal doch nicht an den Re-Releases der Blind-Guardian-Alben von "Battalions of Fear" bis "Nightfall in Middle Earth" vorbeigekommen. Alle Alben sind digital remastered - die ersten beiden ("Battalions of Fear" und "Follow the Blind") sind komplett neu abgemischt - und mit neuen Liner-Notes und Bonus-Tracks versehen. Wer also einige der BG-Klassiker noch nicht sein eigen nennt: Zugreifen! :) Anfangen sollte man vielleicht beim '92er "Somewhere Far Beyond", sozusagen ein Zwischenschritt zwischen den alten, speed-lastigeren Alben und dem neuen, progressiveren Zeug.
Oh, das mit dem "Icon" war wohl ein freudscher Verschreiber... Ja, die alten Blind Guardian Sachen waren durchaus hörenswert. Die neueren finde ich persönlich etwas zu überladen, aber das ist natürlich Gerschmackssache. Aber da wir gerade bei Re-Releases sind: Von Edge Of Sanity gibt es demnächst eine Best Of. Eingefleischte Schweden-Death Fans werden zwar eh schon alles der Pioniere haben, wer aber nur im entferntesten auf Melodic Death Metal steht kann nun eine Bildungslücke schließen.
Sonic Nurse, 19.06.2007
4. Musikalische Bandbreite
Der musikalische Geschmack der meisten User hier ist eben genau wie erwartet: Metal, Metal und Metal (in allen möglichen Richtungen und Ausprägungen, ist mir schon bewusst, daß es da ganz viele Kategorien gibt.) Und da werfe nochmal jemand Wigger und Borcholte vor, ihr Geschmack sei einseitig. Tss.
ralfons 19.06.2007
5.
Zitat von Sonic NurseDer musikalische Geschmack der meisten User hier ist eben genau wie erwartet: Metal, Metal und Metal (in allen möglichen Richtungen und Ausprägungen, ist mir schon bewusst, daß es da ganz viele Kategorien gibt.) Und da werfe nochmal jemand Wigger und Borcholte vor, ihr Geschmack sei einseitig. Tss.
Falls die Sysops den neuen Thread eröffnet haben, um die alten Streitereien aus dem Weg zu räumen, hat das ja prima geklappt ;) Zurück zum Thema: Ich finde, dass "A Night at the Opera" die einzig wirklich schlechte Blind-Guardian-Scheibe war, "A Twist in the Myth" ist wieder deutlich eingängiger geworden. Ich freu' mich auf jeden Fall schon auf einige neue Songs in Wacken :) Edge of Sanity sind bei mir allerdings 'ne echte Bildungslücke. Ich kenne zwar einige Songs, hab' aber nie ein Album von ihnen besessen. Von daher hab' ich die Best-Of mal auf meinem Einkaufszettel notiert.
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