Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche

Wer hätte das gedacht? MySpace-Prinzessin Lily Allen streckt mit ihrem tollen zweiten Album allen Medienzynikern die Zunge raus, meint Andreas Borcholte und würdigt Ryan Adams' besten Kumpel. Jan Wigger schwärmt von Klez.e und erinnert sich mit Cannibal Corpse an selige Zeiten.


Lily Allen - "It's Not Me, It's You"
(Parlophone/EMI, 6. Februar)

"The Fear" heißt die erste Single vom neuen Lily-Allen-Album, und Angst musste man vor dieser Platte durchaus haben. Wohl die wenigsten hätten damit gerechnet, dass das sogenannte MySpace-Phänomen aus London eine zweite Platte aufnehmen würde, die dem Hype um die erste ("Alright, Still", 2006) standhalten würde. Nun, "It's Not Me, It's You" sagt schon im Titel alles über diese Haltung, denn wir sind es, die zynischen, abgeklärten Medienmenschen, die schon so an kurzfristig aufstrebende und abstürzende Superstar-Sternchen gewöhnt sind, dass wir dauerhaftes Engagement und echtes Talent schon gar nicht mehr für möglich halten. Lily Allen jedoch beweist mit mehr als einer Handvoll gelungener Popsongs, dass es ein Leben nach der ersten Erregungskurve gibt. Stilistisch vielfältiger und textlich aggressiver startet Lily Allen, gestählt durch Paparazzi-Attacken und ein selbst gewähltes Leben in der Öffentlichkeit sozialer Netzwerke in eine neue Karrierephase.

Noch immer dreht sich der Löwenanteil der Songs um die Liebesleiden einer jungen Großstädterin, aber der Tonfall ist schärfer, wenn sich Allen in "Not Fair" über die verfrühte Ejakulation ihres Bettgenossen beschwert, lakonisch über unverbesserliche Kerle lästert ("Never Gonna Happen") oder einfach mal keine Party machen, sondern nur einen schönen, langweiligen Abend mit Take-out-Futter vor dem Fernseher verbringen will ("Chinese"). In "22" geht es ums Älterwerden, "Everyone's At It" beschäftigt sich mit der allgegenwärtigen Drogen- und Alkoholsucht ihrer Altersgenossen, "The Fear" geißelt den Konsumterror - und im wunderbar dahingeflöteten "Fuck You" rechnet Allen auch noch mit dumpfbackigen Rassisten ab. Nachdem sie zeitweise ähnlich abzustürzen drohte wie Kollegin Amy Winehouse und ihre Frühstücksgewohnheiten und Gewichtsprobleme auf MySpace diskutierte, hätte man mit so viel selbstbewusster Lockerheit und beeindruckender Souveränität nicht mehr gerechnet. Mit "It's Not Me, It's You" streckt uns Lily Allen frech die Zunge raus - und kann sich darüber freuen, den ersten Pop-Standard des neuen Jahres gesetzt zu haben. (8) Andreas Borcholte

Klez.e – "Vom Feuer der Gaben"
(Loob Musik/Universal, 30, Januar)

Auf dem letzten, grandiosen Album "Flimmern" deuteten Klez.e es schon an, nun ist es vollbracht: Die seit jeher mehrdeutig operierende Band aus Berlin hat ihre schmerzhaft leidenschaftliche Musik in andere Kontexte überführt: Jedes der zwölf neuen Lieder wird im Booklet von verschiedenen Künstlern mit einem Bild kommentiert, die CD erscheint im luxuriösen, silbergeprägten Buchformat. Das mehr oder weniger wie ein konventioneller Rocksong beginnende "Madonna" wird bald hymnisch, bald zerrissen und lässt noch einmal die gefallenen Engel aus dem alten Eels-Stück "Flower" vorsingen. Das Lied "Der Garten" hat Sänger Tobias Siebert so eingängig gestaltet, wie es sich ein Mensch, der sich der Kunst verpflichtet fühlt, gerade noch leisten kann, und "Im Raum mit Toten" beweist er letztgültig, dass auch er das berühmte M.-Night-Shyamalan-T-Shirt mit dem Schriftzug "I see dead people" trägt: "Ich kann nichts berühren/ Ist das die Strafe vom anderen Leben/ Mich hier zu fixieren an der Wand." Ja, verdammt, es ist Studentenmusik. Aber eben besonders gute. (7) Jan Wigger

Cannibal Corpse – "Evisceration Plague"
(Metal Blade/SPV, 30. Januar)

Als wir noch in der Oberstufe waren, kauften wir uns die Cannibal-Corpse-LPs "Eaten Back To Life" und "Butchered At Birth" nur der geschmackvollen Plattencover wegen: Von Gott und der Welt verlassene Zombies, die sich selbst die Eingeweide rausreißen und tote Babys an Fleischerhaken – das war unsere Welt. Cannibal Corpse, deren Alben wir damals noch nicht hinter Can einordnen konnten, hatten auch die schönsten Songtitel im Death Metal: "Hammer Smashed Face", "Entrails Ripped From A Virgin's Cunt", "Mummified In Barbed Wire", "Stripped, Raped And Strangled", "Fucked With A Knife" und "I Cum Blood".

An comichaft übersteigerten Berichten über Massenmörder, gekochte Hirnteile und Ausweidungen sind die Amerikaner bis heute interessiert geblieben: "Evisceration Plague" heißt die neue LP, die Hochgeschwindiges und Brutales ("Beheading And Burning"), aber auch Dampfwalzenhaftes ("A Cauldron Of Hate") trefflich zusammenfasst. Der stiernackige George "Corpsegrinder" Fisher - auch bekannt als Mann ohne Hals - "singt" so, wie Corpse-Anhänger es gewohnt sind, und wer noch immer nicht glaubt, was für ein unfassbar guter Schlagzeuger Paul Mazurkiewicz ist, sollte sich drei Stunden Zeit für die Cannibal-Corpse-Dokumentation "Centuries Of Torment" nehmen. Kill! (6) Jan Wigger

Neal Casal - "Roots & Wings"
(Fargo/Rough Trade, 30. Januar)

Neal Casal hat es nicht leicht im Leben. Seit er sich entschieden hat, Chef der Cardinals zu werden und damit so etwas wie der Babysitter für Songwriter-Wunderkind Ryan Adams, gerät die eigene Karriere des Sängers und Gitarristen zunehmend ins Hintertreffen. Zwischen den Aufnahmen für das Cardinals-Album "Cardinology" und der zugehörigen Adams-Tour fand er trotzdem mal wieder Zeit für ein paar eigene Aufnahmen, die jetzt als "Roots & Wings" veröffentlicht werden. Alternative-Country-Perlen wie "On The Mend" von Casals bester LP "The Sun Rises Here" (1998) sind zwar nicht dabei, dennoch beweisen Songs wie "Back To Haunt You" oder "Traveling Lighter" erneut, dass Neal Casal zu Recht mit Westcoast-Ikonen wie Jackson Browne verglichen wird. Der Tonfall seiner Lieder ist unaufdringlich und sanft, und trotzdem bleiben sie hängen, die kleinen, lakonischen Geschichten vom Leben mit der Sehnsucht am Rande des "Superhighway". Casal mag ein ewiger "zweiter Mann" sein, aber in seinen besten Momenten kann der ruhige Neal dem rastlosen Ryan allemal das Wasser reichen. (6) Andreas Borcholte

Andrew Bird – "Noble Beast"
(Bella Union/Cooperative Music/Universal, 6. Februar)

Fast jedes Jahr veröffentlicht der Sänger, Geiger, Pfeifkünstler und sogenannte "Multi-Instrumentalist" Andrew Bird aus Chicago, Illinois eine neue Platte. Fast jedes Jahr sind Musikkritiker sowie Freunde der Zartheit und des Surrealen begeistert, doch zumindest in Deutschland liegt Birds Bekanntheitsgrad kaum über jenem von Ron Sexsmith, Josh Rouse oder Ed Harcourt. Auch die spektakulären Charakteristika von Antony Hegarty oder Rufus Wainwright fehlen dem auch in ungarischer Zigeunermusik und obskurem Jazz bewanderten Songschreiber. Dafür webt Andrew Bird eine knappe Stunde lang Arrangements wie feine Spinnennetze und singt im wunderbaren Einstieg "Oh No" wahrscheinlich doch von der Liebe: "Oh arm in arm we are the harmless sociopaths/ Arm in arm with all the harmless sociopaths/ In the calcium mines buried deep in our chests/ You're deep in a mine/ A calcium mine." Am besten mit "The Swimming Hour" (2001) und "The Mysterious Production Of Eggs" (2005) einsteigen. Oder endlich mal eine Platte von Michael Penn kaufen. (7) Jan Wigger


Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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Seite 1
icaros, 19.06.2007
1.
Paradise Lost - Icon: zum ersten Mal seit Jahren wieder ein amtliches Album der britischen Gothic Metal Legende. Hier regiert wieder der Metal und nicht mehr die Anbiederung an das Mainstreetpublikum. Die Songs der neuen Platte können es fast mit den alten Klassikern aufnehmen. Megadeth - United Abominations: Für Megadeth gilt ähnliches wie für Paradise Lost, das beste Album der Band seit Jahren, Dave Mustaine will es wohl noch mal wissen. Samael - Solar Soul: Die Schweizer sind ein Garant für hochklassigen, dunklen Metal mit Elektroschlagseite Akercocke - Antichrist: völlig abgefahrener Mix aus Black Metal, Grindcore, Death Metal, Ambient und ruhigen Passagen. Sicher keine Musik für Gelegenheitshörer aber es lohnt sich Zeit für das Album zu nehmen. Trelldom - Til Minne...: So war Black Metal ursprünglich gemeint: Roh, kalt, atmosphärisch, schwarz. Die Blaxk Metal Scheibe der Woche Und zum Schluß noch was anderes als Metal: Manes - How The World Came To An End: Dunkle Sounds zwischen Avantgarde, Ambient, Elektro mit unterschwelligem Gothictouch. Die Norweger scheuen sich auch nicht davor französischen Rap einzubauen. Funktioniert erstaunlicherweise. Sollte man als Hörer ohne Scheuklappen mal gehört haben.
ralfons 19.06.2007
2.
Zitat von icarosParadise Lost - Icon: zum ersten Mal seit Jahren wieder ein amtliches Album der britischen Gothic Metal Legende. Hier regiert wieder der Metal und nicht mehr die Anbiederung an das Mainstreetpublikum. Die Songs der neuen Platte können es fast mit den alten Klassikern aufnehmen. Megadeth - United Abominations: Für Megadeth gilt ähnliches wie für Paradise Lost, das beste Album der Band seit Jahren, Dave Mustaine will es wohl noch mal wissen. Samael - Solar Soul: Die Schweizer sind ein Garant für hochklassigen, dunklen Metal mit Elektroschlagseite Akercocke - Antichrist: völlig abgefahrener Mix aus Black Metal, Grindcore, Death Metal, Ambient und ruhigen Passagen. Sicher keine Musik für Gelegenheitshörer aber es lohnt sich Zeit für das Album zu nehmen. Trelldom - Til Minne...: So war Black Metal ursprünglich gemeint: Roh, kalt, atmosphärisch, schwarz. Die Blaxk Metal Scheibe der Woche Und zum Schluß noch was anderes als Metal: Manes - How The World Came To An End: Dunkle Sounds zwischen Avantgarde, Ambient, Elektro mit unterschwelligem Gothictouch. Die Norweger scheuen sich auch nicht davor französischen Rap einzubauen. Funktioniert erstaunlicherweise. Sollte man als Hörer ohne Scheuklappen mal gehört haben.
"In Requiem" heißt das neue Album, hört sich allerdings endlich wieder an wie "Icon" :) Eigentlich wäre ja Devildriver - Last Kind Words mein Album der Woche geworden. Amtlicher Thrash, der einem schön die Birne freibläst. Aber dann bin ich im CD-Regal doch nicht an den Re-Releases der Blind-Guardian-Alben von "Battalions of Fear" bis "Nightfall in Middle Earth" vorbeigekommen. Alle Alben sind digital remastered - die ersten beiden ("Battalions of Fear" und "Follow the Blind") sind komplett neu abgemischt - und mit neuen Liner-Notes und Bonus-Tracks versehen. Wer also einige der BG-Klassiker noch nicht sein eigen nennt: Zugreifen! :) Anfangen sollte man vielleicht beim '92er "Somewhere Far Beyond", sozusagen ein Zwischenschritt zwischen den alten, speed-lastigeren Alben und dem neuen, progressiveren Zeug.
icaros, 19.06.2007
3.
Zitat von ralfons"In Requiem" heißt das neue Album, hört sich allerdings endlich wieder an wie "Icon" :) Eigentlich wäre ja Devildriver - Last Kind Words mein Album der Woche geworden. Amtlicher Thrash, der einem schön die Birne freibläst. Aber dann bin ich im CD-Regal doch nicht an den Re-Releases der Blind-Guardian-Alben von "Battalions of Fear" bis "Nightfall in Middle Earth" vorbeigekommen. Alle Alben sind digital remastered - die ersten beiden ("Battalions of Fear" und "Follow the Blind") sind komplett neu abgemischt - und mit neuen Liner-Notes und Bonus-Tracks versehen. Wer also einige der BG-Klassiker noch nicht sein eigen nennt: Zugreifen! :) Anfangen sollte man vielleicht beim '92er "Somewhere Far Beyond", sozusagen ein Zwischenschritt zwischen den alten, speed-lastigeren Alben und dem neuen, progressiveren Zeug.
Oh, das mit dem "Icon" war wohl ein freudscher Verschreiber... Ja, die alten Blind Guardian Sachen waren durchaus hörenswert. Die neueren finde ich persönlich etwas zu überladen, aber das ist natürlich Gerschmackssache. Aber da wir gerade bei Re-Releases sind: Von Edge Of Sanity gibt es demnächst eine Best Of. Eingefleischte Schweden-Death Fans werden zwar eh schon alles der Pioniere haben, wer aber nur im entferntesten auf Melodic Death Metal steht kann nun eine Bildungslücke schließen.
Sonic Nurse, 19.06.2007
4. Musikalische Bandbreite
Der musikalische Geschmack der meisten User hier ist eben genau wie erwartet: Metal, Metal und Metal (in allen möglichen Richtungen und Ausprägungen, ist mir schon bewusst, daß es da ganz viele Kategorien gibt.) Und da werfe nochmal jemand Wigger und Borcholte vor, ihr Geschmack sei einseitig. Tss.
ralfons 19.06.2007
5.
Zitat von Sonic NurseDer musikalische Geschmack der meisten User hier ist eben genau wie erwartet: Metal, Metal und Metal (in allen möglichen Richtungen und Ausprägungen, ist mir schon bewusst, daß es da ganz viele Kategorien gibt.) Und da werfe nochmal jemand Wigger und Borcholte vor, ihr Geschmack sei einseitig. Tss.
Falls die Sysops den neuen Thread eröffnet haben, um die alten Streitereien aus dem Weg zu räumen, hat das ja prima geklappt ;) Zurück zum Thema: Ich finde, dass "A Night at the Opera" die einzig wirklich schlechte Blind-Guardian-Scheibe war, "A Twist in the Myth" ist wieder deutlich eingängiger geworden. Ich freu' mich auf jeden Fall schon auf einige neue Songs in Wacken :) Edge of Sanity sind bei mir allerdings 'ne echte Bildungslücke. Ich kenne zwar einige Songs, hab' aber nie ein Album von ihnen besessen. Von daher hab' ich die Best-Of mal auf meinem Einkaufszettel notiert.
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