Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche

Die meistgehasste Lieblingsband der Welt ist zurück - und Andreas Borcholte stellt entzückt fest, dass selbst U2-Frontman Bono jetzt der Egomanie entsagt. Außerdem will er den Schweizern Sophie Hunger abspenstig machen, während Jan Wigger dem Schauder vom DM Stith erliegt.


U2 - "No Line On The Horizon"
(Vertigo/Universal, 27. Februar)

U2, das ist im 30. Jahr seines Bestehens ein schwieriges, sehr komplexes Gebilde, das noch nicht einmal mit dem Neuerfindungs-Guru schlechthin klarkommt. Ursprünglich wollten Bono, Edge, Larry Mullen Jr. und Adam Clayton ihr neues Album nämlich von Rick Rubin produzieren lassen. Nach den klassisch rockenden, aber irgendwie einfallslosen Alben "All That You Can't Leave Behind" und "How To Dismantle An Atomic Bomb" wollte man etwas Neues, den alten Karren noch mal aus dem Graben heben. Aber die zupackenden Iren und der esoterische Amerikaner passten nicht gut zusammen.

Am Ende musste doch wieder das seit gut 20 Jahren bewährte Team Daniel Lanois, Steve Lillywhite und Brian Eno ran. Wer nun aber denkt, U2 seien damit endgültig auf den Pfad generischer Selbstwiederholung eingeschwenkt, sollte sich "No Line On The Horizon" genau anhören. Frischer, mutiger und experimentierfreudiger als in Songs wie "Unknown Caller", in dem sich The Edge zu einem beeindruckenden Solo hinreißen lässt, "Moment Of Surrender", das in einem einzigen Take aufgenommen wurde oder der elegischen Ballade "White As Snow" hat man die meistgehasste Lieblingsband der Welt lange nicht gehört. Der Willen, musikalisch noch einmal einen Schritt weiterzugehen, ist hier in jeder der in wochenlangen Studiostunden akribisch ausgehandelten Noten zu spüren. Selbst Bono stellt seine politische Missionarstätigkeit in den Hintergrund und gibt sich selbstironisch ("Stand Up Comedy") oder erzählt aus der Perspektive eines fiktiven Charakters ("Cedars Of Lebanon"), was der irische Egoman bekanntlich selten hinkriegt. Gut, machen wir uns nichts vor: Das alles ist und bleibt ein U2-Album und klingt daher manchmal etwas zu groß, zu perfekt, zu bemüht. Letztlich aber ist man versöhnt: Für U2, diese schwierige, aber immer noch energische Maschine, gibt es vielleicht keine Linie am Horizont, aber Licht am Ende des Tunnels. (9) Andreas Borcholte

DM Stith - "Heavy Ghost"
(Asthmatic Kitty Records/Cargo, 13. März)

Eigentlich enttäuschend, dass dieser sehr spezielle amerikanische Künstler ein Gesicht und einen Körper hat: Nichts auf David Stiths erstem Album "Heavy Ghost" klingt irdisch oder greifbar, nichts ist, wie es scheint. Eines aber steht uneingeschränkt im Zentrum dieser zwölf wundersam verstiegenen Kompositionen: Die Stimme. Als vage Vergleichsgrößen genannt wurden bereits Antony Hegarty, Jeff Buckley und Sufjan Stevens - alles und nichts davon trifft zu.

Für Stevens, der beim Asthmatic-Kitty-Label arbeitet und veröffentlicht, reichten schon zwei Lieder von Stith aus, um ihn zu einer 5-Track-EP ("Curtain Speech") und nun zu seinem ersten Album "Heavy Ghost" zu ermutigen. Stiths Spiel mit Stimmungen und Instrumenten ist in etwa so frei und befreiend wie bei Panda Bear, sein Ansatz lässt neben Kunstliedern und bizarrem Folk auch Kammermusik und Engelschoräle zu. Wer vor Stiths eigenwilligem Gesangsvortrag nicht zurückschreckt, wird der Schönheit und dem Schauder eines Stücks wie "Fire Of Birds" schnell erliegen: Stith erzählt, wie die Nachbarn mit dem Feuer sprechen und er einem Freund durch den nächtlichen, verregneten Wald folgt. Dazu ein Gurren, ein Klappern, ein Flüstern. Weak in the presence of beauty. (8) Jan Wigger

Sophie Hunger - "Monday's Ghost"
(Emarcy/Universal, 27. Februar)

Alle Schweizer müssen jetzt wahrscheinlich ein Gähnen unterdrücken und sich zügeln, damit ihnen nicht ein naseweises "Wer hat's erfunden!?" entfährt. Ja, okay, wir wissen, dass Sophie Hunger in den Alpen schon seit mindestens einem Jahr als wundersamste, tollste und aufregendste Neu-Entdeckung der Popmusik gefeiert wird. Leider aber erscheint ihr zweites Album "Monday's Ghost" erst jetzt in Deutschland. Hier also unsere Lobeshymne: Vielseitiger geht's kaum. In "Round And Round" gibt sich Sophie Hunger, die eigentlich Emilie Wälti heißt, als wäre sie in einer Jazz-Lounge zu Hause. Dann aber, in "The Tourist", hämmert das Piano, als hätte Tori Amos den Punkrock entdeckt. "Boat Is Full" rockt von einer Indie-Ecke in die nächste, während "Birth-Day" mit losfetzender Harmonika an Bob Dylans "Like A Rolling Stone" erinnert, ohne peinlich zu sein. Schön und gut, aber wo ist die eigene Identität? In den mal sanften, mal schlauen, mal ruppigen, aber immer poetischen Popsongs dazwischen. Und in "Rise And Fall", wo Hunger in der Mitte plötzlich auf eine radikale Version des schweizerischen Guggisberg-Liedes umschwenkt. Oder im traurigen "Walzer für Niemand", den sie auf Hochdeutsch singt. Liebe Schweizer, Ihr habt Sophie Hunger erfunden, na gut. Aber wir würden sie liebend gerne ausleihen. (8) Andreas Borcholte

Barzin - "Notes To An Absent Lover"
(Monotreme/Cargo, 27. Februar)

Das Leben hat nie behauptet, fair zu sein. Trotzdem erscheinen seit eh und je als Schallplatten getarnte Weltanklagen von verzagten Songschreibern, die sich wortreich darüber wundern, dass das Schicksal mit zweierlei Maß misst und jede Beschwerde postwendend an den Absender zurückschickt. Auf Barzins drittem Album "Notes To An Absent Lover" dengeln akustische Gitarre, Banjo, Pedal Steel und Vibraphon im gewohnten Schneckentempo durch den Hinterwald, während der Kanadier in sehr gleichförmigem Tonfall allerlei Zweifel anmeldet: "I was lost inside a song/ You were lost inside your heart/ We were both lost from the start" ("Lost"). Es gibt schon eine Menge dieser Platten, von Spain, von Dakota Suite und natürlich vom unschlagbaren Mark Kozelek, dem König des Schmerzes. "Notes To An Absent Lover" ist zweifellos solide, aber leider allzu gediegen und gewöhnlich, um weiter aufzufallen. (5) Jan Wigger

The Milk & Honey Band - "Dog Eared Moonlight"
(Ape House Records/Alive, 27. Februar)

Die Geschichte des bislang wenig beachteten Musikers Robert White ist zu interessant, um sie bei der Betrachtung der Milk & Honey Band außer Acht zu lassen: Das mit billigstem Equipment eingespielte Debüt "Round The Sun" stammt aus dem Jahr 1994. Eine zweite LP ("Boy From The Moon"), die erst sechs Jahre später erschien, erregte die Aufmerksamkeit von Andy Partridge (XTC), der fortan alle weiteren Arbeiten der Milk & Honey-Band bei seiner Plattenfirma Ape House herausbrachte. Während eine Band wie beispielsweise Polarkreis 18 sich leider zur Aussage bemüßigt fühlt, man mache "anspruchsvolle Popmusik", hat White einfach nur eine kleine neue Platte aufgenommen, die gelöst durch die Jahrzehnte wandelt: Robert White singt ein wenig wie Michael Penn, doch "Maryfaith Autumn" erinnert viel eher an das späte XTC-Meisterwerk "Apple Venus Vol.1". Auch Crowded House, Elliott Smith und Joe Pernice ("Waste Of Time") dürften White etwas bedeuten. Dazu, in "No World At All", ein Satz, der bleibt: "Breaking windows just for fun / And walking on the glass." (6) Jan Wigger


Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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Seite 1
icaros, 19.06.2007
1.
Paradise Lost - Icon: zum ersten Mal seit Jahren wieder ein amtliches Album der britischen Gothic Metal Legende. Hier regiert wieder der Metal und nicht mehr die Anbiederung an das Mainstreetpublikum. Die Songs der neuen Platte können es fast mit den alten Klassikern aufnehmen. Megadeth - United Abominations: Für Megadeth gilt ähnliches wie für Paradise Lost, das beste Album der Band seit Jahren, Dave Mustaine will es wohl noch mal wissen. Samael - Solar Soul: Die Schweizer sind ein Garant für hochklassigen, dunklen Metal mit Elektroschlagseite Akercocke - Antichrist: völlig abgefahrener Mix aus Black Metal, Grindcore, Death Metal, Ambient und ruhigen Passagen. Sicher keine Musik für Gelegenheitshörer aber es lohnt sich Zeit für das Album zu nehmen. Trelldom - Til Minne...: So war Black Metal ursprünglich gemeint: Roh, kalt, atmosphärisch, schwarz. Die Blaxk Metal Scheibe der Woche Und zum Schluß noch was anderes als Metal: Manes - How The World Came To An End: Dunkle Sounds zwischen Avantgarde, Ambient, Elektro mit unterschwelligem Gothictouch. Die Norweger scheuen sich auch nicht davor französischen Rap einzubauen. Funktioniert erstaunlicherweise. Sollte man als Hörer ohne Scheuklappen mal gehört haben.
ralfons 19.06.2007
2.
Zitat von icarosParadise Lost - Icon: zum ersten Mal seit Jahren wieder ein amtliches Album der britischen Gothic Metal Legende. Hier regiert wieder der Metal und nicht mehr die Anbiederung an das Mainstreetpublikum. Die Songs der neuen Platte können es fast mit den alten Klassikern aufnehmen. Megadeth - United Abominations: Für Megadeth gilt ähnliches wie für Paradise Lost, das beste Album der Band seit Jahren, Dave Mustaine will es wohl noch mal wissen. Samael - Solar Soul: Die Schweizer sind ein Garant für hochklassigen, dunklen Metal mit Elektroschlagseite Akercocke - Antichrist: völlig abgefahrener Mix aus Black Metal, Grindcore, Death Metal, Ambient und ruhigen Passagen. Sicher keine Musik für Gelegenheitshörer aber es lohnt sich Zeit für das Album zu nehmen. Trelldom - Til Minne...: So war Black Metal ursprünglich gemeint: Roh, kalt, atmosphärisch, schwarz. Die Blaxk Metal Scheibe der Woche Und zum Schluß noch was anderes als Metal: Manes - How The World Came To An End: Dunkle Sounds zwischen Avantgarde, Ambient, Elektro mit unterschwelligem Gothictouch. Die Norweger scheuen sich auch nicht davor französischen Rap einzubauen. Funktioniert erstaunlicherweise. Sollte man als Hörer ohne Scheuklappen mal gehört haben.
"In Requiem" heißt das neue Album, hört sich allerdings endlich wieder an wie "Icon" :) Eigentlich wäre ja Devildriver - Last Kind Words mein Album der Woche geworden. Amtlicher Thrash, der einem schön die Birne freibläst. Aber dann bin ich im CD-Regal doch nicht an den Re-Releases der Blind-Guardian-Alben von "Battalions of Fear" bis "Nightfall in Middle Earth" vorbeigekommen. Alle Alben sind digital remastered - die ersten beiden ("Battalions of Fear" und "Follow the Blind") sind komplett neu abgemischt - und mit neuen Liner-Notes und Bonus-Tracks versehen. Wer also einige der BG-Klassiker noch nicht sein eigen nennt: Zugreifen! :) Anfangen sollte man vielleicht beim '92er "Somewhere Far Beyond", sozusagen ein Zwischenschritt zwischen den alten, speed-lastigeren Alben und dem neuen, progressiveren Zeug.
icaros, 19.06.2007
3.
Zitat von ralfons"In Requiem" heißt das neue Album, hört sich allerdings endlich wieder an wie "Icon" :) Eigentlich wäre ja Devildriver - Last Kind Words mein Album der Woche geworden. Amtlicher Thrash, der einem schön die Birne freibläst. Aber dann bin ich im CD-Regal doch nicht an den Re-Releases der Blind-Guardian-Alben von "Battalions of Fear" bis "Nightfall in Middle Earth" vorbeigekommen. Alle Alben sind digital remastered - die ersten beiden ("Battalions of Fear" und "Follow the Blind") sind komplett neu abgemischt - und mit neuen Liner-Notes und Bonus-Tracks versehen. Wer also einige der BG-Klassiker noch nicht sein eigen nennt: Zugreifen! :) Anfangen sollte man vielleicht beim '92er "Somewhere Far Beyond", sozusagen ein Zwischenschritt zwischen den alten, speed-lastigeren Alben und dem neuen, progressiveren Zeug.
Oh, das mit dem "Icon" war wohl ein freudscher Verschreiber... Ja, die alten Blind Guardian Sachen waren durchaus hörenswert. Die neueren finde ich persönlich etwas zu überladen, aber das ist natürlich Gerschmackssache. Aber da wir gerade bei Re-Releases sind: Von Edge Of Sanity gibt es demnächst eine Best Of. Eingefleischte Schweden-Death Fans werden zwar eh schon alles der Pioniere haben, wer aber nur im entferntesten auf Melodic Death Metal steht kann nun eine Bildungslücke schließen.
Sonic Nurse, 19.06.2007
4. Musikalische Bandbreite
Der musikalische Geschmack der meisten User hier ist eben genau wie erwartet: Metal, Metal und Metal (in allen möglichen Richtungen und Ausprägungen, ist mir schon bewusst, daß es da ganz viele Kategorien gibt.) Und da werfe nochmal jemand Wigger und Borcholte vor, ihr Geschmack sei einseitig. Tss.
ralfons 19.06.2007
5.
Zitat von Sonic NurseDer musikalische Geschmack der meisten User hier ist eben genau wie erwartet: Metal, Metal und Metal (in allen möglichen Richtungen und Ausprägungen, ist mir schon bewusst, daß es da ganz viele Kategorien gibt.) Und da werfe nochmal jemand Wigger und Borcholte vor, ihr Geschmack sei einseitig. Tss.
Falls die Sysops den neuen Thread eröffnet haben, um die alten Streitereien aus dem Weg zu räumen, hat das ja prima geklappt ;) Zurück zum Thema: Ich finde, dass "A Night at the Opera" die einzig wirklich schlechte Blind-Guardian-Scheibe war, "A Twist in the Myth" ist wieder deutlich eingängiger geworden. Ich freu' mich auf jeden Fall schon auf einige neue Songs in Wacken :) Edge of Sanity sind bei mir allerdings 'ne echte Bildungslücke. Ich kenne zwar einige Songs, hab' aber nie ein Album von ihnen besessen. Von daher hab' ich die Best-Of mal auf meinem Einkaufszettel notiert.
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