Abgehört: Die wichtigsten CDs der Woche

Anja Plaschg öffnet die Pulsadern ihrer Zuhörer von ganz allein, glaubt Jan Wigger - und kann nur Gutes an ihrem Schmerz finden. Den Australiern Empire of the Sun prophezeit er, Konsensband des Jahres zu werden. Außerdem dabei: Neues von Olli Schulz, Gui Boratto und Bishop Allen.

Soap & Skin - "Lovetune For Vacuum"

(Couch/PIAS/Rough Trade, 13. März)

Das Feuilleton raschelt schon und alle Blätter fallen von den Bäumen, denn die nicht einmal 19-jährige Österreicherin Anja Plaschg hat eine der wenigen zeitgenössischen Platten aufgenommen, die ein Geheimnis haben. Gebetsmühlenartig wurde auf die morbide Grundstimmung von "Lovetune For Vacuum" und auf die Anstrengung verwiesen, die es Plaschg kostet, über die Entstehung ihrer Musik zu sprechen.

Aber wie soll man auch ein Stück wie "Cry Wolf" erklären, das von einer Spieldose aus der Hölle gespielt wird, oder über "The Sun" schreiben, dessen Tragik und Schönheit noch etwas stärker brennt, wenn Plaschg darüber singt, wie sie von der Sonne in ein schwarzes Loch gezogen wird und die Sonne schließlich stirbt.

Ja, "Lovetune For Vacuum" ist ein durchaus würdiges Pendant zu Wall & Melzack's Schwarte "Textbook Of Pain", aber es ist eben auch nicht ganz so defätistisch und vom Leben angeekelt wie Nicos "The Marble Index", das man ja überhaupt nur mit geschärften Rasierklingen in beiden Händen angemessen genießen konnte. Das Debüt-Album von Soap & Skin dagegen ist gerade für Schmerzpatienten ein Ratgeber in allen Lebenslagen: Immer wieder werden auf dem verzauberten, wohltemperierten Klavier die Herbsttöne angeschlagen, immer wieder erzittert man: "When I was a child/ Peers pushed me hard in my head/ In my neck/ In my chest/ In my waist/ In my butt." ("Spiracle"). Kein Lichtschalter, nirgends. Und die Pulsadern öffnen sich von ganz allein. Total eclipse of the sun. (9) Jan Wigger

Empire Of The Sun - "Walking On A Dream"

(EMI, 13. März)

Es ist wahr, dass Empire Of The Sun aus Australien die achtziger Jahre aufgefressen haben müssen und fast genau so klingen wie eine Disco-Version von MGMT. Viel verwunderlicher aber ist, dass Nick Littlemore (sonst bei Pnau) und Luke Steele (sonst Hippie-Baron bei The Sleepy Jackson) mit "We Are The People", "Walking On A Dream", "Standing On A Shore" und "The World" Songs geschrieben haben, die den MGMT-Singles "Time To Pretend", "Electric Feel" und "Kids" ohne Anstrengung das Wasser reichen können.

Zumindest die erste Hälfte von "Walking On A Dream" überragt alles, was in den letzten zwei Jahren im Indie-, Dance- und Elektrobereich zu hören war, und man muss nicht mit den Fähigkeiten eines Sehers ausgestattet sein, um vorauszusagen, dass Steele und Littlemore das eine Album gemacht haben, auf das sich alle einigen werden können, wenn dieses Jahr zu Ende geht. Was Empire Of The Sun darüber hinaus so reizvoll macht, ist nicht etwa das entsetzliche Cover, sondern die Tatsache, dass "Walking On A Dream" eine Art Hommage an Künstler zu sein scheint, deren Existenz von Hipstern der Neuzeit gern abgestritten wird: The Bee Gees, Thinkman, Frankie Goes To Hollywood, Electric Light Orchestra und Gary Numan. Elegantly Wasted. (8) Jan Wigger

Gui Boratto - "Take My Breath Away"

(Kompakt/Rough Trade, 23. März)

Man sollte dankbar und demütig sein angesichts der Zeichen und Wunder, die noch geschehen: Bruce Springsteen erringt völlig unerwartet seinen ersten (und vermutlich letzten) Sieg in der beliebten "Platten vor Gericht"-Rubrik der Monatszeitschrift "Intro", und auf dem Cover der neuen Gui-Boratto-CD sind Kinder im Sektenkostüm zu sehen, die Gasmasken tragen und durch ein Gänseblümchen-Feld wandern. Das Beste an "Take My Breath Away" ist jedoch, dass der Brasilianer Boratto wieder einmal eine Brücke zwischen stummer Melancholie ("Godet"), massentauglichem Vocal-Techno ("No Turning Back") und verschlagener Ehrerbietung schlägt, wie im grandiosen "Colors", wo er kaum verhüllen will, dass auch er damals vom DJ Koze/Steve-Bug-Remix von Blumfelds "Tausend Tränen Tief" begeistert war. Sehr gute Arbeit, wie immer bei Boratto, dessen erste LP "Chromophobia", ebenfalls beim Kölner Label Kompakt veröffentlicht, Weltklasse war. (7) Jan Wigger

Olli Schulz - "Es brennt so schön"

(Columbia/Sony, 13. März)

Nein, "Mach den Bibo" passt kein bisschen zum Rest des ersten echten Solo-Albums des Exil-Hamburgers Olli Schulz. Trotzdem gibt es keinen einzigen Grund, warum man die komplett von der US-Band Rival Schools eingespielte Nummer, die einerseits an den "Apfelmann", andererseits an "Glory Days" erinnert, zum alleinigen Anlass nehmen sollte, über "Es brennt so schön" zu richten. Es sind noch zehn andere Stücke auf dieser Platte, die man gut und gerne unter dem Begriff "Zitat-Rock" subsumieren könnte: Das Cover evoziert noch einmal den Boxer auf "Peace And Love" von The Pogues, es gibt den Piano-Part aus Queens "Innuendo", die vehement angeschlagene Gitarre aus Fleetwood Macs "Second Hand News" und ein kleines Lied darüber, warum es manchmal besser ist, nur Freunde zu bleiben: "Die Leute denken, wir sind betrunken/ dabei sind wir bloß Freunde/ Haben unser Lied gefunden/ Das singen wir noch heute." Und wäre "Isabell" von Jeff Tweedy, alle schrieben drüber. (7) Jan Wigger

Bishop Allen - "Grrr..."

(Dead Oceans/Cargo, 13. März)

Die unablässige Beschäftigung mit Paul-Simon-Platten seit frühestem Kindesalter wurde ja bisher vor allem der New Yorker Band Vampire Weekend vorgeworfen. Dabei ist die Leichtigkeit, mit der sich Justin Rice und Christian Rudder durch die 13 Stücke auf Bishop Allens "Grrr..." spielen, ebenso eindeutig mit einem Simon-Song wie "Me And Julio Down By The Schoolyard" (oder mit "Marrakesh Express" von Crosby, Stills & Nash!) verwandt. Auch Jonathan Richman, die Violent Femmes und Pavement in ihrer verspieltesten Phase lassen sich aus Songs wie "The Lion & The Teacup" oder "Cue The Elephants" heraushören. Trotz Marimbas, Ukulele, Bläsern und diversen anderen Niedlichkeiten kann das auf Albumlänge etwas eintönig werden. Sehr hübsch: Die Percussion klingt zuweilen wie klappernde Zähne. (6) Jan Wigger


Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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