Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche

Warum feiern eigentlich alle Bonnie "Prince" Billy, wenn Bill Callahan genauso brüchige und anrührende Musik macht, fragt Jan Wigger und würdigt den zeitlosen Pop von Prefab Sprout. Andreas Borcholte verliert sich mit Fever Ray im nächtlichen Hexenwald Schwedens.


Bill Callahan - "Sometimes I Wish We Were An Eagle"
(Drag City/Rough Trade, 27. März)

Die Wege der Songschreiber Will Oldham und Bill Callahan waren schon immer auf die eine oder andere Art verbunden. Doch nicht erst seit Oldham wieder generös Interview-Audienzen gewährt und plötzlich jedes Stadtblatt über die neue Bonnie-"Prince"-Billy-Platte "Beware" schreibt, werden die zahlreichen Wunderwerke von Smog-Maestro Bill Callahan aus unerklärlichen Gründen eher stiefmütterlich behandelt. Ob Bill sich einen Bart stehen lassen sollte? Wer die neun Lieder auf "Sometimes I Wish We Were An Eagle" wieder und wieder hört, könnte intuitiv zu dem Schluss kommen, dass es Callahan endlich gelungen ist, seine gesamte kleine Karriere auf einer einzigen Platte zusammenzufassen.

Im musikalisch fast schon heiteren "Eid Ma Clack Shaw" braucht Callahan wie gewohnt nur ein, zwei Sätze, um Gewissheiten beiläufig zersplittern zu lassen: "I dreamed it was a dream that you were gone/ I woke up feeling so ripped by reality/ Yeah, love is the king of the beasts/ And when it gets hungry it must kill to eat/ Yeah, love is the king of the beasts/ A lion walking down city streets." Wie Callahan in "My Friend" die Worte "I will always love you" als exaktes Gegenteil von Whitney Houston intoniert, ist unnachahmlich, und die bloße Schönheit von "Too Many Birds" lässt die Gedanken wandern - zu "A Guiding Light", zu "River Guard", zu "Rock Bottom Riser" und all den anderen rätselhaften Poemen von Smog. "It's time to put God away" sprechsingt Callahan im fabelhaften, fast zehnminütigen "Faith/Void". Man kann es nicht oft genug betonen. (9) Jan Wigger

Fever Ray - "Fever Ray"
(Cooperative Music/Universal, 27. März)

Karin Dreijer Anderson ist eine Hälfte des schwedischen Experimental-Duos The Knife. Nach der Geburt ihres zweiten Kindes wollte sie eigentlich eine Auszeit nehmen, aber in tagtraumartigen Dämmerzuständen seien ihr dann jedoch jede Menge Texte für Songs eingefallen, die unbedingt veröffentlicht werden mussten. Sagt sie. Ihr Bruder und Knife-Kollege Olof Dreijer war anderweitig beschäftigt, so dass Anderson mit Bandmixer Christoffer Berg und dem in Elektro-Kreisen bekannten Produzenten-Duo Van Rivers & The Subliminal Kid das Soloprojekt Fever Ray ins Leben rief. Das Album klingt so entrückt, unterkühlt und auf eine bedrohliche Weise elfenhaft, wie man es von einer enigmatischen Figur wie Anderson erwartet. Erst nach mehrmaligem Hören entfalten die einzelnen Stücke eine hypnotische Faszination, die in "Dry & Dusty", "Seven" oder "Triangle Walks" am ehesten noch an die alptraumhaften Experimente des Underworld-Vorgängerprojekts Freur erinnern.

Flüchtig und gespenstisch wie eine Waldhexe im nachtfeuchten Geäst singt Anderson mit vielfacher Stimmverzerrung davon, wie es wäre, ein Herz zu haben ("If I Had A Heart") oder träumt davon, ein Förster zu sein, der in High Heels durchs Moos läuft ("When I Grow Up"). Zu den strahlenden, blütenreinen Hippie-Visionen von Fleet Foxes oder School of Seven Bells verhält sich dieses düstere Nachtgewächs wie ein negatives Spiegelbild. So rätselhaft, verdorben und schwarzmagisch wie das an die Comics von Charles Burns angelehnte Cover-Artwork. (8) Andreas Borcholte

PJ Harvey & John Parish - "A Woman A Man Walked By"
(Island/Universal, 27. März)

Einer der widerlichsten Kommentare älterer Herren zum Soap&Skin-Debüt "Lovetune For Vacuum" war folgender: "Was soll mir ein nicht mal zwanzigjähriges Mädchen aus Österreich vom Leben erzählen? Die hat doch noch nichts erlebt! Da brauche ich gar nicht erst reinzuhören."

Wie gut, dass Polly Jean Harvey beinahe 40 Jahre alt ist und nicht aus Österreich kommt - vermutlich kann sie was vom Leben erzählen. Dreizehn Jahre nach dem Nebenwerk "Dance Hall At Louse Point" (mit dem großartigen "That Was My Veil") arbeitet Harvey erstmals wieder mit dem Produzenten und Musiker John Parish zusammen, und zumindest zum Teil ist "A Woman A Man Walked By" eine Art Antithese zum vollkommen enthüllten letzten Album "White Chalk, das hauptsächlich Polly Jeans Flehen und ein Klavier in den Vordergrund stellte.

Die neue Kollaboration mit Parish ist zutiefst melancholisch ("The Soldier", "Passionless, Pointless"), aber auch roh und körperlich: Harvey wirft einem nicht näher benannten "woman-man" all seine Fehler entgegen und verschlingt ihn mit Worten: "I want his fucking ass!". Das Kraftlose von "White Chalk" wird auf dem disparaten "A Woman A Man Walked By" zu etwas Kraftvollem, wenn Polly Jean in "The Chair" die "pieces, pieces of my love" besingt oder in "Pig Will No" ein todesverachtendes "I will not!" behauptet. Kunst, die physisch weh tut, gibt es viel zu selten. Das amerikanische Popkultur-Genie Joss Whedon hat sie einmal in der Episode "Five By Five" seiner TV-Serie "Angel" erschaffen, PJ Harvey nun auch. Wir verneigen uns. Blutend. (8) Jan Wigger

WhoMadeWho - "The Plot"
(Gomma/Groove Attack, bereits erschienen)

Mit der schwierigen Aufgabe, Alternative- oder Indie-Rock und Tanzmusik zusammenzubringen, beschäftigen sich zurzeit viele Bands, zu viele, mag man finden. WhoMadeWho gehören neben Hot Chip zu den wenigen Vertretern dieses zum Glück noch namenlosen Genres, denen man die gelungene Fusion von Disco-Beat und Depressiv-Gedresche zutraut.

Tatsächlich funktioniert vieles ganz gut auf dem zweiten Album der Dänen, der im Titel beschworene "Plot" ist also aufgegangen. Zumindest teilweise, denn die auf der Bühne überbordend phantasievoll auftretende Band ist nun auch im Studio ein bisschen übers Ziel hinausgeschossen: zu viele Stile, zu wenig klare Linie. Der grandiose Opener "TV Friend" beginnt mit den sphärischen Jazzflöten eines Sechziger-Jahre-Jazz-Albums, bevor er in einen blubbernden Basslauf mündet, der an Blurs "Girls & Boys" erinnert. Der Hang, Disco mit Easy Listening und Retropop zu mischen, taucht später, im Titelstück und im hektischen "Motown Bizarre" noch einmal auf, wenn die treibenden Sxties-Soundtracks von Lalo Schifrin im modernen Kontext zitiert werden.

An anderer Stelle, in "Trickster" oder "Cyborg", erinnern WhoMadeWho hingegen an die frühen Stoner-Rock-Experimente von Chris Goss und den Masters of Reality. Und im ölfasstrommelnden "This Train" wird gar nach Depeche Mode geschielt. Man kann diese weitreichende Unausgegorenheit natürlich auch Diversität nennen, zumal in einer Zeit, in der ohnehin nur noch einzelne Songs zählen, nicht ganze Alben. Dann bliebe nur noch eine Frage offen: Kann man zu "The Plot" tanzen? Yes, you can. (5) Andreas Borcholte

Prefab Sprout - "Original Album Classics"
(Columbia/SonyBMG, bereits erschienen)

Als Anfang dieses Jahrtausends geraunt wurde, Paddy McAloon habe sich einer komplizierten Augenoperation mit ungewissem Ausgang unterziehen müssen, dachte man noch einmal etwas genauer über den ganz besonderen Blick des scheuen Sängers nach: Lässig, mit Hand im Haar und Sonnenbrille zu Zeiten von "Steve McQueen" (1985), verlegen zur Seite schauend in einem verwaschenen Booklet-Foto von "Jordan: The Comeback" (1990), zielstrebig und in tadellosem New-Romantic-Outfit auf dem Cover von "From Langley Park To Memphis" (1988). Prefab Sprout waren die geschmackvollste Band von allen, und als McAloon den "Jesse James Bolero" tanzte, funkelten die Sterne. So ambitioniert und kunstversessen die britische Band auch war: Wenn diese Himmelstürmer vom Verlust der Unschuld und unerwiderter Liebe sangen oder ironisch auf Bruce Springsteen ("Cars And Girls") und Lady Di ("Diana") eingingen, gelang ihnen alles.

Heute trägt das Phantom McAloon einen langen Bart und genießt sein Leben im Kreise der Familie, obwohl fast jedes Jahr neues Material angekündigt wird, das dem großartigen "The Gunman And Other Stories" von 2001 nachfolgen soll. Die Prefab-Sprout-Alben "Swoon", "From Langley Park To Memphis", "Protest Songs", "Jordan: The Comeback" und "Andromeda Heights" erscheinen nun als Re-Issues im zweckmäßig schmalen Pappschuber und ohne Bonusmaterial. The world was a mess, but his songs were perfect. "Swoon" (8), "From Langley Park To Memphis" (8), "Protest Songs" (7), "Jordan: The Comeback" (9), "Andromeda Heights" (10) Jan Wigger


Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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Seite 1
icaros, 19.06.2007
1.
Paradise Lost - Icon: zum ersten Mal seit Jahren wieder ein amtliches Album der britischen Gothic Metal Legende. Hier regiert wieder der Metal und nicht mehr die Anbiederung an das Mainstreetpublikum. Die Songs der neuen Platte können es fast mit den alten Klassikern aufnehmen. Megadeth - United Abominations: Für Megadeth gilt ähnliches wie für Paradise Lost, das beste Album der Band seit Jahren, Dave Mustaine will es wohl noch mal wissen. Samael - Solar Soul: Die Schweizer sind ein Garant für hochklassigen, dunklen Metal mit Elektroschlagseite Akercocke - Antichrist: völlig abgefahrener Mix aus Black Metal, Grindcore, Death Metal, Ambient und ruhigen Passagen. Sicher keine Musik für Gelegenheitshörer aber es lohnt sich Zeit für das Album zu nehmen. Trelldom - Til Minne...: So war Black Metal ursprünglich gemeint: Roh, kalt, atmosphärisch, schwarz. Die Blaxk Metal Scheibe der Woche Und zum Schluß noch was anderes als Metal: Manes - How The World Came To An End: Dunkle Sounds zwischen Avantgarde, Ambient, Elektro mit unterschwelligem Gothictouch. Die Norweger scheuen sich auch nicht davor französischen Rap einzubauen. Funktioniert erstaunlicherweise. Sollte man als Hörer ohne Scheuklappen mal gehört haben.
ralfons 19.06.2007
2.
Zitat von icarosParadise Lost - Icon: zum ersten Mal seit Jahren wieder ein amtliches Album der britischen Gothic Metal Legende. Hier regiert wieder der Metal und nicht mehr die Anbiederung an das Mainstreetpublikum. Die Songs der neuen Platte können es fast mit den alten Klassikern aufnehmen. Megadeth - United Abominations: Für Megadeth gilt ähnliches wie für Paradise Lost, das beste Album der Band seit Jahren, Dave Mustaine will es wohl noch mal wissen. Samael - Solar Soul: Die Schweizer sind ein Garant für hochklassigen, dunklen Metal mit Elektroschlagseite Akercocke - Antichrist: völlig abgefahrener Mix aus Black Metal, Grindcore, Death Metal, Ambient und ruhigen Passagen. Sicher keine Musik für Gelegenheitshörer aber es lohnt sich Zeit für das Album zu nehmen. Trelldom - Til Minne...: So war Black Metal ursprünglich gemeint: Roh, kalt, atmosphärisch, schwarz. Die Blaxk Metal Scheibe der Woche Und zum Schluß noch was anderes als Metal: Manes - How The World Came To An End: Dunkle Sounds zwischen Avantgarde, Ambient, Elektro mit unterschwelligem Gothictouch. Die Norweger scheuen sich auch nicht davor französischen Rap einzubauen. Funktioniert erstaunlicherweise. Sollte man als Hörer ohne Scheuklappen mal gehört haben.
"In Requiem" heißt das neue Album, hört sich allerdings endlich wieder an wie "Icon" :) Eigentlich wäre ja Devildriver - Last Kind Words mein Album der Woche geworden. Amtlicher Thrash, der einem schön die Birne freibläst. Aber dann bin ich im CD-Regal doch nicht an den Re-Releases der Blind-Guardian-Alben von "Battalions of Fear" bis "Nightfall in Middle Earth" vorbeigekommen. Alle Alben sind digital remastered - die ersten beiden ("Battalions of Fear" und "Follow the Blind") sind komplett neu abgemischt - und mit neuen Liner-Notes und Bonus-Tracks versehen. Wer also einige der BG-Klassiker noch nicht sein eigen nennt: Zugreifen! :) Anfangen sollte man vielleicht beim '92er "Somewhere Far Beyond", sozusagen ein Zwischenschritt zwischen den alten, speed-lastigeren Alben und dem neuen, progressiveren Zeug.
icaros, 19.06.2007
3.
Zitat von ralfons"In Requiem" heißt das neue Album, hört sich allerdings endlich wieder an wie "Icon" :) Eigentlich wäre ja Devildriver - Last Kind Words mein Album der Woche geworden. Amtlicher Thrash, der einem schön die Birne freibläst. Aber dann bin ich im CD-Regal doch nicht an den Re-Releases der Blind-Guardian-Alben von "Battalions of Fear" bis "Nightfall in Middle Earth" vorbeigekommen. Alle Alben sind digital remastered - die ersten beiden ("Battalions of Fear" und "Follow the Blind") sind komplett neu abgemischt - und mit neuen Liner-Notes und Bonus-Tracks versehen. Wer also einige der BG-Klassiker noch nicht sein eigen nennt: Zugreifen! :) Anfangen sollte man vielleicht beim '92er "Somewhere Far Beyond", sozusagen ein Zwischenschritt zwischen den alten, speed-lastigeren Alben und dem neuen, progressiveren Zeug.
Oh, das mit dem "Icon" war wohl ein freudscher Verschreiber... Ja, die alten Blind Guardian Sachen waren durchaus hörenswert. Die neueren finde ich persönlich etwas zu überladen, aber das ist natürlich Gerschmackssache. Aber da wir gerade bei Re-Releases sind: Von Edge Of Sanity gibt es demnächst eine Best Of. Eingefleischte Schweden-Death Fans werden zwar eh schon alles der Pioniere haben, wer aber nur im entferntesten auf Melodic Death Metal steht kann nun eine Bildungslücke schließen.
Sonic Nurse, 19.06.2007
4. Musikalische Bandbreite
Der musikalische Geschmack der meisten User hier ist eben genau wie erwartet: Metal, Metal und Metal (in allen möglichen Richtungen und Ausprägungen, ist mir schon bewusst, daß es da ganz viele Kategorien gibt.) Und da werfe nochmal jemand Wigger und Borcholte vor, ihr Geschmack sei einseitig. Tss.
ralfons 19.06.2007
5.
Zitat von Sonic NurseDer musikalische Geschmack der meisten User hier ist eben genau wie erwartet: Metal, Metal und Metal (in allen möglichen Richtungen und Ausprägungen, ist mir schon bewusst, daß es da ganz viele Kategorien gibt.) Und da werfe nochmal jemand Wigger und Borcholte vor, ihr Geschmack sei einseitig. Tss.
Falls die Sysops den neuen Thread eröffnet haben, um die alten Streitereien aus dem Weg zu räumen, hat das ja prima geklappt ;) Zurück zum Thema: Ich finde, dass "A Night at the Opera" die einzig wirklich schlechte Blind-Guardian-Scheibe war, "A Twist in the Myth" ist wieder deutlich eingängiger geworden. Ich freu' mich auf jeden Fall schon auf einige neue Songs in Wacken :) Edge of Sanity sind bei mir allerdings 'ne echte Bildungslücke. Ich kenne zwar einige Songs, hab' aber nie ein Album von ihnen besessen. Von daher hab' ich die Best-Of mal auf meinem Einkaufszettel notiert.
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