Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche

Authentisch affjerockt und total fit an den Instrumenten. Ja, geht das denn heutzutage noch? Allerdings, findet Jan Wigger - und freut sich über das hervorragende Konzeptalbum von Gazpacho. Andreas Borcholte bewundert derweil Melody Gardot, wie sie Samba mit einem Regenbogen tanzt.


Gazpacho - "Tick Tock"
(HWT Records, bereits erschienen)

Dass die fünfte Gazpacho-Platte "Tick Tock" im Magazin "Eclipsed" groß abräumt, war abzusehen, doch auch alte Säcke, die die ephemeren Phänomene von heute eher mit Achselzucken verfolgen, fühlen sich an die Kreidezeit erinnert, in der die sogenannte anspruchsvolle Rockmusik noch etwas galt: Tiefe Tragik, echte Gefühle, authentisch affjerockt und dann auch noch fit an den Instrumenten!

Wie aber erklärt man einem grundsätzlich offenen Musikinteressierten, der selbst das dritte Futureheads-Album noch bedeutender findet als den frühen Gilbert O'Sullivan, die Größe von "Tick Tock"? Oder ist es bereits wieder cool, einen Erlebnisbericht von Antoine de Saint-Exupéry ("Wind, Sand und Sterne") zur Grundlage eines Konzeptalbums zu machen? Und geht das Konzipieren von Konzeptalben überhaupt noch als straffreie Handlung durch?

Zunächst einmal: Sänger Jan-Henrik Ohme (Gazpacho sind Norweger) klingt nicht wie Jeff Buckley und - drei Kreuze, oh Lord - auch nicht wie Matthew Bellamy von Muse. Nein, Ohme singt, vor allem in "The Walk", exakt wie Thom Yorkes Bruder Andy, wiewohl dessen Aufnahmen mit The Unbelievable Truth insgesamt deutlich ruhiger ausfielen. Gazpacho dagegen können Pink Floyd, können Fates Warning, können sogar King Crimson. Und wie "Desert Flight" gegen Ende noch einmal anschwillt und dann mit wehendem Wind im Nichts verschwindet, das hat Methode. Zudem gibt es unter normalen Umständen keinen Grund, warum "Winter Is Never" nicht auch dem über die Jahre enttäuschten Travis-Fan gefallen sollte. Die Wüste lebt, der Himmel brennt und Gazpacho haben ein hervorragendes Album gemacht. Boing, Boom, Tschak und Amen. (8) Jan Wigger

Melody Gardot - My One And Only Thrill

(Verve/Universal, 24. April)

Wenn man sich an einem Standard versucht, muss man wissen, was man tut. "Somewhere Over The Rainbow" ist so ein Ding: Völlig durchgenudelt, überhört, verkommerzt und disneyfiziert - geht also gar nicht mehr. Es sei denn, man nimmt den Klassiker, zieht ihm die Hosen aus, wirft ihm ein paar geblümte Shorts und einen Hula-Hoop-Ring hin und tanzt Samba mit ihm. Das macht Melody Gardot, eine 23-jährige Amerikanerin, auf ihrem zweiten Album. Und zwar völlig ohne Not. Denn bevor sie ganz lässig eine gelungene Coverversion der Unmöglichkeit abliefert, hat sie schon zehn wundervoll melancholische, manchmal betörend laszive Jazz- und Blues-Songs aus eigener Feder dargeboten, die so überzeugend sind, dass der Einsatz eines Standards zwecks Wiedererkennung völlig obsolet wird. Gardot hatte bereits vor einem Jahr mit ihrem Debüt "Worrisome Heart" die Fachkreise auf sich aufmerksam gemacht, doch vielfach ließen sich die Medien von der rührenden Geschichte ablenken, dass die bildschöne Sängerin nur knapp einen schweren Verkehrsunfall überlebt hat und sich mit einer Musiktherapie ins Leben zurückkämpfte. Was ein so einschneidendes Erlebnis mit der Seele macht, darauf kann sich jeder seinen eigenen Reim machen.

Fakt ist, dass Melody Gardot sich auf ihrem zweiten Album vom letzten Unbehagen mit sich, ihrer Begabung und ihren Behinderungen befreit zu haben scheint. "There was a girl/ A very strange enchanted girl", möchte man ausrufen und sich somit selbst an einem Standard vergreifen. Aber das ist alles schon wieder viel zu kompliziert. Wer Melody Gardot hört, weiß plötzlich ganz genau, was er an Diana Kralls neuer Platte so furchtbar öde fand. (7) Andreas Borcholte

Sophia - "There Are No Goodbyes"
(City Slang/Universal, 24. April)

Wer Robert-Forster-Doppelgänger Robin Proper-Sheppard in den Neunzigern dabei zusah, wie er die beiden ersten Sophia-Platten "Fixed Water" und "The Infinite Circle" in winzigen Kaschemmen betourte, erblickte einen gebrochenen Mann: Sein Freund und God-Machine-Kollege Jimmy Fernandez war plötzlich und unerwartet verstorben, sein kleines Label Flower Shop Recordings ein Fels im Sturm, seine Lieder so klar und schmerzerfüllt, dass man sich danach kaum noch bewegen konnte. Vor der letzten LP "Technology Won't Save Us" wurde auch noch die Mutter vom Tod dahingerafft. Und nun, auf "There Are No Goodbyes", ist wieder die Liebe schuld an der Misere: "I thought I knew heartache/ I thought I knew heartbreak/ But I've never known anything like this before", räumt Proper-Sheppard in "Signs" ein, das in etwa so malade beginnt wie "Take Me Out" oder irgendein anderes Stück der Red House Painters. Im Laufe der Platte hellt sich die Stimmung auf, doch erst das abschließende "Portugal" weist den Weg: "I decided today I'm gonna be a better person/ No it's never too late to change." Wenn nichts mehr geht, helfen sogar Kalendersprüche. (7) Jan Wigger

Scott Matthew - "There Is An Ocean That Divides And With My Longing I Can Charge It With A Voltage That's So Violent To Cross It Could Mean Death"
(Glitterhouse/Indigo, 24. April)

Wer fürs karge Gehalt sogar Zeilen schinden muss, darf ab sofort aufatmen: Noch bevor der Albumtitel "There Is An Ocean That Divides And With My Longing I Can Charge It With A Voltage That's So Violent To Cross It Could Mean Death" aufgeschrieben ist, geht der Platz zur Neige, noch bevor der erste Song "Every Traveled Road" verklingt, erinnert man sich daran, dass lange Album-Titel eigentlich immer schon bemüht und unlustig waren. Hinter diesem hier steckt allerdings eine Geschichte, eine Dichtung gar, weshalb der dünne Mann, der keine Eile will, für den Moment entschuldigt ist. Das feierlich klingelnde, also ganz famose "Community" ist Indiz dafür, dass Matthew eines Tages einen modernen Klassiker wie Antony Hegartys "I Am A Bird Now" schreiben könnte. Im stillen "There Is An Ocean That Divides" wird der ganze Albumtitel dann von Klavierspielerin Marisol Limon Martinez und Chie Tanaka geflüstert, doch es ist wohl die Maxime aus dem Lied "Wolverine", die am längsten nachhallt: "Let there always be another dream to kill." Das hat ihm der Teufel gesagt. (7) Jan Wigger

Rachael Yamagata - "Elephants... Teeth Sinking Into Heart"
(Warner Bros., 24. April)

Die meist sturer Gewohnheit geschuldete Ungleichbehandlung von Songschreiberinnen in den Medien ist eine interessante Sache: Solange alles windelweich und wohlig ist, solange die Musik auch die Kaufhaus-Kundschaft nicht belästigt, wird jovial Bericht erstattet. Sobald sich aber Abgründe auftun, wie bei Nina Nastasia, Polly Scattergood, Alela Diane oder Marissa Nadler, bleibt selbst den schönsten Alben nur ein Dasein als Randnotiz. Rachael Yamagata aber soll das Bindeglied zwischen beiden Welten sein, sogar mit "Parental Advisory"-Sticker und unterteilt in die fragile "Elephant"-Disc (9 Songs) und die brüskere, flottere "Teeth Sinking Into Heart"-CD (5 Songs). Weitaus angenehmer als die in "Faster" fast schon rockröhrige Yamagata ist die verwundete Yamagata, die in "Little Life" beschwörend zum steten Quietschen der Gitarrensaiten flüstert. Und doch wird es oft allzu gediegen und geschmäcklerisch, wie in "Over And Over" oder im viel zu langen "Sunday Afternoon". Handwerklich perfekte, restauranttaugliche Folk-Pop-Platte zwischen Chaiselongue, feinem Tropfen und Bügelbrett. Wirklich geblutet wird woanders. (5) Jan Wigger


Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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Seite 1
icaros, 19.06.2007
1.
Paradise Lost - Icon: zum ersten Mal seit Jahren wieder ein amtliches Album der britischen Gothic Metal Legende. Hier regiert wieder der Metal und nicht mehr die Anbiederung an das Mainstreetpublikum. Die Songs der neuen Platte können es fast mit den alten Klassikern aufnehmen. Megadeth - United Abominations: Für Megadeth gilt ähnliches wie für Paradise Lost, das beste Album der Band seit Jahren, Dave Mustaine will es wohl noch mal wissen. Samael - Solar Soul: Die Schweizer sind ein Garant für hochklassigen, dunklen Metal mit Elektroschlagseite Akercocke - Antichrist: völlig abgefahrener Mix aus Black Metal, Grindcore, Death Metal, Ambient und ruhigen Passagen. Sicher keine Musik für Gelegenheitshörer aber es lohnt sich Zeit für das Album zu nehmen. Trelldom - Til Minne...: So war Black Metal ursprünglich gemeint: Roh, kalt, atmosphärisch, schwarz. Die Blaxk Metal Scheibe der Woche Und zum Schluß noch was anderes als Metal: Manes - How The World Came To An End: Dunkle Sounds zwischen Avantgarde, Ambient, Elektro mit unterschwelligem Gothictouch. Die Norweger scheuen sich auch nicht davor französischen Rap einzubauen. Funktioniert erstaunlicherweise. Sollte man als Hörer ohne Scheuklappen mal gehört haben.
ralfons 19.06.2007
2.
Zitat von icarosParadise Lost - Icon: zum ersten Mal seit Jahren wieder ein amtliches Album der britischen Gothic Metal Legende. Hier regiert wieder der Metal und nicht mehr die Anbiederung an das Mainstreetpublikum. Die Songs der neuen Platte können es fast mit den alten Klassikern aufnehmen. Megadeth - United Abominations: Für Megadeth gilt ähnliches wie für Paradise Lost, das beste Album der Band seit Jahren, Dave Mustaine will es wohl noch mal wissen. Samael - Solar Soul: Die Schweizer sind ein Garant für hochklassigen, dunklen Metal mit Elektroschlagseite Akercocke - Antichrist: völlig abgefahrener Mix aus Black Metal, Grindcore, Death Metal, Ambient und ruhigen Passagen. Sicher keine Musik für Gelegenheitshörer aber es lohnt sich Zeit für das Album zu nehmen. Trelldom - Til Minne...: So war Black Metal ursprünglich gemeint: Roh, kalt, atmosphärisch, schwarz. Die Blaxk Metal Scheibe der Woche Und zum Schluß noch was anderes als Metal: Manes - How The World Came To An End: Dunkle Sounds zwischen Avantgarde, Ambient, Elektro mit unterschwelligem Gothictouch. Die Norweger scheuen sich auch nicht davor französischen Rap einzubauen. Funktioniert erstaunlicherweise. Sollte man als Hörer ohne Scheuklappen mal gehört haben.
"In Requiem" heißt das neue Album, hört sich allerdings endlich wieder an wie "Icon" :) Eigentlich wäre ja Devildriver - Last Kind Words mein Album der Woche geworden. Amtlicher Thrash, der einem schön die Birne freibläst. Aber dann bin ich im CD-Regal doch nicht an den Re-Releases der Blind-Guardian-Alben von "Battalions of Fear" bis "Nightfall in Middle Earth" vorbeigekommen. Alle Alben sind digital remastered - die ersten beiden ("Battalions of Fear" und "Follow the Blind") sind komplett neu abgemischt - und mit neuen Liner-Notes und Bonus-Tracks versehen. Wer also einige der BG-Klassiker noch nicht sein eigen nennt: Zugreifen! :) Anfangen sollte man vielleicht beim '92er "Somewhere Far Beyond", sozusagen ein Zwischenschritt zwischen den alten, speed-lastigeren Alben und dem neuen, progressiveren Zeug.
icaros, 19.06.2007
3.
Zitat von ralfons"In Requiem" heißt das neue Album, hört sich allerdings endlich wieder an wie "Icon" :) Eigentlich wäre ja Devildriver - Last Kind Words mein Album der Woche geworden. Amtlicher Thrash, der einem schön die Birne freibläst. Aber dann bin ich im CD-Regal doch nicht an den Re-Releases der Blind-Guardian-Alben von "Battalions of Fear" bis "Nightfall in Middle Earth" vorbeigekommen. Alle Alben sind digital remastered - die ersten beiden ("Battalions of Fear" und "Follow the Blind") sind komplett neu abgemischt - und mit neuen Liner-Notes und Bonus-Tracks versehen. Wer also einige der BG-Klassiker noch nicht sein eigen nennt: Zugreifen! :) Anfangen sollte man vielleicht beim '92er "Somewhere Far Beyond", sozusagen ein Zwischenschritt zwischen den alten, speed-lastigeren Alben und dem neuen, progressiveren Zeug.
Oh, das mit dem "Icon" war wohl ein freudscher Verschreiber... Ja, die alten Blind Guardian Sachen waren durchaus hörenswert. Die neueren finde ich persönlich etwas zu überladen, aber das ist natürlich Gerschmackssache. Aber da wir gerade bei Re-Releases sind: Von Edge Of Sanity gibt es demnächst eine Best Of. Eingefleischte Schweden-Death Fans werden zwar eh schon alles der Pioniere haben, wer aber nur im entferntesten auf Melodic Death Metal steht kann nun eine Bildungslücke schließen.
Sonic Nurse, 19.06.2007
4. Musikalische Bandbreite
Der musikalische Geschmack der meisten User hier ist eben genau wie erwartet: Metal, Metal und Metal (in allen möglichen Richtungen und Ausprägungen, ist mir schon bewusst, daß es da ganz viele Kategorien gibt.) Und da werfe nochmal jemand Wigger und Borcholte vor, ihr Geschmack sei einseitig. Tss.
ralfons 19.06.2007
5.
Zitat von Sonic NurseDer musikalische Geschmack der meisten User hier ist eben genau wie erwartet: Metal, Metal und Metal (in allen möglichen Richtungen und Ausprägungen, ist mir schon bewusst, daß es da ganz viele Kategorien gibt.) Und da werfe nochmal jemand Wigger und Borcholte vor, ihr Geschmack sei einseitig. Tss.
Falls die Sysops den neuen Thread eröffnet haben, um die alten Streitereien aus dem Weg zu räumen, hat das ja prima geklappt ;) Zurück zum Thema: Ich finde, dass "A Night at the Opera" die einzig wirklich schlechte Blind-Guardian-Scheibe war, "A Twist in the Myth" ist wieder deutlich eingängiger geworden. Ich freu' mich auf jeden Fall schon auf einige neue Songs in Wacken :) Edge of Sanity sind bei mir allerdings 'ne echte Bildungslücke. Ich kenne zwar einige Songs, hab' aber nie ein Album von ihnen besessen. Von daher hab' ich die Best-Of mal auf meinem Einkaufszettel notiert.
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