Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche

Barack Obamas Wahlsieg hat sich wohl auch auf Pearl Jam positiv ausgewirkt: Die neue Platte der Grunge-Veteranen klingt vitaler als je zuvor, staunt Andreas Borcholte und geht mit The Devil's Blood auf Zeitreise in die gute alte Hardrock-Zeit. Jan Wigger pichelt mit Element of Crime.


Pearl Jam - "Backspacer"
(Universal, 18. September)

Ein Befreiungschlag. "Here I am/Riding high amongst the waves" singt der passionierte Surfer Eddie Vedder in einer Hymne in der Mitte des neuen Pearl-Jam-Albums, so voller Inbrunst und Energie, dass man sich ein bisschen dafür schämt, die letzte der großen Grunge-Bands schon abgeschrieben zu haben. Seit Anfang des Jahrzehnts schienen sich Vedder, Mike McCready, Stone Gossard, Jeff Ament und Matt Cameron in einer diffus wabernden Wolke der Unausgegorenheit verloren zu haben; je expliziter Frontmann Eddie bei Konzerten und anderen öffentlichen Auftritten gegen die Regierung George W. Bushs wetterte, desto unpointierter wurden Alben wie "Binaural", "Riot Act" und zuletzt "Pearl Jam". Vielleicht hat die Erlösung und Erleichterung, die Amerika durch die Wahl Barack Obamas erfuhr, ja auch bei den Veteranen aus Seattle für neue Lockerheit gesorgt. Schon erstaunlich: Nach U2 ist Pearl Jam schon der zweite vermeintlich saturierte Rock-Brocken, der in diesem Jahr zu neuer Form aufläuft.

"Backspacer", knappe 36 Minuten kurz und von Band-Intimus Brendan O'Brien produziert, wird durch ein rumpelndes Song-Trio eröffnet, das die Band auf beeindruckende Art und Weise zu ihren Punk-Ursprüngen zurückführt: "Gonna See My Friends", musikalisch zwischen Stooges- und Who-Einflüssen, ist der joviale Freudenschrei, den ein für Jahre Eingesperrter ausstößt, der erstmals wieder warme Frühlingsluft wittert. "Got Some" ist druckvoll und drängend, und "The Fixer", eine hübsche Kinks-Hommage, erzählt von einem Gutmenschen, der es liebt, die Dinge besser zu machen. Optimismus überall. Danach verliert das Album etwas an Fahrt, zugunsten der Ballade "Just Breathe", die an den akustischen Stil von Vedders Solo-Soundtrack-Album "Into The Wild" anknüpft - der Duft von Freiheit und Abenteuer. "Johnny Guitar", mit einem rückwärts gespielten Gitarrenriff, zeigt dann wieder mit faszinierender Virtuosität, dass diese Band aus exzellenten Instrumentalisten besteht. Am Ende, nach dem lebensbejahenden "Alive"-Pendant "Amongst The Waves", geht es noch einmal auf Nick-Drake-Terrain, wenn Vedder in "The End" Frieden mit sich selbst und den zerrütteten Bush-Jahren findet. Konzentrierter, vielseitiger, vitaler hat man Pearl Jam lange nicht gehört. Ein mit Herz, Muskeln und Hirn vollgepacktes Kraftpaket von einer Rockplatte. (9) Andreas Borcholte

Element Of Crime - "Immer da wo du bist bin ich nie"
(Vertigo/Universal, 18. September)

Raten sie den Prominenten im Sack: "Der Mann, der den Stromzähler abliest/ Hat Schokolade dabei/ Die stopft er mir in die Taschen/ Und dann haut er den Zähler zu Brei/ Im Fernseher, wo deine Mannschaft die Meisterschaft fröhlich versiebt/ Reichen sich Euro und Markstück die Hände/ Und sagen: Wir haben uns lieb." Zweifellos ein Text von Sven Regener, dazu der stoische Bass, die gemütlichen Bläser und die Gewissheit, dass Element Of Crime wohl noch bis zur nächsten Währungsreform so weiterspielen könnten, ohne jemals langweilig zu werden. "Mittelpunkt der Welt" (2005) war die größte Element-Of-Crime-Platte seit "Weißes Papier". "Immer da wo du bist bin ich nie" ist eher wieder ganz normal toll, mal ruppiger ("Kopf aus dem Fenster"), mal schrulliger ("Der weiße Hai"), mal gemütvoller ("Am Ende denk ich immer nur an dich") als das eine oder andere der alten Regener-Stücke, die wir noch immer hüten und in Ehren halten wie vergilbte Fotos oder die ersten Stollenschuhe. Am schönsten wird es dort, wo die Band im herzhaft gelallten "Kaffee und Karin" zu einem Feiern der bloßen Existenz ansetzt: "Worte und Weißwein/ Torte und Tier/ Und nur wenn ich lachen muss, tut es noch weh." Das Leben, ein Picheln. (8) Jan Wigger

The Devil's Blood - "The Time Of No Time Evermore"
(Ván Records/Soulfood, 11. September)

Früher war alles besser? Aber sicher! The Devil's Blood sind eine Rockband aus den Niederlanden, die sich nicht nur mit reichlich Schweineblut einen okkulten Satanismus auf die Fahnen geschrieben haben, sondern vor allem für eine kleine musikalische Sensation sorgen: Elanvoller und virtuoser hat noch keine Band eine solche Rolle rückwärts vollzogen wie diese Newcomer, die in der Metal-Szene bereits seit ihrer EP "Come, Reap" staunend verehrt werden. Ihr Debütalbum klingt nun entschieden retrospektiv, ohne altbacken zu sein. The Devil's Blood zelebrieren beherzt den Psychedelic Rock der späten Sechziger und den frühen Hardrock- und Heavy-Metal-Sound der Siebziger, als wäre es - nun ja - eine Teufelsmesse. Black Sabbath, Rainbow, UFO, Thin Lizzy, viel frühe Iron Maiden und manchmal sogar ein Jimi-Hendrix-Zitat, das sind die Zutaten, die Songwriter S.L. in sein grandioses Gebräu mischt. Das könnte man natürlich zu Recht als wenig progressiv bezeichnen, doch liefert die Band mit ihrem klar definierten Sound und ihrem Mut zur eingängigen Melodie einen Gegenentwurf zum dröhnenden, auf Lautstärke und Brachialität fixierten Metal moderner Prägung - und bedient zudem auf angenehm unprätentiöse Art die Sehnsucht der eingefleischten Hörerschaft nach der großen alten Zeit des Genres. Mit phantastischen Rocksongs wie "Christ Or Cocaine", "Evermore" oder "Queen Of My Burning Heart" kann es der Band sogar gelingen, über ihre Szene hinaus in den Mainstream zu wachsen. Caught somewhere in time, sicher, aber mit der Kraft der alten Meister wird's schon werden, hunderttausend heulende Höllenhunde! (8) Andreas Borcholte

David Sylvian - "Manafon"
(Samadhisound/Galileo, 14. September)

Wohl niemand möchte Freunde haben, die das wundervolle Cover der neuen David-Sylvian-LP "Manafon" (oder Americas Soundtrack zu "The Last Unicorn") kitschig finden. Doch auch die völlig vereinsamt klingende Kunstmusik, die Sylvian 1987 auf dem gigantischen "Secrets Of The Beehive" perfektionierte, löst bei manch strammen Optimisten Panikattacken aus. David Sylvians improvisierte Spärlichkeiten haben keinen Raum und keine Zeit. Einzig Scott Walkers "The Drift" (2006) und das Jahrzehntwerk "Mark Hollis" (1998) dienen als Vergleich, wenn Sylvian in "Snow White In Appalachia" und "Random Acts Of Senseless Violence" die Natur der Stille erforscht. Dennoch nehmen unter anderem der begnadete Wiener Christian Fennesz sowie John Tilbury, Keith Rowe und Otomi Yoshihide (der in "The Greatest Living Englishman" altes Vinyl knistern lässt) teil, was fraglos auch nichts an der magischen Undurchdringlichkeit des Sylvianschen Dickichts ändert. Das in Geschmacksfragen unbestechliche Magazin "Wire" tat das einzig Richtige und ehrt den Mann, der als Sänger von Japan fast einmal ein Popstar war, in diesem Monat mit einer Titelgeschichte. Holzfällerhemd, Bart und verlassene Blockhütte sind für Sylvians Einsamkeitsbegriff übrigens nicht von Belang. (8) Jan Wigger

Megadeth - "Endgame"
(Roadrunner/Warner, 11. September)

Es ist traurig und rührend zugleich, bei jedem dritten Megadeth-Interview feststellen zu müssen, dass der auf sonderbare Weise sympathische Egomane Dave Mustaine seinen Rausschmiss bei Metallica nie verwunden hat. Nun liegt Mustaines unfreiwillige Demission aber schon ein gutes Vierteljahrhundert zurück, in dem Megadeth mit "Wake Up Dead", "Hangar 18", "In My Darkest Hour" oder "Holy Wars... The Punishment Due" Klassiker der Nackenfraktur zustande brachten, zu denen Lars Ulrich sicher gern getrommelt hätte. Das durchweg gute Old-School-Spätwerk "Endgame" lebt vor allem vom neuen Gitarristen Chris Broderick (Nevermore, Jag Panzer), der sich bereits im Intro "Dialectic Chaos" mit Mustaine duelliert. Das tatsächlich etwas unbeholfene Liebeslied "The Hardest Part Of Letting Go... Sealed With A Kiss" gefiel Mustaines Frau nicht, "Endgame" sichtet George W. Bushs Hinterlassenschaften und "Head Crusher" könnte sogar ein Outtake von "So Far, So Good... So What!" sein. Der möglicherweise beste Megadeth-"Diskus" (!) dieses Jahrtausends. (6) Jan Wigger


Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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Seite 1
icaros, 19.06.2007
1.
Paradise Lost - Icon: zum ersten Mal seit Jahren wieder ein amtliches Album der britischen Gothic Metal Legende. Hier regiert wieder der Metal und nicht mehr die Anbiederung an das Mainstreetpublikum. Die Songs der neuen Platte können es fast mit den alten Klassikern aufnehmen. Megadeth - United Abominations: Für Megadeth gilt ähnliches wie für Paradise Lost, das beste Album der Band seit Jahren, Dave Mustaine will es wohl noch mal wissen. Samael - Solar Soul: Die Schweizer sind ein Garant für hochklassigen, dunklen Metal mit Elektroschlagseite Akercocke - Antichrist: völlig abgefahrener Mix aus Black Metal, Grindcore, Death Metal, Ambient und ruhigen Passagen. Sicher keine Musik für Gelegenheitshörer aber es lohnt sich Zeit für das Album zu nehmen. Trelldom - Til Minne...: So war Black Metal ursprünglich gemeint: Roh, kalt, atmosphärisch, schwarz. Die Blaxk Metal Scheibe der Woche Und zum Schluß noch was anderes als Metal: Manes - How The World Came To An End: Dunkle Sounds zwischen Avantgarde, Ambient, Elektro mit unterschwelligem Gothictouch. Die Norweger scheuen sich auch nicht davor französischen Rap einzubauen. Funktioniert erstaunlicherweise. Sollte man als Hörer ohne Scheuklappen mal gehört haben.
ralfons 19.06.2007
2.
Zitat von icarosParadise Lost - Icon: zum ersten Mal seit Jahren wieder ein amtliches Album der britischen Gothic Metal Legende. Hier regiert wieder der Metal und nicht mehr die Anbiederung an das Mainstreetpublikum. Die Songs der neuen Platte können es fast mit den alten Klassikern aufnehmen. Megadeth - United Abominations: Für Megadeth gilt ähnliches wie für Paradise Lost, das beste Album der Band seit Jahren, Dave Mustaine will es wohl noch mal wissen. Samael - Solar Soul: Die Schweizer sind ein Garant für hochklassigen, dunklen Metal mit Elektroschlagseite Akercocke - Antichrist: völlig abgefahrener Mix aus Black Metal, Grindcore, Death Metal, Ambient und ruhigen Passagen. Sicher keine Musik für Gelegenheitshörer aber es lohnt sich Zeit für das Album zu nehmen. Trelldom - Til Minne...: So war Black Metal ursprünglich gemeint: Roh, kalt, atmosphärisch, schwarz. Die Blaxk Metal Scheibe der Woche Und zum Schluß noch was anderes als Metal: Manes - How The World Came To An End: Dunkle Sounds zwischen Avantgarde, Ambient, Elektro mit unterschwelligem Gothictouch. Die Norweger scheuen sich auch nicht davor französischen Rap einzubauen. Funktioniert erstaunlicherweise. Sollte man als Hörer ohne Scheuklappen mal gehört haben.
"In Requiem" heißt das neue Album, hört sich allerdings endlich wieder an wie "Icon" :) Eigentlich wäre ja Devildriver - Last Kind Words mein Album der Woche geworden. Amtlicher Thrash, der einem schön die Birne freibläst. Aber dann bin ich im CD-Regal doch nicht an den Re-Releases der Blind-Guardian-Alben von "Battalions of Fear" bis "Nightfall in Middle Earth" vorbeigekommen. Alle Alben sind digital remastered - die ersten beiden ("Battalions of Fear" und "Follow the Blind") sind komplett neu abgemischt - und mit neuen Liner-Notes und Bonus-Tracks versehen. Wer also einige der BG-Klassiker noch nicht sein eigen nennt: Zugreifen! :) Anfangen sollte man vielleicht beim '92er "Somewhere Far Beyond", sozusagen ein Zwischenschritt zwischen den alten, speed-lastigeren Alben und dem neuen, progressiveren Zeug.
icaros, 19.06.2007
3.
Zitat von ralfons"In Requiem" heißt das neue Album, hört sich allerdings endlich wieder an wie "Icon" :) Eigentlich wäre ja Devildriver - Last Kind Words mein Album der Woche geworden. Amtlicher Thrash, der einem schön die Birne freibläst. Aber dann bin ich im CD-Regal doch nicht an den Re-Releases der Blind-Guardian-Alben von "Battalions of Fear" bis "Nightfall in Middle Earth" vorbeigekommen. Alle Alben sind digital remastered - die ersten beiden ("Battalions of Fear" und "Follow the Blind") sind komplett neu abgemischt - und mit neuen Liner-Notes und Bonus-Tracks versehen. Wer also einige der BG-Klassiker noch nicht sein eigen nennt: Zugreifen! :) Anfangen sollte man vielleicht beim '92er "Somewhere Far Beyond", sozusagen ein Zwischenschritt zwischen den alten, speed-lastigeren Alben und dem neuen, progressiveren Zeug.
Oh, das mit dem "Icon" war wohl ein freudscher Verschreiber... Ja, die alten Blind Guardian Sachen waren durchaus hörenswert. Die neueren finde ich persönlich etwas zu überladen, aber das ist natürlich Gerschmackssache. Aber da wir gerade bei Re-Releases sind: Von Edge Of Sanity gibt es demnächst eine Best Of. Eingefleischte Schweden-Death Fans werden zwar eh schon alles der Pioniere haben, wer aber nur im entferntesten auf Melodic Death Metal steht kann nun eine Bildungslücke schließen.
Sonic Nurse, 19.06.2007
4. Musikalische Bandbreite
Der musikalische Geschmack der meisten User hier ist eben genau wie erwartet: Metal, Metal und Metal (in allen möglichen Richtungen und Ausprägungen, ist mir schon bewusst, daß es da ganz viele Kategorien gibt.) Und da werfe nochmal jemand Wigger und Borcholte vor, ihr Geschmack sei einseitig. Tss.
ralfons 19.06.2007
5.
Zitat von Sonic NurseDer musikalische Geschmack der meisten User hier ist eben genau wie erwartet: Metal, Metal und Metal (in allen möglichen Richtungen und Ausprägungen, ist mir schon bewusst, daß es da ganz viele Kategorien gibt.) Und da werfe nochmal jemand Wigger und Borcholte vor, ihr Geschmack sei einseitig. Tss.
Falls die Sysops den neuen Thread eröffnet haben, um die alten Streitereien aus dem Weg zu räumen, hat das ja prima geklappt ;) Zurück zum Thema: Ich finde, dass "A Night at the Opera" die einzig wirklich schlechte Blind-Guardian-Scheibe war, "A Twist in the Myth" ist wieder deutlich eingängiger geworden. Ich freu' mich auf jeden Fall schon auf einige neue Songs in Wacken :) Edge of Sanity sind bei mir allerdings 'ne echte Bildungslücke. Ich kenne zwar einige Songs, hab' aber nie ein Album von ihnen besessen. Von daher hab' ich die Best-Of mal auf meinem Einkaufszettel notiert.
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