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Abgehört: Die wichtigsten CDs der Woche

Das neue Weezer-Album könnte man für das beste der Band halten - wenn man sechs Jahre alt ist, meint Jan Wigger und hält Slayers Frontmann Tom Araya für Gott. Andreas Borcholte geht zusammen mit William Fitzsimmons in Herzschmerz-Therapie.

Weezer - "Raditude"
(Geffen/Universal, 30. Oktober)

Obwohl sich Weezer bereits auf ihren letzten, plötzlich wieder in regelmäßigen Abständen veröffentlichten Platten dem ganzkörpertätowierten Hirni-Rock der Neunziger näherten, ließ die Mehrheit der "Raditude"-Songtitel anfangs auf einen Witz schließen: "I'm Your Daddy", "Can't Stop Partying", "Trippin' Down The Freeway", "The Girl Got Hot", "Love Is The Answer", "Run Over By A Truck" (Deluxe Edition Bonus Track!), "In The Mall". Ja, im Einkaufszentrum ist was los - und Rivers Cuomo mittendrin. Kauft Brezen, Cola Light, Hundefutter und gleich fünf CDs von Dead By Sunrise. Natürlich ist "Raditude" wieder mal Weezers "wildeste, beste und verrückteste Platte" (Infoschreiben) - wenn man sechs Jahre alt ist und noch nie eine andere Weezer-Platte gehört hat. Eine einzige Textzeile aus "I'm Your Daddy" fasst River Cuomos traurige Erlebniswelt zwischen Strandparty, Autobahn, Wal-Mart und Girls 'R' Us am besten zusammen: "I thought tonight was a night like any other night/ A party with my friends/ But when I saw you grooving on the dancefloor/ Normal came to an end/ You started talking and man, it was so clear to me/ There's no one else like you/ You got the brains, the body and the beauty/ To top it off, you're cool." Und nur weil man Weezer einmal so geliebt hat, schämt man sich jetzt für das grauenhafte "The Girl Got Hot" und die peinliche Schnulze "Love Is The Answer", auf dem ein indischer Gastmusiker der Band hilflos "zu einer psychedelischen, spirituellen Dimension verhilft" (Infoschreiben). "Your Slayer-T-Shirt fit the scene just right" besingt Cuomo in "(If You're Wondering If I Want You To) I Want You To" ein weiteres Girl. Die T-Shirts von Winger waren wohl schon ausverkauft. (3) Jan Wigger

William Fitzsimmons - "The Sparrow And The Crow"
(Grönland/Cargo, bereits erschienen)

Nichts ist erschütternder, tröstender und inspirierender als einem Künstler bei der Aufarbeitung seiner persönlichen Tragödie zuzuhören. William Fitzsimmons, Sohn blinder Eltern und ausgebildeter Psychotherapeut aus Pittsburgh, kennt sich aus ins Gefühlsdingen, aber selbst die größte Erfahrung bewahrt ihn nicht vor dem Zusammenbruch, diesem schwindelerregenden Erlebnis, wenn dir durch das Ende einer Beziehung der Boden unter den Füßen weggerissen wird. Mit "The Sparrow And The Crow" übersetzt Fitzsimmons die Trauer über seine gescheiterte Ehe in zarte, zerbrechliche Songs. Gleich der erste, das obsessiv-sakrale "After After All" (Mantra-artiger Text: "I still love you/ After all") knüpft nahtlos an den letzten Song seines vorherigen Albums "Goodnight" an, der - wie sonst - "After All" hieß. Auf die knirschenden, knackenden Elektronik-Spielereien des Vorgängers verzichtet Fitzsimmons jedoch vollständig zugunsten eines warmen, wattigen Sounds, der seine verhalten gehauchten Texte ummantelt und an andere Songwriter-Sensibelchen wie Elliott Smith oder Bon Iver erinnert. Die wie bei Damien Rice manchmal zum Duett verstärkten Background-Vocals stammen übrigens von Ingrid Michaelson, die dieser Tage ihr zweites Album veröffentlicht. Die Songs zeugen vor allem von der Selbstzerfleischung Fitzsimmons', der manchmal wirklich schön deprimierende Bilder für seinen Schmerz findet: "Box springs are stained with yellow/ Pillows held our heads now hold in the rain/ Outside on the curb where I wasted half of your life/ Both of our lives" singt er in "Further From You". In "You Still Hurt Me" klagt er hingegen ganz offen: "I'm not comfortable with how we never talk/ And I miss you since you went out for that walk/ Its been 13 months since May/ It still feels like yesterday". Die vielleicht schönste Therapiesitzung des Herbstes. Und ein Bart, auf den Freud stolz gewesen wäre. (7) Andreas Borcholte

Julian Casablancas - "Phrazes For The Young"
(RCA/Sony, 30. Oktober)

Nein, wenigstens die Hälfte von "Phrazes For The Young" hätte Julian Casablancas den anderen Strokes nicht andrehen können, und für die immer noch halbverliebten "Is This It"- Mädchen ist der völlig kaputte Country-Folk "Ludlow St." eher auch nichts mehr. Aber jedes Mitglied der Strokes hat irgendetwas rausgebracht nach "First Impressions Of Earth", nur der Sänger harrte aus, um nun den Kreis zu schließen. Julian Casablancas' Stimme ist Motorenöl, so eingebildet, so verdorben, so verführerisch, auch acht lange Jahre nach dem epochalen Debüt. Was tendenziell abseitige Strokes-Stücke wie "Electricityscape" und "Ask Me Anything" (aber auch "Hawaii") andeuteten, wird hier näher ausgearbeitet: Manches klingt nach den Cars, das simple Synthie-Motiv der tollen Single "11th Dimension" hätte Debbie Gibson oder Stacey Q 1988 zu einer Nummer eins in Bolivien verholfen. Den torch song "Chords Of The Apocalypse" zerschmeißt Casablancas in letzter Minute selbst, das formidable "River Of Brakelights" ist fast zu schade, um es an eine Solo-LP zu verschwenden. Insgesamt mehr Judd Nelson als Lou Reed. Aber die Jacke sitzt. (7) Jan Wigger

Slayer - "World Painted Blood"
(American Recordings/Sony, 30. Oktober)

Auch als Nicht-Intellektueller ist es schade, immer wieder lesen zu müssen, dass Slayer von Intellektuellen vornehmlich deshalb gehört werden, um einen Distinktionsgewinn zu erlangen und sich gegenüber anderen Intellektuellen, die wohl nicht hart genug für Tom Arayas Todesgrollen sind, abzusetzen. Ist die Existenz von Hochschulabsolventen ohne Death-Angel-Kutte, die mit "Show No Mercy", "Reign In Blood" und "South Of Heaven" aufgewachsen sind und ohne Hintergedanken einfach gerne Slayer hören, so unvorstellbar? "World Painted Blood" könnte ohne Probleme das blutige Ende sein, denn so klassisch und endgültig haben Slayer zuletzt auf einigen Tracks von "Seasons In The Abyss" zerstört - vor 19 Jahren. Doch warum aufhören, wenn nur der Teufel weiß, wie Drummer Dave Lombardo während "Unit 731" ein dritter Arm gewachsen ist und wie Kerry Kings Gitarre das erst kriechende, dann besinnungslos rasende "Beauty Through Order" virtuos zersägt. Und was könnte die Essenz von Slayer besser beschreiben als das zweieinhalbminütige Gebretter "Psychopathy Red"? "Organs cooked, bled out potency/ I am now complete/ Systematic death/ A physical fear/ Psychopathy red." Tom Araya ist wie Gott. Er wird nie krank und hat immer Recht. (7) Jan Wigger

Kraftwerk - "Der Katalog (German Box Set)"
(Klingklang/EMI, 30. Oktober)

Während im Hintergrund eine extrem coole, auf acht Exemplare limitierte Arvo Pärt/Animal Collective-Split-7-Inch ihre Runden dreht, betrachten wir, um uns wichtig zu machen, die partiell neu gestalteten Cover der letzten acht Studioalben von Kraftwerk. Wo einst ein bizarres Gruppenbild von Florian Schneider, Ralf Hütter, Karl Bartos und Wolfgang Flür die Ankunft des "Trans Europa Express" ankündigte, ist nun ein Schnellzug auf der Papphülle. Auch zum bekannten "Autobahn"-Cover gelangt man erst, wenn man das Jewel Case aus der Pappe zieht. Das "Expended Artwork" aber stellt mehr Fotografien, ja richtige Booklets bereit, die das Rätsel um Kraftwerk freilich auch nicht lösen. Schneiders immer etwas verschlagenes Bankangestellten-Gesicht, Bartos mit Fliege, das Gleis 17 am Düsseldorfer Hauptbahnhof, Hütter und sein Mini-Keyboard, die deutsche Tischdecke, der Volksempfänger. Die acht berühmtesten und nun auch remasterten Kraftwerk-Alben im "German Box Set" einzeln abzuhandeln ist gar nicht nötig, denn fast jeder, der sich von Musik berühren lässt, hat sie sowieso. Das endlose "Autobahn", Grundstein für den vollendeten Techno-Pop auf "Radio-Aktivität" und "Trans Europa Express". Das geniale "Spiegelsaal", dessen schwerfällige Bassline man später nicht nur bei The Human League und Ultravox wiederfand. Die wunderbaren "Ätherwellen" und "Der Telefon Anruf" vom unterschätzten "Electric Café", das Kraftwerk jüngst in "Techno Pop" umbenannten. Florian Schneiders Flöte beim "Morgenspaziergang". Die Monstrosität von "Mensch- Maschine". Der japanische Anime-Regisseur Makoto Shinkai hat das Gefühl der Einsamkeit einmal damit verglichen, in einem tiefen, kalten Wasser die Luft anzuhalten. Kraftwerk sind das Gegenteil. "Autobahn" (10), "Radio-Aktivität" (9), "Trans Europa Express" (10), "Die Mensch-Maschine" (10), "Computerwelt" (10), "Techno Pop" (8), "The Mix" (7), "Tour de France" (7). Jan Wigger


Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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Abgehört: Die wichtigste Musik der Woche
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1.
icaros, 19.06.2007
Paradise Lost - Icon: zum ersten Mal seit Jahren wieder ein amtliches Album der britischen Gothic Metal Legende. Hier regiert wieder der Metal und nicht mehr die Anbiederung an das Mainstreetpublikum. Die Songs der neuen Platte können es fast mit den alten Klassikern aufnehmen. Megadeth - United Abominations: Für Megadeth gilt ähnliches wie für Paradise Lost, das beste Album der Band seit Jahren, Dave Mustaine will es wohl noch mal wissen. Samael - Solar Soul: Die Schweizer sind ein Garant für hochklassigen, dunklen Metal mit Elektroschlagseite Akercocke - Antichrist: völlig abgefahrener Mix aus Black Metal, Grindcore, Death Metal, Ambient und ruhigen Passagen. Sicher keine Musik für Gelegenheitshörer aber es lohnt sich Zeit für das Album zu nehmen. Trelldom - Til Minne...: So war Black Metal ursprünglich gemeint: Roh, kalt, atmosphärisch, schwarz. Die Blaxk Metal Scheibe der Woche Und zum Schluß noch was anderes als Metal: Manes - How The World Came To An End: Dunkle Sounds zwischen Avantgarde, Ambient, Elektro mit unterschwelligem Gothictouch. Die Norweger scheuen sich auch nicht davor französischen Rap einzubauen. Funktioniert erstaunlicherweise. Sollte man als Hörer ohne Scheuklappen mal gehört haben.
2.
ralfons 19.06.2007
Zitat von icarosParadise Lost - Icon: zum ersten Mal seit Jahren wieder ein amtliches Album der britischen Gothic Metal Legende. Hier regiert wieder der Metal und nicht mehr die Anbiederung an das Mainstreetpublikum. Die Songs der neuen Platte können es fast mit den alten Klassikern aufnehmen. Megadeth - United Abominations: Für Megadeth gilt ähnliches wie für Paradise Lost, das beste Album der Band seit Jahren, Dave Mustaine will es wohl noch mal wissen. Samael - Solar Soul: Die Schweizer sind ein Garant für hochklassigen, dunklen Metal mit Elektroschlagseite Akercocke - Antichrist: völlig abgefahrener Mix aus Black Metal, Grindcore, Death Metal, Ambient und ruhigen Passagen. Sicher keine Musik für Gelegenheitshörer aber es lohnt sich Zeit für das Album zu nehmen. Trelldom - Til Minne...: So war Black Metal ursprünglich gemeint: Roh, kalt, atmosphärisch, schwarz. Die Blaxk Metal Scheibe der Woche Und zum Schluß noch was anderes als Metal: Manes - How The World Came To An End: Dunkle Sounds zwischen Avantgarde, Ambient, Elektro mit unterschwelligem Gothictouch. Die Norweger scheuen sich auch nicht davor französischen Rap einzubauen. Funktioniert erstaunlicherweise. Sollte man als Hörer ohne Scheuklappen mal gehört haben.
"In Requiem" heißt das neue Album, hört sich allerdings endlich wieder an wie "Icon" :) Eigentlich wäre ja Devildriver - Last Kind Words mein Album der Woche geworden. Amtlicher Thrash, der einem schön die Birne freibläst. Aber dann bin ich im CD-Regal doch nicht an den Re-Releases der Blind-Guardian-Alben von "Battalions of Fear" bis "Nightfall in Middle Earth" vorbeigekommen. Alle Alben sind digital remastered - die ersten beiden ("Battalions of Fear" und "Follow the Blind") sind komplett neu abgemischt - und mit neuen Liner-Notes und Bonus-Tracks versehen. Wer also einige der BG-Klassiker noch nicht sein eigen nennt: Zugreifen! :) Anfangen sollte man vielleicht beim '92er "Somewhere Far Beyond", sozusagen ein Zwischenschritt zwischen den alten, speed-lastigeren Alben und dem neuen, progressiveren Zeug.
3.
icaros, 19.06.2007
Zitat von ralfons"In Requiem" heißt das neue Album, hört sich allerdings endlich wieder an wie "Icon" :) Eigentlich wäre ja Devildriver - Last Kind Words mein Album der Woche geworden. Amtlicher Thrash, der einem schön die Birne freibläst. Aber dann bin ich im CD-Regal doch nicht an den Re-Releases der Blind-Guardian-Alben von "Battalions of Fear" bis "Nightfall in Middle Earth" vorbeigekommen. Alle Alben sind digital remastered - die ersten beiden ("Battalions of Fear" und "Follow the Blind") sind komplett neu abgemischt - und mit neuen Liner-Notes und Bonus-Tracks versehen. Wer also einige der BG-Klassiker noch nicht sein eigen nennt: Zugreifen! :) Anfangen sollte man vielleicht beim '92er "Somewhere Far Beyond", sozusagen ein Zwischenschritt zwischen den alten, speed-lastigeren Alben und dem neuen, progressiveren Zeug.
Oh, das mit dem "Icon" war wohl ein freudscher Verschreiber... Ja, die alten Blind Guardian Sachen waren durchaus hörenswert. Die neueren finde ich persönlich etwas zu überladen, aber das ist natürlich Gerschmackssache. Aber da wir gerade bei Re-Releases sind: Von Edge Of Sanity gibt es demnächst eine Best Of. Eingefleischte Schweden-Death Fans werden zwar eh schon alles der Pioniere haben, wer aber nur im entferntesten auf Melodic Death Metal steht kann nun eine Bildungslücke schließen.
4. Musikalische Bandbreite
Sonic Nurse, 19.06.2007
Der musikalische Geschmack der meisten User hier ist eben genau wie erwartet: Metal, Metal und Metal (in allen möglichen Richtungen und Ausprägungen, ist mir schon bewusst, daß es da ganz viele Kategorien gibt.) Und da werfe nochmal jemand Wigger und Borcholte vor, ihr Geschmack sei einseitig. Tss.
5.
ralfons 19.06.2007
Zitat von Sonic NurseDer musikalische Geschmack der meisten User hier ist eben genau wie erwartet: Metal, Metal und Metal (in allen möglichen Richtungen und Ausprägungen, ist mir schon bewusst, daß es da ganz viele Kategorien gibt.) Und da werfe nochmal jemand Wigger und Borcholte vor, ihr Geschmack sei einseitig. Tss.
Falls die Sysops den neuen Thread eröffnet haben, um die alten Streitereien aus dem Weg zu räumen, hat das ja prima geklappt ;) Zurück zum Thema: Ich finde, dass "A Night at the Opera" die einzig wirklich schlechte Blind-Guardian-Scheibe war, "A Twist in the Myth" ist wieder deutlich eingängiger geworden. Ich freu' mich auf jeden Fall schon auf einige neue Songs in Wacken :) Edge of Sanity sind bei mir allerdings 'ne echte Bildungslücke. Ich kenne zwar einige Songs, hab' aber nie ein Album von ihnen besessen. Von daher hab' ich die Best-Of mal auf meinem Einkaufszettel notiert.
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