Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche

Übergeschnappt, blutrünstig, frappierend: Tocotronic plädieren auf ihrem neuen Album "Schall & Wahn" für Unfertigkeit und Spinnerei, staunt Jan Wigger und bescheinigt Vampire Weekend sympathische Originalität. Andreas Borcholte sucht den Lou Reed in Adam Green.


Tocotronic - "Schall & Wahn"
(Vertigo/Universal, 22. Januar)

Thurston Moore und Hubert Fichte. Terror, Blut und Folter. Laster und Vergnügen. Perversion und Glück. Liebe und Verrat. Neil Young und Baudelaire. William Faulkner und William Shakespeare. Bumms! Und Bi! Die Benutzer des Dagegenseins haben ein neues Album aufgenommen, sie haben einen Strauß vergifteter Blumen mitgebracht, sie feiern die eigenen Schwächen, schreiben immer noch Hymnen auf Unfertigkeit und Spinnerei, brechen Lanzen für Kontrollverlust und Unvernunft. Und sie haben, wie schon so oft, den einzigen schwachen, "When The Saints Go Marching In" zitierenden Song ("Macht es nicht selbst") zur ersten Single von "Schall & Wahn" erkoren. Der Rest oszilliert zwischen reinem Genie ("Das Blut an meinen Händen"), wüstem Irrsinn ("Stürmt das Schloss"), hochkomischen Schnapsideen ("Bitte oszillieren sie") und Todeswalzern wie "Die Folter endet nie", das Dirk von Lowtzow so hell und aufreizend wie nur möglich singt, während er in "Eure Liebe tötet mich" den Fürsten der Dunkelheit mimt, dessen Stimme sich aus dem Grab erhebt und pochende Herzen zerschneidet: "Die Blumen glotzen mich an/ Von oben herab/ Ein Sterben lang/ Die Flaggen wehen im Licht/ Auch wenn ihr bereut/ Ich verzeihe euch nicht." Alles fließt, nichts ist in Stein gemeißelt, und wenn das abschließende "Gift" nicht der größte Velvet-Underground-Moment ist, den Tocotronic jemals hatten, dann haben wir umsonst gelebt. Mit "Schall & Wahn" gelingt diesen chronisch unpässlichen Verweigerungskünstlern ihre schrulligste, übergeschnappteste, blutrünstigste und am frappantesten an das weiße Album "Tocotronic" erinnernde Werk, dessen Musealisierung aber gleich wieder verhindert wird: "Keine Meisterwerke mehr/ Die Zeit ist längst schon reif dafür/ Was wir niemals zu Ende bringen/ Kann kein Moloch je verschlingen." Ob Tocotronic sich jemals wieder auf etwas festnageln lassen? Nevermore. (9) Jan Wigger

Owen Pallett - "Heartland"
(Domino/Indigo, 22. Januar)

"The stony hiss of cockatrice has cast us into serfdom/ I close my eyes, and spur Imelda down the mountainside/ For a liberated Spectrum." Ist schon was anderes als "Are we human or are we dancer?", oder? Auf "Heartland" zerteilt Star-Arrangeur Owen Pallett (Arcade Fire, Beirut, Last Shadow Puppets u.a), der ab sofort nicht mehr unter dem Moniker Final Fantasy veröffentlicht, wieder einmal alles mit leichter Hand, was man über das Autorensubjekt, über role reversals, Herrschaftsverhältnisse und klerikales Leben zu wissen glaubte. Erzählt wird die Geschichte des fiktiven Reiches Spectrum, in dem der einfache Landarbeiter Lewis einen inneren Konflikt mit seinem Unterdrücker ausficht, den Pallett gleich nach sich selbst benannte: Owen. Und dachte man bereits, Palletts Musik, der brillante Streicherpartituren zugrunde liegen, habe mit dem tänzelnden "This Lamb Sells Condos" (auf "He Poos Clouds", 2006) eine Grenze des Exquisiten erreicht, findet sich auf "Heartland" schon jetzt einer der größten Songs des Jahres 2010: Auf "E Is For Estranged" erreichen irisierende Streicher, gewichtiges Piano und Palletts verlangender Gesang eine einsame Meisterschaft. Wird Lewis, der sich in "Tryst With Mephistopheles" gegen Weltenschöpfer Owen wendet ("The author has been removed."), Spectrum verlassen? Weggehen heißt Leben, hier bleiben der Tod. (9) Jan Wigger

Vampire Weekend - "Contra"
(XL/Beggars/Indigo, bereits erschienen)

They tried to rock, but they failed. Der New Yorker Musikgruppe Vampire Weekend ist natürlich auch auf ihrer zweiten LP "Contra" nichts Breitbeiniges, nichts Viriles anzumerken, selbst dann nicht, wenn man im untypischen "Cousins" einen zweieinhalbminütigen Kommentar zum Garagenrock der vergangenen Dekade zu erkennen glaubt. Dann aber gleiten die meist kurzen Songs wieder so freundlich und verspielt durch helle Tage, dass man sich fragt, welche andere Band gleichen Alters denn eigentlich "Horchata", "Holiday" oder "Diplomat's Son" nachspielen könnte, ohne Gelächter zu ernten. Denn wo blieb eigentlich der angekündigte Schwarm von Vampire-Weekend-Soundalikes, der spätestens seit letztem Jahr die Welt erobern sollte? Zu spät gegründet? Zeit zu knapp? Kein Spinett verfügbar? Auf "Contra" gibt es noch mehr pizzikates Gezupfe, Geflöte und Geklöppel, selbst der sonst oft missvergnügte Paul Simon (There, we said it! It's out there!) gab väterlichen Rat. Und durchaus tönt "Contra" noch etwas "afrikanischer" als das wundersam gewichtslose Debüt. Aber eigentlich erzählt das verführerisch kühle Cover schon die ganze Platte. (8) Jan Wigger

Get Well Soon - "Vexations"
(City Slang/Universal, 22. Januar)

Aber ja: Alles, was mit "Vexations" zu tun hat, schreit nach großer Kunst: Seneca, Georg Büchner, Werner Herzog, Homer, Melvilles "Moby Dick". Am Ende, sagte Konstantin Gropper kürzlich in einem Interview, sei vor allem Scott Walker übrig geblieben, doch der Einfluss, den das Basecap tragende Enigma auf dieses Album hatte, wird erst auf den dritten Blick sichtbar. Man merkt dem hochbegabten Meisterschüler Gropper an, wie ambitioniert und erlesen er "Vexations" gestalten wollte, und tatsächlich fällt kaum ein Lichtstrahl auf die handwerklich vorbildlich komponierten und arrangierten Depressionsverstärker von "Vexations". "5 Steps/ 7 Swords", "We Are Ghosts" und "Seneca's Silence" sind grandios, doch in zwei, drei anderen Stücken wirkt Groppers gleichbleibend traurig monotoner Leidensgesang mitunter etwas abschreckend. Was nichts daran ändert, dass das Debüt "Rest Now, Weary Head! You Will Get Well Soon" eine mehr als erinnerungswürdige Leistung war. "Vexations" führt die Krankenakte des versteckt optimistischen Patienten K.G nun fort. An Euch da draußen: He's a writer, not a fighter. (7) Jan Wigger

Adam Green - "Minor Love"
(Rough Trade/Beggars, bereits erschienen)

Man hätte gar nicht mehr damit gerechnet, dass aus dem Pop-Darling von ca. 2004 noch mal etwas wird. Zu sehr hatte Adam Green seine linkischen Clownerien ausgewalzt, und irgendwann wurde es langweilig, ihm dabei zuzuhören, wie er sich über sich selbst und die vielen Frauen amüsierte, die ihm so über den Weg liefen. Mit seinem sechsten Album "Minor Love" jedoch zeigt Green, dass er doch noch ein bisschen mehr drauf hat. Mehr Street Credibility, wenn es so etwas für Singer/Songwriter gibt. Schon auf dem Cover gibt er sich als freche Lou-Reed-Kopie, und innen drin beweist er Qualitäten, die bisher hinter mokant beschwingtem Las-Vegas-Pomp verborgen waren. Angeblich spielte der New Yorker so gut wie alle Instrumente selbst, wenngleich es diesmal bei weitem nicht so viele sind wie sonst. Meist reichen eine akustische Gitarre und ein paar elektronische Spielereien, um die Zwei-Minuten-Stücke zu untermalen, auf denen er mit deutlich entmanierierter Stimme über kleine Alltagsbeobachtungen in seiner Stadt singt. Irgendwo in dieser halben Stunde, zwischen der leichtfüßigen Tristesse von Velvet Underground und dem nachdenklichen Furor des frühen Ryan Adams, findet der Ex-Hipster so einen neuen, erstaunlich ernsthaften, fast schon erwachsenen Sound. Aber keine Sorge: Bei rotzigen Kleinigkeiten wie "Oh Shucks" oder "Stadium Soul" finden auch alte Fans noch genug Gründe, Adam Green weiterhin zu umarmen. (6) Andreas Borcholte

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Seite 1
icaros, 19.06.2007
1.
Paradise Lost - Icon: zum ersten Mal seit Jahren wieder ein amtliches Album der britischen Gothic Metal Legende. Hier regiert wieder der Metal und nicht mehr die Anbiederung an das Mainstreetpublikum. Die Songs der neuen Platte können es fast mit den alten Klassikern aufnehmen. Megadeth - United Abominations: Für Megadeth gilt ähnliches wie für Paradise Lost, das beste Album der Band seit Jahren, Dave Mustaine will es wohl noch mal wissen. Samael - Solar Soul: Die Schweizer sind ein Garant für hochklassigen, dunklen Metal mit Elektroschlagseite Akercocke - Antichrist: völlig abgefahrener Mix aus Black Metal, Grindcore, Death Metal, Ambient und ruhigen Passagen. Sicher keine Musik für Gelegenheitshörer aber es lohnt sich Zeit für das Album zu nehmen. Trelldom - Til Minne...: So war Black Metal ursprünglich gemeint: Roh, kalt, atmosphärisch, schwarz. Die Blaxk Metal Scheibe der Woche Und zum Schluß noch was anderes als Metal: Manes - How The World Came To An End: Dunkle Sounds zwischen Avantgarde, Ambient, Elektro mit unterschwelligem Gothictouch. Die Norweger scheuen sich auch nicht davor französischen Rap einzubauen. Funktioniert erstaunlicherweise. Sollte man als Hörer ohne Scheuklappen mal gehört haben.
ralfons 19.06.2007
2.
Zitat von icarosParadise Lost - Icon: zum ersten Mal seit Jahren wieder ein amtliches Album der britischen Gothic Metal Legende. Hier regiert wieder der Metal und nicht mehr die Anbiederung an das Mainstreetpublikum. Die Songs der neuen Platte können es fast mit den alten Klassikern aufnehmen. Megadeth - United Abominations: Für Megadeth gilt ähnliches wie für Paradise Lost, das beste Album der Band seit Jahren, Dave Mustaine will es wohl noch mal wissen. Samael - Solar Soul: Die Schweizer sind ein Garant für hochklassigen, dunklen Metal mit Elektroschlagseite Akercocke - Antichrist: völlig abgefahrener Mix aus Black Metal, Grindcore, Death Metal, Ambient und ruhigen Passagen. Sicher keine Musik für Gelegenheitshörer aber es lohnt sich Zeit für das Album zu nehmen. Trelldom - Til Minne...: So war Black Metal ursprünglich gemeint: Roh, kalt, atmosphärisch, schwarz. Die Blaxk Metal Scheibe der Woche Und zum Schluß noch was anderes als Metal: Manes - How The World Came To An End: Dunkle Sounds zwischen Avantgarde, Ambient, Elektro mit unterschwelligem Gothictouch. Die Norweger scheuen sich auch nicht davor französischen Rap einzubauen. Funktioniert erstaunlicherweise. Sollte man als Hörer ohne Scheuklappen mal gehört haben.
"In Requiem" heißt das neue Album, hört sich allerdings endlich wieder an wie "Icon" :) Eigentlich wäre ja Devildriver - Last Kind Words mein Album der Woche geworden. Amtlicher Thrash, der einem schön die Birne freibläst. Aber dann bin ich im CD-Regal doch nicht an den Re-Releases der Blind-Guardian-Alben von "Battalions of Fear" bis "Nightfall in Middle Earth" vorbeigekommen. Alle Alben sind digital remastered - die ersten beiden ("Battalions of Fear" und "Follow the Blind") sind komplett neu abgemischt - und mit neuen Liner-Notes und Bonus-Tracks versehen. Wer also einige der BG-Klassiker noch nicht sein eigen nennt: Zugreifen! :) Anfangen sollte man vielleicht beim '92er "Somewhere Far Beyond", sozusagen ein Zwischenschritt zwischen den alten, speed-lastigeren Alben und dem neuen, progressiveren Zeug.
icaros, 19.06.2007
3.
Zitat von ralfons"In Requiem" heißt das neue Album, hört sich allerdings endlich wieder an wie "Icon" :) Eigentlich wäre ja Devildriver - Last Kind Words mein Album der Woche geworden. Amtlicher Thrash, der einem schön die Birne freibläst. Aber dann bin ich im CD-Regal doch nicht an den Re-Releases der Blind-Guardian-Alben von "Battalions of Fear" bis "Nightfall in Middle Earth" vorbeigekommen. Alle Alben sind digital remastered - die ersten beiden ("Battalions of Fear" und "Follow the Blind") sind komplett neu abgemischt - und mit neuen Liner-Notes und Bonus-Tracks versehen. Wer also einige der BG-Klassiker noch nicht sein eigen nennt: Zugreifen! :) Anfangen sollte man vielleicht beim '92er "Somewhere Far Beyond", sozusagen ein Zwischenschritt zwischen den alten, speed-lastigeren Alben und dem neuen, progressiveren Zeug.
Oh, das mit dem "Icon" war wohl ein freudscher Verschreiber... Ja, die alten Blind Guardian Sachen waren durchaus hörenswert. Die neueren finde ich persönlich etwas zu überladen, aber das ist natürlich Gerschmackssache. Aber da wir gerade bei Re-Releases sind: Von Edge Of Sanity gibt es demnächst eine Best Of. Eingefleischte Schweden-Death Fans werden zwar eh schon alles der Pioniere haben, wer aber nur im entferntesten auf Melodic Death Metal steht kann nun eine Bildungslücke schließen.
Sonic Nurse, 19.06.2007
4. Musikalische Bandbreite
Der musikalische Geschmack der meisten User hier ist eben genau wie erwartet: Metal, Metal und Metal (in allen möglichen Richtungen und Ausprägungen, ist mir schon bewusst, daß es da ganz viele Kategorien gibt.) Und da werfe nochmal jemand Wigger und Borcholte vor, ihr Geschmack sei einseitig. Tss.
ralfons 19.06.2007
5.
Zitat von Sonic NurseDer musikalische Geschmack der meisten User hier ist eben genau wie erwartet: Metal, Metal und Metal (in allen möglichen Richtungen und Ausprägungen, ist mir schon bewusst, daß es da ganz viele Kategorien gibt.) Und da werfe nochmal jemand Wigger und Borcholte vor, ihr Geschmack sei einseitig. Tss.
Falls die Sysops den neuen Thread eröffnet haben, um die alten Streitereien aus dem Weg zu räumen, hat das ja prima geklappt ;) Zurück zum Thema: Ich finde, dass "A Night at the Opera" die einzig wirklich schlechte Blind-Guardian-Scheibe war, "A Twist in the Myth" ist wieder deutlich eingängiger geworden. Ich freu' mich auf jeden Fall schon auf einige neue Songs in Wacken :) Edge of Sanity sind bei mir allerdings 'ne echte Bildungslücke. Ich kenne zwar einige Songs, hab' aber nie ein Album von ihnen besessen. Von daher hab' ich die Best-Of mal auf meinem Einkaufszettel notiert.
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