Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche

Die Nerds sind erwachsen geworden und lassen sogar ihren Gefühlen freien Lauf, staunt Andreas Borcholte über das neue Album der britischen Elektropopper Hot Chip. Jan Wigger langweilt sich mit Tegan And Sara und amüsiert sich über den erweiterten Realitätsbegriff der Magnetic Fields.


Hot Chip - "One Life Stand"
(Parlophone/EMI, 29. Januar)

Lassen wir mal diese ganze Musik-von-Nerds-für-Nerds-Debatte außen vor: Hot Chip haben nach dem Rummel um ihre letzten beiden Alben "The Warning" und "Made In The Dark" genau das Richtige getan - und sich ohne Rücksicht auf Verluste weiterentwickelt. Das wird einige jener Fans, die sich von ihrer Lieblingsband immer wieder dasselbe Album wünschen, vermutlich mit Unmut erfüllen, aber über solchen Kleingeist können sich Alexis Taylor und seine Bandmates getrost erheben. "One Life Stand" ist das ausgefeilteste Album der britischen Elektropopper, was erstmal erstaunlich ist, denn es klingt viel zugänglicher, viel weniger verschachtelt und absichtlich verschroben als alle drei vorherigen Platten. In der Reduktion liegt aber immer auch ein erwachsener Mut zur Klarheit. Der deutlichere Pop-Appeal von "One Life Stand" ist also nicht unbedingt als Anbiederung an den Mainstream zu verstehen, sondern als Befreiung von unnötigem Ballast. Zu entdecken gibt es also viel: die üblichen, aber vertieften Funk- und Soul-Zitate in "Thieves In The Night" und "Hand Me Down Your Love", die das Album eröffnen, den Achtziger-Pop von "I Feel Better" und das mit bedrohlicher Sehnsucht aufgeladene Titelstück. Und die tatsächlich sehr romantischen Balladen "Slush", "Alley Cats" und "Keep Quiet". Ja, selbst auf dem Indie-Dancefloor geht es um Liebe! Es gibt Piano-Passagen! Und ganz viel kitschige Synthie-Flächen. Allein "We Have Love" erinnert noch an alte Hot-Chip-Hits wie "Over And Over", während das seifige "Brothers" der einzige Ausfall auf einer ansonsten nahezu perfekten Pop-Platte ist. Hot Chip lassen nicht nur ihrer Musik, sondern auch ihren Gefühlen freien Lauf. Für Kopfmenschen eine reife Leistung. (9) Andreas Borcholte

Tegan And Sara - "Sainthood"
(Warner, 29. Januar)

"I practised all my sainthood/ I gave to one and all/ But the rumours of my virtue/ They moved her not at all." Erraten sie den Leonard-Cohen-Song? Ausgerechnet "Came So Far For Beauty" diente den kanadischen Zwillingsschwestern Tegan And Sara als Leitfaden für "Sainthood", ein Album, dessen Lyrik die Methoden von Liebe und Zurückweisung gern unter dem Brennglas festhalten möchte. Die erschreckend formelhafte wie ereignislose Musik dazu hat sich im weiten Feld von handelsüblichem Indie-Rock, Gitarren-Pop und AOR eingependelt - und ist, überspitzt gesagt, gar nicht so weit entfernt von Vixen (mit Jan Kuehnemund an der Gitarre!) und ähnlichen Eighties-Früchtchen. "My misery's so addictive" informiert Tegan im simplen "Northshore", das sich nach anderthalb Minuten immerhin einer gnädigen Fuzz-Guitar-Behandlung unterziehen darf. Da aber sehnt man sich längst zu Liz Phair, zu Ani DiFranco und den Blake Babies zurück. Die Songs von Tegan And Sara haben kein Geheimnis. Gut für sie, dass die meisten Plattenkäufer gar nicht erst nach einem suchen. (5) Jan Wigger

Musée Mécanique - "Hold This Ghost"
(Souterrain Transmissions/Rough Trade, 29. Januar)

Es gibt genau einen Film, genau einen Moment, aus dem Musée Mécanique "Like Home", den besten Song dieses tränenschweren Debüts, entrissen haben müssen. In Tran Anh Hungs Film "Cyclo" gibt es eine Szene, in der der namenlose Rikscha-Fahrer seinen Kopf in ein Aquarium taucht, um sich von der Angst und den Abwässern Saigons reinzuwaschen. In diesen Sekunden hätte es spielen müssen, das Quintett aus Portland, Oregon, dessen Heimstätte man eher in Frankreich vermutet hätte, bei Airs "Talkie Walkie", Serge Gainsbourgs "Histoire de Melody Nelson" oder Bertrand Burgalat. Singende Säge, Akkordeon und Pedal Steel wärmen das Herz, und wer "Fits And Starts" und "Under Glass" hört, fragt sich schon, wie man noch so jung, aber schon so traurig sein kann. Eine Welt aus Licht und Tönen, im Kern erschaffen von Sean Ogilvie und Micah Rabwin, die sonst in der "extrem künstlerisch wertvollen" (Infozettel) Backing-Band von Laura Gibson spielen. Shadows on parade! (7) Jan Wigger

The Magnetic Fields - "Realism"
(Nonesuch/Warner, 29. Januar)

Schon wenige Monate nach dem Erscheinen von Stephin Merritts Reverb-Album "Distortion" redete niemand mehr drüber. Verschwunden im Äther, samt "California Girls", das der erste kapitale Hit der Magnetic Fields geworden wäre, hätte Merritt es darauf angelegt. Die neue Magnetic-Fields-LP heißt nun ulkigerweise "Realism" und ist die Remedur, die Umkehrung, das gesuchte Gegenstück zum Steinblock "Distortion". In "Everything Is One Big Christmas Tree" radebrecht Merritt aufs Köstlichste: "Nein, vielleicht ist alles nicht ein Traum/ Ist alles ein Albtraum? Nicht, nicht!/ Alles ist ein großer Tannenbaum/ Rotierend im Weltraumgeschichte/ La la la la la la la." Mehr Folk als auf "Realism" ist für Merritt kaum möglich, auch wenn der Verdichtungskünstler von "Variety Folk", von Judy Collins und Judy Henske spricht, wenn man ihn bittet, sein erratisches Vorgehen zu erläutern. Das Lineare und Eindeutige hat Stephin Merritt nie interessiert, doch hat er sich eine kindliche Unmittelbarkeit erhalten, die Bilder von bleibender Schönheit erschafft: "I'm only drops of paint in a silver frame/ Without an aim and without a name/ Gathering dust, every day just the same/ Every day just the same." Vorschlag zur Güte: Ein Duett mit Bill Callahan. (7) Jan Wigger

First Aid Kit - "The Big Black & The Blue"
(Wichita/Cooperative/Universal, 29. Januar)

Die Geschichte ist da draußen, erzählen wir sie also nochmal: In einem Wald, den die Band Immortal gut für eines ihrer frühen Videos hätten gebrauchen können, spielten Johanna und Klara Söderberg einmal den "Tiger Mountain Peasant Song" der Fleet Foxes - Welt begeistert, "Drunken Trees EP" ausverkauft, Schulabschluss egal. Und gleich das erste Stück auf "The Big Black & The Blue" klingt schwer nach den Füchsen (der Rest dann weniger), nicht nur weil die zusammen gerade mal 35 Jahre alten Söderbergs über Stimmen verfügen, die einen atmosphärischen Zauber verströmen, sondern weil sie ähnlich überzeugend texten. Natürlich widern einen Zeilen wie "And it's one life/ And it's this life/ And it's beautiful" unsagbar an, doch ist auch dieser Ausrutscher verziehen, wenn schließlich "Ghost Town" erklingt: "And I remember how you told me all that you wanted to do/ The dream of Paris in the morning or a New York window view/ And I can see it now, you're married and your wife is with a child/ And you're all laughing in the garden/ And I'm lost somewhere in your mind." Lange werden First Aid Kit ihre Tageseinkäufe nicht mehr in einem Stockholmer Vorort erledigen müssen. Bis dahin: Band aids, keine Groupies. (6) Jan Wigger

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insgesamt 9 Beiträge
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pawibe 26.01.2010
1. Ein Fan
Auf Sie kann man sich echt verlassen, Wigger und Borcholte. Auch wenn ich manchmal das Gefühl habe, dass britische Platten eher einen Punkt zu viel als zu wenig bekommen, muss doch eines Mal gesagt werden: "Abgehört" ist extraklasse.
kosti, 26.01.2010
2. Same old Story
Obwohl ich SPON sehr schätze, bleibt die Kolummne der "wichtigsten" CDs der Woche eine dröge Veranstaltung. Würde die FDP dafür verantwortlich zeichnen, hätte ich schon längst nach üppigen Spendengeldern der lahmsten und uninspiriertesten Brit-Pop Lobbygruppen in einschlägigen Spendenkladden gefahndet. So bleibt mir letztlich nur die Anerkennung dafür, dass es in der heutigen Medienlandschaft trotz aller Probleme möglich ist, auch mediokren Medienschaffenden mit einem liebeswerten Spleen ein warmes Bett zu finanzieren.
rockingdad 27.01.2010
3. yawn...
Ich kann kosti nur unterstützen und möchte ergänzen, dass es mir die Rubrik leichter macht, schnell zu wissen, welche CDs ich mir nicht mal anhören muss. Die Auswahl ist wie die Plattensammlung der Leute, mit denen Rob aus Hornbys 'High Fidelity' wegen ihres Musikgeschmacks aus niemals befreundet sein könnte.
kuhno van oyten 28.01.2010
4. Alles nur Schlagerliedchen
Auch diese Woche würde ich keiner der besprochene Platten mehr als vier Punkte geben! Der letzte echte Kracher, der hier besprochen wurde, war meines Wissens Alberta Cross, und das ist, glaube ich, schon fast ein halbes Jahr her.
kleintal 28.01.2010
5. Neues aus Elektrohousen
Heute möchte ich euch zwei sehr unterschiedliche Alben aus dem Bereich der elektronischen Musik vorstellen, die dennoch einige Gemeinsamkeiten aufweisen. Nicht zuletzt ist ihnen gemein, dass sie mich nach einer langen Durststrecke dazu gebracht haben, mich wieder stärker mit elektronischer Musik zu beschäftigen. Da wäre als erstes das Album „Waiting for you“ von KING MIDAS SOUND. Der Dubstep-Spezialist Kevin Martin (The Bug) hat sich mit dem Dichter Roger Robinson und der Sängerin Hitomi zusammengetan und einen Sound geschaffen, der etwas an Trickys Meisterwerk Maxinquaye oder auch an die düsteren Stellen von Massive Attacks „Blue lines“ erinnert, zuweilen auch wie „Mezzanine“ ohne Gitarren oder nach einem weniger hektischen Burial klingt. Sehr kühl und minimalistisch, ist die Musik von einer düsteren Schönheit, die einen sofort gefangen nimmt. Atmosphäre pur, dazu kommen die intelligenten Texte von Robinson, der ebenfalls eine sehr beeindruckende Stimme hat. Mein absolutes Lieblingsalbum zurzeit, mit dem Zeug zum Klassiker! Hier der Song „Goodbye girl“: http://www.youtube.com/watch?v=BnoGotrJhWQ Das zweite Album kommt von den Isländern GUSGUS die bereits seit 1995 in wechselnder Besetzung aktiv sind. Das neue Album "24/7" hat einen meiner Meinung nach einzigartigen Sound, der irgendwo im Bereich Minimal Techno/House/Soul anzusiedeln ist. Allen sechs Songs ist ein sehr interessanter Spannungsbogen eigen, der den Hörer über meist 10 Minuten gefangen hält. GusGus - Add this song: http://www.youtube.com/watch?v=9APOIBBpls8
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