Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche

Peter Gabriel hätte von der einen oder anderen Coverversion auf seinem neuen Album besser die Finger gelassen, meint Jan Wigger und staunt über das Wohnzimmer-Orchester von Broadcast 2000. Andreas Borcholte freut sich über Gil Scott-Herons Comeback als Seelensucher.


Peter Gabriel - "Scratch My Back"
(Virgin/EMI, 12. Februar)

Nur wenige Tage bevor Joanna Newsoms göttliche Triple-LP "Have One On Me" das Jahr 2010 für beenden und alle noch folgenden Veröffentlichungen für ungültig erklären wird, entsteigt Peter Gabriel der Versenkung. Und auch wenn das Booklet nach Knetmasse riecht: Man kann wahrlich nicht behaupten, dass Gabriel für "Scratch My Back" Fremdkompositionen ausgewählt hat, die sein Ansehen unbeschädigt lassen: Das erschütternde, sublime, von manchem Neil-Young-Exegeten unterschätzte "Philadelphia" etwa kann von niemandem außer Neil Young gesungen werden, und Gabriel hätte es wissen müssen. Paul Simons "The Boy In The Bubble" ist nicht mehr wiederzuerkennen, denn der Großkünstler Gabriel hatte die fixe Idee, bei allen zwölf hier versammelten Coverversionen auf den Einsatz von Schlagzeug und Gitarre zu verzichten. Umso mehr Dramatik verströmt das Orchester, und tatsächlich passen die Streicherschichten, die Gabriel immer wieder auftürmen lässt, vorzüglich zum großen Raunen des schläfrigen Astronomen. Die Umdeutungen von Bon Ivers "Flume", Arcade Fires "My Body Is A Cage" und "The Book Of Love" (The Magnetic Fields) gelingen, auch bei Lou Reeds noch jungem Liebeslied an Laurie Anderson ("The Power Of The Heart") trifft Gabriel den richtigen Ton. "Bob Ezrin encouraged me to switch from Randy Newman's 'Baltimore' to 'I Think It's Going To Rain Today', merkt Gabriel fast schon entschuldigend an, wäre aber wohl doch lieber bei ersterem geblieben: Die absichtslose Kraft des Regenliedes bleibt dem Engländer verborgen. Die verbissensten Anhänger von Bowie und Radiohead werden darüber diskutieren, wer "Heroes" und "Street Spirit (Fade Out)" denn überhaupt covern darf und sich - so vorhersehbar und langweilig das auch ist - auf Antony Hegarty einigen. Räumen Sie den Tisch nicht ab, so lange noch jemand eine Meinung hat. (6) Jan Wigger

Gil Scott-Heron - "I'm New Here"
(XL Recordings/Beggars/Indigo, bereits erschienen)

Blast from the Past: Als Gil Scott-Heron vor knapp 40 Jahren auf der Bühne verrauchter Clubs auftauchte und in seinem sonoren Sprechgesang verkündete, dass die Revolution nicht im Fernsehen übertragen werden würde, war Amerika ein zutiefst gespaltenes Land, taumelnd zwischen Vietnam-Trauma und Watergate-Skandal, hin- und hergerissen zwischen Rassenhass und Flower-Power-Romantik. Heute ist ein Afroamerikaner Präsident, das Land führt wieder einen Krieg, den es nicht gewinnen wird, und Scott-Heron ist nach 16 Jahren Stille und mehrjährigem Gefängnisaufenthalt wieder da. Hat uns der Erfinder des Raps, der scharfzüngige Analyst der sozialen Missstände Amerikas noch etwas zu sagen? So richtig politisch mag der 60-Jährige heute nicht mehr sein, aber dafür erzählt er endlich einmal von sich selbst: Von seiner Jugend ohne Vaterfiguren im gesprochenen Intro "On Coming From A Broken Home" zum Beispiel. Oder davon, dass New York, seine Heimatstadt, ihn fast umgebracht hätte, trotz eines Egos, das nach eigener Aussage so "groß wie Texas" ist. Der Brite Richard Russell, Chef des Szene-Labels XL, verpasste dem alten Offbeat-Poeten ein neues, minimal-elektronisches Soundgewand, das mit dem knarrenden Bariton Scott-Herons eine faszinierende Wechselwirkung entfaltet. Nur 28 Minuten lang ist dieses erstaunliche Comeback-Album, aber jeder einzelne Song, ob seine eigenen oder das Robert-Johnson-Cover "Me And The Devil" oder Brook Bentons "I'll Take Care Of You", das geradezu unheimlich an den Klassiker "Winter In America" erinnert: Gil Scott Heron schaut nicht mehr in die Seele seines Landes, sondern in seine eigene. Und Mann, was für spannende Geschichten da wohl noch schlummern. (8) Andreas Borcholte

Heathen - "The Evolution Of Chaos"
(Mascot Records/Rough Trade, bereits erschienen)

Warum klingt die 19 Jahre alte Heathen-LP "Victims Of Deception" heute noch so, als wäre sie erst gestern erschienen? Vielleicht, weil man sie fast so oft gehört hat wie "Act III" (Death Angel), "Master Of Puppets" (Metallica) und "Bonded By Blood" (Exodus). Und nur, weil sich Heftigkeit, Präzision und Zerstörungswille der vielleicht unterschätztesten Thrash-Band der amerikanischen Westküste so tief ins kollektive Unbewusstsein eingegraben haben, fällt es uns jetzt so leicht, den Anschluss zu "The Evolution Of Chaos" zu finden. Was Lee Altus und Kragen Lum nach dem kurzen "Intro" mit ihren Gitarren anstellen, gehört zum Beeindruckendsten, was man in den letzten zwölf Monaten aus dem knochenharten Lager zugeschustert bekam. Einerseits Speed und Thrash, die reine, schonungslose Lehre ("Bloodkult"), andererseits Komplexes, Balladeskes ("Red Tears Of Disgrace") und das elfminütige Spektakel "No Stone Unturned", in dem ein Solo zu hören ist, das beinahe halb so gut ist wie Michael Schenkers unfassbare 22 Sekunden auf dem UFO-Stück "Can You Roll Her". Außerdem sagt der "Rock Hard"-Kollege Frank Albrecht, dass "The Evolution Of Chaos" ein Meisterwerk ist. Und was Frank Albrecht sagt, ist Gesetz. (8) Jan Wigger

Broadcast 2000 - "Broadcast 2000"
(Grönland/Cargo, 12. Februar)

Wie schon oft zuvor war es Mark Kozelek (Red House Painters, Sun Kil Moon), der ein Leben rettete, als er in einem Gespräch mit Ben Gibbard (Death Cab For Cutie) auf die Erschwernisse einer Existenz als Songschreiber und Agnostiker aufmerksam machte: "If you don't have kids and you don't have religion, and you don't go to church and you don't drive a car, and you don't own a home, and you're not married, you just don't have shit." Den jungen Joe Steer hielt das nicht davon ab, Musik zu studieren und Songs zu schreiben, die eigentlich für einen anderen, einen "richtigen" Sänger bestimmt waren. Schon auf der "Building Blocks"-EP aber sang Steer selbst, und "Broadcast 2000" ist die musikalische Übersetzung eines schmalen Symphonieorchesters ins Wohnzimmer. Die zehn Kompositionen dieser kurzen und fragilen Platte, die seltsamerweise ans Penguin Cafe Orchestra erinnern, mögen sich etwas zu sehr ähneln, aber Großes passiert, wenn Kontrabass, Cello, Glockenspiel, Klavier und Ukulele zusammen spielen und Steer mit hoher Stimme den Masterplan enthüllt: "I'm gonna build a mountain/ I'm gonna build it high/ I don't know how I'm gonna do it, I only know I'm gonna try." Kohlenstaub und Glitzerträume. (7) Jan Wigger

The Unwinding Hours - "The Unwinding Hours"
(Chemikal Underground/Rough Trade, 12. Februar)

Die ungeheure Beliebtheit der schottischen Rockgruppe Aereogramme zeigte sich vor allem in der weltweiten Anteilnahme, die ihrer Auflösung im Jahr 2007 folgte. Die Begründung für den Bruch war hart und betrüblich: Unter anderem habe das Musikmachen nicht mehr dazu ausgereicht, um sich finanziell über Wasser zu halten. Dabei gaben sie ihrem Schwanengesang einen der schönsten Albumtitel des vergangenen Jahrzehnts: "My Heart Has A Wish That You Would Not Go". Nun geht es doch weiter für Craig B und Ian Cook, unter anderem mit "Child", dem bittersten und besten Stück der Platte: "But you poison my life with your bitterness/ I've been there before, I don't want any part of it/ But you poison my life with your bitterness child/ I've been there before, I don't want any part of it." Meist schwellen die Stücke gefährlich an, und Craig B muss sich durch Stürme kämpfen, bevor ihm die Liebeserklärung "Traces" glückt, die in einem kurzen Satz all das auffängt, was wirklich wichtig ist: "I'm glad that you stayed." The Unwinding Hours sind der geräuschvolle Bruder von Savoy Grand, die etwas nüchternere Variante von Mono und nicht zuletzt Bewunderer des Horrors von Hideo Nakata, Takashi Shimizu und Takashi Miike. Man hört es mit jedem Ton. (7) Jan Wigger

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Seite 1
icaros, 19.06.2007
1.
Paradise Lost - Icon: zum ersten Mal seit Jahren wieder ein amtliches Album der britischen Gothic Metal Legende. Hier regiert wieder der Metal und nicht mehr die Anbiederung an das Mainstreetpublikum. Die Songs der neuen Platte können es fast mit den alten Klassikern aufnehmen. Megadeth - United Abominations: Für Megadeth gilt ähnliches wie für Paradise Lost, das beste Album der Band seit Jahren, Dave Mustaine will es wohl noch mal wissen. Samael - Solar Soul: Die Schweizer sind ein Garant für hochklassigen, dunklen Metal mit Elektroschlagseite Akercocke - Antichrist: völlig abgefahrener Mix aus Black Metal, Grindcore, Death Metal, Ambient und ruhigen Passagen. Sicher keine Musik für Gelegenheitshörer aber es lohnt sich Zeit für das Album zu nehmen. Trelldom - Til Minne...: So war Black Metal ursprünglich gemeint: Roh, kalt, atmosphärisch, schwarz. Die Blaxk Metal Scheibe der Woche Und zum Schluß noch was anderes als Metal: Manes - How The World Came To An End: Dunkle Sounds zwischen Avantgarde, Ambient, Elektro mit unterschwelligem Gothictouch. Die Norweger scheuen sich auch nicht davor französischen Rap einzubauen. Funktioniert erstaunlicherweise. Sollte man als Hörer ohne Scheuklappen mal gehört haben.
ralfons 19.06.2007
2.
Zitat von icarosParadise Lost - Icon: zum ersten Mal seit Jahren wieder ein amtliches Album der britischen Gothic Metal Legende. Hier regiert wieder der Metal und nicht mehr die Anbiederung an das Mainstreetpublikum. Die Songs der neuen Platte können es fast mit den alten Klassikern aufnehmen. Megadeth - United Abominations: Für Megadeth gilt ähnliches wie für Paradise Lost, das beste Album der Band seit Jahren, Dave Mustaine will es wohl noch mal wissen. Samael - Solar Soul: Die Schweizer sind ein Garant für hochklassigen, dunklen Metal mit Elektroschlagseite Akercocke - Antichrist: völlig abgefahrener Mix aus Black Metal, Grindcore, Death Metal, Ambient und ruhigen Passagen. Sicher keine Musik für Gelegenheitshörer aber es lohnt sich Zeit für das Album zu nehmen. Trelldom - Til Minne...: So war Black Metal ursprünglich gemeint: Roh, kalt, atmosphärisch, schwarz. Die Blaxk Metal Scheibe der Woche Und zum Schluß noch was anderes als Metal: Manes - How The World Came To An End: Dunkle Sounds zwischen Avantgarde, Ambient, Elektro mit unterschwelligem Gothictouch. Die Norweger scheuen sich auch nicht davor französischen Rap einzubauen. Funktioniert erstaunlicherweise. Sollte man als Hörer ohne Scheuklappen mal gehört haben.
"In Requiem" heißt das neue Album, hört sich allerdings endlich wieder an wie "Icon" :) Eigentlich wäre ja Devildriver - Last Kind Words mein Album der Woche geworden. Amtlicher Thrash, der einem schön die Birne freibläst. Aber dann bin ich im CD-Regal doch nicht an den Re-Releases der Blind-Guardian-Alben von "Battalions of Fear" bis "Nightfall in Middle Earth" vorbeigekommen. Alle Alben sind digital remastered - die ersten beiden ("Battalions of Fear" und "Follow the Blind") sind komplett neu abgemischt - und mit neuen Liner-Notes und Bonus-Tracks versehen. Wer also einige der BG-Klassiker noch nicht sein eigen nennt: Zugreifen! :) Anfangen sollte man vielleicht beim '92er "Somewhere Far Beyond", sozusagen ein Zwischenschritt zwischen den alten, speed-lastigeren Alben und dem neuen, progressiveren Zeug.
icaros, 19.06.2007
3.
Zitat von ralfons"In Requiem" heißt das neue Album, hört sich allerdings endlich wieder an wie "Icon" :) Eigentlich wäre ja Devildriver - Last Kind Words mein Album der Woche geworden. Amtlicher Thrash, der einem schön die Birne freibläst. Aber dann bin ich im CD-Regal doch nicht an den Re-Releases der Blind-Guardian-Alben von "Battalions of Fear" bis "Nightfall in Middle Earth" vorbeigekommen. Alle Alben sind digital remastered - die ersten beiden ("Battalions of Fear" und "Follow the Blind") sind komplett neu abgemischt - und mit neuen Liner-Notes und Bonus-Tracks versehen. Wer also einige der BG-Klassiker noch nicht sein eigen nennt: Zugreifen! :) Anfangen sollte man vielleicht beim '92er "Somewhere Far Beyond", sozusagen ein Zwischenschritt zwischen den alten, speed-lastigeren Alben und dem neuen, progressiveren Zeug.
Oh, das mit dem "Icon" war wohl ein freudscher Verschreiber... Ja, die alten Blind Guardian Sachen waren durchaus hörenswert. Die neueren finde ich persönlich etwas zu überladen, aber das ist natürlich Gerschmackssache. Aber da wir gerade bei Re-Releases sind: Von Edge Of Sanity gibt es demnächst eine Best Of. Eingefleischte Schweden-Death Fans werden zwar eh schon alles der Pioniere haben, wer aber nur im entferntesten auf Melodic Death Metal steht kann nun eine Bildungslücke schließen.
Sonic Nurse, 19.06.2007
4. Musikalische Bandbreite
Der musikalische Geschmack der meisten User hier ist eben genau wie erwartet: Metal, Metal und Metal (in allen möglichen Richtungen und Ausprägungen, ist mir schon bewusst, daß es da ganz viele Kategorien gibt.) Und da werfe nochmal jemand Wigger und Borcholte vor, ihr Geschmack sei einseitig. Tss.
ralfons 19.06.2007
5.
Zitat von Sonic NurseDer musikalische Geschmack der meisten User hier ist eben genau wie erwartet: Metal, Metal und Metal (in allen möglichen Richtungen und Ausprägungen, ist mir schon bewusst, daß es da ganz viele Kategorien gibt.) Und da werfe nochmal jemand Wigger und Borcholte vor, ihr Geschmack sei einseitig. Tss.
Falls die Sysops den neuen Thread eröffnet haben, um die alten Streitereien aus dem Weg zu räumen, hat das ja prima geklappt ;) Zurück zum Thema: Ich finde, dass "A Night at the Opera" die einzig wirklich schlechte Blind-Guardian-Scheibe war, "A Twist in the Myth" ist wieder deutlich eingängiger geworden. Ich freu' mich auf jeden Fall schon auf einige neue Songs in Wacken :) Edge of Sanity sind bei mir allerdings 'ne echte Bildungslücke. Ich kenne zwar einige Songs, hab' aber nie ein Album von ihnen besessen. Von daher hab' ich die Best-Of mal auf meinem Einkaufszettel notiert.
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