Abgehört: Die wichtigsten CDs der Woche

Die US-Band The Hold Steady mag cooler wirken als Springsteen oder Mellencamp, aber ihr wehmütiger Classic Rock ist derselbe, stellt Jan Wigger fest und weint mit Rufus Wainwright. Andreas Borcholte will nicht mit CocoRosie zum Therapeuten, aber mit Nachlader in die Alltags-Disko.

The Hold Steady - "Heaven Is Whenever"
(Rough Trade/Beggars Group/Indigo, bereits erschienen)

Es ist natürlich so vorhersehbar wie langweilig, dass die üblichen Pappenheimer sich lieber ein kleines Club-Konzert von The Hold Steady ansehen, statt 80 Euro für Bruce Springsteen & The E Street Band auszugeben, dafür aber ewige Erlösung erführen. Auch eine Weltklasse-Ballade wie "Lights" von Journey oder John Cougar Mellencamps "Jack And Diane" würde da wohl nur wenig Begeisterung auslösen. Wird derselbe wehmütige Classic Rock aber von The Hold Steady gespielt und mundgerecht fürs Hier und Jetzt wieder aufbereitet, gehen Gitarren-Soli und unverhofft einsetzende Männerchöre plötzlich in Ordnung. Die amerikanische Band aber, die längst nicht mehr so wütend rockt und orgelt wie auf "Same Kooks" (von "A Positive Rage"), kümmert sich um die Vergangenheit: "St. Theresa showed up wearing see-through/ It was standard issue/ We went out to get some more wine/ But it's a long haul from the corner stone to the center of the universe/ When you can't get your car off the curb/ We were living it/ We delivered it/ We didn't feel a thing/ We were in heaven". Sie versuchen, die Wahrheit zu erzählen, und die Wahrheit ist, dass Hold-Steady-Dichter Craig Finn nicht nur aussieht wie ein Dozent für Amerikanistik und Anglistik, sondern bald einmal ein Buch schreiben sollte, das dann so scharf und wahr und schmerzhaft sein wird wie seine Texte: "But it's not gonna be like in romantic comedies/ In the end I bet no one learns a lesson". In der überaus zarten, langsam ins Elegische driftenden Ballade "We Can Get Together" hören Finn und ein Mädchen gemeinsam die alten Platten: Heavenly, Pavement, auch Hüsker Dü, von denen The Hold Steady viel gelernt haben. "Heaven is whenever/ We can get together/ Lock your bedroom door/ And listen to your records." Zwei, drei Songs von "Heaven Is Whenever" könnten im Radio laufen, doch ganz am Schluss, im endlosen "A Slight Discomfort" isst Finn sein Brot mit Tränen: "And you say you're much better/ But I don't quite believe it/ I saw the girls that you came with/ I saw the guy that you left with." Es tut nicht mehr weh. Doch das leichte Unbehagen, das bleibt für immer. (7) Jan Wigger

CocoRosie - "Grey Oceans"
(Souterrain Transmissions/Rough Trade, bereits erschienen)

Da sitzt man dann wieder, ratlos. Die letzten Klänge vom neuen CocoRosie-Album endeten abrupt mit einem verrätselt verfremdeten Sprechgesang über Känguruh-Mütter, Rapunzel und Steakmesser, dazu tuckert ein zerhackter Sequencer-Beat - und man fragt sich: Was zur Hölle machen die da eigentlich? Dass man ihnen mit Deutungen und Erklärungen einfach nicht auf die Schliche kommt, ist vielleicht das wirklich Faszinierende an den beiden Schwestern Sierra und Bianca Casady, die früher von ihren Hippie-Eltern Coco und Rosie genannt wurden, nach Jahren der Trennung wieder zusammenfanden und seitdem merkwürdige, aber sehr zauberhafte Musik komponieren. "Grey Oceans" ist das vierte und musikalisch zugänglichste Album von CocoRosie, auch dank der offensichtlich ordnenden Hand des zum festen Bandmitglied gewordenen Jazzpianisten Gael Rakotondrabe. Und dennoch bleibt stets eine gewisse Beunruhigung beim Hören der kindlich wirkenden Lieder über mittelalterliche Szenerien, Feen, "tricky mermaids and evil pirates", denn hinter der vordergründigen Verspieltheit scheint immer auch ein großer Abgrund der Trauer zu lauern. "I'm watching myself like an old movie on colour TV", singen sie im Titelstück. Und vielleicht fasst es das am besten zusammen: CocoRosie zu hören ist, als wäre man wieder Kind, aber die Unschuld ist dauerhaft flöten gegangen. Dann wird aus Spiel schnell Ernst, schmeckt die "Lemonade", die früher so süß war, plötzlich bitter, werden aus harmlosen Märchen schaurige Mörderballaden. Viel weiß man nicht, nur so viel: Therapeut von Sierra und Bianca möchte man nicht sein. Zuhören reicht völlig. (7) Andreas Borcholte

Rufus Wainwright - "All Days Are Nights: Songs For Lulu"
(Universal, bereits erschienen)

"All Days Are Nights: Songs For Lulu" ist ein ernstes Album, doch der Meister beliebt zu scherzen: "Die neue CD ist für mich eine Möglichkeit, mich dem Klavier anzunähern. Uns verbindet eine seltsame Geschichte. Ich habe unzählige Stunden genommen, aber nicht genug geübt und nie ein bestimmtes Level überstiegen. Diesen Dämon musste ich packen und meine Gefühle auf diesem Instrument ausdrücken." In Wahrheit treibt das Klavierspiel des sonst weniger bescheidenen Großkünstlers einem schon beim ersten Stück "Who Are You New York?" die Tränen in die Augen. Rufus Wainwrights neuer Liederzyklus ist einerseits Trauerarbeit (Rufus' Mutter Kate McGarrigle verstarb am 18. Januar), andererseits Ehrerbietung, denn auf dieser Platte packt er auch Shakespeare an, genauer gesagt die Sonette 43, 20 und 10. Wer will, darf "All Days Are Nights: Songs For Lulu" als Dogma-Arbeit verstehen, denn zu hören sind hier nur Wainwrights olympische Stimme und ein Piano, das im makellosen "The Dream" ganz mit der Malaise des Sängers verschmilzt: "And I am left behind/ Corrupted, crushed and blind." Manches erinnert an das frühe Meisterwerk "Rufus Wainwright" (1998), an "Beauty Mark" und das herzzerreißende "Danny Boy". Den heiligen Pomp und das überlebensgroße Drama, das dieser Händler der vier Jahresezeiten mit der letzten LP "Release The Stars" auf die Spitze trieb, vermisst man kaum. Das Ewige und der Augenblick haben Rufus Wainwright zu überwältigenden Songs verholfen. Möge es ewig so weiter gehen. (8) Jan Wigger

Nachlader - "Koma Baby lebt"
(Boing Boing Records/Rough Trade, bereits erschienen)

"Wenn du denkst, du kannst es besser, dann geh doch nahause", wirft Daniel Baumann alias Nachlader seinen Kritikern gleich im ersten Song seines zweiten Albums an den Kopf. Aber natürlich macht er das ganz locker, auf diese schnoddrig somnambule Art, mit der er schon vor fünf Jahren auf seinem Erstling "Bock auf Aphorismen" fleißig kluge Sprüche rausgeklopft hat. Baumann ist Berliner und hat sich der Einfachheit verschrieben. Einfach sind seine - inzwischen allerdings in Bandbesetzung hergestellten - Elektro-Rhythmen und Beats. Simpel sind auch seine Botschaften: "Das Leben ist nicht immer Pommes und Disco" konstatiert er mit Mut zum Allgemeinplatz und fragt sich in "Soll/Haben" ganz zeitgeistig: "Warum muss ich immer Soll haben, obwohl ich Haben haben soll". Gaga? Dada? Egal. "Koma Baby lebt", übrigens eine Reverenz an Jay McInerneys großen Hedonisten-Roman "Bright Lights, Big City", besticht durch Baumanns gutmütig lächelnden, aber grundsätzlich unverstellten Blick auf den Alltag der durch flexible Arbeitsmodelle prekär gewordenen Existenzen in seinem Großstadtterrarium: "Hasch kaufen, Geld brauchen". Vor der Flucht in Facebook und anderen Virtualitäten warnt er mit dem Ruf "Du musst raus auf die Straße", geißelt moderne Entfremdungen in "Kommunikationsproblem", fordert vehement zum Erwachsenwerden auf und gibt sich selbst so berufsjugendlich wie möglich. Der erste Klugscheißer, der einem wirklich grundsympathisch ist. (7) Andreas Borcholte

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - CDs der Woche - und Ihre Favoriten?
insgesamt 10044 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
icaros, 19.06.2007
Paradise Lost - Icon: zum ersten Mal seit Jahren wieder ein amtliches Album der britischen Gothic Metal Legende. Hier regiert wieder der Metal und nicht mehr die Anbiederung an das Mainstreetpublikum. Die Songs der neuen Platte können es fast mit den alten Klassikern aufnehmen. Megadeth - United Abominations: Für Megadeth gilt ähnliches wie für Paradise Lost, das beste Album der Band seit Jahren, Dave Mustaine will es wohl noch mal wissen. Samael - Solar Soul: Die Schweizer sind ein Garant für hochklassigen, dunklen Metal mit Elektroschlagseite Akercocke - Antichrist: völlig abgefahrener Mix aus Black Metal, Grindcore, Death Metal, Ambient und ruhigen Passagen. Sicher keine Musik für Gelegenheitshörer aber es lohnt sich Zeit für das Album zu nehmen. Trelldom - Til Minne...: So war Black Metal ursprünglich gemeint: Roh, kalt, atmosphärisch, schwarz. Die Blaxk Metal Scheibe der Woche Und zum Schluß noch was anderes als Metal: Manes - How The World Came To An End: Dunkle Sounds zwischen Avantgarde, Ambient, Elektro mit unterschwelligem Gothictouch. Die Norweger scheuen sich auch nicht davor französischen Rap einzubauen. Funktioniert erstaunlicherweise. Sollte man als Hörer ohne Scheuklappen mal gehört haben.
2.
ralfons 19.06.2007
Zitat von icarosParadise Lost - Icon: zum ersten Mal seit Jahren wieder ein amtliches Album der britischen Gothic Metal Legende. Hier regiert wieder der Metal und nicht mehr die Anbiederung an das Mainstreetpublikum. Die Songs der neuen Platte können es fast mit den alten Klassikern aufnehmen. Megadeth - United Abominations: Für Megadeth gilt ähnliches wie für Paradise Lost, das beste Album der Band seit Jahren, Dave Mustaine will es wohl noch mal wissen. Samael - Solar Soul: Die Schweizer sind ein Garant für hochklassigen, dunklen Metal mit Elektroschlagseite Akercocke - Antichrist: völlig abgefahrener Mix aus Black Metal, Grindcore, Death Metal, Ambient und ruhigen Passagen. Sicher keine Musik für Gelegenheitshörer aber es lohnt sich Zeit für das Album zu nehmen. Trelldom - Til Minne...: So war Black Metal ursprünglich gemeint: Roh, kalt, atmosphärisch, schwarz. Die Blaxk Metal Scheibe der Woche Und zum Schluß noch was anderes als Metal: Manes - How The World Came To An End: Dunkle Sounds zwischen Avantgarde, Ambient, Elektro mit unterschwelligem Gothictouch. Die Norweger scheuen sich auch nicht davor französischen Rap einzubauen. Funktioniert erstaunlicherweise. Sollte man als Hörer ohne Scheuklappen mal gehört haben.
"In Requiem" heißt das neue Album, hört sich allerdings endlich wieder an wie "Icon" :) Eigentlich wäre ja Devildriver - Last Kind Words mein Album der Woche geworden. Amtlicher Thrash, der einem schön die Birne freibläst. Aber dann bin ich im CD-Regal doch nicht an den Re-Releases der Blind-Guardian-Alben von "Battalions of Fear" bis "Nightfall in Middle Earth" vorbeigekommen. Alle Alben sind digital remastered - die ersten beiden ("Battalions of Fear" und "Follow the Blind") sind komplett neu abgemischt - und mit neuen Liner-Notes und Bonus-Tracks versehen. Wer also einige der BG-Klassiker noch nicht sein eigen nennt: Zugreifen! :) Anfangen sollte man vielleicht beim '92er "Somewhere Far Beyond", sozusagen ein Zwischenschritt zwischen den alten, speed-lastigeren Alben und dem neuen, progressiveren Zeug.
3.
icaros, 19.06.2007
Zitat von ralfons"In Requiem" heißt das neue Album, hört sich allerdings endlich wieder an wie "Icon" :) Eigentlich wäre ja Devildriver - Last Kind Words mein Album der Woche geworden. Amtlicher Thrash, der einem schön die Birne freibläst. Aber dann bin ich im CD-Regal doch nicht an den Re-Releases der Blind-Guardian-Alben von "Battalions of Fear" bis "Nightfall in Middle Earth" vorbeigekommen. Alle Alben sind digital remastered - die ersten beiden ("Battalions of Fear" und "Follow the Blind") sind komplett neu abgemischt - und mit neuen Liner-Notes und Bonus-Tracks versehen. Wer also einige der BG-Klassiker noch nicht sein eigen nennt: Zugreifen! :) Anfangen sollte man vielleicht beim '92er "Somewhere Far Beyond", sozusagen ein Zwischenschritt zwischen den alten, speed-lastigeren Alben und dem neuen, progressiveren Zeug.
Oh, das mit dem "Icon" war wohl ein freudscher Verschreiber... Ja, die alten Blind Guardian Sachen waren durchaus hörenswert. Die neueren finde ich persönlich etwas zu überladen, aber das ist natürlich Gerschmackssache. Aber da wir gerade bei Re-Releases sind: Von Edge Of Sanity gibt es demnächst eine Best Of. Eingefleischte Schweden-Death Fans werden zwar eh schon alles der Pioniere haben, wer aber nur im entferntesten auf Melodic Death Metal steht kann nun eine Bildungslücke schließen.
4. Musikalische Bandbreite
Sonic Nurse, 19.06.2007
Der musikalische Geschmack der meisten User hier ist eben genau wie erwartet: Metal, Metal und Metal (in allen möglichen Richtungen und Ausprägungen, ist mir schon bewusst, daß es da ganz viele Kategorien gibt.) Und da werfe nochmal jemand Wigger und Borcholte vor, ihr Geschmack sei einseitig. Tss.
5.
ralfons 19.06.2007
Zitat von Sonic NurseDer musikalische Geschmack der meisten User hier ist eben genau wie erwartet: Metal, Metal und Metal (in allen möglichen Richtungen und Ausprägungen, ist mir schon bewusst, daß es da ganz viele Kategorien gibt.) Und da werfe nochmal jemand Wigger und Borcholte vor, ihr Geschmack sei einseitig. Tss.
Falls die Sysops den neuen Thread eröffnet haben, um die alten Streitereien aus dem Weg zu räumen, hat das ja prima geklappt ;) Zurück zum Thema: Ich finde, dass "A Night at the Opera" die einzig wirklich schlechte Blind-Guardian-Scheibe war, "A Twist in the Myth" ist wieder deutlich eingängiger geworden. Ich freu' mich auf jeden Fall schon auf einige neue Songs in Wacken :) Edge of Sanity sind bei mir allerdings 'ne echte Bildungslücke. Ich kenne zwar einige Songs, hab' aber nie ein Album von ihnen besessen. Von daher hab' ich die Best-Of mal auf meinem Einkaufszettel notiert.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Kultur
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Musik
RSS
alles zum Thema Abgehört
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • -22-