Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche

So müssen Gitarren klingen, ruft Jan Wigger begeistert aus, erlebt mit den Amerikanern von Nachtmystium sein kohlenschwarzes Wunder und fragt sich, ob es bei den Scissor Sisters immer nur um Sex geht. Andreas Borcholte tanzt beherzt zu Robyns Maschinenbeat.


Nachtmystium - "Addicts: Black Meddle Pt. II"
(Candlelight Records/Soulfood, 2. Juli)

Das fieseste, planierraupenhafteste Ministry-Album war "Filth Pig", Trent Reznors bitterste Reise zum Mittelpunkt des Schmerzes war "The Downward Spiral" und Killing Jokes endgültige Dampframme "Democracy". Die amerikanische Band Nachtmystium, denen mit dem Titelstück von "Assassins - Black Meddle Part 1" ein fast schon beängstigend perfekter Rocksong gelang, ist zwar genau so kaputt wie ihre musikalischen Urväter, hauen aber zwischendurch auch mal konzise Classic-Rock-Kostbarkeiten wie "Nightfall" heraus: So wie auf diesen gut drei Minuten (oder in "The Anti Kosmik Magick" von The Devil's Blood) müssen Gitarren klingen, Gitarren mit so viel Raum, so viel Wucht, so viel Liebe zum Besten aus Black Metal, Postrock und Psychedelia. Wer im Album-Titel auch den Hinweis auf Pink Floyd bemerkt und "A Pillow Of Winds" erwartet, wird sein kohlenschwarzes Wunder erleben: Auch auf "Addicts" ist Blake Judds Stimme wieder kehlig, räudig, erdverschmiert - und Geschenke gibt es keine: "We are not your leaders/ We are not your friends/ We are thieves and cheaters/ We live at the end/ We don't want your loyalty/ We reject your trust/ We ignore your sympathy/ We do what we must" ("High On Hate"). Ganz zum Schluss, im verschleppten "Every Last Drop", gibt es dann gar kein Licht mehr. Am besten allein hören. Oder mit Menschen, denen ein Takashi-Shimizu-Film mehr als betretenes Schweigen entlockt. (8) Jan Wigger

Robyn - "Body Talk Pt. 1"
(Ministry of Sound/Warner, bereits erschienen)

Das Gute an Robyn ist ja, dass sie sich absolut nichts mehr beweisen muss. Die Schwedin hat trotz ihres noch nicht so fortgeschrittenen Alters schon eine Popkarriere auf der dunklen Seite der Marktmacht hinter sich, stieg dann aus, erfand sich vor fünf Jahren mit einem wegweisenden und bahnbrechenden Elektropop-Album neu - und gilt seitdem als so etwas wie die Mutter aller Uffies, Little Boots und La Rouxs. Nach etwas zu langer Pause bringt Robyn nun statt einem vollgestopften neuen Werk drei Mini-Alben in loser Folge heraus, "Body Talk Pt. 1" ist das erste der Reihe: Acht durchweg bezaubernde neue Songs sind darauf enthalten, die zwischen vordergründig naiver Girlie-Romantik und cooler weiblicher Toughness changieren. Schön ist vor allem, wie Robyn erzählerisch ans letzte Album anknüpft: Die Akustik-Ballade "Hang With Me" scheint textlich wie musikalisch an das bissige "Handle Me" anzuknüpfen; "Fembot" ("Fembots have feelings, too") spielt weiter mit jenen kontrastierenden Bildern aus körperlicher Aufrüstung und emotionaler Offenheit, die schon in "Bionic Woman" und "Robotboy" auftauchten. "Dancehall Queen" ist genau das, was der Titel verspricht, ein synthetisierter, blubbernder Dub. Und mit dem auf Schwedisch gesungenen "Jag Vet En Dejlig Rosa", einer weiteren Ballade, empfiehlt sich Robyn letztlich weit über das Genre der schlauen Elektro-Fricklerinnen hinaus: Ihr Maschinenbeat wird von einem großen Herz angetrieben. (8) Andreas Borcholte

Scissor Sisters - "Night Work"
(Polydor/Universal, bereits erschienen)

Muss man Angst haben vor einer Platte, deren Cover aussieht wie die Rückseite von "Sticky Fingers"? Nein. Angst haben muss man vor Aerosmith ohne Steven Tyler oder Stings von langer Hand geplanter Kitsch-Kanonade mit dem Royal Philharmonic Concert Orchestra ("Symphonicities"). Nicht aber vor den Scissor Sisters, die nach dem formidablen "Ta-Dah" auch auf "Night Work" wieder stehlen, um erwischt zu werden: "Whole New Way" dreht "Billie Jean" auf links, "Night Work" belehnt wie so oft die Bee Gees, aber wohl auch John Taylors Bassspiel aus Duran Durans "Hungry Like The Wolf". Davon abgesehen kann man es sich leisten, den einen Song, der alles andere auf "Night Work" überragt, am Ende der Platte zu platzieren: "Invisible Light" ist das Versprechen einer Nacht, ein größer und immer größer werdendes Heldengedicht, an das sich die Scissor Sisters in dieser Form noch nie zuvor gewagt haben: "At the doors of Babylon/ You are my Zion/ A pacing tiger/ A keeper's cage/ Invisible light." Und geht es bei den Scissor Sisters wirklich immer nur um Sex? Für jetzt bleiben Glaube, Liebe, Hoffnung, diese drei. Doch am größten unter ihnen ist die Liebe. (7) Jan Wigger

Kele - "The Boxer"
(Cooperative Music/Universal, bereits erschienen)

Manche deuten es als einen lange fälligen Befreiungsschlag, manche sind einfach nur genervt, den meisten dürfte es zu Recht egal sein: Bloc-Party-Sänger Kele Okereke ließ letztes Jahr die Band hinter sich und verschanzte sich mit ein paar Sequenzern und Drum-Computern im Studio, um ein Solo-Album aufzunehmen, das nun erschienen ist und "The Boxer" heißt. Bloc-Party-Fans wissen es längst, aber auch alle anderen seien gewarnt: Gitarrenrock ist das nicht mehr, sondern Elektropop, der fortführt und ausdefiniert, was Bloc Partys letztes Album "Intimacy" schon andeutete: Indierock langweilt, neue Verheißungen liegen auf dem Dancefloor. So weit, so richtig, dennoch lässt Keles Solo-Debüt bei dieser Transition noch einiges zu wünschen übrig. Konsistenz zum Beispiel. Oder gute Songs. Denn nach dem martialisch-missglückten Drill-Instructor-Intro "Walk Tall" folgen mit "On the Lam" (Next-Generation-2Step), "Tenderoni" (Chromeo meets Gus Gus) und "The Other Side" (späte Talking Heads versus Sergio Mendes) lediglich drei inspirierte Tracks, mit denen sich der Brite in den internationalen Clubs sehen lassen kann. Mit "Unholy Thoughts" gibt es noch eine halbwegs gelungene Reverenz an die Gitarre, dann verläppert der Rest des Albums in selbstmitleidigen Balladen und stakst unmotiviert auf allzu klebrigen Synthie-Flächen dahin. Der Gipfel des schlechten Geschmacks: Elegische Frauen-Chöre (in "All The Things I Could Never Say") sind im Jahre 2010 nun wirklich verboten, es sei denn, man ironisiert sie kräftigst. Aber dafür nimmt sich Kele leider zu ernst. Man verzeihe die plumpe Pointe: Dieser Boxer geht technisch K.o. (4) Andreas Borcholte

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Seite 1
icaros, 19.06.2007
1.
Paradise Lost - Icon: zum ersten Mal seit Jahren wieder ein amtliches Album der britischen Gothic Metal Legende. Hier regiert wieder der Metal und nicht mehr die Anbiederung an das Mainstreetpublikum. Die Songs der neuen Platte können es fast mit den alten Klassikern aufnehmen. Megadeth - United Abominations: Für Megadeth gilt ähnliches wie für Paradise Lost, das beste Album der Band seit Jahren, Dave Mustaine will es wohl noch mal wissen. Samael - Solar Soul: Die Schweizer sind ein Garant für hochklassigen, dunklen Metal mit Elektroschlagseite Akercocke - Antichrist: völlig abgefahrener Mix aus Black Metal, Grindcore, Death Metal, Ambient und ruhigen Passagen. Sicher keine Musik für Gelegenheitshörer aber es lohnt sich Zeit für das Album zu nehmen. Trelldom - Til Minne...: So war Black Metal ursprünglich gemeint: Roh, kalt, atmosphärisch, schwarz. Die Blaxk Metal Scheibe der Woche Und zum Schluß noch was anderes als Metal: Manes - How The World Came To An End: Dunkle Sounds zwischen Avantgarde, Ambient, Elektro mit unterschwelligem Gothictouch. Die Norweger scheuen sich auch nicht davor französischen Rap einzubauen. Funktioniert erstaunlicherweise. Sollte man als Hörer ohne Scheuklappen mal gehört haben.
ralfons 19.06.2007
2.
Zitat von icarosParadise Lost - Icon: zum ersten Mal seit Jahren wieder ein amtliches Album der britischen Gothic Metal Legende. Hier regiert wieder der Metal und nicht mehr die Anbiederung an das Mainstreetpublikum. Die Songs der neuen Platte können es fast mit den alten Klassikern aufnehmen. Megadeth - United Abominations: Für Megadeth gilt ähnliches wie für Paradise Lost, das beste Album der Band seit Jahren, Dave Mustaine will es wohl noch mal wissen. Samael - Solar Soul: Die Schweizer sind ein Garant für hochklassigen, dunklen Metal mit Elektroschlagseite Akercocke - Antichrist: völlig abgefahrener Mix aus Black Metal, Grindcore, Death Metal, Ambient und ruhigen Passagen. Sicher keine Musik für Gelegenheitshörer aber es lohnt sich Zeit für das Album zu nehmen. Trelldom - Til Minne...: So war Black Metal ursprünglich gemeint: Roh, kalt, atmosphärisch, schwarz. Die Blaxk Metal Scheibe der Woche Und zum Schluß noch was anderes als Metal: Manes - How The World Came To An End: Dunkle Sounds zwischen Avantgarde, Ambient, Elektro mit unterschwelligem Gothictouch. Die Norweger scheuen sich auch nicht davor französischen Rap einzubauen. Funktioniert erstaunlicherweise. Sollte man als Hörer ohne Scheuklappen mal gehört haben.
"In Requiem" heißt das neue Album, hört sich allerdings endlich wieder an wie "Icon" :) Eigentlich wäre ja Devildriver - Last Kind Words mein Album der Woche geworden. Amtlicher Thrash, der einem schön die Birne freibläst. Aber dann bin ich im CD-Regal doch nicht an den Re-Releases der Blind-Guardian-Alben von "Battalions of Fear" bis "Nightfall in Middle Earth" vorbeigekommen. Alle Alben sind digital remastered - die ersten beiden ("Battalions of Fear" und "Follow the Blind") sind komplett neu abgemischt - und mit neuen Liner-Notes und Bonus-Tracks versehen. Wer also einige der BG-Klassiker noch nicht sein eigen nennt: Zugreifen! :) Anfangen sollte man vielleicht beim '92er "Somewhere Far Beyond", sozusagen ein Zwischenschritt zwischen den alten, speed-lastigeren Alben und dem neuen, progressiveren Zeug.
icaros, 19.06.2007
3.
Zitat von ralfons"In Requiem" heißt das neue Album, hört sich allerdings endlich wieder an wie "Icon" :) Eigentlich wäre ja Devildriver - Last Kind Words mein Album der Woche geworden. Amtlicher Thrash, der einem schön die Birne freibläst. Aber dann bin ich im CD-Regal doch nicht an den Re-Releases der Blind-Guardian-Alben von "Battalions of Fear" bis "Nightfall in Middle Earth" vorbeigekommen. Alle Alben sind digital remastered - die ersten beiden ("Battalions of Fear" und "Follow the Blind") sind komplett neu abgemischt - und mit neuen Liner-Notes und Bonus-Tracks versehen. Wer also einige der BG-Klassiker noch nicht sein eigen nennt: Zugreifen! :) Anfangen sollte man vielleicht beim '92er "Somewhere Far Beyond", sozusagen ein Zwischenschritt zwischen den alten, speed-lastigeren Alben und dem neuen, progressiveren Zeug.
Oh, das mit dem "Icon" war wohl ein freudscher Verschreiber... Ja, die alten Blind Guardian Sachen waren durchaus hörenswert. Die neueren finde ich persönlich etwas zu überladen, aber das ist natürlich Gerschmackssache. Aber da wir gerade bei Re-Releases sind: Von Edge Of Sanity gibt es demnächst eine Best Of. Eingefleischte Schweden-Death Fans werden zwar eh schon alles der Pioniere haben, wer aber nur im entferntesten auf Melodic Death Metal steht kann nun eine Bildungslücke schließen.
Sonic Nurse, 19.06.2007
4. Musikalische Bandbreite
Der musikalische Geschmack der meisten User hier ist eben genau wie erwartet: Metal, Metal und Metal (in allen möglichen Richtungen und Ausprägungen, ist mir schon bewusst, daß es da ganz viele Kategorien gibt.) Und da werfe nochmal jemand Wigger und Borcholte vor, ihr Geschmack sei einseitig. Tss.
ralfons 19.06.2007
5.
Zitat von Sonic NurseDer musikalische Geschmack der meisten User hier ist eben genau wie erwartet: Metal, Metal und Metal (in allen möglichen Richtungen und Ausprägungen, ist mir schon bewusst, daß es da ganz viele Kategorien gibt.) Und da werfe nochmal jemand Wigger und Borcholte vor, ihr Geschmack sei einseitig. Tss.
Falls die Sysops den neuen Thread eröffnet haben, um die alten Streitereien aus dem Weg zu räumen, hat das ja prima geklappt ;) Zurück zum Thema: Ich finde, dass "A Night at the Opera" die einzig wirklich schlechte Blind-Guardian-Scheibe war, "A Twist in the Myth" ist wieder deutlich eingängiger geworden. Ich freu' mich auf jeden Fall schon auf einige neue Songs in Wacken :) Edge of Sanity sind bei mir allerdings 'ne echte Bildungslücke. Ich kenne zwar einige Songs, hab' aber nie ein Album von ihnen besessen. Von daher hab' ich die Best-Of mal auf meinem Einkaufszettel notiert.
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