Abgehört: Die wichtigsten CDs der Woche

Sind Erdmöbel wirklich das ganz große deutsche Ding? Ach was, findet Andreas Borcholte: gefälliges Design, aber viel zu behaglich. Jan Wigger lässt sein Herz von ein paar Todespropheten erweichen und empfängt außerdem sonderbare Nachrichten von einem anderen Stern.

Erdmöbel - "Krokus"
(Content Records/Edel, 17. September)

Da haben wir sie, die deutsche Konsens-Platte des Jahres. Schon wird gejubelt: "Rolling Stone" und "Tagesspiegel" phantasieren von der Rettung des deutschen Pop, ein "FAZ"-Blogger spricht unverhohlen eine Kaufempfehlung aus. "Krokus", das achte Album der Kölner Band Erdmöbel, scheint eine Offenbarung zu sein. Das mag sein, denn Markus Berges, Sänger und Texter der Gruppe, ist ein Sprachkünstler, ja, man muss ihn Dichter nennen. Tatsächlich versteht er es wie kein anderer deutscher Songwriter, Wörter, die sich jeder Harmonie verwehren, in eine Melodie zu zwingen. Da klingt sogar ein Ungetüm wie "Nordrhein-Westfalen" wie Poesie, und wenn Berges im gleichnamigen Song "Snoopy-T-Shirt" säuselt, wird's einem allem Niedlichkeits-Ekel zum Trotz ganz warm ums Herz. Seinen Höhepunkt findet das Spiel mit Worten in "Sunrise", das sich, konsequent und analog zum Getränkeklassiker Sunkist deutsch ausgesprochen, in einen Reim fügt, den es gar nicht geben darf: "Das Seufzen und Geniese/ Was heißt noch mal Sunrise". Ob das immer alles Sinn hat, was Berges da so singt, ist egal, die Form hat den Inhalt längst überholt, so scheint es. Denn über Albumlänge hinweg macht sich Langeweile breit. Woran liegt das? Ist doch alles so perfekt hier: Sanfte Bläser schwellen über dem virtuosem Bass-Spiel von Berges-Partner Eskimas, ein paar Gitarren dürfen schrammeln, aber nicht zu doll; das Klavier hämmert die Wohlkänge nach Hause. Wahrscheinlich ist die Behaglichkeit das Problem: Die neuen Lieder von Erdmöbel, übrigens die ersten nach einem Album voller eingedeutschter Coverversionen, sind sprachgewaltig, aber sie tun nicht weh. Nur ganz selten, wie in der Sehnsuchtsballade "Wort ist das falsche Wort", bricht sich durch die diffuse Melancholie mal echtes Gefühl Bahn, und man versteht, welche Herzerkältung mit der Zeile "Polarlicht von Palermo" gemeint sein könnte. Ansonsten lässt die Offenbarung auf sich warten. Zumal wenn Berges, wie im sozialkritischen "Arbeiten", Vorbilder wie Element of Crime eher hilflos imitiert - oder in "Das Leben ist schön" unfreiwillig beweist, dass Jochen Distelmeyer vielleicht nicht so tolle Wörter kennt, aber letztlich doch der bessere, leidenschaftlichere Songwriter ist. "Fick Dich, Liebling/ In deiner Steppdecke/ geh ich hinaus/ und geb dem kalten Rasen Fußtritte", singt Berges in "Krokusse" - eine dieser grandiosen Zeilen, die ganze Gefühls- und Assoziationswelten im Kopf des Zuhörers entstehen lassen. Aber so viel Wut ist leider selten auf diesem Album zu finden, das vor allem den Kopf anspricht, kaum das Herz. Wo ist er hin, der Hass? (6) Andreas Borcholte

Three Mile Pilot - "The Inevitable Past Is The Future Forgotten"
(Temporary Residence/Cargo, 1. Oktober)

Beinahe möchte man sagen: Man erkennt ein Three-Mile-Pilot-Album schon am Titel. " Nà Vuccà Dò Lupù", "The Chief Assassin To The Sinister", "Another Desert, Another Sea", "Songs From An Old Town We Once Knew" Und jetzt: "The Inevitable Past Is The Future Forgotten". Alles, was diese Band aus San Diego unter Qualen ausspuckte, war monumental. Der Bassist Armistead Burwell Smith IV, später bei Pinback, hielt jede Platte, jeden Höllenritt mit todesverachtendem Bass-Spiel zusammen. Doch abgesehen vom denkwürdigen Debüt "This Is A Pinback CD" hatte man es bei Pinback mit einer Band zu tun, die Energie und Erregung von Three Mile Pilot nurmehr abgeschwächt abbilden konnte. Es fehlte Pall Jenkins, der mit Black Heart Procession wunderbar trostlose Arbeiten veröffentlichte und auf zappendusteren Konzerten die singende Säge bediente. Nach weit über einem Jahrzehnt kehren Three Mile Pilot nun mit einem neuen Album zurück. Man weiß augenblicklich, um wen es sich handelt. Doch nicht nur die typischen ersten Sekunden von "What's In The Air" oder "Battle" machen das Herz ganz weich, auch die Vergeblichkeit, ja Unabänderlichkeit der Todespropheten blieb unbeschädigt: "I should have known the words to use/ I should have seen all of the clues". Auch "Still Alive" kreist so bedrohlich wie ehedem: "I'm leaving today/ I cannot stay/ I'm leaving today/ Into space." Vermutlich wird man es sich einfach machen und diese abermals prächtigen Songs über ewige Dunkelheit und seltsame Lichter einfach als Hybrid aus Pinback und Black Heart Procession bezeichnen. Dabei ist doch gerade das am wichtigsten, was Three Mile Pilot sich genau hier, an der Schwelle zur Ewigkeit, gemeinsam abgerungen haben. Almost dead, still alive. (9) Jan Wigger

Lloyd Cole - "Broken Record"
(Tapete/Indigo, 17. September)

Ein kleines Album für die Menschheit, ein großes für Lloyd Cole. Noch während man die ersten Takte von "The Flipside" oder "Rhinestone" hört, denkt man, wie muffig und altmodisch diese schulmäßig komponierten Songs auf jüngere Jahrgänge wirken müssen. Schon das resümierende "The Negatives", gerade mal zehn Jahre alt und wie immer zur falschen Zeit am falschen Ort erschienen, wirkt heute wie eine sonderbare Nachricht von einem anderen Stern. Wer Lloyd Cole einmal liebte, der liebt ihn noch heute, die verzagte Stimme, das Unspektakuläre, die Selbst- und die Weltanklagen. Nach wie vor erstaunlich, dass Cole Golfer ist. "Broken Record" zählt zu seinen drei, vier besten Platten überhaupt: "Oh Genevieve" mit Akkordeon und infektiöser Melodie und das grandiose, schwer ergründliche "Man Overboard": "The clown's in the water/ The ship's pulling out/ The circus won't ever leave town." Marseille, Venedig, Amsterdam oder doch Ballico Bay? Der dümmliche und falsche Satz von einer gerechten Welt, in der Lloyd Cole (und jeder andere kommerziell benachteiligte Künstler) über die Hitparaden herrschen würde, ist auch in diesem Falle fehl am Platz: Wäre die Welt in diesem Sinne gerecht, hätte es "Broken Record" nie gegeben. (8) Jan Wigger

Brian Wilson - "Reimagines Gershwin"
(EMI, 17. September)

Ein amerikanischer Kritiker kriegte sich schon bei den ersten Takten dieser Platte kaum wieder ein: Der untrennbar mit New York verbundene Klassiker "Rhapsody In Blue" - zur luftig-leichten A-cappella-Surfhymne umarrangiert? Vom Broadway nach Baja? Heilige Makrele, Ketzerei auf höchstem Niveau! Aber wem, wenn nicht Brian Wilson würde man derartiges durchgehen lassen. Seit sich der Beach Boy 1999 wieder aus Drogensucht und Depression erhoben hat und in regelmäßiger Folge nicht nur live auftritt, sondern auch neues Material veröffentlicht, gilt er in Musikerkreisen als geniales Maskottchen, als Knuddelbär, der seine besten Zeiten als Komponist zwar seit etwa 1967 hinter sich hat, aber allein für sein Comeback geherzt werden muss. Für sein neues Werk ließen ihn die Nachkommen Gershwins in den Archiven des früh verstorbenen Großmeisters der amerikanischen Songwriter-Klassik stöbern. Zwei unvollendete Songs, "The Like In I Love You" und "Nothing But Love" arrangierte Wilson liebevoll zu echten Gershwin/Wilson-Kompositionen, den Rest des Albums bilden neue Interpretationen von Klassikern. "Summertime" zum Beispiel in einer flotten Dreißiger-Jahre-Version, "'s Wonderful" swingt mit Calypso-Klängen, "It Ain't Necessarily So" groovt wie ein Soulhit der späten Sechziger, "I Got Plenty O' Nuthin'" jubiliert mit Harmonika und gestopften Bläsern wie der Soundtrack zu "Unsere kleine Farm", und "I Got Rhythm" surft wie ein veritabler Beach-Boys-Hit - inklusive Falsett-Doo-Hoo-Chören. Nicht immer ist Wilson, von seiner Krankheit nachhaltig gezeichnet, diesen monumentalen Liedern stimmlich gewachsen. Andererseits erhält die ambitionierte Unternehmung, die mit perfekt perlenden Westcoastpop-Arrangements besticht, gerade durch das zuweilen Ungeschliffene seinen Reiz. So wird aus Gershwins ehrwürdiger Rhapsody in Blue eine durchaus launige, sehr sonnige Angelegenheit. Rein ins Hawaii-Hemd, George! (7) Andreas Borcholte

Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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insgesamt 10044 Beiträge
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1.
icaros 19.06.2007
Paradise Lost - Icon: zum ersten Mal seit Jahren wieder ein amtliches Album der britischen Gothic Metal Legende. Hier regiert wieder der Metal und nicht mehr die Anbiederung an das Mainstreetpublikum. Die Songs der neuen Platte können es fast mit den alten Klassikern aufnehmen. Megadeth - United Abominations: Für Megadeth gilt ähnliches wie für Paradise Lost, das beste Album der Band seit Jahren, Dave Mustaine will es wohl noch mal wissen. Samael - Solar Soul: Die Schweizer sind ein Garant für hochklassigen, dunklen Metal mit Elektroschlagseite Akercocke - Antichrist: völlig abgefahrener Mix aus Black Metal, Grindcore, Death Metal, Ambient und ruhigen Passagen. Sicher keine Musik für Gelegenheitshörer aber es lohnt sich Zeit für das Album zu nehmen. Trelldom - Til Minne...: So war Black Metal ursprünglich gemeint: Roh, kalt, atmosphärisch, schwarz. Die Blaxk Metal Scheibe der Woche Und zum Schluß noch was anderes als Metal: Manes - How The World Came To An End: Dunkle Sounds zwischen Avantgarde, Ambient, Elektro mit unterschwelligem Gothictouch. Die Norweger scheuen sich auch nicht davor französischen Rap einzubauen. Funktioniert erstaunlicherweise. Sollte man als Hörer ohne Scheuklappen mal gehört haben.
2.
ralfons 19.06.2007
Zitat von icarosParadise Lost - Icon
"In Requiem" heißt das neue Album, hört sich allerdings endlich wieder an wie "Icon" :) Eigentlich wäre ja Devildriver - Last Kind Words mein Album der Woche geworden. Amtlicher Thrash, der einem schön die Birne freibläst. Aber dann bin ich im CD-Regal doch nicht an den Re-Releases der Blind-Guardian-Alben von "Battalions of Fear" bis "Nightfall in Middle Earth" vorbeigekommen. Alle Alben sind digital remastered - die ersten beiden ("Battalions of Fear" und "Follow the Blind") sind komplett neu abgemischt - und mit neuen Liner-Notes und Bonus-Tracks versehen. Wer also einige der BG-Klassiker noch nicht sein eigen nennt: Zugreifen! :) Anfangen sollte man vielleicht beim '92er "Somewhere Far Beyond", sozusagen ein Zwischenschritt zwischen den alten, speed-lastigeren Alben und dem neuen, progressiveren Zeug.
3.
icaros 19.06.2007
Zitat von ralfons"In Requiem" heißt das neue Album, hört sich allerdings endlich wieder an wie "Icon" :) Eigentlich wäre ja Devildriver - Last Kind Words mein Album der Woche geworden. Amtlicher Thrash, der einem schön die Birne freibläst. Aber dann bin ich im CD-Regal doch nicht an den Re-Releases der Blind-Guardian-Alben von "Battalions of Fear" bis "Nightfall in Middle Earth" vorbeigekommen. Alle Alben sind digital remastered .....
Oh, das mit dem "Icon" war wohl ein freudscher Verschreiber... Ja, die alten Blind Guardian Sachen waren durchaus hörenswert. Die neueren finde ich persönlich etwas zu überladen, aber das ist natürlich Gerschmackssache. Aber da wir gerade bei Re-Releases sind: Von Edge Of Sanity gibt es demnächst eine Best Of. Eingefleischte Schweden-Death Fans werden zwar eh schon alles der Pioniere haben, wer aber nur im entferntesten auf Melodic Death Metal steht kann nun eine Bildungslücke schließen.
4. Musikalische Bandbreite
Sonic Nurse 19.06.2007
Der musikalische Geschmack der meisten User hier ist eben genau wie erwartet: Metal, Metal und Metal (in allen möglichen Richtungen und Ausprägungen, ist mir schon bewusst, daß es da ganz viele Kategorien gibt.) Und da werfe nochmal jemand Wigger und Borcholte vor, ihr Geschmack sei einseitig. Tss.
5.
ralfons 19.06.2007
Zitat von Sonic NurseDer musikalische Geschmack der meisten User hier ist eben genau wie erwartet: Metal, Metal und Metal (in allen möglichen Richtungen und Ausprägungen, ist mir schon bewusst, daß es da ganz viele Kategorien gibt.) Und da werfe nochmal jemand Wigger und Borcholte vor, ihr Geschmack sei einseitig. Tss.
Falls die Sysops den neuen Thread eröffnet haben, um die alten Streitereien aus dem Weg zu räumen, hat das ja prima geklappt ;) Zurück zum Thema: Ich finde, dass "A Night at the Opera" die einzig wirklich schlechte Blind-Guardian-Scheibe war, "A Twist in the Myth" ist wieder deutlich eingängiger geworden. Ich freu' mich auf jeden Fall schon auf einige neue Songs in Wacken :) Edge of Sanity sind bei mir allerdings 'ne echte Bildungslücke. Ich kenne zwar einige Songs, hab' aber nie ein Album von ihnen besessen. Von daher hab' ich die Best-Of mal auf meinem Einkaufszettel notiert.
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