The Black Eyed Peas - "The Beginning"
(Interscope/Universal, bereits erschienen)
Zumindest geben Sie es zu: "This shit is obscene. This is like a movie action scene", rappt will.i.am in "Do it Like This", einem brutalen Hybrid aus HipHop und Techno, der den neuen Sound der derzeit wohl erfolgreichsten US-Band am eindrucksvollsten auf den Punkt bringt. Tatsächlich kann man sich die endlos dahinwummernde Musik der Black Eyed Peas perfekt als Soundtrack für einen von Tony Scotts zum Erbrechen schnell geschnittenen Hochglanz-Thriller vorstellen, zum Beispiel "Unstoppable", aktuell im Kino, in dem ein Zug unaufhaltsam ins Verderben rast. So ähnlich verläuft auch die Karriere der Black Eyed Peas: Nach dem Kindergarten-Elektropop des Millionensellers "The E.N.D." gibt es kein Halten mehr für das ehedem vielversprechende HipHop-Quartett aus Los Angeles. Im Februar werden sie sogar, höchste Weihe für einen Pop-Act, beim Super Bowl in der Halbzeitpause spielen. Bis dahin dürfte "The Beginning" die globalen Charts dominieren. Und das nicht, weil es ein gutes Album ist, sondern weil sich so schön hirnlos dazu abtanzen lässt, ein ewiger, bass-satter Vierviertel-Groove, auf dem mehr oder minder interessant gerappt wird, zumeist mit Autotune verfremdet. Dieses schon ziemlich aus der Mode geratene Feature ist aber schon das einzige, was man will.i.am anlasten kann, denn auch wenn "The Beginning" beim kompletten Durchhören Übelkeit, Rastlosigkeit und Anzeichen von ADHS erzeugt, zeigt der Produzent und Peas-Chef doch erneut, dass er sein Gehör ganz nah am Zeitgeist hat: Klarer als die letzten Alben ist "The Beginning" auf den Stampfbeat des frühen Neunziger-Jahre-Eurotrashs ausgerichtet, der ein Revival erlebt und demnächst die Clubs beschallen wird, schon jetzt gibt es erste DJs, die sich trauen, mal eine alte Snap!-Platte in den aktuellen Mix zu streuen. Produktionstechnisch also alles top, auch wenn die Verwendung des Ekelhits "(I've Had) The Time Of My Life" in der Single "The Time (Dirty Bit)" geradezu widerlich anbiedernd ist. Die Black Eyed Peas haben den Sound für die "Generation Information Overload" definiert, schrieb eine britische Kritikerin über "The Beginning", und da ist viel Wahres dran. Ob rasantes Playstation-Game, effektgeiler 3D-Blockbuster oder Strobo-Wahnsinn in der Großraumdisco - diese alles betäubende, geradezu genial auf Primärreize- und Instinkte getrimmte Musik ist ein so erbarmungs- wie emotionsloser Soundtrack und Taktgeber für einen Tag, an dem man sich mal schön aus der Realität wegballern will. Uncomfortably numb.
(2) Andreas Borcholte
My Bee's Garden - "Hunt The Sleeper"
(Kitchen/Bon Voyage/Cargo, bereits erschienen)
Das absolute Gegenstück zum deutschen Charts-Gewitter: My Bee's Garden aus Paris. Stellen sie sich zehn Songs vor, die die absolute Antithese zu den grotesk eingängigen, debilen Smashern "Rups am Grill" (De Randfichten) und "Na Na Na (Na Na Na Na Na Na Na Na Na)" (My Chemical Romance) bilden. Dafür kann man "Hunt The Sleeper" immer wieder einlegen, ohne sich umzubringen. Die von der Pariserin Melody Prochet entweder gehauchten oder gezirpten Lieder haben ebenso mit Warpaint und Blonde Redhead, als auch mit der famosen und wie erwartet übersehenen Paris-Motel-LP "In The Salpêtrière"
aus dem vorletzten Jahr zu tun. Beglückt vom in der Tat glänzend in Szene gesetzten Klavier in "Les memes histoires" wurde Grizzly Bear Chris Taylor in Frankreich vorstellig: "Oh my God, so beautiful! Where is that piano!??!!" Man merkt es "Alison", "Bud And Deanie" und dem friedlichen "Sailor Mood" überdeutlich an: Hier erkennt ein Mensch sich selbst in der Musik. Mögen andere es auch tun.
(7) Jan Wigger
Duffy - "Endlessly"
(A&M/Universal, bereits erschienen)
Was macht man, wenn man mit einer coolen Retro-Masche und einer schönen Stimme mehr als sechs Millionen Platten verkauft hat? Richtig: Man versucht das Gleiche nochmal. Das zweite Album der walisischen Sängerin Duffy, produziert von Altstar Albert Hammond, schöpft seinen Charme erneut aus dem großen Topf des weißen Sixties-Soul, wie ihn Dusty Springfield und Petula Clark groß gemacht haben. Wäre also alles kaum der Rede wert, wenn Hammond nicht zusammen mit der kleinen Blondine einige ziemlich gute Songs hinbekommen hätte, die sich - mal mehr, mal weniger - auch in moderne Pop-Terrains vorwagen. Allen voran die Single "Well Well Well", die das Funkriff aus "(I've Got) The Power" von Snap! in Muscle-Shoals-Nostalgie verpackt. Oder "Keeping My Baby", in dem Madonnas "Papa Don't Preach"-Groove kopiert wird. Auf "Lovestruck" klingt Duffy gar wie eine rotzigere Version von Plastik-Popperin Kylie Minogue; "My Boy" wildert ganz offen und lustvoll im Disco-Fundus der Siebziger. Das klingt erstmal ungewohnt und komisch, macht aber durchaus Spaß. Und letztlich sind die Soul-Mädchen von damals ja auch irgendwann beim Saturday Night Fever gelandet. Also alles richtig gemacht.
(6) Andreas Borcholte
Trembling Blue Stars - "Fast Trains And Telegraph Wires"
(Elefant Records/Alive, 3. Dezember)
Letztens noch Gerre im Eintracht-Fanblock getroffen und vergessen, ihn nach der neuen Tankard-CD "Vol(l)ume 14" zu fragen. Mist! Zum Trost gibt es Neues von den Trembling Blue Stars, die zwar auch schon mal bessere Plattencover hatten, aber noch immer die Lieblingseskapisten derer sind, die sich einmal rechtschaffen in das schöne Nichts von Idiosynkraten wie den Orchids, Camera Obscura oder Comet Gain verliebten. Schon während man die 18 neuen, mal traurig plätschernden, mal sorgfältig ornamentierten Stücke das zweite Mal hört, merkt man: Etwas, das untrennbar mit den zersplitternden Wahrnehmungen alter Trembling-Blue-Stars-Hits ("This Once Was An Island", "All I'm Doing Is Losing") verbunden schien, ist auf immer verloren. Und richtig: "'Fast Trains And Telegraph Wires' will be the last full-length-album from Trembling Blue Stars." Es passt zur seltsamen Bedürfnislosigkeit dieser britischen Spitzenklöppler, dass sie das Lied zum Abschied ("No More Sad Songs") als Hidden Track der EP "Cicely Tonight Volume One" verstecken, die dem Album beiliegt. Nicht mehr so düster wie "The Seven Autumn Flowers" oder manches von Field Mice, aber ein auf vielerlei Weise typisches Trembling-Blue-Stars-Album: Von totaler Belanglosigkeit bis zum höchsten Empfinden kann man alles darin finden.
(6) Jan Wigger
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