Abgehört: Die wichtigsten CDs der Woche

Stumpf, stumpfer, Black Eyed Peas: Das neue Technopop-Album der US-Megastars ist genial auf den Zeitgeist abgestimmt, aber übel wird einem trotzdem, meint Andreas Borcholte und geht mit Duffy in die Disco. Jan Wigger berauscht sich an den gezirpten Liedern von My Bee's Garden.

The Black Eyed Peas - "The Beginning"
(Interscope/Universal, bereits erschienen)

Zumindest geben Sie es zu: "This shit is obscene. This is like a movie action scene", rappt will.i.am in "Do it Like This", einem brutalen Hybrid aus HipHop und Techno, der den neuen Sound der derzeit wohl erfolgreichsten US-Band am eindrucksvollsten auf den Punkt bringt. Tatsächlich kann man sich die endlos dahinwummernde Musik der Black Eyed Peas perfekt als Soundtrack für einen von Tony Scotts zum Erbrechen schnell geschnittenen Hochglanz-Thriller vorstellen, zum Beispiel "Unstoppable", aktuell im Kino, in dem ein Zug unaufhaltsam ins Verderben rast. So ähnlich verläuft auch die Karriere der Black Eyed Peas: Nach dem Kindergarten-Elektropop des Millionensellers "The E.N.D." gibt es kein Halten mehr für das ehedem vielversprechende HipHop-Quartett aus Los Angeles. Im Februar werden sie sogar, höchste Weihe für einen Pop-Act, beim Super Bowl in der Halbzeitpause spielen. Bis dahin dürfte "The Beginning" die globalen Charts dominieren. Und das nicht, weil es ein gutes Album ist, sondern weil sich so schön hirnlos dazu abtanzen lässt, ein ewiger, bass-satter Vierviertel-Groove, auf dem mehr oder minder interessant gerappt wird, zumeist mit Autotune verfremdet. Dieses schon ziemlich aus der Mode geratene Feature ist aber schon das einzige, was man will.i.am anlasten kann, denn auch wenn "The Beginning" beim kompletten Durchhören Übelkeit, Rastlosigkeit und Anzeichen von ADHS erzeugt, zeigt der Produzent und Peas-Chef doch erneut, dass er sein Gehör ganz nah am Zeitgeist hat: Klarer als die letzten Alben ist "The Beginning" auf den Stampfbeat des frühen Neunziger-Jahre-Eurotrashs ausgerichtet, der ein Revival erlebt und demnächst die Clubs beschallen wird, schon jetzt gibt es erste DJs, die sich trauen, mal eine alte Snap!-Platte in den aktuellen Mix zu streuen. Produktionstechnisch also alles top, auch wenn die Verwendung des Ekelhits "(I've Had) The Time Of My Life" in der Single "The Time (Dirty Bit)" geradezu widerlich anbiedernd ist. Die Black Eyed Peas haben den Sound für die "Generation Information Overload" definiert, schrieb eine britische Kritikerin über "The Beginning", und da ist viel Wahres dran. Ob rasantes Playstation-Game, effektgeiler 3D-Blockbuster oder Strobo-Wahnsinn in der Großraumdisco - diese alles betäubende, geradezu genial auf Primärreize- und Instinkte getrimmte Musik ist ein so erbarmungs- wie emotionsloser Soundtrack und Taktgeber für einen Tag, an dem man sich mal schön aus der Realität wegballern will. Uncomfortably numb. (2) Andreas Borcholte

My Bee's Garden - "Hunt The Sleeper"
(Kitchen/Bon Voyage/Cargo, bereits erschienen)

Das absolute Gegenstück zum deutschen Charts-Gewitter: My Bee's Garden aus Paris. Stellen sie sich zehn Songs vor, die die absolute Antithese zu den grotesk eingängigen, debilen Smashern "Rups am Grill" (De Randfichten) und "Na Na Na (Na Na Na Na Na Na Na Na Na)" (My Chemical Romance) bilden. Dafür kann man "Hunt The Sleeper" immer wieder einlegen, ohne sich umzubringen. Die von der Pariserin Melody Prochet entweder gehauchten oder gezirpten Lieder haben ebenso mit Warpaint und Blonde Redhead, als auch mit der famosen und wie erwartet übersehenen Paris-Motel-LP "In The Salpêtrière" aus dem vorletzten Jahr zu tun. Beglückt vom in der Tat glänzend in Szene gesetzten Klavier in "Les memes histoires" wurde Grizzly Bear Chris Taylor in Frankreich vorstellig: "Oh my God, so beautiful! Where is that piano!??!!" Man merkt es "Alison", "Bud And Deanie" und dem friedlichen "Sailor Mood" überdeutlich an: Hier erkennt ein Mensch sich selbst in der Musik. Mögen andere es auch tun. (7) Jan Wigger

Duffy - "Endlessly"
(A&M/Universal, bereits erschienen)

Was macht man, wenn man mit einer coolen Retro-Masche und einer schönen Stimme mehr als sechs Millionen Platten verkauft hat? Richtig: Man versucht das Gleiche nochmal. Das zweite Album der walisischen Sängerin Duffy, produziert von Altstar Albert Hammond, schöpft seinen Charme erneut aus dem großen Topf des weißen Sixties-Soul, wie ihn Dusty Springfield und Petula Clark groß gemacht haben. Wäre also alles kaum der Rede wert, wenn Hammond nicht zusammen mit der kleinen Blondine einige ziemlich gute Songs hinbekommen hätte, die sich - mal mehr, mal weniger - auch in moderne Pop-Terrains vorwagen. Allen voran die Single "Well Well Well", die das Funkriff aus "(I've Got) The Power" von Snap! in Muscle-Shoals-Nostalgie verpackt. Oder "Keeping My Baby", in dem Madonnas "Papa Don't Preach"-Groove kopiert wird. Auf "Lovestruck" klingt Duffy gar wie eine rotzigere Version von Plastik-Popperin Kylie Minogue; "My Boy" wildert ganz offen und lustvoll im Disco-Fundus der Siebziger. Das klingt erstmal ungewohnt und komisch, macht aber durchaus Spaß. Und letztlich sind die Soul-Mädchen von damals ja auch irgendwann beim Saturday Night Fever gelandet. Also alles richtig gemacht. (6) Andreas Borcholte

Trembling Blue Stars - "Fast Trains And Telegraph Wires"
(Elefant Records/Alive, 3. Dezember)

Letztens noch Gerre im Eintracht-Fanblock getroffen und vergessen, ihn nach der neuen Tankard-CD "Vol(l)ume 14" zu fragen. Mist! Zum Trost gibt es Neues von den Trembling Blue Stars, die zwar auch schon mal bessere Plattencover hatten, aber noch immer die Lieblingseskapisten derer sind, die sich einmal rechtschaffen in das schöne Nichts von Idiosynkraten wie den Orchids, Camera Obscura oder Comet Gain verliebten. Schon während man die 18 neuen, mal traurig plätschernden, mal sorgfältig ornamentierten Stücke das zweite Mal hört, merkt man: Etwas, das untrennbar mit den zersplitternden Wahrnehmungen alter Trembling-Blue-Stars-Hits ("This Once Was An Island", "All I'm Doing Is Losing") verbunden schien, ist auf immer verloren. Und richtig: "'Fast Trains And Telegraph Wires' will be the last full-length-album from Trembling Blue Stars." Es passt zur seltsamen Bedürfnislosigkeit dieser britischen Spitzenklöppler, dass sie das Lied zum Abschied ("No More Sad Songs") als Hidden Track der EP "Cicely Tonight Volume One" verstecken, die dem Album beiliegt. Nicht mehr so düster wie "The Seven Autumn Flowers" oder manches von Field Mice, aber ein auf vielerlei Weise typisches Trembling-Blue-Stars-Album: Von totaler Belanglosigkeit bis zum höchsten Empfinden kann man alles darin finden. (6) Jan Wigger

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - CDs der Woche - und Ihre Favoriten?
insgesamt 10044 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
icaros, 19.06.2007
Paradise Lost - Icon: zum ersten Mal seit Jahren wieder ein amtliches Album der britischen Gothic Metal Legende. Hier regiert wieder der Metal und nicht mehr die Anbiederung an das Mainstreetpublikum. Die Songs der neuen Platte können es fast mit den alten Klassikern aufnehmen. Megadeth - United Abominations: Für Megadeth gilt ähnliches wie für Paradise Lost, das beste Album der Band seit Jahren, Dave Mustaine will es wohl noch mal wissen. Samael - Solar Soul: Die Schweizer sind ein Garant für hochklassigen, dunklen Metal mit Elektroschlagseite Akercocke - Antichrist: völlig abgefahrener Mix aus Black Metal, Grindcore, Death Metal, Ambient und ruhigen Passagen. Sicher keine Musik für Gelegenheitshörer aber es lohnt sich Zeit für das Album zu nehmen. Trelldom - Til Minne...: So war Black Metal ursprünglich gemeint: Roh, kalt, atmosphärisch, schwarz. Die Blaxk Metal Scheibe der Woche Und zum Schluß noch was anderes als Metal: Manes - How The World Came To An End: Dunkle Sounds zwischen Avantgarde, Ambient, Elektro mit unterschwelligem Gothictouch. Die Norweger scheuen sich auch nicht davor französischen Rap einzubauen. Funktioniert erstaunlicherweise. Sollte man als Hörer ohne Scheuklappen mal gehört haben.
2.
ralfons 19.06.2007
Zitat von icarosParadise Lost - Icon: zum ersten Mal seit Jahren wieder ein amtliches Album der britischen Gothic Metal Legende. Hier regiert wieder der Metal und nicht mehr die Anbiederung an das Mainstreetpublikum. Die Songs der neuen Platte können es fast mit den alten Klassikern aufnehmen. Megadeth - United Abominations: Für Megadeth gilt ähnliches wie für Paradise Lost, das beste Album der Band seit Jahren, Dave Mustaine will es wohl noch mal wissen. Samael - Solar Soul: Die Schweizer sind ein Garant für hochklassigen, dunklen Metal mit Elektroschlagseite Akercocke - Antichrist: völlig abgefahrener Mix aus Black Metal, Grindcore, Death Metal, Ambient und ruhigen Passagen. Sicher keine Musik für Gelegenheitshörer aber es lohnt sich Zeit für das Album zu nehmen. Trelldom - Til Minne...: So war Black Metal ursprünglich gemeint: Roh, kalt, atmosphärisch, schwarz. Die Blaxk Metal Scheibe der Woche Und zum Schluß noch was anderes als Metal: Manes - How The World Came To An End: Dunkle Sounds zwischen Avantgarde, Ambient, Elektro mit unterschwelligem Gothictouch. Die Norweger scheuen sich auch nicht davor französischen Rap einzubauen. Funktioniert erstaunlicherweise. Sollte man als Hörer ohne Scheuklappen mal gehört haben.
"In Requiem" heißt das neue Album, hört sich allerdings endlich wieder an wie "Icon" :) Eigentlich wäre ja Devildriver - Last Kind Words mein Album der Woche geworden. Amtlicher Thrash, der einem schön die Birne freibläst. Aber dann bin ich im CD-Regal doch nicht an den Re-Releases der Blind-Guardian-Alben von "Battalions of Fear" bis "Nightfall in Middle Earth" vorbeigekommen. Alle Alben sind digital remastered - die ersten beiden ("Battalions of Fear" und "Follow the Blind") sind komplett neu abgemischt - und mit neuen Liner-Notes und Bonus-Tracks versehen. Wer also einige der BG-Klassiker noch nicht sein eigen nennt: Zugreifen! :) Anfangen sollte man vielleicht beim '92er "Somewhere Far Beyond", sozusagen ein Zwischenschritt zwischen den alten, speed-lastigeren Alben und dem neuen, progressiveren Zeug.
3.
icaros, 19.06.2007
Zitat von ralfons"In Requiem" heißt das neue Album, hört sich allerdings endlich wieder an wie "Icon" :) Eigentlich wäre ja Devildriver - Last Kind Words mein Album der Woche geworden. Amtlicher Thrash, der einem schön die Birne freibläst. Aber dann bin ich im CD-Regal doch nicht an den Re-Releases der Blind-Guardian-Alben von "Battalions of Fear" bis "Nightfall in Middle Earth" vorbeigekommen. Alle Alben sind digital remastered - die ersten beiden ("Battalions of Fear" und "Follow the Blind") sind komplett neu abgemischt - und mit neuen Liner-Notes und Bonus-Tracks versehen. Wer also einige der BG-Klassiker noch nicht sein eigen nennt: Zugreifen! :) Anfangen sollte man vielleicht beim '92er "Somewhere Far Beyond", sozusagen ein Zwischenschritt zwischen den alten, speed-lastigeren Alben und dem neuen, progressiveren Zeug.
Oh, das mit dem "Icon" war wohl ein freudscher Verschreiber... Ja, die alten Blind Guardian Sachen waren durchaus hörenswert. Die neueren finde ich persönlich etwas zu überladen, aber das ist natürlich Gerschmackssache. Aber da wir gerade bei Re-Releases sind: Von Edge Of Sanity gibt es demnächst eine Best Of. Eingefleischte Schweden-Death Fans werden zwar eh schon alles der Pioniere haben, wer aber nur im entferntesten auf Melodic Death Metal steht kann nun eine Bildungslücke schließen.
4. Musikalische Bandbreite
Sonic Nurse, 19.06.2007
Der musikalische Geschmack der meisten User hier ist eben genau wie erwartet: Metal, Metal und Metal (in allen möglichen Richtungen und Ausprägungen, ist mir schon bewusst, daß es da ganz viele Kategorien gibt.) Und da werfe nochmal jemand Wigger und Borcholte vor, ihr Geschmack sei einseitig. Tss.
5.
ralfons 19.06.2007
Zitat von Sonic NurseDer musikalische Geschmack der meisten User hier ist eben genau wie erwartet: Metal, Metal und Metal (in allen möglichen Richtungen und Ausprägungen, ist mir schon bewusst, daß es da ganz viele Kategorien gibt.) Und da werfe nochmal jemand Wigger und Borcholte vor, ihr Geschmack sei einseitig. Tss.
Falls die Sysops den neuen Thread eröffnet haben, um die alten Streitereien aus dem Weg zu räumen, hat das ja prima geklappt ;) Zurück zum Thema: Ich finde, dass "A Night at the Opera" die einzig wirklich schlechte Blind-Guardian-Scheibe war, "A Twist in the Myth" ist wieder deutlich eingängiger geworden. Ich freu' mich auf jeden Fall schon auf einige neue Songs in Wacken :) Edge of Sanity sind bei mir allerdings 'ne echte Bildungslücke. Ich kenne zwar einige Songs, hab' aber nie ein Album von ihnen besessen. Von daher hab' ich die Best-Of mal auf meinem Einkaufszettel notiert.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Kultur
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Musik
RSS
alles zum Thema Abgehört
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • -22-