Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche

Weg mit dem Ballast, her mit den einfachen Melodien - sagten sich The Decemberists und veröffentlichen das perfekte Erlöseralbum für den Januar, meint Andreas Borcholte. Jan Wigger geht mit Tu Fawning ins Raucherzimmer und vertreibt die Trostlosigkeit mit Anna Calvi.


The Decemberists - "The King Is Dead"
(Rough Trade/Beggars/Indigo, 14. Januar)

Das neue Jahr ist noch jung, die Nerven liegen noch blank. Von Völlerei und Feierei und zu vielen utopischen Vorsätzen frustriert, schleppt man sich durch die ersten Januarwochen, wissend, dass der Frühling noch fern ist. Da wirkt das neue, sechste Album der Decemberists fast wie eine Erlösung. Kopfschmerzen hätte es bereitet, wenn Bandchef Colin Meloy einfach da weitergemacht hätte, wo "The Hazards Of Love" endete: im überkomplexen, ausufernden Konzeptalbum, das allerlei Folklore, Märchen und Mythen zu einem zauberhaften, aber auch zunehmend anstrengenden Art-Rock-Gesamtkunstwerk verzwirbelte. Ganz anders nun "The King Is Dead": Angesichts der Verkünstelung vergangener Alben wirken die kurzen, prägnanten Songs fast schon lächerlich naiv, bereinigt von Zierrat und Ballast, reduziert auf das Wesentliche. Kann sein, dass Meloys Umzug in die einsame Natur nahe Portland, Oregon, da einen gewissen "Walden"-Effekt der Vereinfachung bewirkte, kann auch sein, dass Meloy sich einfach eine noch schwierigere Aufgabe stellen wollte: Denn das Simple herauszuarbeiten ist oft schwerer als das Opulente aufzutürmen. So klingen die neuen Decemberists mit jammernder Mundharmonika mal nach dem Springsteen der kargen "Nebraska"-Phase ("Don't Carry It All"), mal mit schmachtender Pedal Steel nach dem "Harvest" von Neil Young ("Rise To Me"), mal nach dem klaräugigen Folkpop des frühen James Taylor ("January Hymn"). Ab und zu kommt der Einfluss des Gastgitarristen Peter Buck etwas zu stark durch, etwa wenn "Down By The Water" klingt wie ein Überbleibsel aus R.E.M.s "Document"-Ära. Aber geschenkt: "The King Is Dead" ist die perfekte Begleitung, um die majestätisch schwer gewordenen Brokat-Umhänge des vergangenen Jahres abzuwerfen, wie ein junger Prinz die Steine aus dem Rucksack zu nehmen, die Nase in die erste Ahnung einer warmen Brise zu recken. Alles neu, alles easy. (7) Andreas Borcholte

Tu Fawning - "Hearts On Hold"
(City Slang/Universal, 14. Januar)

Die Ende Januar erscheinende CD der zwischenzeitlich vollkommen vergessenen deutschen Band M. Walking On The Water wurde kürzlich in einer mit Wasser gefüllten Klarsichthülle verschickt. Tu Fawning hätte uns eigentlich eine Mittelmeer-Muräne in die Lehmhütte spucken sollen, denn diese Tracks verweisen auf a) noch mehr Wasser, b) einen asketisch-strengen Menschen, der sein Geheimnis bewahrt und c) die Quay Brothers, die unter Androhung von "Forrest Gump" genötigt wurden, einen Soundtrack zu David Cronenbergs "Dead Ringers" einzureichen, auf dem alle neun Minuten gehustet wird. Für Archivare und besorgte Konsumenten: Tu Fawning vereint Joe Haege (Menomena & 31 Knots) und die Songschreiberin Corrina Repp, offensichtlich zwei Menschen mit wild wuchernder Phantasie und ausreichend disparaten Plattensammlungen. "Multiply A House" ist "Maxinquaye" im Raucherzimmer, "Diamond In The Forest" wohl aus dem einen Sekundenbruchteil, in dem Tortoise und Ornette Coleman dieselbe Idee hatten. Und "Apples And Oranges"? So schade, dass man nur noch darüber spekulieren kann, ob Syd Barrett hier kurz hätte schniefen müssen. (7) Jan Wigger

Anna Calvi - "Anna Calvi"
(Domino/Goodtogo, 14. Januar)

Es ist ja nun nicht zu ändern, wenn die Färbung einer Platte so ist wie sie ist, wenn bereits der Info-Zettel auf "dramatischen Surrealismus im Stil von David Lynch", "Nick Caves Mythen schaffende Aktualisierungen von Vintage-Einflüssen", "auf stürmischer See treibende Emotionen" (Himmel hilf!) hindeutet, jedoch mit dem schönen Satz schließt: "Anna Calvi verbrachte den größten Teil der ersten drei Jahre ihres Lebens im Krankenhaus." Bei den ganz frühen Smog-Alben würde man jetzt sagen: So klingt auch die Musik. Doch Anna Calvi, Engländerin, Brian Enos Muse (schon jetzt!), Debussy-Bewunderin, high maintenance, bemüht sich um eine Zugänglichkeit, die mit dem Weg Polly Jean Harveys von "Rid Of Me" zu "Stories From The City, Stories From The Sea" vergleichbar ist: Calvi zieht die Silben gefährlich um mehrere Ecken, koloriert und verziert die Stücke in einem aufreibenden Versuch, die Trostlosigkeit zu vertreiben. Bis auf das scheußliche "Desire" sind Calvi im Songwriting kaum Fehler nachzuweisen (verführerisch: "First We Kiss"); einziges Problem: die Stimme, die sich zuweilen in unangenehme Powerfrau-Dimensionen wagt. (6) Jan Wigger

British Sea Power - "Valhalla Dancehall"
(Rough Trade/Beggars/Indigo, 14. Januar)

Mit solch einem Cover (oder der Einfalt, ein Album "Do You Like Rock Music?" zu nennen) ist natürlich niemandem geholfen. Da aber "Georgie Ray" und "Thin Black Sail" in Argentinien gemixt wurden und "Abgehört" noch jedes Album der großen Undurchsichtigen berücksichtigt hatte, nahmen wir uns auch "Valhalla Dancehall" an. Wesentliches Thema bleibt - ähnlich wie bei Pete Doherty - die nostalgische Trauer über eine vergangene Zeit. Man sollte den 13 eher episch angelegten Stücken etwas Zeit einräumen, damit sie nicht grußlos vorbeirauschen wie eine der weniger wichtigen Pale-Saints-Dröhnungen. Während die Daseinsfreude in "Observe The Skies" beinahe so nervt wie der schwedische Pfadfinderverband Shout Out Louds, und die glutvolleren Momente von "Valhalla Dancehall" meist nicht zur Legendenbildung taugen, finden British Sea Power in den stilleren, ausformulierteren Teilen der Platte ("Living Is So Easy", "Cleaning Out The Rooms") zu einer reizvollen Seltsamkeit. Zum ausgedehnten "Once More Now" kann man sogar auf Wolken gehen. Knapp: (6) Jan Wigger

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insgesamt 2 Beiträge
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jot-we, 11.01.2011
1. °!°
Im neuen Jahr schnell noch die Resterampe des letzten leeren - warum eigentlich nicht? Irgendjemand kauft den Kram ja doch und irgendwie müssen sich halt auch Pop-Kommentatoren über die Runden retten. Schliesslich haben auch Nebensächlichkeiten ihren Reiz und die Phonoindustrie ist ohnehin schon gebeutelt genug ... Aber ist Kollege Kleintal denn noch hier um die Wege? Der hat mir in einem Beatles-Fred mal sehr nett geantwortet, was ich aber erst später bemerkt hab. Also dann Buddy K.: alles Gute im neuen Jahr und keep on whatever you treibing!
suboptimal, 11.01.2011
2. Die wichtigsten CDs?
...ganz sicher nicht! Social Distortion ist das Stichwort! Ab Freitag "Hard Times and Nursery Rhymes" hören und obiges unter nicht relevant ablegen.
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