Abgehört: Die wichtigsten CDs der Woche

Übung macht den Meister: Die Wave-Veteranen Wire feiern mit ihrem neuen Album die Rückkehr zu ganz alter Form, meint Andreas Borcholte und springt mit Joan As Policewoman beseelt ins weite Feld der Möglichkeiten. Jan Wigger wünscht sich mal wieder eine gute Platte von Heinz Rudolf Kunze.

Wire - "Red Barked Tree" (Pink Flag/Cargo, bereits erschienen)

Und plötzlich ist wieder 1978. "Two Minutes", selbstverständlich exakt zwei Minuten lang, heißt der Song, der wohl am treffendsten die Rückkehr Wires zu alter Form symbolisiert. "Just what I need/ Shoot me on sight", stößt Colin Newman hörbar genervt zwischen den Zähnen hervor, bevor Robert Gotobeds Drums in einen Stakkato-Rhythmus verfallen und Newmans sägende Gitarre monoton vor und zurück schrammt. Die britische Postpunk-Band beeinflusste mit ihren ersten drei Alben so stilistisch verschiedene Bands wie R.E.M., Manic Street Preachers, Minor Threat oder Black Flag. Richtig aufgelöst haben sich Wire eigentlich nie, doch mit zahlreichen Umbesetzungen in den neunziger und nuller Jahren schwankte auch die Qualität des veröffentlichten Materials stark, echte Höhepunkte gab es kaum. Mit der fast originalen Besetzung aus Newman, Gotobed und Bassist Graham Lewis (Gitarrist Bruce Gilbert stieg 2003 aus) übersetzen die Wave-Veteranen ihren kunstvoll reduzierten Minimal-Punk nun in eine altersbedingt beruhigte, aber durchaus aufregende Neuzeit-Variante. Der Opener "Please Take" kommt gefällig groovend daher, doch textlich macht Gilbert in einer furchterregenden Bryan-Ferry-Imitation gleich klar, dass die alten Männer - nun ja - immer noch auf Draht sind: "Fuck off out of my face/ You take up too much space". "Moreover" reflektiert das trockene Schaben von "Pink Flag"-Höhepunkten wie "Lowdown", in melodischeren Stücken wie "Adapt" oder "Red Barked Tree" wird Wire-Epigonen wie Hüsker Dü charmant zurückgewunken. Nur wenn Wire versuchen, allzu zeitgemäßen Indierock-Trends hinterherzuhecheln wie in "Bad Worn Thing" oder "Clay", wird es ein bisschen langweilig und wohlfeil. Haben die gar nicht nötig, wie dieses überraschend homogene, wunderbar sarkastische Album beweist. Practice makes perfect. (8) Andreas Borcholte

Joan As Policewoman - "The Deep Field"
(Pias/Rough Trade, 21. Januar)

Achtung, jetzt wird's esoterisch. Joan Wasser, fester Bestandteil der New Yorker Session-Szene und von der Indie-Welt für ihre ersten beiden Alben "Real Life" und "To Survive" als kommende Erlöserin gefeiert, setzt nun mit ihrer dritten Platte tatsächlich zum großen Sprung an. Funkadelics vertracktes Meisterwerk "Maggot Brain" habe sie beeinflusst, erzählt sie, ebenso wie der religiös fiebrige Soul von Stevie Wonder und Marvin Gaye. Außerdem wurde sie kürzlich 40, habe viel über den Sinn des Lebens nachgedacht und viel über die Essenz des menschlichen Daseins gelernt, als sie mit Damon Albarns "Africa Express"-Mission nach Äthiopien reiste. "The Deep Field" nennt sich übrigens ein Gebiet im Sternbild des Großen Bären, das unlängst vom Hubble-Teleskop entdeckt wurde. Mit bloßem Auge besehen sei es nur ein winziger Punkt, aber in Wahrheit doch eine endloses Areal, sagt Wasser, ähnlich sei es ja auch mit den endlosen Weiten der conditio humana. Auf so tiefschürfende Überlegungen kann man wohl nur mit möglichst seelenvoller Musik reagieren. Folglich übersetzt Wasser, ähnlich wie ihr Kollege Sufjan Stevens, noch konsequenter als bisher Soul und R&B in einen Rockkontext. Das ist manchmal göttlich, wie im hochkonzentriert groovenden "The Magic", manchmal entspannt swingend wie "Human Condition", zauberhaft blue eyed wie in "Chemmie" oder klingt angenehm nach Dusty Springfield wie "I Was Everyone". Und manchmal ist es auch noch ganz schön unausgegoren. Dennoch ist "The Deep Field" das bisher beste, vielseitigste und inspirierteste Album von Joan As Policewoman. Im weiten Feld der Möglichkeiten ist sie jetzt schon mal gelandet. Von hier aus sind alle Wege offen. (7) Andreas Borcholte

Iron And Wine - "Kiss Each Other Clean"
(4AD/Beggars/Indigo, 21. Januar)

Jahrelang langweilten uns William Fitzsimmons, John Vanderslice, Bart Davenport und andere Ritter der traurigen Gestalt mit ihren Sitzhockern und Akustikgitarren. Sie hatten schlimme Dinge mit der Welt und den Frauen erlebt und wollten uns nun darüber informieren. Einmal spielten die norwegischen Black-Metal-Götter Mayhem und Iron And Wine zur selben Zeit auf einem Festival. Als ich von Mayhem zurückkam, waren die anderen Berichterstatter enttäuscht: Der Auftritt von Sam Beam und Band sei irgendwie zu altherrenmäßig, zu gediegen, zu muckerhaft und funky gewesen - der zarte Folk hatte sich im Durcheinander der Stimmungen und Instrumente verloren. Sam Beam bereitete schon damals ohne Rücksicht das vor, was man nun auf "Kiss Each Other Clean" besichtigen kann: blassen Funk, freimütig eingeworfenen Waldarbeiter-Jazz, gedämpften Soul, gelegentliche Gniedeleien. So wie in "Godless Brother In Love" kannten wir Beam, dessen mildernde Stimme gelegentlich an Benjamin Gibbard von Death Cab For Cutie erinnert. Mit "Rabbit Will Run" oder dem brillanten, von allen guten Geistern verlassenen, "Your Fake Name Is Good Enough For Me", dessen Entstehungsjahr man auch erst mal erraten muss, treibt Sam Beam seine Abkehr vom Gewöhnlichen voran. Für jeden Indie-Only-Hörer, der durch "Kiss Each Other Clean" zu "A Love Supreme" oder "Songs In The Key Of Life" findet, bekommt der Künstler eine goldene Haselnuss. (7) Jan Wigger

Heinz Rudolf Kunze - "Die Gunst der Stunde"
(Ariola/Sony Music, 21. Januar)

Er sei "ganz nah bei Max Frisch", veranlasse Einstein und Newton furchtlos zum Stirnrunzeln, erkenne Franz Kafka und Peter Handke in seinen Texten wieder und verlange für die Entdeckung von Sorgenfalten auf Sandkörnern den "Nobelpreis fürs Älterwerden", so Kunze zuletzt im gelehrigen Gespräch mit einem Schlager-Medium. Heinz Rudolf Kunze, Universallehrkörper, Bonmot-Kanonier und Hüter des Weltgeists, hat es gut: Er ist Frisch, Kafka, Handke, Einstein und Newton in einer Person und posiert auf dem scheußlichen Cover von "Die Gunst der Stunde" lässig auf einem scheußlichen roten Sofa. Das verschwitzte "Ich glaub du liebst mich" entspricht Marius Müller-Westernhagens Vorstellung von Rockmusik: Der untote Keith Richards feiert sein 70-jähriges Bühnenjubiläum mit einer Coverversion von Status Quo. Besonders jenen Stücken, die Rock-Journalisten "erdig" nennen würden, merkt man an, wie krampfhaft Kunze versucht, eine Zwanglosigkeit zu suggerieren, die ihm schlechterdings nicht eigen ist. "Jeder weiß" soll wohl auf Leonard Cohens "Everybody Knows" hinweisen, "Kampfzone Mitte" ist Tom-Petty-ermüdet, und "Susanne es ist aus" in all seiner Betulichkeit so peinlich, dass man den Gartenhaus-Poeten beim "Bye bye bye bye Susanne"-Part schon jetzt auf der Bühne winken sieht. "In der Mitte der Sanduhr" und "Der stille Gast" (mit Prog-Rock-Einschub) gerieten manierlich, in "Wie man tanzt und singt" wird zur Gelassenheit gemahnt: "Aber lass den Kopf nicht hängen, Kind/ Die Zeiten sind halt wie sie sind/ Am besten ist der Boxer wenn er swingt." Roll with the punches, Heinz! Und mach mal wieder eine gute Platte. (3) Jan Wigger

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insgesamt 10044 Beiträge
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1.
icaros 19.06.2007
Paradise Lost - Icon: zum ersten Mal seit Jahren wieder ein amtliches Album der britischen Gothic Metal Legende. Hier regiert wieder der Metal und nicht mehr die Anbiederung an das Mainstreetpublikum. Die Songs der neuen Platte können es fast mit den alten Klassikern aufnehmen. Megadeth - United Abominations: Für Megadeth gilt ähnliches wie für Paradise Lost, das beste Album der Band seit Jahren, Dave Mustaine will es wohl noch mal wissen. Samael - Solar Soul: Die Schweizer sind ein Garant für hochklassigen, dunklen Metal mit Elektroschlagseite Akercocke - Antichrist: völlig abgefahrener Mix aus Black Metal, Grindcore, Death Metal, Ambient und ruhigen Passagen. Sicher keine Musik für Gelegenheitshörer aber es lohnt sich Zeit für das Album zu nehmen. Trelldom - Til Minne...: So war Black Metal ursprünglich gemeint: Roh, kalt, atmosphärisch, schwarz. Die Blaxk Metal Scheibe der Woche Und zum Schluß noch was anderes als Metal: Manes - How The World Came To An End: Dunkle Sounds zwischen Avantgarde, Ambient, Elektro mit unterschwelligem Gothictouch. Die Norweger scheuen sich auch nicht davor französischen Rap einzubauen. Funktioniert erstaunlicherweise. Sollte man als Hörer ohne Scheuklappen mal gehört haben.
2.
ralfons 19.06.2007
Zitat von icarosParadise Lost - Icon
"In Requiem" heißt das neue Album, hört sich allerdings endlich wieder an wie "Icon" :) Eigentlich wäre ja Devildriver - Last Kind Words mein Album der Woche geworden. Amtlicher Thrash, der einem schön die Birne freibläst. Aber dann bin ich im CD-Regal doch nicht an den Re-Releases der Blind-Guardian-Alben von "Battalions of Fear" bis "Nightfall in Middle Earth" vorbeigekommen. Alle Alben sind digital remastered - die ersten beiden ("Battalions of Fear" und "Follow the Blind") sind komplett neu abgemischt - und mit neuen Liner-Notes und Bonus-Tracks versehen. Wer also einige der BG-Klassiker noch nicht sein eigen nennt: Zugreifen! :) Anfangen sollte man vielleicht beim '92er "Somewhere Far Beyond", sozusagen ein Zwischenschritt zwischen den alten, speed-lastigeren Alben und dem neuen, progressiveren Zeug.
3.
icaros 19.06.2007
Zitat von ralfons"In Requiem" heißt das neue Album, hört sich allerdings endlich wieder an wie "Icon" :) Eigentlich wäre ja Devildriver - Last Kind Words mein Album der Woche geworden. Amtlicher Thrash, der einem schön die Birne freibläst. Aber dann bin ich im CD-Regal doch nicht an den Re-Releases der Blind-Guardian-Alben von "Battalions of Fear" bis "Nightfall in Middle Earth" vorbeigekommen. Alle Alben sind digital remastered .....
Oh, das mit dem "Icon" war wohl ein freudscher Verschreiber... Ja, die alten Blind Guardian Sachen waren durchaus hörenswert. Die neueren finde ich persönlich etwas zu überladen, aber das ist natürlich Gerschmackssache. Aber da wir gerade bei Re-Releases sind: Von Edge Of Sanity gibt es demnächst eine Best Of. Eingefleischte Schweden-Death Fans werden zwar eh schon alles der Pioniere haben, wer aber nur im entferntesten auf Melodic Death Metal steht kann nun eine Bildungslücke schließen.
4. Musikalische Bandbreite
Sonic Nurse 19.06.2007
Der musikalische Geschmack der meisten User hier ist eben genau wie erwartet: Metal, Metal und Metal (in allen möglichen Richtungen und Ausprägungen, ist mir schon bewusst, daß es da ganz viele Kategorien gibt.) Und da werfe nochmal jemand Wigger und Borcholte vor, ihr Geschmack sei einseitig. Tss.
5.
ralfons 19.06.2007
Zitat von Sonic NurseDer musikalische Geschmack der meisten User hier ist eben genau wie erwartet: Metal, Metal und Metal (in allen möglichen Richtungen und Ausprägungen, ist mir schon bewusst, daß es da ganz viele Kategorien gibt.) Und da werfe nochmal jemand Wigger und Borcholte vor, ihr Geschmack sei einseitig. Tss.
Falls die Sysops den neuen Thread eröffnet haben, um die alten Streitereien aus dem Weg zu räumen, hat das ja prima geklappt ;) Zurück zum Thema: Ich finde, dass "A Night at the Opera" die einzig wirklich schlechte Blind-Guardian-Scheibe war, "A Twist in the Myth" ist wieder deutlich eingängiger geworden. Ich freu' mich auf jeden Fall schon auf einige neue Songs in Wacken :) Edge of Sanity sind bei mir allerdings 'ne echte Bildungslücke. Ich kenne zwar einige Songs, hab' aber nie ein Album von ihnen besessen. Von daher hab' ich die Best-Of mal auf meinem Einkaufszettel notiert.
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