Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche

Stücke, die klingen wie frisch gefallene Eiskristalle hört Jan Wigger auf dem neuen Album der kanadischen Band Destroyer - und würdigt den auf mysteriöse Weise verschollenen Singer/Songwriter Jim Sullivan. Außerdem: Neues von Urfaust und Isolée.


Destroyer - "Kaputt"
(Merge Records/nur über Import!)

Seit Veröffentlichung der fünften Destroyer-LP "This Night" im Jahre 2002 bejubelte ich an dieser Stelle beinahe jedes Bild und jede Spiegelung des großen Liedzerstücklers Dan Bejar. Offenbar umsonst, denn es schien nicht mehr richtig hinzuhauen mit der Weltkarriere. Ausgerechnet das "epic ninth album" (Aufkleber) wird nun, spät genug, für neue Verhältnisse sorgen. Im Internet überschlägt man sich vor gerechter Liebe für den Kurzfilm "Kaputt", einer seidenmatten Phantasmagorie zwischen "Donnie Darko", "The Fountain", The Beloved und Wüstendelirium, die "The Suburbs" von Spike Jonze und alle anderen Clips der letzten 18 Monate noch übertrifft. Die Musik, die Bejar auf frei gleitenden, ausführlichen Abhandlungen wie "Suicide Demo For Kara Walker", "Song For America" oder "Bay Of Pigs (detail)" zu uns hinabfallen lässt, wird man kaum mit dem gemeinen Indiepolizisten teilen müssen: Dan Bejar führt die Spuren zusammen, die Paddy McAloon im Schnee machte, lässt sieben Begleiter ("The Kaputt Players") mit saxophone fills, minimalem Funk, Gospel-Jazz (Sibel Thrasher!) und Flöten paradieren und benetzt diese Stücke, die so klingen wie frisch gefallene Eiskristalle, mit Worten der Täuschung und Magie: "New York City just wants to see you naked (and they will)/ Though they'd never say so/ Wise, old, black and dead in the snow:/ My southern sister..." Man hört: "Avalon" von Roxy Music, Hall & Oates, späten Bowie, Scritti Politti und Sades "Promise". Der Soft Rock eines blassen Geists. Oh! You pretty things. (9) Jan Wigger

Jim Sullivan - "U.F.O."
(Light In The Attic Records/Cargo, 4. Februar)

Ganze vier Dekaden bevor "Mojo" und "Uncut" dieses so wunderbare wie traurige Album endlich zum Alltime-Klassiker erklärten, waren sie schon da: Die wissend oder unwissend in die Zukunft weisenden Sätze von Jim Sullivan: "There's a highway/ Telling me to go where I can/ Such a long way/ I don't even know where I am/ Such a long way/ Long long long way..." Oder: "It's my time to go/ I just want the wind to blow my ashes till they're completely out of sight." Eine Lyrik des Verschwindens, die Sullivan mit einer Stimme vortrug, die sowohl Fred Neil als auch Richard Harris, Jim Croce und Lee Hazlewood evozierte. Weder "U.F.O.", noch eine zweite LP, die Sullivan später auf Playboy Records veröffentlichte, zeitigten nennenswerte Erfolge. 1975 brach Jim nach Nashville auf und checkte auf der Durchreise am 6. März ins La Mesa Motel in Santa Rosa ein. Zwei Tage später fand man das verlassene Auto des Songschreibers 26 Meilen stadtauswärts. Man fand auch die Gitarre - ein schlechtes Zeichen. Jim Sullivan aber wurde nie wieder gesehen. Er besang das Kaff Jerome in Arizona, den Blitz und den Donner in den Augen einer Frau und - wie America - den "Sandman". Am bewegendsten aber war das melodieselige Titelstück, das auch den guten Freund Jim O'Keefe, der Sullivan noch kurz vor der ewigen Abreise sah, zu Tränen rührte: "There is no one who would rather see the U.F.O. come deposit my friend back on the planet than me." Es bleiben die physiognomische Ähnlichkeit mit einem bekannten deutschen Filmjournalisten und zehn erschütternde Lieder über die Möglichkeit einer Insel. (10) Jan Wigger

Urfaust - "Der freiwillige Bettler"
(Ván Records/Soulfood, bereits erschienen)

"Du wirst allein geboren, du lebst allein, du stirbst allein. Allein, immer allein. Und selbst wenn du fickst, bist du allein. Allein mit deinem Fleisch, allein mit deinem Leben." (Gaspar Noé, "Menschenfeind"). "Zäh und kalt wie Novembernebel presst sich 'Der freiwillige Bettler' durch die Boxen und vergiftet die Seelen derer, die sich ihm in den Weg stellen." (Infoschreiben der Feelgood-Rocker und Goethe-Kenner Urfaust). Wir lieben Sätze wie diese. Erstens, weil sie wahr sind, zweitens, weil man sich nach dem Lesen keine Illusionen mehr darüber zu machen braucht, in den nächsten Stunden eventuell doch eine gute Zeit zu haben. Urfaust stammen aus Mark-van-Bommel-Country und klingen so, wie der alternde Milan-Sechser kickt: hässlich, dreckig, hundsgemein. Wer spendiert ihnen eine warme Mahlzeit? Aus Doom (man denke an die Wucht der zweiten Cathedral-Platte von 1993), Black Metal (die scheppernde, unorthodoxe Variante), ein wenig Folk und Ambient sowie dem absoluten Willen zur Zerstörung schießen Urfaust dir die Lichter aus. Songtitel wie "Das Kind mit dem Spiegel" und "Der hässlichste Mensch" könnten täuschen: Urfaust quälen nicht nur auf Deutsch, sondern auch in der Heimatsprache. From the label that brought you The Devil's Blood. (7) Jan Wigger

Isolée - "Well Spent Youth"
(Pampa Records/Rough Trade, bereits erschienen)

Wer im letzten Jahrzehnt auch nur entfernt mit elektronischer Musik zu tun hatte, brauchte nicht selbst zu suchen: Irgendwann wurde jeder von "We Are Monster", dem selbstbewusst unselbstbewussten Kunstwerk von Rajko Müller, gefunden und nach Hause gebracht. Waren Tracks wie "Mädchen mit Hase" und "Schrapnell" (mit prominenter Bass-Hookline) schon damals liebenswert vom Weg abgekommen, aber in ihrer Simplizität und seltsamen Zurückhaltung vollkommen logisch, arbeitet Müller in "Well Spent Youth", das nun auf DJ Kozes Label Pampa Records erscheint, weiter am Abtragen von Grenzbereichen des Genres: "Taktell" und das leichtgängige "Paloma Triste" hängen trefflich neben dem Takt, "Journey's End" besitzt all die kleinen Luftlöcher und Hintertreppen, die man bereits um die Jahrtausendwende auf dem Isolée-Debüt "Rest" zu erkennen glaubte. Was die Stimmfetzen in "In Our Country" uns sagen wollen, sollte man den Künstler nicht fragen: Er weiß selbst nicht, wo er hin will. Aber er kommt immer genau dort an. (7) Jan Wigger

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insgesamt 2 Beiträge
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Bonteburg 01.02.2011
1. Destroyer
Da hat der Borcholte ohl Urlaub: Lieber Jan, auch wenn ich nicht verstehe, was du eigentlich ausdrücken möchtest, stimme ich deinem Grundtenor bei der DESTROYER Platte zu.
phonic 03.02.2011
2. Abgehört: Die wichtigsten CDs der Woche
Also ehrlich Leute, richtig gute Platten werden hier gnadenlos verrissen und grauenhafte Longplayer bekommen hier Lobeshymnen! J.W, tolle Wortgefechte, aber leider keine Ahnung von Musik!
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