Abgehört: Die wichtigsten CDs der Woche

Wenn es um England geht, vergisst PJ Harvey sogar, über sich selbst zu singen, staunt Jan Wigger und fühlt sich beim Psychedelik-Sound von Treefight for Sunlight an "Zabriskie Point" erinnert. Andreas Borcholte fragt sich, warum Gil Scott-Heron zweimal neu erfunden werden musste.

PJ Harvey - "Let England Shake"
(Island/Universal, bereits erschienen)

Angenommen, Sofaplanet, Halmakenreuther, Myballoon, Underwater Circus und Scycs hätten seinerzeit die Weltherrschaft übernommen: Wieviele Jahrzehnte müsste Polly Jean Harvey noch Platten veröffentlichen, um diesen Planeten von den letzten Überresten der Universalverschmutzung zu befreien? Um die immer dunkleren Schatten, die auf der Klavierplatte "White Chalk" und Teilen von "A Woman A Man Walked By" lagen, zu verwischen, tat Harvey nun etwas Unfassliches: Sie erlag der Möglichkeit, nicht mehr über sich selbst zu sprechen. "Let England Shake" ist ein Rechenschaftsbericht, der Pollys Unwohlsein mit der Heimat, mit sinnlosen Fehden und der bis zur Unkenntlichkeit verschobenen Grenze zwischen Wunsch und Wirklichkeit. Der gern genommene Gemeinplatz, nach dem ein Album vor allem "abwechslungsreich" zu sein hat, trifft auf "Let England Shake" zufällig zu: "This Glorious Land" wird immer wieder von einem Jagdhorn zerteilt, "The Words That Maketh Murder" ist Fifties-Rock'n'Roll aus der Sicht eines Racheengels und "The Colour Of The Earth" mindestens furchterregend. Im Klagelied "Written On The Forehead" beschreibt die bitterkühle Diseuse den paralysierenden Kriegszustand in einer arabischen Stadt: "I talked to an old man by the generator/ Standing on the gravel by the fetid river/ He turned to me, then surveyed the scene, said:/ 'War is here in our beloved city'". Auf Peter Weirs bekannten Sinnspruch, der besagt, dass alles zum richtigen Zeitpunkt und am richtigen Ort beginnt und endet, kann niemand mehr vertrauen. (8) Jan Wigger

Gil Scott-Heron and Jamie xx - "We're New Here"
(XL Recordings/Beggars Group/Indigo, 18. Februar)

16 Jahre Stille, dann gleich zwei Comebacks: Vor fast genau einem Jahr feierte der in den Siebzigern als "black Bob Dylan", Soul- und Funk-Visionär und politischer Ur-Rapper berühmt gewordene Gil Scott-Heron eine triumphale Ankunft in der Neuzeit, nachdem XL-Recordings-Boss Richard Russell dem 62-Jährigen für sein wunderbar introvertiertes Album "I'm New Here" ein zeitgemäßes Soundkonzept aus Dub- und Elektro verpasste. Nun kommt dasselbe Album noch einmal neu modernisiert auf den Markt: Jamie Smith, kreativer Kopf hinter den phänomenal erfolgreichen Elektro-Shoegazern The xx, nahm 13 der 15 Gesangsspuren von "I'm New Here" und ein paar unveröffentlichte Outtakes und remixte alles noch einmal in jenem typisch skelettierten, extrem reduzierten Dubstep-Sound, der schon seine Umarbeitung der Florence-and-the-Machine-Single "You've Got The Love" zum Club-Hit machte. Der alte, von Kanye West und anderen HipHoppern verehrte Veteran und der junge, gefeierte Newcomer - musste das sein? Man kann sich drüber streiten. Immerhin: Durch Smiths noch radikalere Reduktion und streng von europäischer Tanzmusik der Stunde geprägte Interpretation der Tracks wird noch einmal auf beeindruckende Weise deutlich, wie weit voraus Gil Scott-Heron seiner Zeit wirklich war. Zwischen seinen frühen, mit Jazz untermalten Spoken-Word-Experimenten wie "No Knock" oder "Small Talk At 125th And Lenox" können dank Smith nun noch direkte Linien zu hypermodernen Zeitlupen-Dubs wie "Running" oder "The Crutch" gezogen werden. Die besinnliche, meditative Zusammenarbeit Herons mit Brian-Jackson ("Winter In America", "Peace Go With You Brother") spiegelt sich in Smith-Bearbeitungen von "The Crutch" oder "My Cloud". Trotzdem die meisten Remixe während der xx-Tournee auf Jamies Laptop entstanden, hat der junge Fan noch einmal genau hingehört und verstanden, wie verwandt der Proto-HipHop von einst den elektronischen Rhythmen von heute ist. Das Ergebnis ist die ins Heute übersetzte Essenz Gil Scott-Herons. History repeating. (6) Andreas Borcholte

Treefight For Sunlight - "Treefight For Sunlight"
(Cooperative Music/Universal, 18. Februar)

Man gibt es ungern zu, doch manchmal sind es bereits Beschreibungen anderer, in ihrem Urteil zuverlässiger Leute, die darüber entscheiden, ob wir eine Platte überhaupt hören wollen oder nicht. Musik vom "freundlichen Augsburger Indie-Pop-Trio" kommt uns also nicht ins Haus, eine Gruppe, die kühn mit den "epic harmonies of The Association and The Turtles" verglichen wird, schon viel eher. Stellen Sie sich nicht vor, wie es war, das erste Mal "And Then... Along comes The Association", "Younger Than Yesterday" oder "Surf's Up" gehört zu haben. Stellen sie sich vor, wie Michelle Phillips im Mai des Jahres 1967 aussah und denken sie an das Ende von "Zabriskie Point": An den Wagen, an die Farben, die täuschen, an Darias Gesicht, die Schönheit der Explosion und die untergehende Sonne. So klingt "Treefight For Sunlight". Ohnehin sollte man diesen Dänen trauen: "What Became Of You And I", "Riddles in Rhymes" und das leichtfertige "Facing The Sun" halten jederzeit die Balance zwischen todessehnsüchtigem Laurel-Canyon-Pop und britischen Sixties-Psychedelikern wie Kaleidoscope oder Fairfield Parlour. Enjoy! (7) Jan Wigger

Violens - "Amoral"
(Static Recital/Rough Trade, bereits erschienen)

Ein Blick auf die vielfarbig verfremdete Person auf dem Cover von "Amoral" beruhigt: Schon nach dem ersten Hören hatte man das unbestimmte Gefühl, nicht näher wissen zu wollen, wie dieses sehr synthetische Trio aus New York eigentlich aussieht. Die dem Debüt-Album beigelegte Gebrauchsanweisung spricht von Miami Freestyle, Nobuhiko Obayashi und Thrash Metal, doch das ist nichts als Aufschneiderei: In Wahrheit fangen Violens dort an, wo ABC, Adam & The Ants, Blancmange und China Crisis ihre schlecht frisierten Anhänger einst sitzen ließen: Im Nachklingen des schuldlosen, astronautenleichten Achtziger-Jahre-Sounds, der ja zu absolut jeder Zeit Revival hat. Die Brüche und Klammern, an denen sich Jorge Elbrecht sonst mit dem Kunstprojekt Lansing-Dreiden abarbeitet, gelangen auf "Amoral" erst ab dem zweiten Drittel zu ihrem Recht: "Another Strike Restrained", völlig bedeckt von Hallfiguren und Zerrgitarren, verkompliziert die Sachlage: "From within these walls/ Where you've resolved to keep yourself/ We're alone in this world/ You need to please yourself." Wie sehr hätten sich die Blow Monkeys damals über "The Dawn Of Your Happiness Is Rising" gefreut! (6) Jan Wigger

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1.
icaros 19.06.2007
Paradise Lost - Icon: zum ersten Mal seit Jahren wieder ein amtliches Album der britischen Gothic Metal Legende. Hier regiert wieder der Metal und nicht mehr die Anbiederung an das Mainstreetpublikum. Die Songs der neuen Platte können es fast mit den alten Klassikern aufnehmen. Megadeth - United Abominations: Für Megadeth gilt ähnliches wie für Paradise Lost, das beste Album der Band seit Jahren, Dave Mustaine will es wohl noch mal wissen. Samael - Solar Soul: Die Schweizer sind ein Garant für hochklassigen, dunklen Metal mit Elektroschlagseite Akercocke - Antichrist: völlig abgefahrener Mix aus Black Metal, Grindcore, Death Metal, Ambient und ruhigen Passagen. Sicher keine Musik für Gelegenheitshörer aber es lohnt sich Zeit für das Album zu nehmen. Trelldom - Til Minne...: So war Black Metal ursprünglich gemeint: Roh, kalt, atmosphärisch, schwarz. Die Blaxk Metal Scheibe der Woche Und zum Schluß noch was anderes als Metal: Manes - How The World Came To An End: Dunkle Sounds zwischen Avantgarde, Ambient, Elektro mit unterschwelligem Gothictouch. Die Norweger scheuen sich auch nicht davor französischen Rap einzubauen. Funktioniert erstaunlicherweise. Sollte man als Hörer ohne Scheuklappen mal gehört haben.
2.
ralfons 19.06.2007
Zitat von icarosParadise Lost - Icon
"In Requiem" heißt das neue Album, hört sich allerdings endlich wieder an wie "Icon" :) Eigentlich wäre ja Devildriver - Last Kind Words mein Album der Woche geworden. Amtlicher Thrash, der einem schön die Birne freibläst. Aber dann bin ich im CD-Regal doch nicht an den Re-Releases der Blind-Guardian-Alben von "Battalions of Fear" bis "Nightfall in Middle Earth" vorbeigekommen. Alle Alben sind digital remastered - die ersten beiden ("Battalions of Fear" und "Follow the Blind") sind komplett neu abgemischt - und mit neuen Liner-Notes und Bonus-Tracks versehen. Wer also einige der BG-Klassiker noch nicht sein eigen nennt: Zugreifen! :) Anfangen sollte man vielleicht beim '92er "Somewhere Far Beyond", sozusagen ein Zwischenschritt zwischen den alten, speed-lastigeren Alben und dem neuen, progressiveren Zeug.
3.
icaros 19.06.2007
Zitat von ralfons"In Requiem" heißt das neue Album, hört sich allerdings endlich wieder an wie "Icon" :) Eigentlich wäre ja Devildriver - Last Kind Words mein Album der Woche geworden. Amtlicher Thrash, der einem schön die Birne freibläst. Aber dann bin ich im CD-Regal doch nicht an den Re-Releases der Blind-Guardian-Alben von "Battalions of Fear" bis "Nightfall in Middle Earth" vorbeigekommen. Alle Alben sind digital remastered .....
Oh, das mit dem "Icon" war wohl ein freudscher Verschreiber... Ja, die alten Blind Guardian Sachen waren durchaus hörenswert. Die neueren finde ich persönlich etwas zu überladen, aber das ist natürlich Gerschmackssache. Aber da wir gerade bei Re-Releases sind: Von Edge Of Sanity gibt es demnächst eine Best Of. Eingefleischte Schweden-Death Fans werden zwar eh schon alles der Pioniere haben, wer aber nur im entferntesten auf Melodic Death Metal steht kann nun eine Bildungslücke schließen.
4. Musikalische Bandbreite
Sonic Nurse 19.06.2007
Der musikalische Geschmack der meisten User hier ist eben genau wie erwartet: Metal, Metal und Metal (in allen möglichen Richtungen und Ausprägungen, ist mir schon bewusst, daß es da ganz viele Kategorien gibt.) Und da werfe nochmal jemand Wigger und Borcholte vor, ihr Geschmack sei einseitig. Tss.
5.
ralfons 19.06.2007
Zitat von Sonic NurseDer musikalische Geschmack der meisten User hier ist eben genau wie erwartet: Metal, Metal und Metal (in allen möglichen Richtungen und Ausprägungen, ist mir schon bewusst, daß es da ganz viele Kategorien gibt.) Und da werfe nochmal jemand Wigger und Borcholte vor, ihr Geschmack sei einseitig. Tss.
Falls die Sysops den neuen Thread eröffnet haben, um die alten Streitereien aus dem Weg zu räumen, hat das ja prima geklappt ;) Zurück zum Thema: Ich finde, dass "A Night at the Opera" die einzig wirklich schlechte Blind-Guardian-Scheibe war, "A Twist in the Myth" ist wieder deutlich eingängiger geworden. Ich freu' mich auf jeden Fall schon auf einige neue Songs in Wacken :) Edge of Sanity sind bei mir allerdings 'ne echte Bildungslücke. Ich kenne zwar einige Songs, hab' aber nie ein Album von ihnen besessen. Von daher hab' ich die Best-Of mal auf meinem Einkaufszettel notiert.
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  • Dienstag, 15.02.2011 – 12:26 Uhr
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