Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche

Kein neues Meisterwerk, dafür die ehrlichste Musik, die zurzeit zu haben ist, findet Andreas Borcholte auf dem neuen, im Internet veröffentlichten Album von Radiohead. Jan Wigger fühlt sich alt mit Liam Gallaghers neuer Band Beady Eye und feiert die Felsen und Schluchten von Earth.


Radiohead - "The King Of Limbs"
(kostenpflichtiger Download über www.thekingoflimbs.com, als CD/Vinyl am 25. März via XL Recordings/Beggars Group/Indigo)

Der eine hört in dem Song "Morning Mr. Magpie" eine alte Hymne der Kanada-Rocker Saga, der andere fühlt sich an U2s "Unforgettable Fire" erinnert; der eine behauptet, "The King Of Limbs" sei das beste seit dem Krautrock/Elektronik-Kurswechsel mit "Kid A" und "Amnesiac", der andere ist enttäuscht und kann nicht fassen, dass dem letzten Meisterwerk "In Rainbows" nicht gleich das nächste folgt. So drunter und drüber ging es in den vergangenen vier Tagen in den ersten Rezensionen zu "The King Of Limbs", dem achten, überraschend am vergangenen Freitag über die Band-Website veröffentlichten Album der britischen Avantgarde-Gruppe Radiohead. Und über allem wütet ein Sturm von Forum-Kommentaren, die zwischen Kritikerhass, unbedingter Fanliebe und Besserwisserei schwanken. So viel ist klar: Die Veröffentlichung neuer Radiohead-Songs, ganz ohne Mitwirken und Beteiligung der Plattenindustrie, wirbelt immer noch mehr Staub auf als jede arme Sau, die von den Labels durch den neuesten Hype getrieben wird (Sorry, James Blake). Klar ist auch: Mit Referenzen aus der Hitparaden-Historie kommt man hier nicht weiter, dazu haben sich Thom Yorke, Philip Selway, Ed O'Brien, Jonny und Colin Greenwood schon viel zu weit auf uncharted territory gewagt.

Ihre neue Musik, zunächst nur digital veröffentlicht, aber mit knapp 40 Minuten auf angenehm knapper Vinyl-Länge gehalten, ist nicht das vielerseits erwartete Folk- und Roots-Album, nicht die Hommage an den gängigen Dubstep-Trend, keine Rückkehr zu gefälligen Gitarren-Riffs, und nein, auch keine Rückkehr zu richtigen Songs. Sie besteht aus Skizzen, die sich nach genauem Hinhören als streng durchkomponierte Kopfgeburten entpuppen. Was Radiohead nach wie vor mit Pink Floyd vereint, ist die Tatsache, dass man diesen transparenten, fast schwebend wirkenden Stücken, die sich ab und zu mit sehr tieftönenden Bässen am Boden abfedern, nicht anmerkt, wie viel Arbeit und Mühe in ihnen steckt. Zumindest scheint es so: Vielleicht entstand auch alles an einer Nacht am Computer. Gewissheiten, das ist das Anstrengende, aber auch das Faszinierende an Radiohead, gibt es ebensowenig wie feste Veröffentlichungstermine.

Nach mehrmaligem Hören offenbart dieses auf den ersten Eindruck spröde und introvertierte Album allmählich seine Vielfalt, ganz wie die "Lotus Flower", um die es in einem der neuen Stücke geht. Der Opener "Bloom" erinnert mit synkopischen Bassläufen an den Free Jazz von Mingus und Coltrane, die Botschaft: Alles ist offen, alles eine Improvisation. "Little By Little" scheint mit rückwärts laufenden Rhythmen und Riffs die eigenen Britpop-Vergangenheit verhöhnen zu wollen, "Feral" ist ein schnelles, synthetisches Trommel- und Bass-Experiment zu fiebrigem, delirierendem Yorke-Geheul. Zum Ende wird es dann kontrollierter, strukturierter, wenn die Balladen "Codex" (Piano!) und "Give Up The Ghost" (Akustik-Gitarre!) sowie das sakrale, langsam anschwellende "Seperator" mit radikal reduziertem Soul-Feeling den Grundbedarf an Emotionalität decken.

Radiohead bleiben auch mit "The King Of Limbs", übrigens ein uralter, nach allen Seiten ästelnder Baum irgendwo in England, ungreifbar: Sie klingen mechanisch und artifiziell, wo sie echte Instrumente benutzen - und wohlig-warm, wo alles aus der Maschine kommt. Sie spielen ein Vexierspiel mit Popkultur und Publikum, das keinerlei Erwartungen und Ansprüchen genügt, sondern möglicherweise nur sich selbst. Ehrlichere, im ästhetischen Sinn schönere Musik hat unsere Zeit gerade nicht zu bieten. Wen kümmert es da, ob diese Platte besser oder schlechter als die letzte ist? (9) Andreas Borcholte

Beady Eye - "Different Gear, Still Speeding"
(Beady Eye Records/Indigo, 25. Februar)

"Different Gear, Still Speeding". Die neue Def Leppard? Nein, nur Liam Gallagher, der kotzen muss, wenn er an Oasis denkt und nach dem Ende der britischen Gelddruckmaschine erwartungsgemäß dem Ennui verfallen wäre, hätte er sein Werk nicht fortgeführt. "We could all have sat at home after Oasis split up, but what would have been the point of that?" Ja, warum zu Hause sitzen, wenn man noch Songs herumliegen hat, die zwar "Standing On The Edge Of The Noise" (!) heißen, aber wie "Get Back" klingen? Auch "Instant Karma", "Far Far Away" und "Let's Spend The Night Together" werden von Gallagher "belehnt". Bei Oasis hatte das Methode und war nicht weiter verwerflich, da das Songmaterial geraume Zeit zu überzeugen wusste. Der redundant und bräsig vor sich hin dengelnde Pub-Rock aber, zu dem Liam allen Ernstes "I'm gonna stand the test of time/ Like Beatles and Stones" lallt, lässt einen in knappen drei Minuten um Jahre altern. "Wind Up Dream" hätte Noel verhindert, "Four Letter Word", das wirklich hübsche "Millionaire" und die milde Psychedelik von "The Beat Goes On" sind immerhin geglückt. Doch noch während das schale "Three Ring Circus" lief, wagte ich einen Blick aufs Handgelenk. Die Worte auf der Armbanduhr waren unmissverständlich und erlaubten keine Hoffnung: "You've just turned 67." Bummer! (5) Jan Wigger

The Twilight Singers - "Dynamite Steps"
(SubPop/Cargo, bereits erschienen)

Vielleicht war der zerschredderte, glühend heiße Soul-Rock, den der stets lebensgefährlich verwundetete Greg Dulli mit den Afghan Whigs auf "Congregation" und "Gentlemen" spielte, ja doch das letzte Wort in Sachen Selbsterniedrigung. Weil sich Gregs Gesamtverfassung auf der letzten Whigs-Platte "1965" plötzlich deutlich gebessert hatte (und der Obsessionskünstler in einer "Viva"-Sendung ungefragt das Ende von Bryan Singers Film "The Usual Suspects" verriet), hörte ich mir alles, was Greg Dulli danach machte (Twilight Singers, Gutter Twins, etc.) nurmehr widerwillig an. Wohl ein Fehler, denn auf "Dynamite Steps" weint und wütet Dulli wieder wie in alten Tagen. Geflammtes, in der Luft Zerfetztes wie "Waves" ("Suspended from the nail/ God you can't stop me") bleibt die Ausnahme, Dulli verlässt sich auf die innige, tief empfundene Variante des geprügelten Hundes. Und wie hätten wir den Dulli aus "Blackbird And The Fox" auch jemals vergessen können? "I keep my blood in the bone/ Just when you've forsaken me/ That's when I turn my blinders on/ And I'll make them bleed for my baby bird". Sprechen sie niemals mit Menschen, die "Der Soul des weißen Mannes" dazu sagen. (7) Jan Wigger

Earth - "Angels Of Darkness, Demons Of Light 1"
(Southern Lord/Soulfood, 4. März)

Wie die musikalisch kaum noch verwandten Sunn 0))) gehören auch Earth zu jener Sorte Lieblingsband, die vielen Gelegenheitshörern den Zugang durch scheinbare Monotonie versperrt. Doch schon das letzte, großartige Album "The Bees Made Honey In The Lion's Skull" war - im Sinne von Neil Young - als ein Song zu begreifen. Oder als massive Formation von Felsen und Schluchten, durch die langsam schwarzes Blut mäandert. Auch "Angels Of Darkness, Demons Of Light 1" beginnt mit einem Ton, einer Idee, für die Earth sich in der Folge fast neun Minuten Zeit nehmen: Immer wenn man glaubt, eine Eruption stehe kurz bevor, halten Gitarre und Bass Maß, enden ausführlichste Betrachtungen wie der mehr als zwanzigminütige Titeltrack genau dort, wo sie beginnen. Dazwischen aber liegen ganze Welten, die Cellistin Lori Goldston (of "Unplugged In New York"-Nirvana-Fame) mit furchtlos-bedrückendem Spiel verfeinert. Die Spuren, die auf dieser LP bis hin zu Bert Jansch und Richard Thompson führen, haben Earth allerdings gut verwischt. (8) Jan Wigger

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Seite 1
icaros, 19.06.2007
1.
Paradise Lost - Icon: zum ersten Mal seit Jahren wieder ein amtliches Album der britischen Gothic Metal Legende. Hier regiert wieder der Metal und nicht mehr die Anbiederung an das Mainstreetpublikum. Die Songs der neuen Platte können es fast mit den alten Klassikern aufnehmen. Megadeth - United Abominations: Für Megadeth gilt ähnliches wie für Paradise Lost, das beste Album der Band seit Jahren, Dave Mustaine will es wohl noch mal wissen. Samael - Solar Soul: Die Schweizer sind ein Garant für hochklassigen, dunklen Metal mit Elektroschlagseite Akercocke - Antichrist: völlig abgefahrener Mix aus Black Metal, Grindcore, Death Metal, Ambient und ruhigen Passagen. Sicher keine Musik für Gelegenheitshörer aber es lohnt sich Zeit für das Album zu nehmen. Trelldom - Til Minne...: So war Black Metal ursprünglich gemeint: Roh, kalt, atmosphärisch, schwarz. Die Blaxk Metal Scheibe der Woche Und zum Schluß noch was anderes als Metal: Manes - How The World Came To An End: Dunkle Sounds zwischen Avantgarde, Ambient, Elektro mit unterschwelligem Gothictouch. Die Norweger scheuen sich auch nicht davor französischen Rap einzubauen. Funktioniert erstaunlicherweise. Sollte man als Hörer ohne Scheuklappen mal gehört haben.
ralfons 19.06.2007
2.
Zitat von icarosParadise Lost - Icon: zum ersten Mal seit Jahren wieder ein amtliches Album der britischen Gothic Metal Legende. Hier regiert wieder der Metal und nicht mehr die Anbiederung an das Mainstreetpublikum. Die Songs der neuen Platte können es fast mit den alten Klassikern aufnehmen. Megadeth - United Abominations: Für Megadeth gilt ähnliches wie für Paradise Lost, das beste Album der Band seit Jahren, Dave Mustaine will es wohl noch mal wissen. Samael - Solar Soul: Die Schweizer sind ein Garant für hochklassigen, dunklen Metal mit Elektroschlagseite Akercocke - Antichrist: völlig abgefahrener Mix aus Black Metal, Grindcore, Death Metal, Ambient und ruhigen Passagen. Sicher keine Musik für Gelegenheitshörer aber es lohnt sich Zeit für das Album zu nehmen. Trelldom - Til Minne...: So war Black Metal ursprünglich gemeint: Roh, kalt, atmosphärisch, schwarz. Die Blaxk Metal Scheibe der Woche Und zum Schluß noch was anderes als Metal: Manes - How The World Came To An End: Dunkle Sounds zwischen Avantgarde, Ambient, Elektro mit unterschwelligem Gothictouch. Die Norweger scheuen sich auch nicht davor französischen Rap einzubauen. Funktioniert erstaunlicherweise. Sollte man als Hörer ohne Scheuklappen mal gehört haben.
"In Requiem" heißt das neue Album, hört sich allerdings endlich wieder an wie "Icon" :) Eigentlich wäre ja Devildriver - Last Kind Words mein Album der Woche geworden. Amtlicher Thrash, der einem schön die Birne freibläst. Aber dann bin ich im CD-Regal doch nicht an den Re-Releases der Blind-Guardian-Alben von "Battalions of Fear" bis "Nightfall in Middle Earth" vorbeigekommen. Alle Alben sind digital remastered - die ersten beiden ("Battalions of Fear" und "Follow the Blind") sind komplett neu abgemischt - und mit neuen Liner-Notes und Bonus-Tracks versehen. Wer also einige der BG-Klassiker noch nicht sein eigen nennt: Zugreifen! :) Anfangen sollte man vielleicht beim '92er "Somewhere Far Beyond", sozusagen ein Zwischenschritt zwischen den alten, speed-lastigeren Alben und dem neuen, progressiveren Zeug.
icaros, 19.06.2007
3.
Zitat von ralfons"In Requiem" heißt das neue Album, hört sich allerdings endlich wieder an wie "Icon" :) Eigentlich wäre ja Devildriver - Last Kind Words mein Album der Woche geworden. Amtlicher Thrash, der einem schön die Birne freibläst. Aber dann bin ich im CD-Regal doch nicht an den Re-Releases der Blind-Guardian-Alben von "Battalions of Fear" bis "Nightfall in Middle Earth" vorbeigekommen. Alle Alben sind digital remastered - die ersten beiden ("Battalions of Fear" und "Follow the Blind") sind komplett neu abgemischt - und mit neuen Liner-Notes und Bonus-Tracks versehen. Wer also einige der BG-Klassiker noch nicht sein eigen nennt: Zugreifen! :) Anfangen sollte man vielleicht beim '92er "Somewhere Far Beyond", sozusagen ein Zwischenschritt zwischen den alten, speed-lastigeren Alben und dem neuen, progressiveren Zeug.
Oh, das mit dem "Icon" war wohl ein freudscher Verschreiber... Ja, die alten Blind Guardian Sachen waren durchaus hörenswert. Die neueren finde ich persönlich etwas zu überladen, aber das ist natürlich Gerschmackssache. Aber da wir gerade bei Re-Releases sind: Von Edge Of Sanity gibt es demnächst eine Best Of. Eingefleischte Schweden-Death Fans werden zwar eh schon alles der Pioniere haben, wer aber nur im entferntesten auf Melodic Death Metal steht kann nun eine Bildungslücke schließen.
Sonic Nurse, 19.06.2007
4. Musikalische Bandbreite
Der musikalische Geschmack der meisten User hier ist eben genau wie erwartet: Metal, Metal und Metal (in allen möglichen Richtungen und Ausprägungen, ist mir schon bewusst, daß es da ganz viele Kategorien gibt.) Und da werfe nochmal jemand Wigger und Borcholte vor, ihr Geschmack sei einseitig. Tss.
ralfons 19.06.2007
5.
Zitat von Sonic NurseDer musikalische Geschmack der meisten User hier ist eben genau wie erwartet: Metal, Metal und Metal (in allen möglichen Richtungen und Ausprägungen, ist mir schon bewusst, daß es da ganz viele Kategorien gibt.) Und da werfe nochmal jemand Wigger und Borcholte vor, ihr Geschmack sei einseitig. Tss.
Falls die Sysops den neuen Thread eröffnet haben, um die alten Streitereien aus dem Weg zu räumen, hat das ja prima geklappt ;) Zurück zum Thema: Ich finde, dass "A Night at the Opera" die einzig wirklich schlechte Blind-Guardian-Scheibe war, "A Twist in the Myth" ist wieder deutlich eingängiger geworden. Ich freu' mich auf jeden Fall schon auf einige neue Songs in Wacken :) Edge of Sanity sind bei mir allerdings 'ne echte Bildungslücke. Ich kenne zwar einige Songs, hab' aber nie ein Album von ihnen besessen. Von daher hab' ich die Best-Of mal auf meinem Einkaufszettel notiert.
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