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Abgehört: Die wichtigsten CDs der Woche

Okay, braucht noch irgendwer The Strokes, fragt Andreas Borcholte in die Runde - und erwartet Kopfschütteln. Jan Wigger umgibt sich mit Drogen-Freaks, Modesklaven - und natürlich Freddie Mercury, der so wunderbar Großartigkeit mit Größenwahn verband.

The Strokes - "Angles"
(RCA/Sony, 18. März)

Man kann sich eigentlich kurz fassen: Die Strokes sind wieder da. 2001 haben sie mit ihrem Debüt-Album "Is This It" den Retro-Sound des Rock'n'Rolls der nuller Jahre etabliert, unzählige "The-Bands" folgten, zwei weitere Strokes-Alben auch, 2005 war Schluss: Zank, Größenwahn, Burnout, das ganze Programm. Solo-Alben kamen und gingen. Und nun "Angles". Erster Gedanke: Och nö. Manchmal ist es ja besser, kurz und heftig zu brennen, als langsam zu verlöschen. Hat schon Neil Young gesagt. Aber die Strokes wollten es nochmal wissen. Nur: was eigentlich? Ob sie noch rocken können? Können sie. Ob sie den Rock'n'Roll nochmal rumreißen können? Können sie nicht. Ob sie 2011 noch eine Berechtigung haben? Haben sie vielleicht. Aber nur, wenn man akzeptiert, dass lässige, furchtlose, zähnefletschende Rockbands älter und gesetzter werden, eigentlich abdanken sollten, aber dennoch weitermachen, weil man ja nichts anderes gelernt hat. Oder weil's bequem ist. R.E.M. sind ein gutes Beispiel für so eine Entwicklung. AC/DC auch. Bringt man diesen Gedanken hinter sich, kann man sich den neuen Songs zuwenden. Und die sind zum großen Teil gut: das handkantenschlagartige "You're So Right", die Stones/Thin-Lizzy-Hommage "Gratisfaction", die vielschichtige Pop-Hymne "Taken For A Fool" oder die grandiose Verbeugung vor dem Siebziger-Jahre-Softrock und deren intellektuellsten Vertretern Steely Dan: "Life Is Simple In The Moonlight". "Two Kinds Of Happiness" kratzt zu sehr am U2-Bombast, um cool zu sein, "Games" biedert sich albern an den Achtziger-Jahre-Trend an, "Machu Picchu" ist nur lustig, weil nach fünf Jahren niemand mit einem entspannten Reggae als Opener gerechnet hat. Ja, entspannt sind sie, die Strokes, nachdem der divenhafte Sänger Julian Casablancas entmachtet und erst zum Singen ins Studio geladen wurde, als alles schon fertig war. Das Resultat ist ein angenehm transparent produziertes, vielseitiges, unterhaltsames Rockalbum, das nicht weiter auffällt und gewiss keinem wehtut. Finden Sie den Fehler? (6) Andreas Borcholte

The Vaccines - "What Did You Expect From The Vaccines?"
(Columbia/Sony, 18. März)

Alle Jahre wieder: Falsche Versprechungen, getrocknetes Blut und Pläne, die in Glassplitter zerfallen. Was haben wir von den Vaccines erwartet? Den täglichen Trost spenden andere, für die Leere des Gegenübers (nach einem schalen, wortlosen Akt) sind die Vaccines nicht zuständig: "I can't believe you're feeling good/ From post break-up sex/ That helps you forget your ex/ What did you expect from post break-up sex?" Die Vaccines sind jung, kommen aus London, und haben mit "What Did You Expect From The Vaccines?" eine Welt aus Lärm erschaffen, die sowohl die Ramones ("Wreckin' Bar (Ra Ra Ra)") als auch Surf-Pop, The Jesus And Mary Chain und die gefährlich klingelnden Gitarren von Interpol und Echo & The Bunnymen einschließt. Das traumhafte Foto auf dem Cover lässt befürchten, dass die Vaccines auch noch gut aussehen. Sind es Drogen-Freaks, Modesklaven oder Schuhfetischisten? Für den Moment hat es noch nie so gut geklungen, den Boden unter den Füßen zu verlieren. Everything is alright when you're down. (7) Jan Wigger

The Unthanks - "Last"
(Rough Trade, Beggars Group/Indigo, 18. März)

Es kommt ja selten vor, dass eine Band von sich behauptet, weder neu, noch mutig noch sonstwie von der Norm abweichend zu sein. Das aber sagte Rachel Unthank neulich dem Magazin "Mojo". Die britischen Kollegen wollten wissen, ob das dritte Album der neotraditionalistischen Folkband The Unthanks ein Schritt in den Mainstream sei. Nö, gar nicht, so Rachel, die sich mit ihrer Schwester Becky den Gesang teilt, der diese altmodische Musik begleitet. Tatsächlich kann man sich nur schwer vorstellen, eine verwunschene, uralte Weise wie "Cannie Hobbie Elliott", die Rachel und Becky aus den Archiven keltischer Folklore gegraben haben, im Radio zwischen Leona Lewis und James Blunt zu hören. Pop-Appeal hat es allerdings schon, wenn die Unthanks zusammen mit Produzent, Pianist und Rachels Ehegatte Adrian McNally auch mal in neueren Kartons wühlen - und zum Beispiel mit einer überraschenden Coverversion von "Starless" aufwarten. Der Prog-Rock-Klassiker von King Crimson, der Gitarren beraubt, dafür mit Bläsern ausgestattet, klingt gespenstisch aktuell. Ebenso das Tom-Waits-Cover "No One Knows I'm Gone" oder Jon Redferns Irakkriegs-Ballade "Give Away Your Heart", die im herben Unthanks-Kontext jegliches Pathos einbüßt und umso anrührender wird. Denn das ist das Geheimnis dieser düsteren, mystischen, hexenhaft verschlagenen Schwestern: Sie wissen, dass unser Zeitalter mindestens so finster ist wie das Mittealter, aus dem ihre Inspirationen stammen. Und dass schwermütige Musik Trost spendet, damals wie heute. (7) Andreas Borcholte

Queen - "Queen", "Queen II", "Sheer Heart Attack", "A Night At The Opera", "A Day At The Races" (2011 Digital Remaster)
(Island/Universal, 18. März)

Mein liebster Queen-Song ist zwar nicht sehr bekannt, aber Rufus Wainwright, Antony & The Johnsons und die Münchener Freiheit dürfen Freddie Mercury noch heute auf Knien dafür danken: "You Take My Breath Away" (von "A Day At The Races") muss, nach allem, was man hört, auch ihre Herzen durchbohrt haben wie ein Basilard: "You've captured my love/ Stolen my heart/ Changed my life/ Every time you make a move/ You destroy my mind/ And the way you touch/ I lose control and shiver deep inside/ You take my breath away". Nicht nur mit bebender Stimme Geschmettertes wie "Good Old-Fashioned Lover Boy" oder "Killer Queen" bewiesen Freddie Mercurys unerreichte Meisterschaft als Vokalist, sondern auch delikate, feingliedrige Stücke wie eben "You Take My Breath Away". Nun ist an dieser Stelle kein Platz, um näher auf die ersten fünf Queen-Alben, die jetzt mit wenigen Bonus-Tracks (BBC-Sessions, Live-Versionen, A Cappella Mixes, Live-Auftritte) wiederveröffentlicht werden, einzugehen. Doch vor allem unsere Schulzeit, in der wir selbst auf "The Miracle" (und "Innuendo"!) noch Kostbarkeiten entdecken konnten, zwingt uns jederzeit dazu, die Herrlichkeit von Queen zu preisen. Ohnehin hätte man Einsteigern (falls es sie wirklich noch geben sollte) am ehesten zu den frühen Alben geraten, obgleich Best-of-Kopplungen sich ja gerade bei dieser Band trauriger Beliebtheit erfreuen. Das Debüt-Album "Queen" leidet noch etwas daran, dass man die Vielzahl von Ideen nicht sachgemäß verteilen kann, doch spätestens auf dem fulminanten "Sheer Heart Attack" und der erst im Jahr 2005 in der "30th Anniversary Collectors Edition" mit bedeutenderen Zusätzen neu aufgelegten Großleistung "A Night At The Opera" gingen strahlende Glücksseligkeit, reißender Schmerz und sündhaft teure Produktion eine unwiderstehliche Verbindung ein: "We aimed for the top slot and we were not going to be satisfied with anything less." Der diskrete Charme des Freddie Mercury. "Queen" (7), "Queen II" (8), "Sheer Heart Attack" (9), "A Night At The Opera" (10), "A Day At The Races" (8). Jan Wigger

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Abgehört: Die wichtigste Musik der Woche
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1.
icaros, 19.06.2007
Paradise Lost - Icon: zum ersten Mal seit Jahren wieder ein amtliches Album der britischen Gothic Metal Legende. Hier regiert wieder der Metal und nicht mehr die Anbiederung an das Mainstreetpublikum. Die Songs der neuen Platte können es fast mit den alten Klassikern aufnehmen. Megadeth - United Abominations: Für Megadeth gilt ähnliches wie für Paradise Lost, das beste Album der Band seit Jahren, Dave Mustaine will es wohl noch mal wissen. Samael - Solar Soul: Die Schweizer sind ein Garant für hochklassigen, dunklen Metal mit Elektroschlagseite Akercocke - Antichrist: völlig abgefahrener Mix aus Black Metal, Grindcore, Death Metal, Ambient und ruhigen Passagen. Sicher keine Musik für Gelegenheitshörer aber es lohnt sich Zeit für das Album zu nehmen. Trelldom - Til Minne...: So war Black Metal ursprünglich gemeint: Roh, kalt, atmosphärisch, schwarz. Die Blaxk Metal Scheibe der Woche Und zum Schluß noch was anderes als Metal: Manes - How The World Came To An End: Dunkle Sounds zwischen Avantgarde, Ambient, Elektro mit unterschwelligem Gothictouch. Die Norweger scheuen sich auch nicht davor französischen Rap einzubauen. Funktioniert erstaunlicherweise. Sollte man als Hörer ohne Scheuklappen mal gehört haben.
2.
ralfons 19.06.2007
Zitat von icarosParadise Lost - Icon: zum ersten Mal seit Jahren wieder ein amtliches Album der britischen Gothic Metal Legende. Hier regiert wieder der Metal und nicht mehr die Anbiederung an das Mainstreetpublikum. Die Songs der neuen Platte können es fast mit den alten Klassikern aufnehmen. Megadeth - United Abominations: Für Megadeth gilt ähnliches wie für Paradise Lost, das beste Album der Band seit Jahren, Dave Mustaine will es wohl noch mal wissen. Samael - Solar Soul: Die Schweizer sind ein Garant für hochklassigen, dunklen Metal mit Elektroschlagseite Akercocke - Antichrist: völlig abgefahrener Mix aus Black Metal, Grindcore, Death Metal, Ambient und ruhigen Passagen. Sicher keine Musik für Gelegenheitshörer aber es lohnt sich Zeit für das Album zu nehmen. Trelldom - Til Minne...: So war Black Metal ursprünglich gemeint: Roh, kalt, atmosphärisch, schwarz. Die Blaxk Metal Scheibe der Woche Und zum Schluß noch was anderes als Metal: Manes - How The World Came To An End: Dunkle Sounds zwischen Avantgarde, Ambient, Elektro mit unterschwelligem Gothictouch. Die Norweger scheuen sich auch nicht davor französischen Rap einzubauen. Funktioniert erstaunlicherweise. Sollte man als Hörer ohne Scheuklappen mal gehört haben.
"In Requiem" heißt das neue Album, hört sich allerdings endlich wieder an wie "Icon" :) Eigentlich wäre ja Devildriver - Last Kind Words mein Album der Woche geworden. Amtlicher Thrash, der einem schön die Birne freibläst. Aber dann bin ich im CD-Regal doch nicht an den Re-Releases der Blind-Guardian-Alben von "Battalions of Fear" bis "Nightfall in Middle Earth" vorbeigekommen. Alle Alben sind digital remastered - die ersten beiden ("Battalions of Fear" und "Follow the Blind") sind komplett neu abgemischt - und mit neuen Liner-Notes und Bonus-Tracks versehen. Wer also einige der BG-Klassiker noch nicht sein eigen nennt: Zugreifen! :) Anfangen sollte man vielleicht beim '92er "Somewhere Far Beyond", sozusagen ein Zwischenschritt zwischen den alten, speed-lastigeren Alben und dem neuen, progressiveren Zeug.
3.
icaros, 19.06.2007
Zitat von ralfons"In Requiem" heißt das neue Album, hört sich allerdings endlich wieder an wie "Icon" :) Eigentlich wäre ja Devildriver - Last Kind Words mein Album der Woche geworden. Amtlicher Thrash, der einem schön die Birne freibläst. Aber dann bin ich im CD-Regal doch nicht an den Re-Releases der Blind-Guardian-Alben von "Battalions of Fear" bis "Nightfall in Middle Earth" vorbeigekommen. Alle Alben sind digital remastered - die ersten beiden ("Battalions of Fear" und "Follow the Blind") sind komplett neu abgemischt - und mit neuen Liner-Notes und Bonus-Tracks versehen. Wer also einige der BG-Klassiker noch nicht sein eigen nennt: Zugreifen! :) Anfangen sollte man vielleicht beim '92er "Somewhere Far Beyond", sozusagen ein Zwischenschritt zwischen den alten, speed-lastigeren Alben und dem neuen, progressiveren Zeug.
Oh, das mit dem "Icon" war wohl ein freudscher Verschreiber... Ja, die alten Blind Guardian Sachen waren durchaus hörenswert. Die neueren finde ich persönlich etwas zu überladen, aber das ist natürlich Gerschmackssache. Aber da wir gerade bei Re-Releases sind: Von Edge Of Sanity gibt es demnächst eine Best Of. Eingefleischte Schweden-Death Fans werden zwar eh schon alles der Pioniere haben, wer aber nur im entferntesten auf Melodic Death Metal steht kann nun eine Bildungslücke schließen.
4. Musikalische Bandbreite
Sonic Nurse, 19.06.2007
Der musikalische Geschmack der meisten User hier ist eben genau wie erwartet: Metal, Metal und Metal (in allen möglichen Richtungen und Ausprägungen, ist mir schon bewusst, daß es da ganz viele Kategorien gibt.) Und da werfe nochmal jemand Wigger und Borcholte vor, ihr Geschmack sei einseitig. Tss.
5.
ralfons 19.06.2007
Zitat von Sonic NurseDer musikalische Geschmack der meisten User hier ist eben genau wie erwartet: Metal, Metal und Metal (in allen möglichen Richtungen und Ausprägungen, ist mir schon bewusst, daß es da ganz viele Kategorien gibt.) Und da werfe nochmal jemand Wigger und Borcholte vor, ihr Geschmack sei einseitig. Tss.
Falls die Sysops den neuen Thread eröffnet haben, um die alten Streitereien aus dem Weg zu räumen, hat das ja prima geklappt ;) Zurück zum Thema: Ich finde, dass "A Night at the Opera" die einzig wirklich schlechte Blind-Guardian-Scheibe war, "A Twist in the Myth" ist wieder deutlich eingängiger geworden. Ich freu' mich auf jeden Fall schon auf einige neue Songs in Wacken :) Edge of Sanity sind bei mir allerdings 'ne echte Bildungslücke. Ich kenne zwar einige Songs, hab' aber nie ein Album von ihnen besessen. Von daher hab' ich die Best-Of mal auf meinem Einkaufszettel notiert.
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