Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche

Einfach mal die coole Sau rauslassen: Wie das geht, machen Urge Overkill mit ihrem Comeback nach 16 Jahren klar, staunt Andreas Borcholte - und setzt sich mit den Dead Trees auf die Veranda. Jan Wigger erinnert sich an süße Zeiten mit Suede. Neu ab heute: Die persönlichen Playlisten der Kritiker!


Urge Overkill - "Rock'n'Roll Submarine"
(UO Records/Cargo, bereits erschienen)

"I need a break and I need one clean/ Things are never what they seem", sang Eddie Roeser 1995 in "The Break", der für viele verstörenden ersten Single aus dem Album "Exit The Dragon". Verstörend deshalb, weil Roeser und Nash Kato, glamouröse Superstars der Grunge-Ära, sozusagen die breitbeinigen Macker zu den zusammengekauerten, zugedröhnten Whimps von Alice in Chains bis Stone Temple Pilots, plötzlich eine düstere, beklemmende Platte voller Zweifel, Burnout und diffuser Angst aufgenommen hatten. Und das, obwohl sie gerade ein Jahr zuvor von Quentin Tarantino in den Adelsstand absoluter Coolness erhoben wurden: Der Regisseur hatte das von Urge Overkill schön lasziv interpretierte Neil-Diamond-Cover "Girl You'll Be A Woman Soon" in den Soundtrack seines Über-Hits "Pulp Fiction" übernommen. Kato und Roeser waren Indie-Superstars in einer Zeit, als die Trennung zwischen Mainstream und Alternative noch eine Bedeutung hatte und alle anderen danach strebten, möglichst wenig Rampenlicht auf sich scheinen zu lassen. Zwei Jahre nach "Exit The Dragon" löste sich die Band auf. Und das Album, damals von Kritikern wie Fans verpönt, gilt heute als Meilenstein, der vorwegnahm, wie die Grunge-Stars, allen voran Nirvana, am Psycho-Spagat zwischen Introvertiertheit und Entäußerung scheiterten und sich schließlich selbst zerstörten. Diese kleine Vorgeschichte ist wichtig, um zu verstehen, warum die Veröffentlichung eines neuen Urge-Overkill-Albums nach 16 Jahren Pause überhaupt relevant ist.

Kato und Roeser waren nie Grunge, kamen nicht aus Seattle, noch nicht einmal aus Boston, sondern aus Chicago; sie trugen große Sonnenbrillen und schimmernde Anzüge - und sangen auf ihrem Durchbruch-Album "Saturation" (1993) nicht von ihrer dysfunktionalen Kindheit, sondern von der Teenie-Serie "Beverly Hills 90210" und überlegten, wie man die scharfe, revolutionäre "Sister Havana" rumkriegen konnte. Zudem spielten sie nicht den durch Hardcore-Punk und Ostküsten-Indie der achtziger Jahre verhärteten Postrock, sondern wälzten sich mal mehr, mal weniger ironisch lustvoll im muskulösen Bluesrock wie ihn Bad Company, Mott The Hoople oder die späten Who in den Siebzigern nach Amerika gebracht hatten. "Swagger", Großspurigkeit, addierten Urge Overkill damals zu dieser letzten großen Hochzeit des Rock'n'Roll, und an dieser Konstellation hat sich eigentlich bis heute nichts geändert. Wie schon "Exit The Dragon" ist "Rock'n'Roll Submarine" mehr Roesers Album als Katos, das heißt: Die eindeutigen, heiser gesungenen Rocksongs dominieren vor den eher zarten, schwülstig-subversiven Stücken. So werden Songs wie "Mason/Dixon", "Effigy" oder das schwer metallastige "Little Vice" zu sehr straighten (uns sehr lauten) Kampfansagen, während Katos Songs, darunter das unentschlossene, aber schön melodische "Thought Balloon" kaum mehr als Akzente bleiben. Das Album wirkt energisch und aggressiv - und wäre voller potentieller Smash-Hits, wenn wir 1971 oder '81 hätten, nicht 2011. Was soll man mit diesem Anachronismus nun anfangen? Vielleicht mal drüber nachdenken, warum die meisten jüngeren Rockbands sich so mutwillig verkrampft und zerquält geben, wenn es doch so viel Spaß macht, einfach mal die coole Sau rauszulassen: An der Peinlichkeit, im gesetzteren Alter auf einmal ernsthaft und bedeutungsschwer wirken zu wollen, schlendern Urge Overkill mit ihrem späten Comeback jedenfalls ganz lässig und mit ausgestrecktem Mittelfinger vorbei. Immerhin haben sie die Neunziger überlebt. They just needed a break. (8) Andreas Borcholte

Suede - "Suede", "Dog Man Star", Coming Up", "Head Music", "A New Morning" (Deluxe Editionen)
(Demon/Edsel/ Soulfood, bereits erschienen)

Nur ein paar Monate, bevor Prof. Dr. phil. habil. Petra Ewald mich auf offener Straße stellen wird, um den freiwilligen Abbruch meines Germanistikstudiums zu verhindern (sie sagt, ich sei nicht unbegabt, bloß faul), fahre ich mit zwei Mädchen, die neben Suede sogar Pureessence und Urusei Yatsura hören, zum Placebo-Konzert. K. lenkt den Wagen, A. und ich hören "Suede" und "Dog Man Star". Ich sage: "Das Konzert wird ausfallen.". In Berlin angekommen, erfährt man, dass Brian Molko wieder Tabletten gegessen und sich daraufhin selbst angezündet hat. Das Konzert fällt aus. Wir drehen um und halten bei "Mr Dead & Mrs Free", ich kaufe die vier Vinyl-EPs von Belle & Sebastian und ein goldenes Morrissey-Plakat. Wir fahren zurück nach Hause, alle sind traurig. Nun läuft das dritte Suede-Album "Coming Up", dessen penetrante Eingängigkeit mich schon nach wenigen Tagen zu nerven begann. Noch anderthalb Jahrzehnte später sollte es kein Entkommen geben vor "Trash" (eine Coverversion von David Bowies "Heroes") und "The Beautiful Ones", einem in Brit-Pop-Diskotheken bis heute erbarmungslos totgedudelten Hedonismus-Schinken, in dem Brett Anderson jaulend über seine Lieblingsthemen referiert: Die Schönheit, das Leiden, die Drogen, die Leere. Für einen Selbstmord war er trotzdem zu feige.

Der ersten, selbstbetitelten Suede-LP gingen bereits so viele Elogen voraus, dass man seinem eigenen Urteil kaum trauen mochte: "So Young", "Pantomime Horse", "The Drowners" und "Moving" waren tatsächlich so bestechend, wie uns die britische Presse glauben machen wollte. Es folgte das Großwerk "Dog Man Star", eine phantasievoll-verstiegene Trauerarbeit voller Glanz und tiefem Schillern. Schon "The Wild Ones", "New Generation" und "Black Or Blue" waren überwältigend, doch mit der punktgenauen, von einem 40-köpfigen Orchester getragenen Scott-Walker-Hommage "Still Life" schossen Suede endgültig den Vogel ab. Das Hit-Album "Coming Up" litt dann unter dem Weggang Bernard Butlers, doch in Zukunft sollten die Kompositionen nicht nur noch schlanker und allgemeinverständlicher, sondern auch sukzessive dämlicher werden: "Give me head/ Give me head/ Give me head music instead" dichtete Brett im Titelstück der vierten Platte. Schlimmer waren nur "Can't Get Enough" und "Elephant Man". Mit "A New Morning" wurden Suede endgültig zu dauerhaft übermüdeten Karikaturen ihrer selbst: "Lonely Girls", "Lost In TV", "Beautiful Loser", "Astrogirl". Alles Quatsch. Sämtliche Suede-Alben erscheinen nun in der "Deluxe Edition" auf jeweils zwei CDs und einer DVD. Ein sternenklarer Nachthimmel voller B-Seiten, Extra-Tracks, Konzerte und Versuchungen. "Suede" (8), "Dog Man Star" (10), "Coming Up" (7), "Head Music" (5), "A New Morning" (4) Jan Wigger

Dead Trees - "Whatwave"
(Affairs of the Heart/Indigo, bereits erschienen)

Von Boston nach Portland nach Los Angeles - zu viel Herumgurken kann ja zur Desorientierung führen, sagt man. Und wenn man dann noch mit diversen Strokes-Mitgliedern als Backing-Band für deren Solo-Unternehmungen unterwegs ist, führt das bei jungen, aufstrebenden Bands oftmals zu Selbstüberschätzung. Auch Dead Trees leiden auf ihrem zweiten Album am fast schon typischen Jetzt-aber-alles-auf-einmal-Effekt, behaupten sich aber am Ende zum Glück durch gute Songs und durchaus eindrucksvolle Lässigkeit. Dennoch sucht man den wirklich originären Sound der vier Ex-Ostküstler noch weitgehend vergeblich. Die Vorgabe ist Blues-infizierter, kratzig-schunkelnder Strokes-Rock ("Slow Faze"/Slow Faze Fast") mit gelegentlichen Ausflügen in verspielte Beatles-Gefilde ("Rayna", "Arrows") und schön nerdigen Ur-Indierock wie ihn Pavement oder Sebadoh berühmt gemacht haben ("Mexican Politics", "World Gone Global"). Auch die Wilco-Vorgänger Uncle Tupelo tippen sich beim verdrucksten Country von "Punch For Punch" grüßend an die Hutkrempe. Schon klar: Jede Menge abgestorbene Bäume in diesem Wald, aber wo ist bloß der grüne Zweig? Vielleicht auf dem nächsten Album. Bis dahin kann man es sich mit "Whatwave" in der Abenddämmerung auf der Veranda gemütlich machen und träge nach den Moskitos hauen. (6) Andreas Borcholte

Girls Names - "Dead To Me"
(Tough Love Records/Cargo, bereits erschienen)

Das Label heßt "Tough Love Records", das Album "Dead To Me". Geht es noch besser? Girls Names kommen aus Belfast und haben bereits ein paar verstreute Songs (8-Track-Mini-Album, 12", Split-7") veröffentlicht. Nun wirft "Dead To Me" eine der ältesten Fragen im Independent Pop aufs Neue auf: Wie wichtig sind die Songwriting-Fähigkeiten einer Band, der es vor allem ums Atmosphärische, um die Bedeutung von Geräuschen und die Juxtaposition von Krach und Stille geht? Die Raveonettes und Lush spielten plötzlich immer milder und songdienlicher, die Drop Nineteens hatten schon immer große Songs, bei Slowdive und den Pale Saints ging es zwar auch ums Driften und Sich-im-Lärm-Verlieren, doch wusste man fast immer, welches Stück gerade lief. Girls Names liefern die scheppernde Variante: "Dead To Me" klingt billig, Sänger Cathal Cully croont und leiert, die nonchalant und kunstlos in den Raum geworfenen Gitarren sehen vorerst keinen Grund, sich zwischen Surf-Musik, C86 und altem "Postcard"-Kram entscheiden zu müssen. Die Songtitel - ausgedacht während und nach einer Trennung - sorgen für gute Laune: "I Could Die", "Nothing More To Say", "I Lose", "Bury Me". Besser, Sie kaufen diese Platte. (6) Jan Wigger


Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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insgesamt 6 Beiträge
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Seite 1
krusty20 19.07.2011
1.
Danke für die Playlisten. Ich hole mir schon seit Jahren regelmäßig die eine oder andere Anregung aus der immer guten Kolumne, insoweit sind Ergänzungen um die (bei erster Sichtung teils ganz schön abseitigen ;-)) Playlisten eine hübsche Idee, zumal ja die offiziellen Empfehlungen quantitativ leider schrumpfen (aktuell wöchentlich vier).
hlo 19.07.2011
2. Offizielle Empfehlungen
Zitat von krusty20Danke für die Playlisten. Ich hole mir schon seit Jahren regelmäßig die eine oder andere Anregung aus der immer guten Kolumne, insoweit sind Ergänzungen um die (bei erster Sichtung teils ganz schön abseitigen ;-)) Playlisten eine hübsche Idee, zumal ja die offiziellen Empfehlungen quantitativ leider schrumpfen (aktuell wöchentlich vier).
Das Problem mit den Empfehlungen scheinen nicht die Schreiber sondern die Plattenfirmen die scheinbar nur noch wenig relevantes auf die Ohren loslassen. Scheinen mehr mit Re-issues zu verdienen (Suede, Queen, etc.). Immerhin gibt’s jetzt endlich eine Metal-Kolumne, warte auf mehr Entdeckungen wie Wolves in the Throne Room (danke schoen Jan Wigger). Mit Suede - Wertungen sind schon richtig vorallem Head Music - aber nach all den Jahren koennte man auch erwaehnen das "She's in Fashion" oder "Everything will Flow" eigentlich wunderbar sind.
robert_et_lee 19.07.2011
3. "This is the day Of the expanding man"
Wann auch immer die Idee mit Steely Dan und Miles Davis kam ... Halleluja!!! Die Mucke sollte der Autor auflegen, wenn ihm nach dem gruseligen Rest verlangt - besonders "Knochen..." und "Diamanda Galas" ... Dank Utube kann man sich zwecks infos div. crap kostenlos "antun".
tomkey 19.07.2011
4. Urge Overkill
Danke für den Tipp mit Urge Overkill. Hätte nicht damit gerechnet, von denen mal wieder was neues zu hören. Gute Empfehlung.
Silver_Future 19.07.2011
5. back on the scene - how nice!
Ja mal da - -Urge Overkill sind wieder da. How nice! Rock´n´Roll can never die... Btw: "Dragon" war ein aufregend gutes Album damals. Kennegelenrt, klar, dank Pulp Fiction, aber angefixt durch die B-Seite der Single zu "Girl...": "Drop out". Das ist so smooth und cool - sind damals, ind den frühen 90ern, den ganzen Tag nur zu dem Lied mit der Karre gecruist: Selten war das Gefühl mit nem Freund und der passenden Musik und dem korrekten Auto unterwegs zu sein so genial! Wollten nie wieder aussteigen... "Don't you think its strange, things just change Its just a burnt out town a burnt out scene You've been a dropout ever since you've been seventeen Lonely child when will you see? You need to be free" Drop out, U.O.
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