Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche

Erstaunlich, dass das neue Album von They Might Be Giants regulär in Deutschland, dieser humorbefreiten Nation, veröffentlicht wird, staunt Jan Wigger und freut sich über Marissa Nadlers Verweigerungshaltung. Andreas Borcholte mummelt sich mit Son Lux gegen die Krise ein.


They Might Be Giants - "Join Us"
(Idlewild Recordings/Rykodisc/Warner, 12. August)

D.Q. steckte mir "Flood" als MC auf dem Schulhof zu, auf der Rückseite das erste Asia-Album. Er war der einzige Soulsister-Hörer weit und breit, doch besaß eben auch dieses vielleicht beste aller Giants-Alben und beeindruckte schon sehr früh mit der Erkenntnis, dass John Flansburgh und John Linnell "Birdhouse In Your Soul" aus der Sicht eines Steckdosennachtlichts geschrieben hatten. Besser als "Birdhouse", "We Want A Rock", ""Women And Men" und "Your Racist Friend" konnte zur Hälfte bebrillter Streber-Pop (und Pop überhaupt) nicht mehr werden. Ich kaufte "They Might Be Giants", "Lincoln", "Apollo 18" und auch später jedes Album der beiden Johns, doch einen wirklichen They-Might-Be-Giants-Verrückten traf ich nach 1990 nur noch ein einziges Mal, und das war Jens Friebe. Nun ist die quirkiest band alive mit "Join Us" zurück, und immerhin erscheint diese Platte regulär in Deutschland, einer eigentlich ja gänzlich humorbefreiten Nation, in der "Curb Your Enthusiasm" "Lass es, Larry!" heißt, über Olaf Schubert gelacht und J.B.O gehört wird, dass die Schwarte kracht. "Join Us" ist nicht so gut wie "John Henry", aber auch nicht so schwach wie "Factory Showroom", der beste Song ("Can't Keep Johnny Down") steht gleich an erster Stelle, den Quatsch ("The Lady And The Tiger") haben Flansburgh und Linnell gnädig und wohldosiert über die Platte verteilt. Und seien es nun die Sammlungen von Kinderliedern, die notorische Dial-A-Song-Telefonaktion, "The Spine" (mit dem wundervollen "Memo To Human Resources") oder "Join Us": Dass Flansburgh und Linnell heute nicht einmal halb so beliebt sind wie Ween oder die Barenaked Ladies, könnte daran liegen, dass man für jedes "Where Your Eyes Don't Go" immer auch ein "Pencil Rain", für jedes "I Palindrome I" ein "Spider", für jedes "Dead" (epochal!) ein "Minimum Wage", und für jedes "She's An Angel" ein "Absolutely Bill's Mood" bekam. Bloß keine Auftritte in Europa! (7) Jan Wigger

Son Lux - "We Are Rising"
(Anticon/Indigo, 12. August)

35 Minuten Musik oder ein komplettes Album in 28 Tagen - das ist die Herausforderung, die das unabhängige amerikanische Radio-Netzwerk NPR den Teilnehmern seiner RPM Band Challenge stellt. Ryan Lott alias Son Lux machte mit, stellte alles, was er bisher für sein zweites Album aufgenommen hatte, in die Ecke, trommelte ein paar Bekannte und Freunde zusammen, darunter DM Stith, The Antlers und Midlake - und fing wieder von vorne an. Mit seinem Debüt hatte der junge Elektronik-Musiker aus Brooklyn vor drei Jahren schon gezeigt, dass er eine der introspektivsten Kräfte im Kreise der großen Einmummler und Cocooner werden könnte, der unter so sportlichen Bedingungen enorm dringlich wirkende Nachfolger verdichtet die Ahnung zur Gewissheit: Sufjan Stevens Religiosität, Bon Ivers klirrende Kälte, die mathematische Präzision von Battles, das melancholische Dahinschleppen von Portishead und das Ätherische von Grizzly Bear bieten Anhaltspunkte für eine Musik, die Elektro und Folk ist, die Klassik und Jazz sein könnte, aber doch lieber dramatisch im Ungefähren bleibt. So ungefähr vielleicht, wie die Zeiten, in denen wir leben: Transition, Nebel der Ungewissheit, wohin man blickt. "Leave the riches, take the bones/ I'm ready to be robbed", klagt Lott mit brüchiger Stimme und fleht vielleicht um Befreiung von den gierigen Klauen der Finanzmakler und Politiker, die sein Land, sein Leben, in die Depression treiben. "You've got your claws in me, don't you" singt er bitter und verhallt in "Claws", und "Let Go" wird vollends zum Mantra, durch das er sich selbst von der Last, worin immer sie bestehen mag, zu befreien versucht: Lass los, lass los, lass los... Man kann diese seit Jahren vor allem in den USA zunehmende Flucht ins Spirituelle suspekt finden, aber auf Platten wie Sufjan Stevens' Meisterwerk "Age Of Adz" oder nun "We Are Rising", auf denen die Hoffnungslosigkeit immer wieder in fiebrige Erlösungsphantasien mündet, entfaltet dieser Eskapismus einen Sog, dem man sich nur schwer entziehen kann. (8) Andreas Borcholte

Marissa Nadler - "Marissa Nadler"
(Box Of Cedar/Cargo, bereits erschienen)

Seit ich nächtlich mit der Umsetzung des Masterplans beschäftigt bin, mir sämtliche auf YouTube und anderswo verfügbaren Interviews mit deutschsprachigen, irgendwie verdächtig wirkenden Bands aus der zweiten bis vierten Reihe anzusehen (Sympathisch: Fotos; das Grauen: Auletta und Jennifer Rostock) und danach ziellos herumzusurfen, stoße ich immer wieder auf die Kamikaze-Frauen meiner Vergangenheit und damit auch auf ein paar der deprimierendsten Lieder aller Zeiten. Womöglich noch immer auf Platz 1: "Bad Attitude" von Lisa Germano, deren lifebelt "Happiness" auf Amazon.com natürlich für einen Cent verramscht wird. Auch das Wissen darüber, dass die nach wie vor blendend schöne Schauspielerin Sandra Keller (Heiko Richters große Liebe!), die RTL zur Jahrtausendwende in "GZSZ" auf die dreisteste Art und Weise für sieben Folgen durch Ulrike Frank ersetzte, morgen bereits 38 Jahre alt wird, zerschmettert zarte Gemüter in tausend Teile. Nicht zu vergessen: Marissa Nadler! Ausschließlich tolle Platten (wie Nina Nastasia), aber nicht mehr vermittelbar: Weil so wenig Menschen wie möglich schlecht draufkommen sollen, die Pärchenlüge noch immer zieht und auch gerade so schön die Sonne scheint (naja), muss sich die Nadler selbst um ihr fünftes Album kümmern. Auf eigenem Label scheint Marissa sich mit "The Sun Always Reminds Me Of You" und "Baby I Will Leave You In The Morning" sogar übervorsichtig tastend dem Songwriter-Mainstream zu öffnen. Eine falsche Fährte, wie spätestens "In A Magazine" beweist: "My hands are tied/ And the rain falls/ You look like someone that I used to know/ In a magazine I saw you breaking down/ And I recognized your face/ You looked like someone that I used to know." Wer jetzt an Elliott Smith denkt, bekommt eine Pistole geschenkt - mit einer einzigen Patrone. (8) Jan Wigger

INXS - zehn Reissues
(Universal, bereits erschienen)

Die Jungs sagten, von INXS reiche auch eine "Best Of" oder die berühmte Platte "Kick". Die Mädchen sagten, Michael Hutchence sehe sehr gut aus und man brauche ganz viele INXS-Alben, darunter natürlich die aufeinander folgenden "The Swing", "Listen Like Thieves", "Kick" und "X", denn so kreativ wie in diesen sechs Jahren waren die slicken Australier später ja nicht mehr. Andererseits: Was war schon von Mädchen zu halten, die ausgerechnet Michael Hutchence adorierten? Der Mann, der in Sydney zur Welt kam und in Sydney starb, hatte das Jim-Morrison-Gen, die geölte Stimme und war mit einem echsenhaften, verschlagenen Aussehen gesegnet, welches ihm erlaubte, den minimalistischen Funk von "Need You Tonight" (den INXS in den folgenden Jahren immer wieder leicht variiert als neues Stück ausgaben) und "Mediate" optimal zu verkaufen. Seltsamerweise befindet sich der beste INXS-Track ("Beautiful Girl") auf einer eher mediokren LP: Zu Zeiten von "Welcome To Wherever You Are" (1992) war die Band gerade dabei, ihren Zauber vollends zu verspielen. Danach gab es keine Umkehr mehr: "Full Moon, Dirty Hearts" und "Elegantly Wasted" waren nur noch spiegelglatte Oberfläche, auf der man allerdings trefflich das Koks mit der ATM-Card zerteilen konnte. Interessant dagegen die Anfänge, in denen Hutchence und die Farriss-Brüder sich wacker darum bemühten, David Bowie, The Police, The Doors und höchstwahrscheinlich auch Split Enz zusammenzudenken: "The One Thing" und "Don't Change" (beide auf "Shabooh Shoobah" von 1982) sind mehr als gelungen. Ebenso unnötig wie Michaels Tod im Hotel war dann die Fortführung von INXS mit neuem Sänger. Eine Karteileiche mehr. "INXS" (5), "Underneath The Colours" (5), "Shabooh Shoobah" (6), "The Swing" (6), "Listen Like Thieves" (7), "Kick" (8), "X" (7), "Welcome To Wherever You Are" (6), "Full Moon, Dirty Hearts" (3), "Elegantly Wasted" (4) Jan Wigger


Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

Mehr zum Thema
Newsletter
Abgehört: Die wichtigste Musik der Woche


insgesamt 9 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
angst+money 09.08.2011
1. .
auf jeden Fall mehr Humor
krusty20 09.08.2011
2. .
Soll das jetzt Ironie sein? Oder ernst gemeint? Befremdlich fände ich beides.
kleintal 09.08.2011
3. ...
Zitat von angst+moneyauf jeden Fall mehr Humor
Also mein Kommentar war durchaus nicht ernst gemeint:) Und der Humor von They Might Be Giants ist auch meiner. Ich besitze alle ihre Alben und kenne die Texte aller Songs auf "Flood" und "Lincoln" (zusammen mit "Apollo 18" ihre 3 besten Platten) auswendig. Dass Wigger ausgerechnet ihr schwächstes und langweiligstes Album als das angeblich beste bezeichnet, ist der Witz auf einer Treppe in einer Geschichte, die ich nicht geschrieben habe.
glen13 09.08.2011
4. `...
Warum?
glen13 09.08.2011
5. ...
Ist Jan Wigger nicht eigentlich einer der Musikkritiker, die uns Normalos jeden Spass an der Musik nehmen wollen, in dem er uns beweisen muss, das E R alleine das Wissen des Experten hat? Vielleicht bn ich gerade etwas aggressiv, weil ich Rammstein höre. Entschuldigung, Herr Wigger(für Rammstein)
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.