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Abgehört: Die wichtigsten CDs der Woche

Ein Hit, viel Füllmaterial - das ist das ewige, tragische Schicksal der New Yorker Band The Rapture, meint Andreas Borcholte und lässt sich von der Klassik-Exkursion des Indie-Duos A Winged Victory For The Sullen begeistern. Jan Wigger fährt mit Roman Flügel nach Wyoming.

The Rapture - "In The Grace Of Your Love"
(DFA/Cooperative Music/Universal, bereits erschienen)

James Murphy, Label-Betreiber von DFA Records, wusste schon genau, warum er im vergangenen Jahr nach drei Alben das Ende seines in unheimliche Proportionen hochgelobten Musik-Projekts LCD Soundsystem verkündete: Man soll aufhören, wenn es am schönsten ist - und man noch in der Lage ist, den Trend zu setzen, statt ihm hinterherzuhetzen. Das Tragische an The Rapture, die nach einer jahrelangen unseligen Odyssee nun wieder bei DFA und Murphy gelandet sind, ist, dass sie sich noch einmal an einem Album versuchen mussten. 2002, als die New Yorker Band mit dem aufregend reduzierten Postpunk-Disco-Hit "House Of Jealous Lovers" auf einmal völlig zu Recht im Rampenlicht stand, hatten The Rapture den Sound des kommenden Jahrzehnt punktgenau getroffen. Doch schon das Album "Echoes", wiewohl kommerziell erfolgreich, verfügte nur über einige wenige Über-Tracks und viel Unausgegorenes. Es folgten die Trennung von DFA, ein miserables Album bei einem Major-Label und der Weggang von Bassist Mattie Safer, dem bis dato vielleicht begabtesten Musiker der Band. "In The Grace Of Your Love", nach fünf Jahren Stille endlich veröffentlicht, lässt nun die Kritiker einerseits über die Rückkehr der einstigen Hoffnungsträger jubeln, andererseits mit den Schultern zucken. Tatsächlich vermag die wiederum sehr sparsame Produktion ( u.a. von Cassius- und Phoenix-Produzent Phillip Zdar) beim ersten Hören zu blenden. The Rapture scheinen zu neuer Bescheidenheit, ja Demut, gefunden zu haben, die Texte des noch immer recht ergreifend klagenden und heulenden Sängers Luke Jenner beschäftigen sich mit der Suche nach Harmonie im braven Familienleben - kongenial kulminierend im andächtig anschwellenden Titelsong, dem mit Abstand herausragenden Stück der Platte. Je öfter man jedoch die anderen Songs hört, so sehr zerfallen diese in ihre Bestandteile, einige davon verblüffend, wie Level 42s Jazzfunk-Klassiker "Starchild" in "Never Die Again", andere anbiedernd bis eklig wie Katy Perrys schmissiges "Hot n Cold" in "Children". Besonders schmerzhaft: Ausgerechnet LCD Soundsystems in den vergangenen fünf Jahren perfektionierte Fusion von Siebziger-Jahre-Rock und Elektro lieferten die Blaupause für "Miss You" oder "Roller Coaster". Natürlich hätten The Rapture, nicht Murphy, diesen - ihren ureigenen - Sound erfolg- und einflussreich machen müssen. So aber leidet diese Band, die ihre Chancen aus unbekannten Gründen vertändelt hat, bei ihrem Comeback darunter, dass selbst interessante House-Experimente wie die Single "How Deep Is Your Love" oder "Come Back To Me" längst von Acts wie Hot Chip, Hercules And Love Affair oder zuletzt Holy Ghost! besser und entschlossener unternommen wurden. Man kann vermutlich den ganzen Herbst durchtanzen mit "In The Grace Of Your Love", aber in Verzückung geraten wird man eher nicht. (6) Andreas Borcholte

St. Vincent - "Strange Mercy"
(4AD/Beggars Group/Indigo, 9. September)

Never trust a naked bus driver! Und trauen sie niemals einer Frau, die schon einmal "Kerosene" von Big Black gecovert hat. Kaufen sie "Strange Mercy" nicht, wenn sie in einem früheren Leben einmal Cheerleader waren oder Kristen Bell bewunderten. Die seltsame Gnade, die Annie Clarks drittes Album uns Würmern nun zuteil werden lässt, ist ebenso anziehend wie abstoßend: Grammy-Besitzer Bobby Sparks nennt das verzerrte Gehämmer und Gelöte, das hier die meisten Songs wie pechschwarze Wandfarbe durchschreitet, "all the really sexy keyboard parts", doch zuallererst sind es natürlich Clarks ingeniöses Gitarrenspiel und die existentielle Leere (welche sie wie selbstverständlich in schmutziges, trockenes Blut verwandelt), die den Hörer daran erinnern, dass Musik fast immer auch weh tun muss, um zu heilen: "I spent the summer on my back, another attack / Stay in just to get along get along get along / Turn off the TV, wade in bed a blue and a red/ A little something to get along get along get along/ Best finest surgeon come cut me open." Annie Clark muss damals, als homecoming queen aus der Vorhölle, beinahe ebenso viel SPK und Throbbing Gristle wie Kate Bush gehört haben. Wer St.Vincent küsst, ist auf immer verloren. (7) Jan Wigger

A Winged Victory For The Sullen - "A Winged Victory For The Sullen"
(Erased Tapes/Indigo, 8. September)

Seine Musik beschrieb Adam Wiltzie einmal als Soundtrack zu den Lichtblitzen und Schemen, die man sieht, wenn man sich seine Augenlider von innen ansieht - folgerichtig nannte er sein Bandprojekt Stars Of The Lid und erspielte sich mit sinfonischen Kompositionen einen Namen in der Ambient-/Drone-Szene. Als Einflüsse könnte man Arvo Pärt, Gavin Bryars, Brian Eno und Talk Talk nennen, wird aber damit dem musikalischen Spektrum dieser Musik bei weitem nicht gerecht. Zum Drone-Genre zählen Stars Of The Lid deshalb, weil Wiltzie die flächigen, brummenden, dahindröhnenden Sounds seiner Stücke zumeist mit einer Gitarre einspielte. Jetzt tritt der Texaner in eine neue, ziemlich spannende Phase seiner Karriere ein: A Winged Victory For The Sullen vereint ihn mit dem derzeit in Berlin lebenden Pianisten Dustin O'Halloran, der unter anderem den instrumentalen Part zum Soundtrack von Sofia Coppolas Film "Marie Antoinette" beisteuerte. 2007 spielten Stars Of The Lid im Vorprogramm der letzten Tournee von Sparklehorse. In Italien traf Wiltzie backstage auf O'Halloran, die beiden Musiker wurden Freunde und vereinbarten ein gemeinsames Projekt. Ob dieser Begebenheit ist ein Teil des Albums, die zweiteilige Suite "Requiem For The Static King" dem verstorbenen Sparklehorse-Kopf Mark Linkous gewidmet. So weit die Fakten. Schwieriger ist es, die Musik zu beschreiben, die Wiltzie und O'Halloran komplett analog mit Streichern, Piano, Gitarren, Waldhorn und Fagott in großen, offenen Räumen wie dem ehemaligen DDR-Radiostudio in Berlin aufgenommen haben. Traurig und sehnsüchtig, aber keinesfalls verdrießlich sind Kompositionen wie "We Played Some Open Chords" oder die zwölfminütige "Symphony Pathetique", in der so heftig geschwelgt wird, dass es am Herzen reißt. Soundtrack, ja, so könnte man dieses Experiment in Neuer Musik und klassischer Komposition nennen, ein Soundtrack, der einem nicht nur Bilder vor das innere Auge zaubert, sondern auch den Blick für den musikalischen Horizont zweier furchtloser Protagonisten der Indie-Szene öffnet. "A Winged Victory For The Sullen" mit seinen meditativen, in Zeitlupe dahingleitenden Klangsphären ist wie eine Fahrt durch eine regenkühle Nacht bei offenem Fenster - gefangen zwischen den Nachwirkungen des Abends und den Verheißungen des Morgens. Fast ein bisschen kitschig. Aber auch sehr aufregend. (8) Andreas Borcholte

Roman Flügel - "Fatty Folders"
(Dial/Rough Trade, 9. September)

Wenn ich mich recht erinnere, war das amerikanische Schriftstellerphantom Thomas Pynchon einmal Trauzeuge bei Bob Dylans Hochzeit. Als er erfuhr, dass Fotografen das Haus umstellten, ließ er sich in einer vernagelten Holzkiste einschließen und in die Kirche hineinrollen. Ich weiß nicht warum, aber außer an Garagentore und air flow beim Zahnarzt musste ich immer auch an jene, vielleicht wahre, vielleicht erfundene Geschichte denken, wenn ich "Love" von Sensorama auflegte. Nun veröffentlicht der wunderbare Produzent, Plattenfirmenbetreiber und DJ Roman Flügel zum ersten Mal beim Hamburger Label Dial, Heimat von Pantha Du Prince und Efdemin. Wie schön. "Song With Blue" und "How To Spread Lies" klingen so warm und einladend und angenehm, da klingeln die Glöckchen, es rauscht und zischt und fächelt, und würde meine falsche Cousine, die einen Wahrsagerei-Betrieb in Cheyenne, Wyoming betreibt, "Fatty Folders" in die wulstigen Finger bekommen, wäre wohl von einer frisch gemähten, vom Morgentau benetzten Wiese (Yikes!) die Rede. Doch Flügel fährt den Wagen nicht auf geradem Weg zurück nach Hause: Er wirft Tracks wie "Rude Awakening", "Deo" oder "Bahia Blues Bootcamp" immer wieder Hindernisse in den Weg, um die Ordnung der Dinge virtuos zu beeinträchtigen. Drauf gepfiffen, ob das noch unter House oder Techno läuft: Roman Flügel ist der Bertrand Russell des raffinierten Formalismus. (8) Jan Wigger


Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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"Abgehört" und "Amtlich" live
Andreas Borcholtes Playlist KW 36
  • SPIEGEL ONLINE
    1. Harlem River Drive: Harlem River Drive

    2. A Winged Victory For The Sullen: A Symphony Pathetique (Album-Track)

    3. The Rapture: In The Grace Of Your Love (Album Track)

    4. Dinosaur Jr.: Green Mind

    5. Hüsker Dü: New Day Rising

    6. Butcher Boy: The Day Our Voices Broke (Album Track)

    7. Red Hot Chili Peppers: Police Station (Album Track)

    8. Jim Ford: Harlan County

    9. Stanley Turrentine: West Side Highway

    10. Blood Orange: Coastal Grooves

Jan Wiggers Playlist KW 36
  • SPIEGEL ONLINE
    1. The Devil's Blood: The Thousandfold Epicentre

    2. Wilco: The Whole Love

    3. Michael Gira: I Am Singing To You From My Room

    4. Ozzy Osbourne: Blizzard Of Ozz

    5. The George-Edwards Group: Archives

    6. Angels Of Light: How I Loved You

    7. Queen: Innuendo

    8. Current 93: All The Pretty Little Horses

    9. Death In June: Nada

    10. Psychic TV: Mouth Of The Night


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