Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche

Wenn alte Männer wie Mick Jagger und Dave Stewart versuchen, so weltgewandt wie die Black Eyed Peas zu sein, dann kommt eine schwerverdauliche All-Star-Gurkentruppe wie SuperHeavy dabei heraus, meint Andreas Borcholte. Jan Wigger geht dichten mit den Waterboys und wird von Laura Marling verhext.


SuperHeavy - "SuperHeavy"
(Polydor/Universal, bereits erschienen)

Ach je. Mick Jagger ist schon so etwas wie eine tragische Figur: Immer wieder versucht er, der Zwangsjacke des ewigen Rolling Stone zu entkommen, immer wieder scheitert er grandios mit seinen Solo-Platten. Jaggers Kumpel Dave Stewart, seit seiner Zeit bei den Eurythmics als Songschreiber und Hit-Produzent mythologisiert, ist daran schon früher nicht unschuldig gewesen. Man denke nur an Jaggers Solo-Versuch von 1987, "Primitive Cool", produziert von Stewart, das die unsägliche Humptidumpti-Shalala-Single "Let's Work" enthielt. Im Prinzip war also neues Grauen schon zu erwarten, als die Nachricht von einer weiteren Kollaboration der beiden britischen Rock-Veteranen (Jagger ist 68, Stewart 60) mit viel Aplomb lanciert wurde. An SuperHeavy, von der Plattenfirma - logisch - als Supergroup vermarktet, wirken außerdem noch Soul-Sängerin Joss Stone, Marley-Sohn Damien und "Slumdog Millionaire"-Komponist A.R. Rahman mit. Super daran sind jedoch allenfalls diese schwergewichtigen Namen. Ansonsten muss man - nicht ohne Häme - konstatieren, dass Stewarts wahnwitzige Idee, den Reggae Jamaikas mit dem Bollywood-Pop Indiens und britischem Rock und Soul zu kreuzen, recht unglamourös gescheitert ist. Ganz nett ist die vorab veröffentlichte Single "Miracle Worker", auch das heftig groovende, von Damien Marleys Band getragene Titelstück hat Potential, doch fast alles, was sich noch auf dieses Album verirrt hat, krankt an dem Problem, das einfach nicht zusammenpassen will, was nicht zusammengehört. Da nützt es eben auch nichts, wenn Mick Jaggers Gesang wie üblich alles dominiert, denn statt als verbindendes Element zu wirken, kräht der Alt-Stone sich durch die pseudo-exotischen Soundkulissen wie ein Störenfried - schon überhaupt, wenn er rappt (!) oder auch noch auf Urdu gesungen wird, wie in "Satyameva Jayathe", wo mal so richtig der Weltmusik-Faktor rausgekitzelt werden soll. Da kitzelt aber nichts, es dröhnt nur, als hätten sich die Black Eyed Peas die Adult-Rock-Gemeinde als neue Zielgruppe auserkoren. Vollends peinlich wird es, wenn sich die Supergruppe an Balladen wie "One Day One Night" oder "Never Gonna Change" versucht, die wie Ausschussware alter Achtziger-Alben der Stones klingen. Bei "I Can't Take It No More" möchte man Jaggers knurrigem Klagegesang allerdings zustimmen: Aufhören! Sofort! Immerhin: Damien Marley und Joss Stone schlagen sich trotz widriger Umstände gut und sorgen mit "Rock Me Gently" für einen erträglichen Moment eines Albums, das hoffentlich keine Nachfolger haben wird. Schön und gut, wenn Mick Jagger seinen Lieblingsfeind Keith Richards mit seinem neuen Solo-Ausflug mal wieder so richtig auf die Palme bringen wollte, aber warum müssen wir dabei eigentlich auch immer leiden? (1) Andreas Borcholte

The Waterboys - "An Appointment With Mr. Yeats"
(Proper Records/Rough Trade, 23. September)

Und als die Wahl der Worte beendet war und der Mond ganz helle schien, trat der irische Dichter und Alchemist William Butler Yeats ins Licht und sprach: "Ich glaube an die Vision des Wahren in den Tiefen des Geistes, wenn die Augen geschlossen sind." Auch "A Pagan Place" und "Fisherman's Blues", die vielleicht größten Arbeiten der Waterboys, hörten wir in unserer Vorstellung am liebsten im abgedunkelten Zimmer, umgeben von ungelesenen Druckwerken, wüsten Gedanken und einem Hauch von Flieder. "An Appointment With Mr. Yeats" ist nicht die erste Begegnung zwischen Mike Scott und dem Magier aus Sandymount: Einer Musical-Bearbeitung von "The Stolen Child", der musikalischen Adaption von "Love And Death" (auf "Dream Harder") und einer Aufführung von auf Yeats' Poemen basierenden Songs auf dem "Yeats International Festival" vor 20 Jahren folgt nun ein rauschhaftes, erhebendes Waterboys-Album, das auf den Schriften des bildgewaltigen Symbolisten basiert. Drei Momente, ein kurzer, ein langer und ein ganz langer, berühren mich am meisten: Die im Bodennebel gesprochene erste Strophe aus "Song Of Wandering Aengus" ("I went out to the hazel wood/ Because a fire was in my head/ And cut and peeled a hazel wand/ And hooked a berry to a thread"), die Posaunen, das Saxophon und Katie Kim in "Politics", und das Wahnsinnsstück "September 1913", in dem die Gitarren plötzlich schmerzen und jeder, der noch mutig war, ins tröstende Delirium fällt. Fear is a man's best friend. Jeder von Mike Scott gesprochene Satz auf "An Appointment With Mr. Yeats" klingt so, als ob er noch nie zuvor gesagt wurde. (8) Jan Wigger

Laura Marling - "A Creature I Don't Know"
(V2/Cooperative/Universal, 23. September)

Im letzten Jahr, als "I Speak Because I Can" erschien, wusste ich noch nicht, ob Laura Marling eine Füchsin oder Wölfin ist. Eher dachte ich an gar kein Tier, sondern an einen Tisch aus hellem, feinem Zedernholz, dessen Adern so zufällig und willensschwach verlaufen wie Regentropfen auf einer Fensterscheibe. Nun "A Creature I Don't Know": Wie die berühmte Sexszene aus Nicolas Roegs "Don't Look Now" (in schwarz-weiß!), wie Rosaleen aus Neil Jordans "The Company Of Wolves", und ja, auch ein wenig wie das starre, zittrige Opfer des Totenpfarrers aus Ingmar Bergmans Lachprogramm "Schreie und Flüstern", so von wegen: "Gott hat dich für würdig befunden, ein schweres und langes Leiden zu ertragen - bitte hab' ein wenig Spaß dabei!". Zudem haftet der britischen Sensibilistin besonders auf dieser Platte etwas Uraltes, Verwunschenes, Verhextes an: Das grandiose "Salinas" wirkt nur so lange reuelos und sonnendurchflutet, bis man auf den Text achtet, im spukhaften "The Beast" (das doch tatsächlich mit den Worten "Where did our love go?" beginnt) zerlegt Marling zu Sägeblatt-Gitarren eine einstige Symbiose in ihre Einzelteile: "Put your eyes aways if you can't bear to see/ Your old lady lay down next to the beast/ Tonight he lies with me/ Tonight he lies with me/ And here come the beast." Halten Sie sich fern von dieser Frau, aber kaufen Sie die Platte. (8) Jan Wigger

Apparat - "The Devil's Walk
(Mute/Goodtogo, 23. September)

Irgendwann im Verlauf der letzten zwei Jahre hat sich der Berliner DJ und Produzent Sascha Ring entschlossen, die Tanzmusik an den Nagel zu hängen. Vielleicht war es eine Schreibblockade, die erst mit dem "DJ Kicks"-Sampler endete, den er für das Label !K7 erstellen durfte. Vielleicht war es eine längere Mexiko-Reise, wer weiß. Tanzen kann man jedenfalls nicht mehr zu Rings Elektro-Kompositionen, die früher auf seinem eigenen Label Shitkatapult erschienen - es sei denn, man mag langsamen Engtanz oder drogeninduzierten Zeitlupen-Schwof. Für das ehrwürdige Poplabel Mute hat er nun ein Album aufgenommen, dass ihn als eher traditionellen Songwriter etabliert. Sagen wir: Achtziger-Pop und Shoegazer-Sound trifft auf James Blake und die Junior Boys, damit hat man Apparats neuen Sound wahrscheinlich ganz gut umrissen, auch wenn solche Definitionen natürlich völlig sinnlos sind. Ganz so fragil und schwebend wie die Stücke seines britischen Kollegen Blake sind Rings Songs jedoch nicht, sie leiden manchmal an einer vielleicht teutonischen Wuchtigkeit, einem Bombast, der im krassen Gegensatz zu den filigranen Arrangements stehen, die zuweilen an Neutöner wie Steve Reich erinnern wollen ("Ash Black Veil"). Dennoch: "Candil De La Calle" oder das von Anna Plaschg gesungene "Goodbye" sind starke, intensive Songs, und auch das von Ring ganz dicht am Mikro gesungene "Esacpe" begeistert mit sphärischer Traumwandlerei. Oft vermisst man in diesem gemächlichen Dösen und Flimmern jedoch das Zucken und Reißen, den Energiestoß eines Beats. Aber das ist Jammern auf sehr hohem Niveau. (7) Andreas Borcholte


Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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insgesamt 8 Beiträge
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Django_DUS 20.09.2011
1. SuperHeavy super schlecht?
Das war ja klar, dass SuperHeavy auf SPON keine Chance hat. Die Energie zur Formulierung eines so langen Rezensionstextes für eine so schlechte Platte speist sich natürlich nur aus dem Vergnügen, dem Rock-Opa mal wieder so richtig eine verpassen zu können. Wenn's denn der eigenen Erhöhung, Verzeihung, Erbauung dient .... Ich finde die Songs und die Produktion gar nicht so schlecht. Allerdings könnte ich auch ca. 100 Stones-Bootlegs aufzählen, die ich vorziehen würde. Und Jaggers Gesang, na ja. Der hat sich leider seit einigen Jahren angewöhnt, ein Maximum an Emotionen in jede Zeile zu legen. Weniger wäre mehr. Total over the top, nix mit entspannter Atmosphäre. Obwohl ein wenig Lockerheit gut zur Musik gepasst hätte. Noch eins zum Schluss: Wandering Spirit ist großartig und die beste LP, die die Stones nicht gemacht haben. Das musste mal gesagt werden.
RenHoek 20.09.2011
2. 1 Punkt?
Man mag von der "Supergroup" halten was man will, ich bin auch nicht sonderlich begeistert. Aber 1 Punkt lässt die SPON-Kritiker ziemlich unglaubwürdig erscheinen. Vielleicht sollten diese mal wieder auf den Teppich kommen.
fanfanfan 20.09.2011
3. SuperHeavy vs. Black Eyed Peas 5 : 1
SuperHeavy machen ihr großes Ding alleine, sie schaffen es, alle Elemente nicht nur unter einen Hut zu bringen wie andere Künstler, sondern sie wie verschiedenfarbiges Glas zu einem leuchtenden Bild zusammen zu setzen. Der Vergleich mit den Black Eyed Peas kann nur von jemandem stammen, der das Album höchstens ein halbes mal gehört hat - die Formation hechelt dem Zeitgeist hinterher und schaffen es hin und wieder, ihm eine halbe Stunde voraus zu sein. SuperHeavy sind ein andere Kaliber, sie setzen eigene Bezugspunkte. Meine Kritik: Die Musik ist ein Kaleidoskop aus wilden und wunderschönen Elementen von heavy Rock, Reggae, indischen Klängen, Soul, Pop, Dance, Folk - Mick Jagger, Joss Stone, A.R. Rahman und Damian Marley brillieren im Vordergrund, im Zusammenspiel, können sich aber auch jeder zurücknehmen, wo es dienlich ist. Das Album von SuperHeavy ist aber mehr als die Summe seiner Teile und das ist das Verdienst von Dave Stewart, der seinen Traum verwirklicht und all diese unterschiedlichen Elemente zu in sich stets stimmigen, oft spannenden Songs zusammenführt und verbindet. Es gibt Kompositionen von fiebrigen Dancefloor-Ohrwürmern über wütende Rock'n'Roll-Songs bis zu Mantra-Gesängen, entspannten Strandsongs und wunderschönen Balladen. Das ist nicht Weltmusik wie sie vorher bekannt war, die ist eine Welt der Musik, die sich auf einer CD aufregend und schön präsentiert. Die Version mit 16 Tracks - Superheavy (Limited Deluxe Edition) - ist dem Standard-Album - SuperHeavy - klar vor zu ziehen und nicht nur wegen des möglichen Wiederverkaufwertes ;) - die 4 Bonus-Tracks zählen mit zu den besten des Albums. Die LP kann ich Fans von Vinyl und hochwertigem Cover-Artwork auch empfehlen. Seit ich die CD habe, läuft sie von Tag zu Tag immer häufer, inzwischen spielt sie fast in Dauerwiederholung.
in_peius 21.09.2011
4. ich bin mir gerade nicht sicher,...
was mich am meisten verblüfft: die Stirn des Herrn Wiggers, in seiner Playlist vollkommen schambefreit Werke eines bekennenden Rassisten, Eugenikers und Antisemiten (Kostprobe für diejenigen mit einem Wohnsitz jenseits des Mondes: http://www.burzum.org/eng/library/war_in_europe01.shtml ) der Öffentlichkeit zu präsentieren und somit Werbung für diese zu machen. Oder die Ignoranz der SpiegelOnline-Redaktion (wahlweise auch deren Blauäugigkeit hinsichtlich der Integrität ihrer Mitarbeiter), denen dieser indiskutable Fehltritt bestenfalls nicht aufgefallen ist, schlimmstenfalls als nicht kritisierenswert erscheint. Oder aber die Tatsache, dass besagte Playlist bereits (mehr als) 24 Stunden online ist und sich in diesem Forum lediglich drei Einträge finden, die sich mit einer vermeintlichen Supergruppe auseinandersetzen. Da jeder einzelne Punkt genügt, um mir die Galle hochkommen zu lassen, ist eine Entscheidung wohl entbehrlich...
Dyke, 21.09.2011
5. Titel
Zitat von in_peiuswas mich am meisten verblüfft: die Stirn des Herrn Wiggers, in seiner Playlist vollkommen schambefreit Werke eines bekennenden Rassisten, Eugenikers und Antisemiten (Kostprobe für diejenigen mit einem Wohnsitz jenseits des Mondes: http://www.burzum.org/eng/library/war_in_europe01.shtml ) der Öffentlichkeit zu präsentieren und somit Werbung für diese zu machen. Oder die Ignoranz der SpiegelOnline-Redaktion (wahlweise auch deren Blauäugigkeit hinsichtlich der Integrität ihrer Mitarbeiter), denen dieser indiskutable Fehltritt bestenfalls nicht aufgefallen ist, schlimmstenfalls als nicht kritisierenswert erscheint. Oder aber die Tatsache, dass besagte Playlist bereits (mehr als) 24 Stunden online ist und sich in diesem Forum lediglich drei Einträge finden, die sich mit einer vermeintlichen Supergruppe auseinandersetzen. Da jeder einzelne Punkt genügt, um mir die Galle hochkommen zu lassen, ist eine Entscheidung wohl entbehrlich...
Und für diesen Jammer-Kommentar haben Sie sich extra angemeldet? Herrgott, es ist nur eine Playlist, kein politisches Manifest. Also hören Sie auf zu versuchen, anderen Leuten hier ihren Musikgeschmack zu verbieten. Man kann auch nen Film mit Travolta gut finden, ohne deshalb Scientology zu befürworten.
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