Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche

Wäre er doch bloß den Joshua-Bäumen ferngeblieben, klagt Andreas Borcholte über das neue Doppelalbum des Franzosen Anthony Gonzalez alias M83. Jan Wigger entdeckt mit Azita und Sóley zwei neue Schmerzensfrauen - und nimmt Peter Gabriel mit in die Zahnarztpraxis.


M83 - "Hurry Up, We're Dreaming"
(Naive/Indigo, 14. Oktober)

Irgendwas muss es ja mit diesem Joshua Tree Nationalpark auf sich haben. Ich war noch nie da, zu heiß, zu karg, zu viele blöde Yucca-Bäume, die einen doch nur an den Niedergang von U2 erinnern. Anthony Gonzalez alias M83 war neulich auch bei den Joshua Trees, hat sogar richtig viel Zeit dort verbracht, und vermutlich hat ihm die Sonne Südkaliforniens so lange das Hirn gebraten, bis er eine Vision von unfassbarer Größe hatte: Anthony, Du musst ein Doppelalbum aufnehmen, flüsterten ihm die Joshuas durch die flimmernde Luft zu, so wie sie in den Achtzigern Bono eingeredet hatten, er wäre Jesus. Geschenkt. Gonzalez, eigentlich ein Fan von schön transusigem Achtziger-Pop, erinnerte sich daran, dass er den Größenwahn von Doppel- und Konzeptalben immer schon toll fand, hörte mal wieder in "Ummagumma" rein, vor allem aber in "Mellon Collie And The Infinite Sadness" von den Smashing Pumpkins. Kann ich auch, dachte der gerade erst aus dem beschaulichen Mittelmeerstädtchen Antibes nach L.A. umgezogene Franzose - und verkroch sich ins Studio, um "Hurry Up, We're Dreaming" aufzunehmen, ein Doppelalbum, das vor lauter Opulenz und großer Geste immer mal wieder ächzt - und mit dem verführerisch leichten "Pretty in Pink"-Pop des Vorgängers "Saturdays = Youth" leider komplett aufräumt.

Die neuen Stücke erinnern eher wieder an das ambitionierte Zeug, das Gonzalez, damals noch mit Band, Anfang des Jahrzehnts veröffentlicht hat: Soundlandschaften zwischen Vangelis, Tears For Fears, Cocteau Twins, Sigur Rós und, äh, Jean-Michel Jarre. Klingt anstrengend und prätentiös? Das Problem ist: Gonzalez nimmt sich und seine Unternehmung (siehe Billy Corgan) viel zu ernst, als dass diese 72 Minuten höchster Intensität und Dramatik Spaß machen könnten, zumal er mit hallender, entrückter Eighties-Neuromantiker-Stimme nun auch noch größtenteils selbst singt - als müsse er beweisen, dass er mindestens so cheesy sein kann wie Roland Orzabal und Midge Ure zusammen. Und wenn das getragene Tempo der meisten Songs dann doch mal angezogen wird, klingen Stücke wie "Midnight City" oder "Reunion" leider wie The Killers im Flugzeughangar. Es geht übrigens um Träume auf dem Album, man solle sich Bruder und Schwester nebeneinander im Bett sitzend vorstellen, wie sie sich ihre Schlaferlebnisse erzählen - jedem Geschwister gehört eine Albumseite, also hat auch jeder Song ein kleines Brüderchen oder Schwesterchen. Süß, nicht wahr? Ich sag' Ihnen mal was: Wenn Ihnen nostalgisch zumute ist und Ihrer Jugend in den Achtzigern hinterhertrauern, gehen Sie nicht über Los oder fremde Galaxien wie Messier 83 und schon gar nicht am Joshua Tree vorbei, sondern holen Arcade Fires "Suburbs" wieder aus dem Schrank. Hätte Anthony Gonzalez auch machen sollen. (6) Andreas Borcholte

Azita - "Disturbing The Air"
(Drag City/Rough Trade, bereits erschienen)

Als Fred Somsen von Drag City vor zwei, drei Monaten die genialischen "Archives"-Ausgrabungen der George-Edwards Group an mein nicht existierendes Büro verschickte, war noch etwas mehr im Paket: "Disturbing The Air" von Azita, einer dornigen, nüchternen Schmerzensfrau von Joanna Newsoms Gnaden. Ich las die Texte und dachte: Hoffnung gibt es woanders, vielleicht beim NDR-Bingo-Bären, vielleicht im Nirwana oder im "La Masia", aber nicht hier, wo es um fehlerhaft ausbalancierte Beziehungen, das sinnlose Streben nach Sinn und um Türen geht, die wie durch Zauberhand immer dann zufallen, wenn man gerade davor steht. Auf "Disturbing The Air" ist immer Winter, Azitas Klavierspiel erinnert mal an "The Milk-Eyed Mender", mal an die schutzlosesten Momente von Nina Nastasia, ebenfalls ein prekärer Charakter, der es irgendwann aufgegeben hat, nach einem Ort für sich zu suchen. "I bought you the best telescope I could afford/ Because you said you wanted to look at the stars/ The mildest evenings came and went/ You only ever look at the ground" - nur eine von vielen Kränkungen und Vergeblichkeiten, die das fünfte Azita-Album durchziehen. Vinyl only, die CD liegt gratis bei. (7) Jan Wigger

Peter Gabriel - "New Blood"
(Real World/EMI, bereits erschienen)

Ach, wäre man doch nur einer dieser saturierten, übersättigten, durch frühe Geburt gesegneten, 59 Jahre alten Peter-Gabriel-Hörer, die tagsüber so arg mit ihrer Zahnarztpraxis zu tun haben, kurz nach den "Tagesthemen" nochmal den Hund ausführen, genau vier Konzerte pro Jahr besuchen (Bob Dylan, Van Morrison, Sting, Peter Gabriel), zuweilen süffisant "Ist wahrscheinlich Kunst..." murmeln und aus bloßer Tradition einfach alles kaufen, was Gabriel noch so einfällt. Die sich nichts dabei denken, wenn Ane Brun in einigen "New Blood"-Verstiegenheiten mal kurz von der Seite aus dazwischenjodelt, die es "spannend" finden, wenn man die Jahrhundertstücke "Red Rain" und "Solsbury Hill" durch die Anwesenheit eines alerten, allzeit bereiten Schwulstorchesters belästigt, die "So" genauso gerne hören wie "Scratch My Back", ihren Sohn jahrelang vor den Red Hot Chili Peppers gewarnt haben, Oliven, Kapern und Lachs rundheraus ablehnen, zwischendurch aber gern mal eine Currywurst essen und es bedauern, von Jürgen von der Lippe schon lange keinen exklusiven Musiktipp (Curtis Stigers!) mehr erhalten zu haben. Peter Gabriels unsterblichster Song bleibt "Mercy Street" vom Album "So" und ja, den lässt der Hexer unbeschädigt: Die leeren Straßen, die toten Gebäude, die Autos, der Dampf, das zerbrochene Glas und Marys Lippen: Nicht zu zerteilen, nicht kleinzukriegen, nicht einzudampfen durch nachträgliches Erinnerungsfälschen. Am Ende sind wir doch alle nur 59-jährige Zahnärzte: Wir behalten jedes Peter-Gabriel-Album - weil es von Peter Gabriel ist. (6) Jan Wigger

Sóley - "We Sink"
(Morr Music/Indigo, bereits erschienen)

Island, natürlich. Mehrere Wochen lag "We Sink" hier nutzlos rum, obwohl doch das Cover so schön ist und Sóley Stefánsdóttir darauf so traumverloren nach unten blickt, als wolle sie sagen: Ich tauche noch ein letztes Mal durch das opalisierende, bläulich schimmernde Schreckenswasser, ganz nach unten, so lange bis ein Riss im Boden mich verschluckt. Nun ist endlich Platz für Sóley, und vielleicht ist das Löblichste, was man über eine Platte sagen kann, ja die Tatsache, dass es wahnsinnig angenehm ist, sich mit ihr zu beschäftigen. "We Sink" weht wie ein luxuriöses, mildgrünes Tuch im Nordwind, Stefánsdóttir (sonst bei der ebenso guten Band Seabear beschäftigt) spricht jedes Wort so auffällig gelassen und geheimnisumweht aus, als würde sich dahinter eine riesengroße Lüge verbergen, die wir nicht begreifen, nicht mal erahnen können. "And then I took all your birds/ And I ate them by the fire/ And then me and your smashed birds we danced all night/ And in the morning I climbed your tree and flew away." Die Vermeidung des Eindeutigen, die Verbeugung vor dem Seltsamen und die Geometrie der Liebe: Pflanzen sie mindestens einen Baum, bevor sie losgehen, um "We Sink" zu kaufen. (7) Jan Wigger


Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

Mehr zum Thema
Newsletter
Abgehört: Die wichtigste Musik der Woche


zum Forum...
Sagen Sie Ihre Meinung!

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.