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Abgehört: Die wichtigsten CDs der Woche

Das beste Oasis-Album seit "Definitely Maybe"? Nicht ganz, meint Jan Wigger nach Genuss des Debüt-Albums von Noel Gallagher. Aber zum Glückt gibt es ja Veronica Falls und alle Smiths-Alben noch mal neu auf Vinyl. Andreas Borcholte tröstet sich mit Mutter über den allgemeinen Herbst.

Noel Gallagher's High Flying Birds - "Noel Gallagher's High Flying Birds"
(Sour Mash/Indigo, bereits erschienen)

Die bis auf drei, vier Geistesblitze sterbenslangweilige Beady-Eye-LP konnte sich der gemeine Oasis-Anhänger gewiss noch schöntrinken. Schließlich kann nicht sein, was nicht sein darf, und nirgendwo sitzt der Phantomschmerz und die totale geistige Umnachtung tiefer als bei militanten Frömmlern der alten Gallagher-Schule: "Little James"? Bester Song seit "While My Guitar Gently Weeps". "Don't Believe The Truth"? Bestes Oasis-Album seit "Morning Glory". "Dig Out Your Soul"? Bestes Oasis-Album seit "Morning Glory". "Noel Gallagher's High Flying Birds"? Bestes Oasis-Album seit "Morning Glory". Nun darf Noel wieder nölen: Er mietete Engelschöre, hörte noch einmal "Wish You Were Here", "Rubber Soul" und "Something Else By The Kinks" und bat den Postjungen, nicht mehr zu stören. Irgendwann trat der Jahrhundertkünstler ins Licht, in der rechten Hand ein Schilfrohr, auf der linken Schulter ein grüner Papagei: "Behold: Das beste Oasis-Album seit 'Definitely Maybe'!" Und das ist drauf: Vier große Songs ("If I Had A Gun", "Everybody's On The Run", "AKA...What A Life", "The Death Of You And Me"), drei schwache, viel "Wonderwall" und "The Importance Of Being Idle": Orchesterwahn, Psychedelia, "Planet Of The Apes" und die beliebten Kinder-Lyrics. Kein Abschied von Gestern. Oh, what did you expect? Knapp: (7) Jan Wigger

Mutter - "Mein kleiner Krieg"
(Die Eigene Gesellschaft, bereits erschienen)

Im Herbst, da wird's einem regelmäßig übel. So auch jetzt: Euro-Krise, Wetterkrise, Sinnkrise, Krise, Krise, Krise - und kein Licht zu sehen, auf Monate nicht. Fernsehen sinnlos, Zeitungen ratlos, planlos: Jeder versucht, die eigene Langeweile auf möglichst viele Worte zu verteilen. Ich auch. Auf Facebook wird Werbung gemacht oder kluggeschissen, auf Twitter auch, nur kürzer. Und dann kommt das neue Album von Mutter, der Band, die keiner kennt, weil alle nur Blumfeld, Kante, Tocotronic denken. Und man ist eigentlich müde, es den Leuten immer wieder zu erklären, warum die gute Musik machen, warum das wichtig ist. Und dann kriegt man die Zellophan-Hülle von der CD nicht ab, und als man's dann doch geschafft hat, ist da drunter noch eine Lage Plastik, ja spinnen die? Hass, Hass, Hass. Aber Mutter hören hilft dann doch, wie immer. Da ist einer, der weiß auch nicht, was das alles soll, und gibt es wenigstens zu: "Kennst Du die Stimme/ die sagt, wohin die Reise geht/ Kennst Du die Stimme/ die tief in Dir die Wahrheit spricht/ Du kennst sie leider nicht", murmelt Max Müller immer und immer wieder in "Stimmen", eingebettet in ein Meer aus Gitarrenlärm, das langsam und eiskalt zehn Minuten lang vor und zurück wogt. Sechs Jahre haben Mutter Pause gemacht, dann kam 2010 mit "Trinken Singen Schießen" eines der besten und abgeklärtesten Alben des Jahres heraus. "Mein Kleiner Krieg" führt die Wahrheitsfindung fort - lakonisch, metallen, verzweifelt aber nicht depressiv, selbst, wenn es dorthin geht, "wo die Sonne nicht scheint", dort, "wo man besser nicht ist/ wo man besser nicht küsst". Im Arsch sind wir also, als hätten wir's nicht gewusst. Dann lieber ein "Regenwurm" sein: "So ein Würmchen hat kein Blut/ So ein Würmchen hat kein Herz/ Drum fühlt ja so ein Regenwurm/ Auch keinen Liebesschmerz". Für Müller, einen deutschen Songwriter, der sich hinter keinem Diskurs und keiner großen Theorie versteckt, der sich in seinen Texten einfach nackig macht, ist der Mensch eine traurige Maschine, und im gleichnamigen Song sagt er Sätze, die so klar und klug sind, dass man seufzen möchte: "Ich sah in Dein Gesicht und konnte nichts entdecken/ Wo ist das hin, das doch jeder sieht". Entfremdung, Vereinzelung, Überforderung, Verwirrung - Müller und Mutter führen ihren kleinen Krieg. Allein. So wie wir. (8) Andreas Borcholte

Veronica Falls - "Veronica Falls"
(Bella Union/Cooperative Music, 21. Oktober)

Keine Zweifel mehr: Die Welt geht unter. Über Dan Treacy müssen wir nicht sprechen, Kim Gordon und Thurston Moore sind kein Paar mehr, SuperHeavy verkaufen mehr als tausend Platten, und letzte Woche berichtete mein bester Freund, im Garten nebenan habe der Nachbar in Bermuda-Shorts den Rasen gemäht. Mitte Oktober! Aber Gott sei gepriesen für die Existenz von Veronica Falls: Talulah Gosh, Pixies, Heavenly, The Velvet Underground, The Pastels und nur das Strahlendste aus Twee- und Schraddel-Pop. Bis ich hörte, dass die Sängerin Roxanne Clifford heißt, zudem Bobfrisur und lustige rote Strickjacken trägt, hätte diese schottisch/englische Band durchaus auch aus Elizabeth, New Jersey stammen können. Das Versprechen, das Veronica Falls mit superben Singles wie "Bad Feeling" oder "Found Love In A Graveyard" aussprachen, löst das Album in weiten Teilen ein: Noch während "The Fountain", einer modernen Geistergeschichte mit viel Hall, Geklapper und Miauen, glaubt man kurz, die bedeutendste klassische Indie-Rock-Platte des Jahres 2011 zu hören. Kann natürlich gar nicht sein, denn die heißt ja "The Leaving Of London". (8) Jan Wigger

The Smiths - "Complete"
(Rhino/Warner, bereits erschienen)

Es gibt ein noch kompletteres komplett remastertes Komplettboxset der Smiths, das wiederum doppelt so teuer wie dieses hier ist und bei Ihnen, werter Leser, jahrzehntelang einsam in der Schrankwand stehen wird. Wenn ein Markgraf oder Kalif Sie einmal zu Hause besucht, nehmen Sie die große Schatulle mit Glacéhandschuhen auseinander, um dem Besuch zu bedeuten, dass Sie "dabei gewesen" sind. Das hier vorgestellte 12"-Vinyl-Boxset beherbergt sämtliche Smiths-Alben, also auch das Live-Dokument "Rank" und die geschätzten Kompilationen. "Was willst denn ausgerechnet Du noch Neues über die Smiths schreiben, Jan?" fragte kürzlich der jüngste meiner vier Praktikanten. "Keine Ahnung", sagte ich, "ich würde auch viel lieber etwas von Arne Willander oder Tobias Rüther zum Thema lesen, but what are you gonna do? Morrissey arbeitete mit Weltanklagen, doch ganz im Gegensatz zu dem Quatsch, den er heute in gnädig gewährten Gesprächsaudienzen mit beglückten Schmeichlern und Speichelleckern erzählt, wenn der Tag wieder mal zu lang wurde, nahm sich der eitle Sybarit damals nie selbst aus der Schusslinie: Die scheuen Küsse unter der alten Brücke, die Treffen am Brunnen und das gute Leben, das irgendwo da draußen auf ihn wartete - nichts konnte darüber hinwegtäuschen, dass der junge Stephen Patrick Morrissey rechtschaffen nach einem Ort für sich suchte - und diesen fand, indem er ihn erzwang. In vielen der flackernden, bebenden Stücke des Debüts "The Smiths" wurde das Dilemma der Adoleszenz beschrieben, doch Morrissey war bereits mit dem Gemüt eines alten Mannes geschlagen: "It just wasn't like the old days anymore/ No, it wasn't like those days/ Am I still ill?" Auf "Meat Is Murder" und "The Queen Is Dead" gab es mehr Kränkungen, Demütigungen, Entehrungen und kapitale Beschwerden, Johnny Marr spielte Gitarre wie ein Gott, Morrissey setzte sich mit Oscar Wilde und Wegen zum Ruhm zur Wehr, schrieb aber auch einen der deprimierendsten britischen Songs aller Zeiten: "I had a really bad dream/ It lasted 20 years, 7 months, and 27 days/ Never had no one ever." Meine liebste Smiths-LP, "Strangeways, Here We Come", hielt ich immer für bemerkenswert unterschätzt: Besonders "Paint A Vulgar Picture", "Last Night I Dreamt That Somebody Loved Me" und "Stop Me If You Think You've Heard This One Before" zählen zu den niederschmetterndsten, verbittertsten Aufzeichnungen des Patienten M.. Erst gestern erfuhr ich, dass es in den großen Elektrofachmärkten keine CD-Player mehr zu kaufen gibt. Meine alten Smiths-Schallplatten, deren Rillen man mit bloßem Auge kaum noch erkennen kann, schenke ich nun einem Menschen, der sie verdient.
"The Smiths" (10), "Meat Is Murder" (10), "The Queen Is Dead" (10), "Strangeways, Here We Come" (10), "Rank" (8), "Hatful Of Hollow" (10), "The World Won't Listen" (10), "Louder Than Bombs" (10) Jan Wigger


Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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Abgehört: Die wichtigste Musik der Woche
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"Abgehört" und "Amtlich" live
Jan Wiggers Playlist KW 42
  • SPIEGEL ONLINE
    1. The Bevis Frond: The Leaving Of London

    2. The Devil's Blood: The Thousandfold Epicentre

    3. Wolves In The Throne Room: Celestial Lineage

    4. King Crimson: Discipline

    5. Ina Simone And The Lonesome Thrones: Little Crane (Track)

    6. Townes Van Zandt: Our Mother The Mountain

    7. Mutter: Mein kleiner Krieg

    8. Ina Simone And The Lonesome Thrones: Envelopes (Track)

    9. Frank Sinatra: Sings For Only The Lonely

    10. D'Angelo: Voodoo

Andreas Borcholtes Playlist KW 42
  • SPIEGEL ONLINE
    1. Mutter: Mein kleiner Krieg

    2. Low: Nothing But Heart (Album-Track)

    3. Lana del Rey: Video Games (Single)

    4. Slint: Tweez

    5. Hardwater: Hardwater

    6. Cant: The Edge (Album-Track)

    7.Andrew Lloyd Webber, Tim Rice: Jesus Christ Superstar

    8. The War On Drugs: Slave Ambient

    9. Consolidated: Play More Music

    10. Twin Sister: In Heaven


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