Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche

Trotz Größenwahn, Stadion-Bombast und Konzeptkitsch: Das neue Coldplay-Album ist überraschend überzeugend, meint Andreas Borcholte und verflüchtigt sich mit PeterLicht aus dem Materialismus. Jan Wigger legt sein Schicksal in die Hände von Niels Frevert und mistet mit Real Estate den Dachboden aus.


Coldplay - "Mylo Xyloto"
(Parlophone/EMI, bereits erschienen)

Ein Konzeptalbum, echt jetzt? "Mylo Xyloto" erzählt in dankenswert kurzen 45 Minuten die Geschichte eines Liebespärchens, das es in einer düsteren, nicht allzu fernen Zukunft mit einer repressiven Gesellschaft aufnimmt, mitsamt Graffiti-Gangs und allem, was so dazugehört. Man denke: "West Side Story" trifft "Avatar". Vielleicht fliegt auch noch irgendwo ein pinkes Schwein vorbei, fährt ein bemalter Trabi durchs Bild. Aber bitte keine Parkas und Scooter: Im Gegensatz zu "Achtung Baby" hat "Quadrophenia" erst in zwei Jahren Jubiläum, das passt jetzt noch nicht. Kein Mangel an großen Gesten also auf Coldplays fünftem Album, wer hätte das gedacht. Sänger Chris Martin hatte angekündigt, man wolle einen großen Schritt Richtung Pop machen, denn schließlich müsse man sich in den Charts mit Jungspunden wie Justin Bieber messen. Okay, das klingt jetzt bedrohlich. Zum Glück beschränkt sich dieses Anbiedern an den Kiddie-Popzeitgeist auf einige wenige Akzente, zum Beispiel im hymnischen R&B-Beat von "Paradise" oder wenn Rihanna in "Princess Of China" vor einer Synthie-Wand mitsingen darf. Der Rest ist dann doch weniger Quantensprung als vielmehr der schön durchkomponierte, überall kompatible Breitwand-Rock, den die Band schon auf "Viva La Vida" perfektioniert hatte. "Achtung Baby"-Impresario Brian Eno bastelte als neuer Band-Guru auch wieder mit, damit alles schön hallt und alle übereinander geschichteten Lagen von Gitarren, Synthesizern und sonstigem Soundgeklimper zu jeder Zeit schön transparent sind. In "Every Teardrop Is a Waterfall" und "Major Minus" scheppern und splittern die Gitarren dann so schön, als hätte man sich nicht nur Eno bei U2 abgeguckt, sondern auch The Edge. Aber jetzt mal Hand aufs Herz: Es wäre ein Leichtes, dieses Album zu hassen, wie man alles hassen musste, was Coldplay seit "X And Y" veröffentlicht haben, einfach weil's zu hymnisch und so uncool ist. "Mylo Xyloto" legt dem gemeinen Kritiker zudem die Häme sehr nah, mit seinem prätentiösen Titel, dem Sci-Fi-Hippie-Artwork und den naiven Texten, in denen Martin versucht, sich eine rebellische, Teenie-gerechte Sprache abzuringen, woran er natürlich scheitern muss. Und dennoch, bei allem Ekel, staunt man, wie gut die Songs sind, wie nachhaltig die Melodien, wie engagiert und unsaturiert die Band sich nach einem zeitgemäßen Rocksound streckt - und bei aller Gigantomanie, bei allem Zu-viel-Wollen zu einem überraschend überzeugenden Ergebnis kommt. Music for the Masses. (6) Andreas Borcholte

Niels Frevert - "Zettel auf dem Boden"
(Tapete/Indigo, 4. November)

Nachdem ich die Arbeit an meiner Tabaluga-Basteluhr ("für unsere kleinen Freunde") endlich für beendet erklärt hatte, fiel mein Blick zurück auf das Cover von Niels Freverts neuer Platte "Zettel auf dem Boden". Es kann kein Zufall sein, dachte ich, dass Frevert hier derart deutlich auf Bill Callahans "Sometimes I Wish We Were an Eagle" verweist: Auch in diesem Jahr gelang Callahan mit "Apocalypse" wieder das beste Album weltweit, und Frevert, ebenfalls ein Freund von Brüchen, Uneindeutigkeiten und Dingen, die einem unvermittelt wie Sand durch die Finger gleiten, müsste Callahan allem Ermessen nach für einen epochalen Songschreiber halten. Deutschland ist ja schon längst nicht mehr zu retten, doch während die tätowierten Ischen mit Basedow-Augen und die jungen, ungeschlachten Bauernmädchen mit Metall im Gesicht und Raucherhusten im Endstadium (Parodien auf die menschliche Form!) zu Gefühlsterroristen wie Tim Bendzko, Johannes Oerding oder Philipp Poisel ihre Reizwäsche bügeln, hören wir lieber immer wieder "Zettel auf dem Boden". Im ersten Stück singt Frevert von Schlangenlinien, Fledermäusen, Flugzeugfahnen und einem Abend unterm Wasserturm: Mich erinnert das an den ganz frühen Lindenberg, an "Daumen im Wind", "Leider nur ein Vakuum" und "Bitte keine Love-Story", an etwas wahnsinnig Altes und Versunkenes. Auch "Blinken am Horizont" und "Küchensee" sind brillant, denn es gibt nichts Aufdringliches, nichts Belästigendes in Freverts Betrachtungen: "Scherben bringen Glück/ Und Glück bringt Scherben/ Und ich gehe und hole/ Besen und Feudel". Niels Frevert arbeitet langsam und mit Sorgfalt, er ist ein stiller Helfer, der die Vorzeichen unseres Schicksals wie beiläufig benennt. Sollten wir ihm trauen? "Aber niemand wird kommen/ Dich zu retten/ Wie einen Regenwaldquadratmeter/ Oder ein WWF-Tier." 17 Millimeter fehlten ihm zum Glück. (8) Jan Wigger

PeterLicht - "Das Ende der Beschwerde"
(Motor/Edel, 28. Oktober)

Ob's jetzt daran liegt, dass man die beiden Platten tagelang parallel gehört hat oder nicht: PeterLichts fünftes Album hat eine ganze Menge mit Coldplays fünftem Album (siehe oben) gemein, vor allem den für Coldplay normalen, für PeterLicht höchst irritierenden Willen zum Happy End, den schallernden Indie-Rock, der das Ganze beflügelt. Da denken Sie jetzt mal drüber nach, während ich weiterrede. "Du musst Dein Leben ändern" ist der Kernsatz dieses Albums, den der Künstler, der sich nervigerweise, feigerweise immer noch nicht von vorne zeigen mag, im Titelstück raushaut. Da waren dann die ersten gleich schlecht gelaunt, dachten an Sloterdijk und maulten, dass man so viel Heavy Philosophy doch keinem Pop-Album aufbürden könne. Sloterdijk hat's aber auch nur von Rilke, und das passt dann schon besser zu PeterLicht, der ja schon mit seinen letzten beiden Platten, "Lieder vom Ende des Kapitalismus" und "Melancholie und Gesellschaft" nach einem neu-romantischen Gemeinschaftsgefühl gesucht hat, angesichts eines Systems, das zusammen mit den internationalen Geldströmen den Bach runter geht. Was man ihm lassen muss: Wo die Occupy-Leute heute campen, hat er 2006 schon Songs geschrieben. So ist es denn auch nur logisch, dass er schon wieder ein paar Schritte weiter ist und sich nach dem Ende des Klagens und Jammerns, des Beschwerens sehnt. Das klingt dann manchmal wie Katy Perrys Stampf-Pop und hat Zeilen wie "Drum führ mich in die Nacht/ Führ mich raus/ Gib mir eine neue Idee/ Schaffen wir uns ab" ("Neue Idee"). Widerlich ja, aber irgendwie auch genial in seiner Transzendenz von Indie-Kanon und Glitzerdisco. Fliegende Adler und Delfine, auf die eine große Sonne scheint, die nebenbei auch noch "das ganze Geld" verbrennt, bevölkern Songs wie "Meine alten Schuhe", während im siebenminütigen Manifest-Gerumpel des "Fluchtstücks" die Aussicht auf ein neues, vielleicht richtigeres Leben propagiert wird: "Ich geb alles auf/ Ich verflüssige mein Festes/ Ich verkauf meine Sachen/ Ich verflüchtige mich" - Kapitalismuskritik 3.0. Sein iPhone soll man im gleichnamigen Song an der Biegung des Flusses vergraben, seine Kundenprofile zur Freibank tragen, sich einen Zuckerberg aufhäufen in unserer schönen neuen immateriellen Facebook-Welt. Losmachen, freimachen, abschütteln: "Ich wüsste niemanden, der sich selbst gehört", postuliert PeterLicht und schüttelt alle Datenschutzbedenken mit einem Satz in die Gleichgültigkeit ab. Sehr lustig. Musik dazu: Blumfeld, Tocotronic, New Order und, jubelnd, Coldplay - bisschen aufgemöbelt. Haben Sie fertig nachgedacht? Nein? Macht nichts. In ein paar Jahren werden wir wissen, was er mit all dem gemeint hat. (8) Andreas Borcholte

Real Estate - "Days"
(Domino/Goodtogo, bereits erschienen)

Woher weiß man, dass man alt geworden ist? Nun ja, vielleicht weil Roy Black angeblich wirklich schon 20 Jahre tot sein soll. Aber auch deshalb, weil man sich in der letzten Woche für die Macher von "neoParadise" auf ZDFneo geschämt hat, die Eva Padberg dazu zwangen, mehr als 20 Minuten lang einen Raum mit den "Kassierern" zu teilen. Weil Chris de Burgh noch immer Musik macht und auf seiner grausamen neuen CD "Footsteps 2" Karats "Über sieben Brücken musst du geh'n" covert (auf Englisch). Und weil Brian Wilson weiter stetig an der Zerstörung seiner eigenen Legende arbeitet: Die aktuelle LP "In The Key of Disney", auf der Wilson eine plötzliche geistige Verwandschaft zu Balu, dem Bären entdeckt, enthält mit "Heigh-Ho (Whistle While You Work)" - bereits bekannt in den Fassungen von Bruce & Bongo und den sieben Zwergen - den Tiefpunkt des Popjahres. Was sich nicht geändert hat: Die Rockjournalistenphrase, nach der Alben "daherkommen" (woher, weiß niemand), erfreut sich noch immer größter Beliebtheit. So kommt "Days" von Real Estate wie ein Amalgam aus den Feelies, Felt, The Church und The Sea & Cake daher, weshalb man auch beim Hören der Superhits "Green Aisles", "It's Real" und "Easy" jederzeit weiß, dass man die 35 überschritten hat. Klappt man das Digipack auf, sind sämtliche Mitglieder der Band lediglich als Schatten zu sehen, was ausgezeichnet zu den milchglasigen, sich nach unbekannten Orten sehnenden Songs passt, die auch C86 und das neuseeländische Liebhaber-Label Flying Nun streifen. "When you came back from the sea/ It's true you brought a melody/ I know it's hard, but just stay with me/ We've got a memory." Mehr muss man nicht wissen. (7) Jan Wigger


Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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