Leonard Cohen - "Old Ideas"
(Columbia/Sony, bereits erschienen)
Eigentlich wollte Leonard Cohen ja schon sein letztes, dann "Dear Heather" betiteltes Album "Old Ideas" nennen, aber er fand, dass es zu sehr nach einer "Best of"-Sammlung klingen würde. Das war vor acht Jahren. Heute ist Cohen sagenhafte 77 Jahre alt, und vielleicht ist es ihm inzwischen schlicht egal, wie irgendwas klingt. Vielleicht spürt er aber auch, dass es die letzte Gelegenheit sein könnte, diesen netten kleinen Joke mit den Marketingstrategen seiner Plattenfirma zu machen, denn, mal ehrlich, "alte Ideen", das treibt doch jeden Vermarkter auf den Fenstersims seines Eckbüros im 83. Stock. Man könnte dieses zwölfte Studioalbum in einer mehr als vier Jahrzehnte umspannenden Karriere also ein Alterswerk nennen und läge damit gleich mal so richtig daneben. Cohens Lyrik, und über Lyrik reden wir hier mehr als bloße Songs, haben längst Raum, Zeit und Körperlichkeit transzendiert, und niemandem dürfte das bewusster sein als dem in jüdischem Mystizismus und Zen-Meditation gleichermaßen bewanderten Cohen selbst. Die Themen seiner mit zunehmend sonorer, grabestief gewordenen Stimme vorgetragenen Lieder sind so universell wie die urtümlichen Gesänge von Liebe, Schmerz und Erlösung, die sich die alten Folkblueser einst beim Schuften auf den Baumwollfeldern oder beim Pilgern am Ufer des Mississippi vorgesungen haben. So universell, dass man sich sogar Jesus vorstellen kann, wie er, zerrissen zwischen keuscher Frömmigkeit und unbändiger Lust auf Maria Magdalena, in einer Lehmhütte sitzt und Cohen-Verse vor sich hin murmelt: "Had to go crazy to love you/ You who were never the one". Und Cohen, damals schon im ewigen schwarzen Anzug, sitzt draußen und zupft ein bisschen auf dem Banjo - been there, done that. Zwischen Heiligkeit und Höllentrieb schwanken diese uralten, durch jeden Zeitgeist hindurch aktuell gebliebenen "old ideas", manchmal bettelt Cohen Gott förmlich an, ihn auf den Weg ins Nirvana zu führen: "Tell me over and over/ Tell me you want me then", beschwört er in "Amen" und fordert im nächsten Song: "Show me the place/ Where the suffering began". Vielleicht, wenn man an den Ursprung des ganzen Elends zurück gehen könnte, vielleicht wäre dann ja alles anders, besser, leichter. Aber ach, wie langweilig wäre das denn!? "I caught the darkness/ Drinking from you cup/ I said: Is it contagious?/ You said: Just drink it up", lockt die unbekannte Schöne dann auch sogleich im "Darkness"-Blues mit offener Bluse und verrutschtem Rock, die süße Versuchung. Und dann, nur einen Song später, wenn der Rausch vorbei, der Trieb befriedigt, die Grundfarbe mal wieder von Rosa zu Blau gewechselt hat, ist die Zeit zum Bereuen gekommen: "I know you have to hate me/ But could you hate me less?", fleht Cohen in "Anyhow", wohl wissend: "I'm naked and I'm filthy/ And both of us are guilty/ Anyhow". Sie kribbeln und sie pochen noch, diese ganzen alten Ideen, die ollen Flusen und Flausen, die schwirren da immer noch herum. Und das einzige, was Leonard Cohen geblieben ist, das ist die Gelassenheit, dass es immer so war und immer so bleiben wird. He's our man, in Ewigkeit, Amen.
(9) Andreas Borcholte
Ulrich Schnauss & Mark Peters - "Underrated Silence"
(Bureau B/Indigo, 3. Februar)
Musik ist ja immer nur exakt so traurig wie der, der ihr gerade zuhört, doch bei den meisten der elf Tracks von "Underrated Silence" weiß man zuerst gar nicht, ob man lachen oder schluchzen soll. Der Remix-Künstler Ulrich Schnauss ist das, was Medientrottel einen "Soundtüftler" nennen. Er liebt Slowdive und die Cocteau Twins, aber auch flächige, ruhig fließende Elektronik, der es im Zweifelsfall egal ist, ob sie bloß als Hintergrundgeräusch Verwendung findet. Mark Peters führt die britische Band Engineers an, die sich seit drei Alben ebenfalls an Shoegaze, Dream Pop und anderen ätherischen Fluchtmöglichkeiten abarbeitet. Äußerst löblich: Die langerwartete Widmung an das - sehr, sehr gute - Antibiotikum "Amoxicilin" und "Ekaterina", eine nächtliche Überlandfahrt und sowieso ein wunderschöner Name. "The Messiah Is Falling" weht vorbei wie ein kalter Fallwind, und "Rosen im Asphalt" heißt so, weil... Nein, als Wolf-Maahn-Verehrer kann man sich Ulrich Schnauss nicht einmal im Traum vorstellen.
(8) Jan Wigger
Prinzhorn Dance School - "Clay Class"
(DFA/Cooperative Music/Universal, 3. Februar)
"I need the crisis in my life", singt, nein: spricht Tobin Prinz in "Crisis Team", einem der neuen Songs auf "Clay Class", dem zweiten Album des Duos Prinzhorn Dance School aus Brighton. Ein anderes Stück beginnt wie ein lebensbejahender Popsong: "I want you", säuselt Prinz unschuldig, aber dann kommt die Keule - "I want you/ Suffocate your soul". Dazu spielt der Bass stoische Repetitionen in Endlosschleife, sporadisch knatscht eine Gitarre spöde ins Geschehen - und manchmal keift Suzi Horn bekräftigend mit, wenn eine Aussage besonderen Nachdruck verlangt: "Your Fire Has Gone Out" zum Beispiel, die Titelzeile aus dem gleichnamigen Song, die zum militärischen Beat aufgesagt wird wie ein politisches Statement. Willkommen in der minimalistischen Welt der ersten Tanzschule, in der Tanzen streng verboten ist. Es sei denn, man bewegt sich dabei wie Ian Curtis selig, dann wäre man auch gleich in der richtigen Epoche, um zu würdigen, was Prinz und Horn mit ihrer Musik zelebrieren: The Fall, Wire, Gang of Four, Young Marble Giants, manchmal auch der statische Elektrofrost von Anne Clark - Englands politisch aufgeladener Postpunk der späten Siebziger und frühen Achtziger dient als Blaupause für den im Albumtitel annocierten "Töpferkurs" für eine Art Industrial Blues. 2007, als das Debüt der Prinzhorn Dance School bei James Murphy auf dem New Yorker Hipster-Label DFA erschien, wollte dieser aus Konsum- und Zeitgeistkritik gespeiste Retrosound so gar nicht zum tanzmuskelfixierten Artist-Roster passen, in dem Murphys LCD Soundsystem, The Rapture und Hot Chip den Coolness-Faktor vorgaben. Vier Jahre, in denen eine globale Finanz- und Wirtschaftskrise die Popgemeinde notgedrungen politisierte und harmlos-populäre Acts wie The xx einen neuen Zugang zu Melancholie, strenger Reduktion und Monotonie legten, könnten Prinzhorn Dance School schon eher einen Nerv treffen. Geändert hat sich ihr Sound seit ersten Manifesten wie "Black Bunker" oder "I Do Not Like Change" kaum. "Ursurper", das aggressivste Stück auf "Clay Class", könnte sowohl den Völkern Arabiens als Marschbefehl zur Revolution dienen als auch den Zeltnomaden der Occupy-Bewegung in den westlichen Großstädten. "Seed Crop Harvest" ist eine auch an anderer Stelle immer wieder variierte Agrar-Metapher auf den kapitalistischen Trott in den modernen Ackerfurchen, die heute Großraumbüros heißen. Frost, Winter, Dunkelheit dominieren die sparsamen, auf wesentliche Schlagworte reduzierten Texte, es ist eine mechanisiert-kalte Metropolis-Welt, die hier entworfen wird. In ihr, und damit schließt sich der Kreis von der bleiernen Zeit der britischen Thatcher-Jahre zu Angela Merkels eisiger Euro-Kontrollpolitik, ist die Krise so allgegenwärtig, dass man sie, um zu funktionieren, nur noch als erstickenden, aber notwendigen Bestandteil der Seele umarmen kann: Winter is here.
(8) Andreas Borcholte
First Aid Kit - "The Lion's Roar"
(Wichita/PIAS/Rough Trade, bereits erschienen)
Man mag die Zeile "I'll be your Emmylou and I'll be your June/ If you'll be my Gram and my Johnny too." ein wenig überspannt finden. Aber nur so lange, bis man das Video zu "Emmylou" gesehen hat, das man durchaus auch als tiefempfundenen Nachruf auf den großen Gram Parsons lesen kann - und das von zwei Blumenmädchen mit Feingold und Honig in den Stimmen, geboren in den Jahren 1990 und 1993. Die mal zarten, mal üppigen Songs der schwedischen Schwestern Klara und Johanna Söderberg wurzeln oft tief im melancholischen Country-Folk des alten Amerikas, einer Zeit also, die nicht einmal die Kurzfilme, in denen die Söderbergs blütenfarben verhüllt über Wald und Feld schweben, ausreichend einfangen können. "King Of The World" ist der große Kehraus: Die Felice Brothers, Conor Oberst und die beiden "Picnic At Hanging Rock"-Eleven, die sagen, dass sie nur traurige Songs singen können. Then we'll sweep out the ashes in the morning
. (7) Jan Wigger
Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)