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Abgehört: Die wichtigsten CDs des Jahres

Was bleibt am Ende eines jeden Jahres? Eine Handvoll Platten für die Ewigkeit. Auch 2006 hat SPIEGEL ONLINE die zehn wichtigsten CDs des Jahres ermittelt. Lesen und hören Sie heute Teil eins!

Joanna Newsom – "Ys"
(Drag City/Rough Trade)

Das Jahr 2006 mag kein überragendes Plattenjahr gewesen sein, aber es hat das neben Radioheads "Kid A" und Wilcos "A Ghost Is Born" bedeutendste und berührendste Album dieses Jahrzehnts mitgebracht: Die junge Harfenistin Joanna Newsom, meist zum sogenannten "Hippie-Folk" gerechnet, nahm mit Hilfe von Van Dyke Parks, einem dreißigköpfigen Orchester, Steve Albini und Jim O'Rourke fünf Songs auf, deren Perfektion und Strahlkraft ohne Beispiel sind. Obwohl Newsom viel kräftiger und bruchfester singt als auf ihrem zauberhaften Debüt "The Milk-Eyed Mender" und ihre Stimme majestätisch über den bis zu 17 Minuten langen Stücken thront, streitet man weiter über das wundervolle Organ der Kalifornierin. Der sonst sehr geschätzte "SZ"-Kritiker Karl Bruckmaier bezeichnete "Ys" als "prätentiösen Scheiß" und stand mit dieser Meinung allein auf weiter Flur.

Andere können ohne diese 55 Minuten nicht mehr leben und vermissen diese CD wie Joanna Newsom ihre Harfe, wenn diese mal ein oder zwei Tage nicht anwesend ist. Henry Miller schrieb einmal davon, wie es wäre, so unnütz wie möglich zu werden und sich ins Glück zu verlieben. Und diese Empfindung überwältigt einen nun beim Hören von "Ys" immer und immer wieder. Sprechen wir es gelassen aus: Ein Leben ohne diese Platte ist keines. (Jan Wigger)

Red Hot Chili Peppers – "Stadium Arcadium"
(Warner)

Neulich stellte jemand eine dieser typischen Medienleute-Fragen: "Sag mir mal ganz schnell einen Satz zu den Rolling Stones". Tja, und was sagt man da? "Größte Rockband der Welt, in Anbetracht ihres früheren Lebensstils erstaunlich lange im Geschäft", erwiderte dieser Rezensent. Der Satz tauchte wieder auf, als es um die erneute Rezension des Chili-Peppers-Albums für die Jahrescharts ging. Denn angesichts der Fährnisse (Drogenexzesse, Tod eines Bandmitglieds), denen die vier Kalifornier seit ihrer Gründung Anfang der Achtziger ausgesetzt waren, ist es schon mehr als erstaunlich, dass es die Band a) noch gibt und b) sie noch dazu von Album zu Album besser wird. Zumindest seit John Frusciantes Rückkehr. (Selbiges gilt leider nicht für die Stones, aber das gehört nicht hierher.) Mit "Stadium Arcadium", dachte man, würde der zweite Frühling der Peppers jäh enden: Ein Doppelalbum? Irrsinn, Hybris, Langeweile! 28 Songs später kratzte man sich etwas nervös am Kopf und legte CD 1 erneut in den Player. Los, nochmal, das konnte doch nicht wahr sein! Aber es ist so: Richtige Ausfälle gibt es auf "Stadium Arcadium" nicht. Vielleicht ein paar Füller, klar. Aber ansonsten: Das Ausgereifteste, Spielfreudigste, Musikalischste und Rührendste, was man von Kiedis, Flea, Chad Smith und Frusciante seit dem Triumph von "BloodSugarSexMagik" gehört hat – in epischer Länge und Breite. Gut, das mit der größten Rockband der Welt, das üben wir noch ein bisschen. Aber falls die Stones dann doch irgendwann mal abtreten sollten... (Andreas Borcholte)

Klez.E – "Flimmern"
(Loob Musik/Universal)

Inmitten der großen Hamburg-Platten von Blumfeld, Kante oder den Sternen schuf eine kleine Band aus Berlin am Laptop und am klassischen Rock-Instrumentarium unbemerkt ihr Opus Magnum. Die Stücke auf "Flimmern" sind genauso uneindeutig und opak wie der Bandname, der auf einen Computerwurm rekurriert, der den Rechner von Sänger Tobias Siebert befiel. Mit "Strandlied", "Tag im Fall", "Werbefläche Mond" oder "Center" hat Siebert ungezähmte, gleichzeitig zärtliche Songs geschrieben, die in allen Spektralfarben leuchten und auch dann noch da sind, wenn man Augen und Ohren so fest zuhält, dass es wehtut. "Du sagst, fühlst nichts/ und ich glaube dir das nicht/ Und ich glaube dir das wirklich nicht" singt Siebert in "Tag im Fall", während die Streicher weinen und das Lied darauf wartet, gleich loszubrechen. Ein Leben im Vakuum: Fast zu empfindsam, um wahr zu sein. (Jan Wigger)

Justine Electra - "Soft Rock"
(City Slang/Rough Trade)

In einer der zahlreichen Lobeshymnen, die im Sommer über Justine Electras Debüt-Album "Soft Rock" gesungen wurden, wurde ihr Sound als "verstörend betörende Musik, die vorher noch niemand gefunden hat" beschrieben. "All dem ähnelt nichts, was ich kenne", schrieb Jens Friebe ebenso erstaunt in der "taz". Tatsächlich ist der aus Australien stammenden Wahlberlinerin das Kunststück gelungen, in diesen von neuen Talenten und jungen Sängerinnen nur so wimmelnden Zeiten, mit einer eigenen Klangfarbe und einem eigenen Stil aus der Masse herauszuragen. "Laid back electro blues" nennt sie selbst diese irgendwie elektronische, irgendwie aber auch rockende, klampfende Lagerfeuermusik, die beruhigt und gleichzeitig aufwühlt, die von Scheidungs-Alltagsdramen, Sandmännern und Sternenlichtern erzählt. Bezaubernd ist nicht nur Justines somnambul vor sich hin mäandernde Stimme, betörend ist vor allem diese wahrlich unerhörte Musik, die ihr Gleichgewicht zwischen harmonischen handgemachten Klängen, irritierend hin und her sausenden Samples und statischen Synthie-Strukturen findet. Eine unaufgeregtere Platte, die so aufregend ist, gab es dieses Jahr wirklich kein zweites Mal. (Andreas Borcholte)

Kante – "Die Tiere sind unruhig"
(Labels/EMI)

Als Jochen Distelmeyer gerade die Arbeiten an den Texten zu Blumfelds Meisterwerk "Old Nobody" abschloss, hörte er erstmals den damals neuen Prefab-Sprout-Song "Prisoner Of The Past" und dachte: 'Abgefahren! Paddy McAloon arbeitet genau am selben Thema wie ich. Was für ein Zufall!' Als das ehemalige Blumfeld-Mitglied Peter Thiessen, Sänger, Texter und Gitarrist von Kante, die Arbeiten an den Texten zu "Die Tiere sind unruhig" abschloss und erfuhr, dass die neue Blumfeld-Platte "Verbotene Früchte" heißt, dachte er ebenfalls: 'Abgefahren! Jochen ist auch ganz nah dran an der Pflanzen- und Tierwelt. Was für ein Zufall!' Nun, um genau zu sein handelte "Die Tiere sind unruhig" ja dann doch eher vom Exzess, von der nahenden Apokalypse und vom Zweifel, der immer bleibt und einen bei aller Zerrissenheit immerhin daran erinnert, dass man noch am Leben ist. "Zombi" war elaboriert, bis ins Letzte ausgefeilt und hätte die Band fast gesprengt. Auf "Die Tiere sind unruhig" entdecken Kante zwar auch die neue Lässigkeit ("Die größte Party der Geschichte"), decken aber weiterhin unabwendbare Geistes- und Gefühlszustände auf: "Wenn die Person mit der du lebst/ Dich immer weniger versteht/ Und die Person mit der du schläfst/ Dich auf einmal nicht mehr erregt/ Wenn deine Tränen nicht mehr kommen/ Weil du dich für dich selber schämst/ Und selbst die Tränen fremd erscheinen/ Dann weißt du eines ganz genau/ Auch wenn's dir anders lieber wär'/ Dass das einfach die Wahrheit ist/ Und auch ein wenig lächerlich". The facts of life. (Jan Wigger)

Was, nur fünf!? Keine Sorge: Nächste Woche gibt es die zweite Hälfte der "wichtigsten CDs des Jahres" bei SPIEGEL ONLINE.


Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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insgesamt 109 Beiträge
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1.
Ryker 19.12.2006
---Zitat--- Das Jahr 2006 mag kein überragendes Plattenjahr gewesen sein... ---Zitatende--- Scheint ganz so. Von den hier vorgestellten Alben hat mich jedenfalls keines vom Hocker gehauen. Insbesondere was Joanna Newsoms "Ys" angeht haben mir bislang die Worte gefehlt. Mit "prätentiösem Scheiß" habe ich sie jetzt gefunden. Insofern trotzdem Danke! für den Artikel.
2.
Holly Golightly, 19.12.2006
"Der sonst sehr geschätzte "SZ"-Kritiker Karl Bruckmaier bezeichnete "Ys" als "prätentiösen Scheiß" und stand mit dieser Meinung allein auf weiter Flur." Nein, steht er nicht... Ich gönne jedem, der "Ys" großartig findet, die Freude an diesem Album; ich allerdings habe gegen Joanna Newsom, insbesondere wegen ihrer Stimme und Attitüde, eine Abneigung, die ich mir selbst nicht zufriedenstellend erklären kann. Für mich ist diese Platte eines der nervigsten Medienphänome dieses Jahres, nirgendwo wird man damit in Ruhe gelassen. Meine Platte des Jahres: My Morning Jacket - Z.
3. nysom
zitronenfalter, 19.12.2006
Ab sofort steht Karl Bruckmaier mit seiner Meinung nicht mehr allein da. Joanna Newsoms Problem ist überdies eine Stimme, die stets den Eindruck macht, als wolle sie das akustische Telekom-Logo als nervigste Trommelfellbelästigung aller Zeiten ablösen. Grüsse vom Zitronenfalter
4. Kann mich nur anschliessen...
katzenbob, 19.12.2006
Auch nach dem ca. 15 Durchlauf hat das Newsom-Album bei mir nicht gezündet, habe es bei ebay wieder verscherbelt... eigentlich steht Herr Bruckner nur in Kritiker-Kreisen ziemlich alleine da, was seine Meinung betrifft. In Hörer-Kreisen herrscht eher ein 3:1-Verhältnis contra Newsom vor. Vielleicht sollte Herr Wigger auch mal die Nutzerforen anderer Musikseiten studieren...
5.
Floersche, 19.12.2006
Hoffentlich ist im zweiten teil auch ein wirklich gutes album bei, von denen es dieses jahr durchaus welche gab. RHCP in den Top Ten........... ich kann es echt nicht fassen! Und ich dachte, "Wir sind Helden" im letzten jahr wäre nicht zu unterbieten!
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