Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche

Mama ist tot - und prompt liefert die Londoner Experimental-Band The Invisible ihr bisher bestes Album ab. The Walkmen beschwören ein verfallenes New York, die Beachwood Sparks dagegen die kalifornische Wüste. Und Guided By Voices? Trinken Alkohol, sehr viel sogar.

Von und Jan Wigger


The Invisible - "Rispah"
(Ninja Tune/Rough Trade, bereits erschienen)

Zunächst darf man froh sein, dass Invisible-Kopf und -Sänger Dave Okumu noch lebt. Der Londoner mit afrikanischen Familienwurzeln erlitt Ende Mai bei einem Konzert in Lagos, Nigeria, einen Starkstromschlag, der durch eine Gitarre in seinen Körper fuhr, beide Hände versengte und zu einem Beinbruch führte, als Okumu infolge des Schlags auf der Bühne stürzte. Glück gehabt. Umso inbrünstiger dürfte er bei künftigen Auftritten die Zeile seines neuen Songs "The Stain" hauchen, in dem es darum geht, wie flüchtig unsere Existenz auf Erden ist: "We only have one life/ We're only faded matter". Dass er selbst eine so existentielle Erfahrung macht, damit hatte Okumu sicher nicht gerechnet, seine Beschäftigung mit den letzten Fragen der Menschheit reicht indes einige Monate zurück. Rispah ist der Name von Okumus Mutter, die im vergangenen Jahr starb. Bei der mehrtägigen Beerdigungszeremonie kam er in Berührung mit traditionellen afrikanischen Gesängen und fühlte sich erleuchtet: "Sie sangen und tanzten um das Grab meiner Mutter und zelebrierten das Leben und den Tod, Hoffnung und Gram zugleich. Das erinnerte mich an alles, woran ich im Zusammenhang mit Musik glaube." Und das schlägt sich nun eindrucksvoll auf dem zweiten Invisible-Album, das den Namen "Rispah" trägt, nieder: Atmosphärischer, ambitionierter und vor allem spirituell entrückter als auf ihrem von der Kritik gefeiertem Debüt von 2009, strecken sich Okumu, Bassist Tom Herbert und Schlagzeuger Leo Taylor (der die Drums auf Adeles "Rolling In The Deep" spielte) nach einem originären Sound, der einen dicht gewebten Klang-Kokon schafft, gleichzeitig aber alle Sinne in Raum und Zeit öffnen will. Musikalisch agiert das Trio auf noch höherem Niveau als zuvor, driftet immer wieder in experimentellen Jazz und Math Rock ("Protection") ab, schielt mal etwas länger zu Radiohead oder TV On The Radio hinüber ("Utopia", "Lifeline") oder pflegt jene im Äther verhallende Balladerie, die James Blake massenkompatibel gemacht hat ("Surrender", "What Happened"). Der alternativrockende Dancepop von "London Girl" oder "OK", der das erste Album definierte, findet sich hier nur sporadisch, etwa im Depri-Groove von "The Great Wound" oder im Drumbeat-getriebenen "Wings". Aber das ist nur natürlich bei einem Überthema, das einen so persönlichen Verlust verarbeiten will. Die afrikanischen Chöre tauchen immer mal wieder am Ende der Songs auf - wie Geister, die uralte Tradition und moderne Rock-, Pop- oder Jazzmusik miteinander verknüpfen. Transzendenz also. Kann Musik mehr erreichen? Vielleicht. The Invisible jedenfalls haben erst mal das Maximum ihres derzeitigen Könnens ausgeschöpft. Good Grief. (7) Andreas Borcholte

The Invisible - "Wings"

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The Walkmen - "Heaven"
(Bella Union/Cooperative Musik/Universal, bereits erschienen)

We ain't going to a town, we're going to the city. Dieser verwaschene, altmodische, nachlässige, leiernde Sound, der Hall, der uns wärmt und die Schemen hinter der verschmutzten Acrylglasscheibe, wie lange verdrängte Szenen aus "Der letzte Mann" - The Walkmen sind zurück, und diese Band zu hören, ohne an ein altes, eingefallenes New York zu denken, ist beinahe so, als würde man Eliza Dushku anbeten, ohne jemals auch nur eine Season "Buffy" oder "Angel" gesehen zu haben. Hamilton Leithauser (früher Bob Dylan, heute er selbst) ist ein time traveler, dessen einzige Konstante es ist, die Jahre 1956 (brillant: "We Can't Be Beat"), 1959 ("Dreamboat"), 1967 und 1984 ("Nightingales") zu besuchen. Seine Schuhe sind ihm mehr wert als sein Haus, wie ein Wiedergänger von Greg Dulli flaniert er durch freudlose Gassen und zischelt leise Sentenzen vor sich hin: "Baby, it's the love you love/ Not me." So aufgeräumt und konzentriert wie auf "Heaven" klangen The Walkmen noch nie, was einerseits schade ist, andererseits aber Räume öffnet, die ganz neue Konnotationen und Subtexte entstehen lassen. Die entscheidende Frage aber ist: Hören wir diese Platte auch laut genug? Five by five. (7) Jan Wigger

Best-of "Abgehört"

Unsere wöchentlich aktualisierte Playlist

Beachwood Sparks - "The Tarnished Gold"
(Sub Pop/Cargo, erscheint am 29. Juni)

Nichts ist den Beachwood Sparks vermutlich egaler, als jetzt ständig in einem Atemzug mit Fleet Foxes, Bon Iver oder gar Grizzly Bear genannt zu werden. Die Vergleiche mögen zwar dazu führen, dass der eine oder andere Fan der oben Genannten erfolgreich medial in die Irre geführt wird - beim Hören von "The Tarnished Gold" wird der Anhänger des sogenannten Freak- oder Neo-Folks aber alsbald feststellen, dass Beachwood Sparks so gut wie nichts mit Folk zu tun haben, dafür aber umso mehr mit Country und guter, alter amerikanischer Rockmusik. Das soll keine Warnung sein, im Gegenteil: Musik wie diese wird viel zu wenig gespielt, auch wenn man angesichts speziell dieses Albums bemängeln könnte, dass an den Vorbildern wenig bis gar nicht gerüttelt wird. Beachwood Sparks haben Anfang des Jahrhunderts zwei hervorragende Alben veröffentlicht, die klangen, als seien sie 1971 im Gegenkultur-Camp von Laurel Canyon aufgenommen worden. Fanden Rock-Kritiker prima, interessierte sonst aber kaum jemanden unter dreißig, also löste sich die Band 2003 auf. Um jetzt mit einer beeindruckend lässigen Sammlung von neuen Songs wieder aufzutauchen - und immer noch exakt zu klingen wie einst die Byrds, die Flying Burrito Brothers, Crosby, Stills & Nash oder die Eagles. Aha, dann kann ich mir doch gleich die Originale anhören? Klar, könnte man und sollte man unbedingt (vor allem das Flying-Burrito-Brothers-Debüt "The Guilded Palace Of Sin", "Desperado" von den Eagles und natürlich "The Byrds"). Gram Parsons, früh verstorbener Canyon-Guru, Ur-Burrito, Ex-Byrd und Freund der Rolling Stones, nannte die Art Musik, die Beachwood Sparks mit enormer Kunstfertigkeit und brillantem Songwriting kuratieren, "cosmic american music". Da muss man ein paar Quaaludes und jede Menge Marihuana abziehen, aber dennoch atmet der Crossover aus Country, Hippie-Rock, Blues und ein bisschen Mexiko-Flair ("No Queremos Oro") die milde, nach Kakteen, Wüstenrosen und heißgebranntem Fels duftende Luft, die man ab und zu noch in Südkalifornien oder Nevada genießen kann. Dazu ein unglaublich blauer Himmel, das flüchtige, auch beängstigende Gefühl von Weite und Freiheit - und das wehmütige Bewusstsein, dass die Zivilisation all das mit Beton und Plastik zuschüttet und schon wieder nicht genug Kohle da ist, um damit Drogen und Alkohol zu kaufen - fürs süße Vergessen. "The Tarnished Gold", dieser angedengelte Goldnugget, ist eine Platte für Traditionalisten und jeglicher Hoffnung entrückte Sentimentalisten. Also topaktuell. (6) Andreas Borcholte

Guided By Voices - "Class Clown Spots A Ufo"
Robert Pollard - "Mouseman Cloud"
(beide: Fire Records/Cargo, bereits erschienen)

"It's gotta be five o'clock somewhere", murmelte Bob Pollard nach kurzem Schlaf und öffnete eine Flasche Single Malt. Beginnt so jeder verdammte Guided-By-Voices-Tag, den der Gehörnte werden lässt? "Was haben die Trinkgewohnheiten eines Musikers, den sowieso niemand kennt, mit der Musik zu tun?", fragt der erste besorgte Leser. In der Causa Guided By Voices: Alles! Ohne Alkohol kein "Alien Lanes", kein "Vampire On Titus", kein "Propeller", kein "Mag Earwhig!" und kein "Under The Bushes Under The Stars". Herr Engler, Herr Stadlober, ich darf Sie beruhigen: "Class Clown Spots A Ufo" ist eine hundertprozentige Guided-By-Voices-Platte, die zweite innerhalb von etwa sechs Monaten, und um die Plattenfirma noch ein wenig mehr zu verärgern, nahm Pollard nebenbei natürlich noch "Mouseman Cloud" auf, denn what are you gonna do, die Songs sind halt da und schon morgen könnte einen der nächstbeste Buick Roadmaster auf dem Weg zum Bäcker überfahren.

GBV-Skeptiker bemühen ja nicht selten das in unzähligen anderen Fällen gar nicht mal so einfältige Argument, dass eine karriereumspannende Mix-CD ("Guided By Voices - ihre größten Erfolge") es auch tun würde. Aber kennen Sie eine Mix-CD, auf die 500 Songs draufpassen? (Beide: 7) Jan Wigger

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insgesamt 2 Beiträge
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Seite 1
vini.de 26.06.2012
1. Beim Wigger zuhause ist ja musikalisch sehr bunt...
Herr Wigger, ich bin beeindruckt hinsichtlich Ihrer Playlist: schräg und abwechslungreich. Wie langweilig ist es dagegen bei mir: The La's wecheln sich gerade mit Fional Apple ab und dazwischen einmal Jean Pierre von Miles Davis - wie normal und langweilig! Ansonsten danke für die Anregungen, auch wenn ich mit Texten und Kurzhörproben nur selten wirklich weiss, ob sich eine Investition lohnt...
Markenfetischist 26.06.2012
2.
Na da werden sich die Herrenmenschen Pearce, Wakeford und Bunting bedanken, dass sie mit goldigen Hippies in einen Topf geworfen werden.
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