Abgehört - neue Musik Klubmusik für Ohrensessel-Abende

Starproduzent Jon Hopkins domestiziert Techno. Außerdem: Janelle Monáe ist die neue Prince, Eleanor Friedberger suhlt sich in Synthies, Rae Sremmurd laufen Trap-Langstrecke, Daniel Lanois trifft einen Berserker.

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Jon Hopkins - "Singularity"
(Domino/Goodtogo, seit 4. Mai)

Alle paar Jahre gerät die geschmackssichere Fraktion der Popwelt in Aufruhr. Haltet die Pressen an, ein neues Album von Jon Hopkins steht in den Startlöchern! Durchaus zu Recht, wie man festhalten muss: Niemand versteht es so gut wie der britische Produzent, Techno, den Kollektiv-Sound ohne Autorenmythos, zu einer persönlichen Ansprache zurechtzubiegen.

Das funktioniert, weil Hopkins seine Musik in etwa so aufbaut, wie Fernsehen in Ultra-HD aussieht: Mit der Akribie eines Kleingartenkolonievorstands zimmert der Teilzeitkollaborateur von Brian Eno und Coldplay technoide Klangwelten zusammen, die an Detailreichtum kaum zu überbieten sind. Sein 2013 für den britischen Mercury Prize nominiertes Album "Immunity", eine suggestive Reise durch eine MDMA-getränkte Partynacht, war so klar produziert, dass man beim Hören den Eindruck hatte, jeden Mitesser auf der Haut der Tanzenden zu sehen. Das ist schön und klingt mit Kopfhörern im Gegenwert eines Kleinwagens sicher atemberaubend. Ist im Ergebnis aber eine ziemlich paradoxe Nummer: Klubmusik für Ohrensessel-Abende mit dem guten Château Mouton im Anschlag.

Den sollte man nun auch für "Singularity" aus dem Keller (oder Späti) holen. Denn in den fünf Jahren seit "Immunity" hat sich wenig verändert: Hopkins fünftes Studioalbum ist erneut beleidigend gut produziert und in seiner Gänze eine wahre Lustreise für den chronisch überforderten Frontallappen. Mit allerhand Sehenswürdigkeiten am Wegesrand natürlich: Die Single "Emerald Rush" etwa groovt unverschämt komplex und doch eingängig irgendwo zwischen Techno und Dancehall herum. "C O S M" verdreht Saiteninstrumente im Stile Four Tets zu außerirdischen Signalen, "Luminous Beings" schrammt zwar knapp am Yogastunden-Soundtrack vorbei, beeindruckt aber mit mindestens fünf klanglichen Ebenen. Und dazwischen immer wieder: entschleunigte Meditationen zwischen pastoralen Chören und einem Piano, das klingt, als hätte man es samt Spieler in einer leeren Fabrikhalle vergessen. Nette Sache, keine Frage.

Das Problem: Hopkins sieht darin eine Reaktion, seine Version eines politischen Albums. Sie wissen schon: Brexit, Trump, der ganze andere Mist. "Singularity" setzt dabei auf die schlauste, aber wohl langweiligste Maßnahme: Erst mal tief durchatmen und in sich gehen. Die neun Songs basieren auf Hopkins' Faszination für Meditation und Naturheilkunde, wurden größtenteils mittels psychedelischer Drogen aus dem Medizinschränkchen von Mutter Natur geschrieben und sollen diesen Trip in 75 Minuten Musik nachzeichnen. Und damit, versteht man Hopkins richtig, so etwas wie Selbstheilung vorantreiben.

Ähnlich esoterisch klingt am Ende leider auch "Singularity", nach hübscher Musik, die hauptsächlich gedankenschwanger und bedenklich dekorativ um sich selbst kreist. Denn egal unter welchem Oberbegriff: Ignoranz ist auch keine Lösung. (6.5) Dennis Pohl

Janelle Monáe - "Dirty Computer"
(Bad Boy Records/Warner, seit 27. April)

"Let's get screwed/ I don't care/ You fucked the world up now, we'll fuck it all back down", singt Janelle Monáe, "sex crazy", wie sie sich gerade fühlt, in "Screwed", einem der besten Songs ihres neuen Albums. Vordergründig geht es hier tatsächlich um Sex, aber "getting screwed", das bedeutet im Amerikanischen nicht nur, durchgenudelt zu werden, sondern eben auch, im übertragenen Sinne gefickt zu werden. Ein tränenreiches Zitat der Feministin Gloria Steinem ("I'm just tired of being screwed") diente der 32-Jährigen aus Kansas City als Inspiration für eine der verführerischsten und aufrührerischsten Hymnen dieses beginnenden Sommers.

"Everything is sex/ Except sex, which is power/ You know power is just sex", erklärt sie, um dann, im nächsten Song, als raspelkehlig rappende "Django Jane" aufzutreten, die Männer zum Schweigen auffordert: "Let the vagina have a monologue". Das ist nicht nur ein sehr guter Hip-Hop-Track, das ist das feministische Ermächtigungsstück zu Kendrick Lamars "Sit down, be humble". Janelle Monáe wird zur "Jane Bond, never Jane Doe", die es mit Kungfu Kenny aufnehmen kann, wenn es um gesellschaftspolitische Relevanz und Virtuosität geht: Ihr fickt uns? Wir ficken Euch dreimal zurück: "And we gon' start a motherfuckin' pussy riot/ Or we gon' have to put 'em on a pussy diet".

Allerdings müsste sie dafür erst einmal so viel Aufmerksamkeit bekommen wie die Männer - oder auch prominente Kolleginnen wie Beyoncé, Solange und Rihanna. Mit "Dirty Computer", einem musikalischen und persönlichen Befreiungsrundumschlag, könnte das gelingen. Die anspielungsreichen, fantasievoll und provokant (Vulva-Hosen!) gestalteten Videoclips, die Monáe zu Singles wie "PYNK" (mit Grimes), "Screwed" (mit Zoe Kravitz) und "Make Me Feel" (mit echten Prince-Sounds) drehen ließ, erfreuen sich auf YouTube immerhin größter Beliebtheit. Dass Monáe inzwischen auch als Schauspielerin sichtbar ist ("Moonlight", "Hidden Figures"), hilft sicher auch, ihrer zuletzt etwas stotternden Popkarriere neuen Schwung zu geben.

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Weitgehend befreit hat sie sich von ihrem afrofuturistischen Alter Ego, das im schwarzen Männeranzug durch die Science-Fiction-Welten ihrer Alben "The ArchAndroid" (2010) und "The Electric Lady" (2013) führte. Janelle Monáe ist aus der Zukunft in eine Gegenwart zurückgekehrt, die zu ihren Empowerment-Utopien ein kleines Stück weit aufgeholt hat.

Andreas Borcholtes Playlist KW 19
SPIEGEL ONLINE

01 Childish Gambino: This Is America

02 Christina Aguilera feat. Ty Dolla $ign & 2 Chainz: Accelerate

03 Janelle Monáe feat. Zoe Kravitz: Screwed

04 Dirty Projectors: Break-Thru

05 Eleanor Friedberger: Are We Good?

06 Sophie Hunger: She Makes President

07 Lary: Das neue Schwarz

08 Stella Sommer: Light Winds

09 DJ Koze feat Róisin Murphy: Illumination

10 Jon Hopkins: Neon Pattern Drum

Diesen Fortschritt nutzt sie für euphorische, saftig übersexualisierte Pophymnen, die nicht im R&B- oder Hip-Hop-Terrain verhaftet bleiben wollen, sondern mit White-Soul aus den Achtzigern ("Take A Byte") und purem Prince-Funkrock ("Americans") aus dem kulturellen Käfig der "Black Music" herausdrängen. Zwingende Zeitgeistlogik: Wenn noch einmal jemand Genre- und Kulturbarrieren mit purem Sex und tollkühner Spielfertigkeit pulverisieren kann wie Prince und Madonna in den Achtzigern, dann eine furchtlos pansexuelle Ikone wie Janelle Monáe. Let's go sex crazy! (8.2) Andreas Borcholte

Rae Sremmurd & Swae Lee & Slim Jxmmi - "SR3MM"
(Eardrum/Interscope/Universal, seit 4. Mai)

Auf den ersten Blick möchte man alle Termine absagen und sich noch schnell eine frische Packung Zigaretten kaufen gehen: Es könnte mal wieder lang werden. 101 Minuten Spielzeit hat "SR3MM", das dritte Album des Rap-Duos Rae Sremmurd aus Atlanta. Zur Erinnerung: Das sind nur vier Minuten weniger als der abendfüllende Schinken, den Migos kürzlich mit "Culture 2" ablieferten.

Der feine Unterschied: Bei Rae Sremmurd kann man die Beweggründe dahinter nachvollziehen. Die beiden galten seit ihrem Debüt 2015 als so etwas wie die besonders inhaltsleere Version des ohnehin schon nicht für nuancierte Lyrik bekannten Trap-Genres - ein Eindruck, den "SR3MM" nun ausräumen soll.

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Ob die Rechnung aufgeht? Ansichtssache. Sicher ist zumindest, dass zumindest im Hip-Hop bisher niemand auf diese Weise versucht hat, einen bitteren Beigeschmack wegzuspülen: "SR3MM" umfasst nämlich ganze drei Alben, ein reguläres und jeweils ein Soloalbum der Sremmurd-Brüder Slim Jxmmi ("Jxmtro") und Swae Lee ("Swaecation"). Und um es gleich zu sagen: Überraschungen gibt es dabei keine.

Stattdessen klingen beide wie ein Fußnotenverzeichnis zum bekannten Sremmurd-Sound: Swae Lee kultiviert auf "Swaecation" seinen Future-R&B-Sound weiter, steht für gefühlige Beinahe-Emo-Momente und hat mit "Offshore" einen veritablen Zeitlupen-Pop-Hit in Bestform am Start (mit Young Thug). Slim Jxmmi hingegen rappt auf "Jxmtro" zu apokalyptischen Beats wie eine getunte Dampfwalze - und liefert standesgemäß ab: "Bxnks Truck" und "Chanel" (feat. Swae Lee & Pharrell) sind zeitgeistiger Trap in Bestform.

Abgehört im Radio
Mittwochs um 23 Uhr gibt es beim Hamburger Web-Radio ByteFM ein Abgehört-Mixtape mit vielen Songs aus den besprochenen Platten und Highlights aus der persönlichen Playlist von Andreas Borcholte.

Und das eigentliche Kernstück "SR3MM"? Klingt neun Songs lang ungefähr so, als hätte man die beiden Soloalben mit dem tontechnischen Schneebesen verrührt. Zwar werden auf Songs wie dem starken "CLOSE" (feat. Travis Scott) oder dem hypnotischen "Bedtime Stories" (feat. The Weeknd) vorsichtig neue Töne angeschlagen und auch die Three-6-Mafia-Verneigung "Powerglide" (feat. Juicy J) ist durchaus charmant.

Trotzdem wird "SR3MM" vor allem den Anlageberatern der beiden gefallen, weil es sich über die längste Strecke weiter am alten Erfolgsrezept entlang hangelt. Das ist schade: Die besten Songs der drei Alben hätten letztlich locker für ein herausragendes Album gereicht. (5.5) Dennis Pohl

Venetian Snares x Daniel Lanois - "Venetian Snares x Daniel Lanois"
(Timesig/Planet Mu, seit 4. Mai)

Der Reiz an dieser Verbindung ist ihre Unwahrscheinlichkeit. Viel weiter, möchte man meinen, können musikalische Welten eigentlich nicht auseinanderliegen: Daniel Lanois hat Peter Gabriels "So", "The Joshua Tree" von U2 und einiges von Brian Eno produziert. Aaron Funk stemmt unter dem Namen Venetian Snares seit 20 Jahren hyperkomplexen und -aktiven Breakcore in die Welt. Saturiertheit trifft auf Underground, das wäre das einfachste Ticket, auf dem diese Musik fahren könnte.

Aber darum geht es nicht. Schon der seit Anfang März kursierende Clip "Night" ließ erkennen, dass hier Geistesverwandtschaft vorhanden ist. Man sieht zwei Männer einander gegenübersitzen, weltabgewandt über ihre Apparaturen gebeugt, der eine mit einer Steel Guitar vor sich, der andere an vielen, vielen Knöpfchen drehend. Gefunden haben sich die beiden in der Technik und im Material. Man kann "Venetian Snares X Daniel Lanois" auch als Einspruch gegen die Segmentierung von Musik in Genres und Ränge (Mainstream/Underground) verstehen. Was vor allem funktioniert, weil die Tracks die naheliegende Gefahr des Gimmickhaften umschiffen. Es geht darum, zwei Pole zueinander in Spannung zu setzen, um etwas zu schaffen, was einer allein nicht bewirken könnte.

Der Streicherpomp, der den betonten Wahnwitz vieler Venetian-Snares-Tracks ansonsten untermalt, wird durch Lanois' improvisierte und analoge Ambient-Flächen ersetzt, die an sein letztes Soloalbum "Goodbye To Language" anknüpfen: Geisterklänge treffen auf den Versuch, so viele Schläge wie möglich in großer Dichte und Geschwindigkeit miteinander zu verbinden.

Es machen also beide das, was sie immer schon gemacht haben, und zumindest in dieser Hinsicht ist das alles so aufregend nicht. Aber der martialische Gestus ist mit einem Mal weg - verschwunden zugunsten einer geradezu fragil wirkenden Zartheit, die, bei aller ausgestellten (und manchmal auch nervtötenden) Virtuosität, immer wieder aufscheint. "My Love Is A Bulldozer", hieß eine der letzten Venetian-Snares-Platten, die Schönheit dieser Tracks aber liegt in der Ruhe, mit der Lanois in den Dominanzwillen der Musik von Aaron Funk hineinwirkt, um den Sounds andere Entfaltungsmöglichkeiten zu eröffnen. Es ist die Verwandlung von musikalischem Überwältigungsdonner in etwas Anderes, Freundlicheres. (7.0) Benjamin Moldenhauer

Eleanor Friedberger - "Rebound"
(Frenchkiss Records, seit 4. Mai)

Mehr camp geht gerade nicht: "Nice To Be Nowhere", ein besonders charmanter, sonnendurchfluteter Song auf Eleanor Friedbergers viertem Album, beginnt mit einem dieser endlos gehaltenen Synthie-Akkorde, die man zuletzt bei Hue & Cry gehört hat. Dazu puckert dann alsbald ein Farfisa-Preset-Rhythmus, der den Zuhörer geradewegs ins Jahr 1985 versetzt: Zu Cock Robin und dem Schweizer Duo Double und zu China Crisis. Wer alt genug ist, das alles noch zu kennen: Ihr wisst Bescheid. Alle anderen: Viel Spaß beim Entdecken des saturierten Achtzigerjahre-Pop, bei dem man sich nie sicher sein konnte, ob er Kapitulation oder Dekadenz darstellte. Wahrscheinlich beides.

Eleanor Friedberger aus Brooklyn entdeckte die schön wabernden Synthie-Wölkchen 2016 bei einem Trip nach Griechenland, dem Land ihrer Vorfahren. In Athen geriet sie eines Nachts in einen Klub namens "Rebound", wo die seit einiger Zeit im mediterranen Raum populären Billiginterpretationen von Goth-Pop und New Wave gespielt wurden. Und das Publikum tanzte dazu den Ententanz, jedenfalls geht so die Legende. "Rebound", also Rückprall, heißt nun auch Friedbergers erstaunliches, aber sehr einnehmendes neues Album, auf dem sie ihren bisherigen Laurel-Canyon/Fleetwood-Mac-Sound gegen Italo-Pop und Eighties-Prunk tauscht. "Slowly Early Spring" klingt wie eine alte Moroder-Nummer der Band Berlin, gekreuzt mit Gazebos "I Like Chopin". "Are We Good" übersetzt Donovans "Hurdy Gurdy Man"-Anmutung in einen ihrer bisher tanzbarsten und fröhlichsten Songs. "I'll go to ZZ Top and lose my mind", singt sie darin.

Puh, ja. Aber es gibt ja noch die wie immer klug-sarkastischen Texte, die, wie schon auf den vorherigen Alben, Privates in Reisetagebuchform ausloten und reflektieren. Es geht um das süße Gefühl der Auflösung und Transzendenz, wenn man in fremden Ländern damit kokettiert, jemand ganz anderes sein zu können. "My Jesus Phase" atmet diesen Entdeckergeist in einem "Universe far from Home"; "The Letter", "In Between Stars" und "Make Me A Song" - die Höhepunkte der Platte - diskutieren mit einem offenbar verflossenen Lover, der räumlich weit entfernt scheint, aber als dunkler Melancholieschatten die Urlaubssonne verdunkelt, die mit pastellfarbener Eiscremesüße durch Friedbergers Lieder wirken will. Ach, wie schön, im sonnigen Nirgendwo zu sein und sich in unschuldigere Zeiten zurückzudösen. (7.7) Andreas Borcholte


Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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insgesamt 3 Beiträge
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hans_selig 09.05.2018
1. Venetian Snares x Daniel Lanois
Ok, das was die beiden abliefern schafft Aphex Twin seit über 25 Jahren auch allein...
eingangrad 09.05.2018
2. Entschuldigen Sie...
Ich Sitz gerade mit zwei Freunden zusammen, wir gehen später in die Philharmonie nach Köln, Wolfgang Voigt, GAS-sie wissen schon. Bei Ihrer Kritik zu John Hopkins, liegen sie so was von daneben.
sekundo 10.05.2018
3. Wohin Sie gehen
Zitat von eingangradIch Sitz gerade mit zwei Freunden zusammen, wir gehen später in die Philharmonie nach Köln, Wolfgang Voigt, GAS-sie wissen schon. Bei Ihrer Kritik zu John Hopkins, liegen sie so was von daneben.
oder mit wem Sie zusammensitzen, will doch keiner wissen. Weshalb Sie aber die Kritik zu John Hopkins bemängeln, schon!!
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