Abgehört - neue Musik Milchsuppe, Mod-Großvater, milde Bestie

Paul Weller findet den inneren Druiden auf seinem neuen Album "True Meanings", Soundterrorist Yves Tumor entdeckt den Stadionrock, Low den experimentellen Noise. Außerdem: Weißbrot-Funk von Jungle.

Von und


Paul Weller - "True Meanings"
(Parlophone/Warner, ab 14. September)

Da ist es dann also doch, das Alterswerk: Zuletzt lobten wir Paul Weller noch als den vielleicht einzigen Sänger seiner Generation, der eine sentimental journey nicht nostalgisch zurück, sondern nach vorne blickt. Im Mai wurde Weller, Modfather, britische Stilikone und Ex-Linker, dann 60 Jahre alt - und es hat ganz offensichtlich etwas mit ihm gemacht.

"True Meanings", das neue Album des immer produktiven, nie stillstehenden Musikers, ist ein von irischer und schottischer Folklore sowie amerikanischem Country und Soul inspirierter Trip in die Innerlichkeit, eine akustische Entdeckungsreise in die Gewerke seiner Seele. Es schmachten die Streicher, es klimpern die Gtarren, Bläser lehnen sich in einen kontemplativen Takt. Hier mal ein Mellotron, dort mal ein Cello - ansonsten reicht Wellers geschmirgelte, zu seinem neuen Weißschopf passende Stimme völlig aus, um diese Songs zu tragen.

Es ist nicht so sehr eine Rückkehr zu "Wild Wood", seinem besten Album der Neunzigerjahre, wie man angesichts dieser Erdig- und Holzigkeit vermuten könnte: Damals hatte sich Weller, von privaten Rückschlägen gebeutelt, im Dickicht des Lebens verloren und zerfetzte Sonnenblumen in Seelennot. Heute gleitet er weiser und abgeklärter über diese labyrinthischen Wälder hinweg, erhebt sich pastoral über die "Gravity", sieht beim Vorbeischweben ein paar "Old Castles", winkt dem Geist von "Bowie" mit einem gehauchten Glamrock-Derivat "Ah-Huuuh" zu und gibt ihm auf dem Weg ins Jenseits mit: "Live and learn that love is not unkind." Schon fast großväterlich, der Dadrocker.

Seine neue Rolle als vergeistigter Folkbarde steht ihm blendend, wenn er sie in kristallin-zarten Songs wie "Aspects" oder im sanft gleitenden "The Soul Searchers" spielt. Da ist Weller ganz nah bei seinen eigenen Klassikern. Aber es irritiert schon schwer, wenn "Wishing Well" plötzlich nach Neil Young klingt oder "May Love Travel With You" sich sentimental zu Burt-Bacharach-Bombast empor schwelgt. Auch die "White Horses" am Schluss wirken ein bisschen arg abgeritten.

Immerhin: Dem Kitsch verfällt Weller hier streckenweise, der Nostalgie aber dann doch nicht. "True Meanings" ist der Statusreport einer Seele, die in turbulenter Weltlage einen thoreauschen Frieden mit und in der Natur gefunden hat. "I've got love all around/ I don't need nothing else", singt er in "Movin' On". Und träumt sich mit einem beherzten "Sha-la-Laa" auf Streicher-Schwingen davon. Wohin? Das nächste Album kann schon wieder zornig sein. (7.3) Andreas Borcholte

Yves Tumor - "Safe In The Hands Of Love"
(Warp/Rough Trade, seit 6. September, CD/LP ab 12. Oktober)

Erst ganz am Ende, im kaskadierenden "Let The Lioness In You Flow Freely", lässt Yves Tumor tatsächlich die Bestie raus. Wer der experimentellen Noise- und Clubmusik-Szene folgt, kennt und fürchtet den nach Europa ausgewanderten US-Musiker aus Tennessee. Bei seinen Konzerten, gerne in post-industriellen Gewölben wie der "Säule" im Berghain, lässt er einen so infernalischen Schocklärm auf sein blitzartig desorientiertes Publikum los, dass man gar nicht mitkriegt, wie sich Tumor längst von der Bühne oder DJ-Kanzel unters Völkchen gemischt hat und nichts ahnende Konzertbesucher von hinten anspringt.

Da kommt es dann auch mal zu - natürlich künstlerisch intendierten - Handgemengen und Rangeleien. Das sind adrenalinsatte, höchst beunruhigende und disruptive Performances mit Folter-Flair, die Genres wie Rock und Pop sprengen und bis auf ihre Essenz aussaugen - und deshalb gehört Tumor, der außerdem ein brillanter Musiker ist, zusammen mit Daniel Lopatin (alias Oneohtrix Point Never) und Dominick Fernow (Vatican Shadow, Prurient) zu den zurzeit wendigsten Figuren dieses Genres.

Andreas Borcholtes Playlist KW 37
SPIEGEL ONLINE

Playlist auf Spotify

 1 Paul Weller: Aspects

 2 Thom Yorke: Suspirium

 3 Tamino: Habibi

 4 Yves Tumor: Licking An Orchid

 5 Julia Holter: I Shall Love 2

 6 Puce Mary: Red Desert

 7 Tim Hecker: This Life

 8 Marie Davidson: So Right

 9 Say Lou Lou: Golden Child

10 Jungle: Happy Man

Umso überraschender, dass der Afroamerikaner nun, für sein viertes Album, den verstörenden Lärm zurückdrängt, um mit ebenso erstaunlicher Feinfühligkeit seinen Seelenzustand zu offenbaren. "Faith In Nothing But Salvation" eröffnet diesen epischen Trip mit einer Jazzbläser-Ouvertüre, bevor "Economy Of Freedom" sich auf glitschige Minimal-Beats und Geistersounds reduziert, als müsse sich der von inneren Dämonen und gesellschaftlicher Repression gegängelte Spirit des Künstlers erst aus einem dunklen Verlies ans Licht arbeiten.

"Honesty" rattert und flattert auf Achtzigerjahre-Presets aus dem Analog-Synthesizer zu einem ambienten, aber doch gehetzten Techno-Track, bis "Noid" schließlich die bisher gedämpften Vocals nach vorne lässt und mit einem echten Refrain ("911… can't trust them") von Polizeigewalt gegen Schwarze erzählt. Musikalisch bewegt sich das zwischen Neunzigerjahre-Hip-Hop und Industrialrock, ein politisch bewegter Groove, der an Adam Sherburnes Band Consolidated erinnert, aber ganz und gar nicht antik wirkt.

"Licking An Orchid" (mit Sängerin James K.) ist eine nahezu reine Pop-Ballade über sexuelles Verlangen, wenn das durchdringende weiße Rauschen nicht stören würde: Lust und Leid liegen bei Yves Tumor immer nah beieinander, der Körper wird ständig bedroht, penetriert, geschunden und geschliffen. Im theatralischen Zentrum des Albums, dem dystopischen Spoken-Word-Monstrum "Hope In Suffering (Escaping Oblivion & Overcoming Powerlessness)" (feat. Oxhy und Puce Mary) wird die eigene Haut zur letzten Bastion gegen eine "world in delusion and might", eine potente, flexible Waffe, die aber auch Gefahr läuft, kastriert zu werden. Ob als Selbstkasteiung oder Tortur, bleibt dabei offen.

Der Feind könnte immer auch das eigene Ich sein, suggeriert Tumor im "Recognizing The Enemy", einer auf Violinen und Schlagwerk reduzierte Emo-Indieballade, die sich ebenso wie zuvor "Lifetime" mit aufwallendem Pathos zur Stadionhymne ermächtigen will. Das ist keine Clubmusik mehr, das öffnet sich und seine ganze Brüchigkeit der Masse.

Aber man zögert, dieses in emotionalen Ambivalenzen taumelnde, nach Angstschweiß gierende DIng aus Sound und Stimmen Pop zu nennen. Denn man ahnt, dass der bestialische Lärm ständig hinter jeder Sicherheit und Vertrautheit verheißenden Melodie lauert. Diese nervöse Spannung macht "Safe In The Hands Of Love" zu einem der aufregendsten Alben des Jahres. (9.0) Andreas Borcholte

Low - "Double Negative"
(SubPop/Cargo, ab 14. September)

Vom zwölften Album einer Band verspricht man sich erst einmal nicht viel Umwerfendes, sondern schöne Routine. Auf den letzten drei Platten hatten sich Low dann auch schon mal mit gediegenen Songs in Richtung Alterswerk gespielt. Späte Alben, die vor allem Lust machten, die frühen wieder mal zu hören. Mit "Double Negative" war also nicht zu rechnen.

Das Trio hat seinen langsamen, minimalistischen Indierock ein Vierteljahrhundert nach dem Debüt "I Could Live In Hope" noch einmal in etwas anderes verwandelt: Alles strebt hier in die Fläche. Die Gitarre ist weitgehend weg, die elf Songs setzen sich zusammen aus Geräuschschichten, Distortion, winzigen Melodien, der lakonischen Stimme von Alan Sparhawk und dem glockenhellen Gesang von Mimi Parker. Es rauscht und flirrt und bollert und pulsiert in jedem Song in einem ganz anders spröden Rhythmus - und klingt dabei oft mehr nach Experimental- als nach Rockmusik.

Wie organisch und einander trotzdem widersprechend hier Störgeräusch und Melodie zusammenfinden, das ist schon singulär; als müssten sich die Gesänge verteidigen gegen diese Klänge. Auf "The Son, the Sun" zum Beispiel, einem dreiminütigen Stück Ambient aus Noise und ätherischen Stimmen, das spürbar werden lässt, wie ernst Low es meinen - und die Menschen offenbar als sehr erlösungsbedürftig wahrnehmen.

"I'm tired of seeing things", heißt es gleich im ersten Lied, "Quorum". Diese Musik erzählt von Erschöpfung und vom Verschwinden, bei maximaler Präsenz noch des kleinsten Soundfitzels, und steht dabei fast durchgängig unter großer Spannung. In dem vergleichsweise gelösten "Dancing and Fire" wird aber auch so etwas wie Zuversicht kommuniziert: "It's not the end/ It's just the end of hope". Die Zeile klingt in diesem Rahmen tatsächlich aufmunternd!

Low spielen auf "Double Negative" eine Musik, die alles Schlimme von der Seele abschaben will und weiß, dass das gar nicht geht. Aber dankenswerterweise versucht sie es trotzdem. (8.5) Benjamin Moldenhauer

Jungle - "For Ever"
(XL/Beggars, ab 14. September)

Muss man misstrauisch werden, wenn Musiker über ihr neues Album sagen: "Diesmal geht es um echte Emotionen"? Worum ging es denn dann vorher, wenn man sich mal darauf verständigt, dass es bei Musik immer vorrangig um Gefühle und Empfindungsvermittlung geht? Die beiden Briten Josh Lloyd-Watson and Tom McFarland sind nette Kerle aus der Londoner Mittelklasse Hammersmiths, daher will man ihnen nichts Böses unterstellen, außer vielleicht eine gewisse Klotzköpfigkeit. Als Jungle veröffentlichten sie 2014 ein Album voller Blue-Eyed-Funk, wobei man das zunächst nicht wusste, weil sie ihre Whiteness in ersten Videos ("Busy Earnin'", "The Heat") hinter schwarzen Tänzern verborgen hatten und anonym blieben.

Abgehört im Radio
Mittwochs um 23 Uhr gibt es beim Hamburger Web-Radio ByteFM ein Abgehört-Mixtape mit vielen Songs aus den besprochenen Platten und Highlights aus der persönlichen Playlist von Andreas Borcholte.

Der Ruch der kulturellen Aneignung afroamerikanischer Narrative und Zeichen haftet seitdem an ihnen, auch wenn sie sich in den Jahren danach zu einem bis zu achtköpfigen, vor allem live gefeierten Pop-Act entwickelten. "For Ever" ist, nach längerer Pause, ihr zweites Album.

Die Songs darauf handeln von der - letztlich bitter gescheiterten - Suche nach privatem Glück unter kalifornischer Sonne. Das Ganze solle sich anhören wie eine "post-apocalyptic radio station playing break up songs", sagen die beiden Liebeskummer-Patienten. Man weiß nicht genau, was das bedeuten soll, außer es verbirgt sich darin vielleicht die Sehnsucht, dass nach dem jüngsten Gericht nicht mehr so erhitzt über identity politics diskutiert wird wie heute. In jedem Fall stellt man sich post-apokalyptische Musik aufregender, disruptiver und weniger entspannt vor als diese erstaunlich hüftsteif dahinpluckernden Trennungslieder.

Wobei man wieder bei den "echten Emotionen" wäre, die sich in den Falsett-Chören von Watson und McFarland einfach nicht offenbaren wollen. "Heavy California" zumindest schöpft aus dem Kontrast aus laid back und Herzeleid eine schön melancholische Hookline. "Happy Man" ist ein gelungener "Busy Earnin'"-Aufguss - und "Home" lässt den ewigen Discogroove zur Abwechslung mal zugunsten einer annähernd berührenden Ballade weg. Auch "More And More It Ain't Easy" lässt ahnen, dass der behäbig köchelnde Funk-Eintopf bei aller Tendenz zur faden Milchsuppe auch Soulfood-Potential haben könnte.

Aber Jungle sind dann eben doch nicht die an Daft Punk geschulten Bee Gees des 21. Jahrhunderts, sondern ein letztlich viel zu kontrolliertes und perfektionistisch designtes Update der Average White Band. (5.0) Andreas Borcholte

Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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insgesamt 2 Beiträge
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ambulans 11.09.2018
1. schnarch -
dieses aktuelle werk vom godfather of mod, ex-jam-paule, zu auch nur irgendwas hochzujubeln, nervt definitiv. als ich wieder aufgewacht bin und mich erinnert habe, dass sich die hier (?) allseits bekannte gazette namens "mojo" bereits darum publizistisch gekümmert hatte (noch mal kurz vorm brexit richtig zuschlagen), fiels mir buchstäblich wie schuppen von den ... dr. ambulans (alle kassen), definitively not amused ...
popeypope 11.09.2018
2. #5music
The GTL, eine anonym bleibende Künstlerin, die unter ähnlichen Pseudonymen seit 2011 einige digitale Alben herausbrachte, produzierte 2017 bzw. 2018 erstmals eines auf Vinyl. Früher waren es vage, minimalistisch gehaltene Rhythmus-Strukturen und -Experimente, überlaufend zu ambient-endlosen, etwas neben der Spurlaufenden House-Tracks, bis hin zu einer Art repetitivem Funk-Techno, im Grunde alles nur zusammengehalten von Katzen-Fotos. Wie verlautbart, handelt es sich allesamt um Katzen aus dem Haushalt der Künstlerin. Letztendlich setzt "Future In The Sky" am Vorgänger-Album "Night Madness" nahtlos an. Nichts von den neun Tracks klingt sonderlich exaltiert, fremd- oder neuartig. Die eigentliche Grundlage bilden flächig-idiosynkratische Synthesizer-Sounds oder Sample-Zusammenstellungen, montiert zu Akkordfolgen fernab von komplizierten Melodien, die dann irgendwann von pumpenden Moog- oder E-Bässen und diversen Bass-Drums, immer wieder neu angeschoben werden. Dazu gesellen sich eine Reihe klassischer Disco- und Funk-Elemente wie Cowbells, Handclaps sowie seltene Vocal-Samples, die im Groove-Raum herumschweben. Allen Tracks gemein ist die Repetition, die wohl selbst für Club-Verhältnisse mitunter zu wenig Abwechslung bietet, und die absichtlich altmodisch gehaltene Produktion. Jedes einzelne Stück ist ein "Simple Piece Of Art", ein irgendwie mehr oder weniger weicher, an manchen Stellen unbearbeiteter Klotz an Rhythmus und Sound, dem man wohl nur aus der eigenen Erfahrung heraus eine Verwandtschaft zu House und Funk ansehen kann. Dabei ist das Ganze hintersinniger, als man auf den ersten Blick glauben mag. Selbst das Motto "Future In The Sky" scheint bezogen auf eine glänzende Zukunft im Himmel verführerisch zu sein, wie die fünf Katzen auf dem Frontcover andeuten, deren Blick nach oben voller Erwartungen zu sein scheint. Aber am Ende lautet der Titel des letzten Tracks "Humble Earthiness" (das beste Stück auf der Platte), und auf der Rückseite werden die Katzen entspannt herumliegend gezeigt: Die Erwartung ist dann doch einer entspannten Ernüchterung gewichen - falls die Zukunft eben nicht im Himmel liegt, dann doch eher in einer bescheidenen Erdverbundenheit. Insofern liegt das Beste an dem Album an der feinen Ironie, der innewohnenden Ambivalenz, der Möglichkeit, es abtun zu können als irrelevant, als etwas minimal-bizarr-groovige Clubmusik, oder eben als Werk jener Ambivalenz ausdruckverleihenden Künstlerin, die sich selbiger bewußt ist. Es gibt dazu von ihr an keiner Stelle konkrete Aussagen, und so wird es wohl auch bleiben. Das einzig Persönliche sind die Danksagungen an die Cover-Modelle. 6.5. Vertrieb via Bandcamp.
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