Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche

Die Lichter, der Schnee, der Sturm! Die japanische Postrock-Band Mono begeistert ohne Worte. Die Schweizerin Anna Aaron lotet Seelenabgründe aus, Divine Fits sind tatsächlich eine Supergruppe. Und David Byrne bleibt auch mit St. Vincent er selbst.

Von und Jan Wigger


Mono - "For My Parents"
(Temporary Residence/Cargo, 7. September)

Aus Gründen, die ich an dieser Stelle nicht ausführen möchte, bezeichne ich die elfminütige Mono-Symphonie "Ashes In The Snow" auf Nachfrage gern als wichtigsten Song meines Lebens. Der See des Daseins ist voller Salzwassertränen, sagen Mono, und dass wir uns einfach zu dem Mädchen legen sollen, das auf dem Grund des Ozeans schläft und geduldig darauf wartet, uns in ihrem Traum zu treffen, in der Mitte der Welt, an allen Orten, zu jeder Zeit. "For My Parents" enthält fünf sehr lange Stücke, und alle sind zum Sterben schön. Noch immer verschmelzen Gitarrenkaskaden und herzerweichende Streicher zu einem einzigartigen Klagegesang, einer Überlandfahrt von Akita nach Nagoya, und natürlich kann diese Musik, kann eine fahle Widmung wie "For My Parents" nur aus Japan stammen, dem Land, das alle Erinnerung sepiafarben koloriert und aufhebt in Filmen wie Shinji Aoyamas "Eureka" oder Yasujiro Ozus "Equinox Flower". Man komme mir gern mit Mogwai, Godspeed You! Black Emperor, A Silver Mt. Zion oder Rachel's, ich schenk' Euch all die Platten, wenn ich dafür nur noch ein letztes Mal "Unseen Harbor" hören, das Feld beackern und die Tsugaru-Straße sehen darf. Auch die Herrlichkeit von "Dream Odyssey", das auf Ausbrüche monumentalen Ausmaßes verzichtet, ist ganz sie selbst, gehört nirgendwo hin, was nach wie vor auch daran liegt, dass Mono auf Worte verzichten: Die reichen Landschaften, die weißen Lichter, der Schnee, der Sturm ("Nostalgia") und die fremden Schatten: Alles unbeschreiblich, ungeläufig, bodenlos. Und hart, wenn man die Liebe kennt. (8.7) Jan Wigger

Anna Aaron - "Dogs In Spirit"
(Two Gentlemen/Rough Trade, 7. September)

Ach ja, die Schweiz. Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich noch nie da war, in weiter Ferne so nah. Gerade neulich wurde mir aber von Heimkehrern eines Zürich-Urlaubs erzählt, dass - in der größten Stadt der Schweiz - alle Menschen so erschreckend adrett und durchtrainiert seien. Nur Ordentlichkeit und Schönheit, Reichtum, überall. Als prinzipiell missgünstiger Deutscher denkt man da sofort: Aha! Aber hinter der Fassade: wehe, wehe. Und dann kennt man Sophie Hunger, so ein nettes, adrettes Mädchen aus der Schweiz, die in ihren Liedern aber tief blicken lässt. So tief, dass es schmerzhaft schön ist. Die ehemalige Philosophie-Studentin Anna Aaron hat bei Sophie Hunger schon mal im Vorprogramm gespielt, macht auf Fotos ebenfalls einen manierlichen Eindruck und ist fähig, ein ähnliches, erstmal unzielgerichtetes Sehnen in ihrer Musik auszudrücken. Das ist aber auch schon der Gipfel der Gemeinsamkeiten, damit jetzt nur bloß kein Ignorant auf die Idee kommt, Anna Aaron sei die nächste Sophie Hunger. Unsinn. Céline Meyer, wie sie eigentlich heißt, hat andere, vielleicht noch tiefere Abgründe als ihre inzwischen auch über die Grenzen der Kantone hinaus erfolgreiche Kollegin. Und sie hat andere musikalische Einflüsse. "There's a devil inside me", singt sie in "Sea Monsters" und drischt dabei so beherzt auf ihre Klaviertasten ein, dass die erschrocken in einen dringlichen Galopp verfallen. Tori Amos, Heart, Crosby, Stills & Nash, Jesus Christ Superstar und Heavy Metal, so gegensätzlich sind die Stile, die man aus Anna Aarons Songs heraushören kann. Das Schlüsselstück "King Of The Dogs" beginnt mit Ben-Folds-Piano auf einem ausdrucksstarken Bass, man glaubt, die Hippie-Hymne "Age Of Aquarius" herauszuhören. Doch kaum hat man diesen absurden Gedanken zu Ende gebracht, verfällt der Song in brachialen Punkrock, die Drums rasen, Aaron schreit und heult sich zu einem eindrucksvollen Crescendo, bis es plötzlich wieder ganz still und getragen wird, ein auf und Nieder der Emotionen fast wie in einer klassischen Suite. Mythologische Sirenen und biblische Figuren wie Elijah und David bevölkern Aarons musikalische Ausgrabungsstätten der Seele, immer wieder auch der Teufel ("In The Devil's Camp"). Es scheint um die Suche nach Halt zu gehen, ein Tasten nach Religion, Folklore und Musik aus den sechziger und siebziger Jahren, die von Aaron mit fieberhafter Intensität und grandiosen Pop-Refrains zu einem bedrohungsschwangeren Album über die Orientierungslosigkeit und Verletzlichkeit der Um-die-Dreißigjährigen von heute umgedeutet wurde. "Trouble is always out there waiting, falling is always possible", heißt es in "Queen Of Sound". Die Dornenkrone hat sie auf dem Covermotiv gerade abgenommen, das Blut ist noch frisch. (7.9) Andreas Borcholte

Best-of "Abgehört"

Unsere wöchentlich aktualisierte Playlist

David Byrne & St.Vincent - "Love This Giant"
(4AD/Beggars/Indigo, 7. September)

Aus Gründen, die ich an dieser Stelle nicht weiter ausführen möchte, sah ich, der hate boner der Herzen, mich vor kurzem gezwungen, eine Geburtstagsparty mit lauter Menschen aufzusuchen, die erst nach dem Mauerfall geboren wurden. Ich betrat die mir bis dahin noch fremde Wohnung ordnungsgemäß mit den Worten "Daddy's home!" und händigte höflich mein Geschenk aus: Die Doppel-Live-LP "The Name Of This Band Is Talking Heads", denn junge Frauen haben heutzutage ja wieder Plattenspieler. "Ist was Altes, oder?", meinte ein Bart-und-Mützen-Typ zu mir, dann lief wieder Frittenbude. Warum erzähle ich das? Vielleicht weil ich bis auf "Speaking In Tongues" wirklich jedes Talking-Heads-Album abgöttisch liebe, "Love This Giant" aber bloß, nun ja, respektieren kann: Für seine Intelligenz, seine Cleverness, seinen Kunstwillen, seine ausgefallenen Arrangements und ja, meinetwegen auch für John Congletons Beats und die brass section, die die Färbung dieses auf geradezu diabolische Art und Weise vielseitige Projekt (köstlich: "Who"!) entscheidend bestimmt. Selbstverständlich sieht David Byrne auf dem Cover schon aus wie seine eigene Wachsfigur, doch Witz und Scharfsinn sind unbeschädigt: "I used to think that I should watch TV/ I used to think that it was good for me/ Wanted to know what folks were thinking/ To understand the land I live in/ And I would lose myself and it would set me free." Zu Annie Clark (St.Vincent) bleibt zu sagen, dass man auch hier nicht unbedingt zum Fan wird, wenn einem die Stimme schon vorher nicht viel gab. Dafür eine Rezension ohne jegliche Depri-Passagen, oder? Also ich find's geil! (6.9) Jan Wigger

Divine Fits - "A Thing Called Divine Fits"
(Anti-/Indigo, bereits erschienen)

Wenn ich das Wort Supergroup höre, wird mir übel. Cream (Egoschweinbombast), Traveling Wilburys (Hat Bob Dylan da wirklich mitgemacht!?), Power Station (Alles, was grässlich war an den Achtzigern) Audioslave (Rage against Chris Cornell), SuperHeavy (Murks mit Mick) - die Liste der blöden Ideen ist endlos: Nur weil sich möglichst viele berühmte, im besten Fall talentierte Leute in einem Studio zusammenrotten, muss ja noch lange keine gute Musik entstehen. Ausnahmen bestätigen die Regel: Crosby, Stills, Nash & Young, The Bad Seeds, Electronic, Mad Season, Wild Flag - und jetzt, zum Glück, Divine Fits. Zwischen Britt Daniel (Spoon), Sam Brown (New Bomb Turks) und Dan Boeckner (Wolf Parade, Handsome Furs) scheint die Chemie gestimmt zu haben, denn zusammen ist ihnen eines der interessanteren Rockalben des Jahres gelungen, das sich in Sound, Attitüde und Pool der stilistischen Einflüsse sehr wohltuend vom Hipness-Diktat der Brooklynites abhebt. Das wirklich Interessante: Wie geht der kühle Pop-Dekonstruktivismus von Daniel mit den eher leidenschaftlichen Rock-Hymnen Boeckners zusammen? Besser als erwartet: "My Love Is Real" ist auf flächigen Achtziger-Synthpop-Rhythmen aufgebaut und klingt wie ein sicherer Hit, den sich Robert Smith für schlechte Zeiten aufbewahrt hat. Gleich danach ändert sich die Tonart mit "Flaggin' A Ride" beträchtlich, einer aufs Wesentliche reduzierten, gemächlich tuckernden Poprock-Miniatur irgendwo zwischen Corey Hart und Kings of Leon. Ähnlich unterschwellig sexuell kommt auch "Would That Not Be Nice" daher, der mit seinem markanten Blues-Gitarrenriff und trällernden Keyboards vielleicht beste Song des Albums neben dem komplett auf Drum Machine und Stakkato-Synths aufgebauten "The Salton Sea". An die besten Alben von Spoon reicht "A Thing Called…", das von Nick Launay (Nick Cave) produziert wurde, nicht heran. Und doch ist es beruhigend zu wissen, dass es Bands gibt, die sich selbstbewusst in eine Reihe mit Prefab Sprout, Crowded House und den Go-Betweens stellen. Und sie wollen sogar weiter machen. In diesem Fall: Gute Idee. (7.2) Andreas Borcholte


Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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vini.de 04.09.2012
1. ...und was ist mit Mr. Zimmerman?
Die neue Dylan gehört doch wohl in "die wichtigsten Cds der Woche"? So einfach sollten SIe die nicht ignorieren... und Cream waren soo mies nun auch nicht, konnten die doch wenigstens handwerklich eniges bieten, was heute nicht von allen, die hochgeschreiben werden, behauptet werden kann.
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