Abgehört - neue Musik Duppy, das lustige Rap-Gespenst

Schön, diese Hip-Hop-Soap: Alles über Pusha T, Kanye West, ein geschmackloses Coverfoto und den Beef mit Drake. Außerdem neue Alben von A$AP Rocky, Father John Misty und Natalie Prass.

Von und


Pusha T - "Daytona"
(Def Jam/Universal, seit 25. Mai)

Noch nicht mal 24 Stunden brauchte der kanadische Superstar-Rapper Drake Ende vergangener Woche, um auf den Disstrack "Infrared" von Pusha Ts Album "Daytona" zu antworten, mit dem eleganten, aber geschliffenen "Duppy Freestyle", der mit einem herrlich genervten Seufzer beginnt: "Also schön...".

Auf Twitter ging's daraufhin rund. Ein User schrieb lakonisch: "Someone said Drake's sigh is deeper than Pusha T's album". Das tut natürlich weh, denn so schnell und wendig wie sein jüngerer Kollege aus Toronto ist Terrence LeVar Thornton, 41, schon lange nicht mehr. Geschlagene drei Jahre brauchte der Hip-Hop-Veteran aus der Bronx, um endlich sein neues Album herauszubringen. Das Kuriose dabei: Es ist nur 21 Minuten lang und umfasst nur sieben Tracks, nicht etwa 28 auf 80 Minuten wie heute üblich im modernen Trap-Rap-Game. Diese sieben Tracks haben es aber immerhin in sich. Produziert von Kanye West, dessen Label G.O.O.D. Thornton leitet, gehören sie zum Besten, was das Genre dieses Jahr bis jetzt hervorgebracht hat.

Das liegt vor allem an Kanye, der mit clever gesetzten Soul-Samples, irren Soundspielereien und gewarpten Beats daran erinnert, dass sich hinter all den Schlagzeilen über Trump-Kumpanei, Geisteskrankheit und/oder Größenwahn immer noch einer der talentiertesten Hip-Hop-Produzenten verbirgt. Ihn hier zum ersten Mal seit "The Life of Pablo" in solcher Hochform zu erleben, weckt erst recht die Neugier auf Wests eigenes Album, das am kommenden Freitag erscheinen und ebenfalls nur sieben Tracks enthalten soll.

Auf Pusha Ts drittem Album hält sich Ye als Rapper zurück, nur in "What Would Meek Do" einem Track, der einerseits den inhaftierten Rap-Kumpel Meek Mills huldigen soll und sich andererseits wortreich über Lästerer und Neider, "Niggas talkin' shit", ereifert, knattert Kanye ein paar Reime über "MAGA caps" und sein öffentliches Image herunter: "You gotta watch who you callin' crazy".

Um mehr als hier rhetorisch ein paar Pflöcke einzuschlagen, gegen jeden, der es wagt, gegen Pusha T auszuteilen oder nicht über dieselbe Realness zu verfügen, geht es auf "Daytona" aber leider nicht. Abgesehen freilich davon, noch einmal die ganz alte Geschichte über den vermeintlichen Ghostwriter von Drake von vor drei Jahren aufzuwärmen. Zeitdiagnostische Aussagen zur gesellschaftlichen Misere oder Politik? Nuh-Uh! Stattdessen elaboriert Pusha im hart Slang-codierten, kunstvoll verschleppten Boom-Bap-Flow von "If You Know You Know", "The Games We Play" und "Hard Piano" (mit Rick Ross) über seine gute alte Zeit als, eben, Koks-Pusher - und tut dabei so, als wäre er immer noch der harte Straßenhaudegen. Dabei sitzt er seit Jahren im Chefsessel von Wests Mini-Plattenfirma, und das einzige weiße Pulver, das er zu Gesicht bekommt, ist Papierstaub, der aus Verträgen rieselt.

Andreas Borcholtes Playlist KW 22
SPIEGEL ONLINE

Playlist auf Spotify

1 Father John Misty: Mr. Tillman

2 Paul Weller: Aspects

3 Charles Watson: Voices Carry Through the Mist

4 Natalie Prass: Short Court Style

5 Anderson.Paak: Bubblin

6 Boy Azooga: Face Behind Her Cigarette

7 Pusha T: If You Know You Know

8 A$AP Rocky: Purity feat. Frank Ocean

9 Jenny Hval: The Long Sleep

10 Kamasi Washington: Fists of Fury

Auch in "Come Back Baby" geht es nur zurück in die Vergangenheit: Kongenial von West mit einem schmalzigen George-Jackson-Sample verzahnt, rekapituliert Pusha seine Beziehung zum Blow, als wäre er die Afroamerika-Variante von "Scarface" Tony Montana. Zu dieser Drogenmob-Romantik passt dann auch "Santeria", der einzig missratene Track des Albums, der Pushas verstorbenem Freund De'Von Pickett gewidmet ist. Wieder rettet Kanye, was zu retten ist und gibt der Newcomer-Rapperin 070Shake einen betörenden Showcase-Refrain auf Spanisch.

Kein so gutes Händchen hatte West allerdings bei der kurzfristig-spontanen Wahl des Covermotivs: Für 85.000 Dollar kaufte er das Foto mit dem von Drogen- und Medikamenten übersäten Boudoir von Whitney Houston, was zwar für zusätzliche Album-PR sorgte, aber natürlich von haarsträubender Geschmacklosigkeit zeugt. Pusha T passte Kanyes Alleingang auch nicht: West hätte viel zu viel Geld für das Foto bezahlt, meinte er angeblich. Und jetzt bitte wieder Drakes deepen Seufzer einspielen.

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Ein "Duppy" ist im jamaikanisch-karibischen Slang übrigens ein böser Geist aus der Vergangenheit, der einen heimsucht und piesackt. (7.7) Andreas Borcholte

Father John Misty - "God's Favorite Customer"
(Bella Union/Pias, ab 1. Juni)

Wenn es nur nach dem Tequila-Konsum ginge, sagte Josh Tillman dem "Uncut"-Magazin neulich, dann wäre dieses neue Album sein "Tonight's the Night". Also ein Pendant zu Neil Youngs brüchig-intimer Aufarbeitung der Drogentode zweier enger Freunde, ein Meilenstein der Rockgeschichte. Natürlich eine dieser Nebelkerzen und Glamourbomben, die ein Pop-Schamane wie Tillman gern wirft, um Verwirrung zu stiften, bloß nichts zu konkret werden zu lassen und die eigene Position zu überhöhen.

Dabei gibt sich Tillman auf seinem vierten Album als Father John Misty geradezu demütig und bescheiden. Gerade mal ein Jahr ist seit seinem Opus Magnum "Pure Comedy" vergangen, einer sarkastisch-grandiosen Zustandsbeschreibung der amerikanischen Untergangsgesellschaft. Es war der Moment, als die Kasperletheaterfigur des Folk-Freaks Father John Misty ins Rampenlicht einer größeren Bühne trat.

Abgehört im Radio
Mittwochs um 23 Uhr gibt es beim Hamburger Web-Radio ByteFM ein Abgehört-Mixtape mit vielen Songs aus den besprochenen Platten und Highlights aus der persönlichen Playlist von Andreas Borcholte.

"I'm in over my head", ihm wachse das alles über den Kopf, klagt Tillman nun ganz kleinlaut in der Piano-Ballade "The Palace", die er, wie die anderen Songs von "God's Favorite Customer", binnen weniger Wochen einsam in einem Hotelzimmer geschrieben haben will. Irgendetwas Einschneidendes ist passiert im Leben des ehemaligen Fleet-Foxes-Drummers, der sich als Songwriter-Guru mit Siebzigerjahre-Grandezza neu erfunden hat, darauf geben Songs wie "The Palace" oder "The Songwriter" und das Titelstück in schönster Elton-John-Epik zahlreiche Hinweise. Bissiger und burlesker wird es in "Hangout at the Gallows", "Mr. Tillman" oder "Please Don't Die", die hart mit der extravaganten Persönlichkeit des Fathers ins Gericht gehen, der im vergangenen Jahr auf seinem selbstbesoffenen Höhenflug offenbar viel emotionales Porzellan zerschlagen hat.

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Ob es um eine nachhaltige Erschütterung in der Ehe mit seiner aus "I Love You Honeybear" vertrauten Gattin Emma geht, erfährt man nicht. Und dennoch kam man bisher wohl noch nie näher an den echten Josh Tillman heran, als in diesen durchweg aufwühlenden und privat wirkenden Liedern, die den Maximalmaßstab von "Pure Comedy" auf den Mikrokosmos einer übel zugerichteten Seele hinunterbrechen. Insofern stimmt der "Tonight's The Night"-Vergleich natürlich: "God's Favorite Customer" ist Tillmans Kater-Album, ein dramatisches Zwiegespräch mit der conditio humana und dem eigenen Superego. Aber auch im ernüchterten Zustand liefert er natürlich eine sehr gute Show. (8.2) Andreas Borcholte

A$AP Rocky - "Testing"
(A$AP Worldwide/Polo Grounds/RCA, seit 25. Mai)

Titel, die niemand gewinnen will: A$AP Rocky ist der wohl beste Rapper ohne ein einziges herausragendes Album. Traurig, aber wahr: "Live. Love. A$AP", das 2011 erschienene Durchbruch-Mixtape des New Yorkers, ist bis heute das beste Stück Musik seiner Karriere. Die beiden folgenden Alben waren hingegen hauptsächlich gut gemeint - und mittelmäßig gemacht.

Entsprechend lastet ein immenser Druck auf seinem dritten Soloalbum. "Testing" könnte die letzte Möglichkeit sein, einer größeren Öffentlichkeit zu beweisen, was er selbst schon längst zu wissen glaubt: dass er in Sachen Pop mit den ganz Großen tanzt. Wer nun jedoch ein Sicherheitsalbum mit dem Anlageberater als Co-Songwriter erwartet, wird eines Besseren belehrt. "Testing" rückt die in Rockys Musik schon immer gegenwärtige Tendenz zum Experimentellen konsequent in den Vordergrund. Klar ist dabei zunächst nur eins: So ein Hip-Hop-Album hat es noch nicht gegeben.

Das liegt hauptsächlich daran, dass Rocky seine Features ungefähr so auswählt, als wollte er eine Panini-Sticker-Sammlung der wichtigsten Szenefiguren komplettieren: Frank Ocean, FKA Twigs, Andrew Van Wyngarden (MGMT), Puff Daddy, Snoop Dogg, Dean Blunt, Juicy J, Moby, Kid Cudi, Lauryn Hill (!), Blood Orange oder Playboi Carti sind nur einige der auf "Testing" vertretenen Kollaborateure.

Das Problem: Anders als viele seiner Kollegen nimmt Rocky die Sache mit der Zusammenarbeit bierernst. So gut wie jeder der zahlreichen Gäste darf seine Einflüsse mehr oder weniger ungefiltert in seinen Sound hereintragen. Und so klingt "Testing" am Ende auch: Mutig, divers und wahnsinnig eklektisch. Aber eben auch wie ein mit grobem Besen zusammengekehrtes Zufallsprodukt.

Das muss nicht zwingend schlecht sein: Wenn Rocky brüchig zu Gitarre-im-Nebenraum-Sound im Stile Frank Oceans singt, zeigt das eine beeindruckende künstlerische Entwicklung. Überhaupt gibt der bisher notorische Gockel vor allem im letzten Drittel des Albums, in "Changes" und dem Album-Highlight "Purity" (feat. Frank Ocean), einen ungeahnten Einblick in sein Innenleben.

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So blitzt in diesen 52 Minuten immer wieder auf, dass in Rocky viel mehr Potential steckt, als er in den letzten Jahren zu zeigen in der Lage war. Für ein Meisterwerk bleibt "Testing" jedoch zu oft im Konjunktiv. Mit anderen Worten: Rocky bleibt Titelverteidiger. (7.5) Dennis Pohl

Natalie Prass - "The Future and the Past"
(ATO Records, ab 1. Juni)

Ohne Zwischenfälle geht es bei Natalie Prass anscheinend nicht. Ihr letztlich hervorragendes Debüt-und Breakup-Album lag geschlagene drei Jahre in Matthew E. Whites Spacebomb-Studio herum, bis es 2015 endlich erschien. Den Nachfolger hatte Prass, eine Songwriterin aus Richmond, Virginia, bereits so gut wie fertig, als Donald Trump die US-Wahl gewann. Geschockt entschied sich Prass, noch einmal alles umzuschmeißen und neue Songs zu schreiben.

"The Future and the Past" sollte dazu dienen, sie und ihre von den aktuellen politischen Entwicklungen gleichermaßen gebeutelten Mitbürger aus der Depression zu holen, beschreibt sie es im Begleittext zum Album: "I needed to make an album that was going to get me out of my funk, one that would hopefully lift other people out of theirs, too, because that's what music is all about." Na klar.

Und mit welcher Musik holt man Menschen am besten aus dem funk? Natürlich mit Funk, mit Grooves und sanft schwingenden R&B und Soul. "Short Court Style", "Never Too Late" und das zu Solidarität ermunternde "Ain't Nobody" klingen wie tolle, verschollene Singles von Janet Jackson aus den Neunzigern, "Oh My", ein nachdrücklicher, süßlich gekiekster Seufzer der Verzweiflung, eröffnet das Album mit zackigem weißem Soulfunk aus der Hall-&-Oates-Schublade. Die Ballade "Lost" bildet das zwischen Isaac-Hayes-Schmelz und Country-Flair flirrende Zentrum dieses beseelten Albums.

Trotz aller aus dem Zeitgeist geschöpften Dringlichkeit entwickelt "The Future and the Past" nicht den umwerfenden Effekt, den "Natalie Prass" einst hatte. Vielleicht liegt es an der immer schwierigen Verquickung privater Befindlichkeiten mit politischer Awareness. Aber auch die stilistische Geschlossenheit des Debüts geht verloren, wenn Prass sich in "The Fire" oder "Nothing To Say" allzu plakativ in Achtzigerjahre-Mainstream-Pop vorwagt - oder mit dem marschierenden "Sisters" im Niemandsland zwischen allen Genres und Pop-Epochen landet. "You gotta keep your sisters close", singt sie darin. Vielleicht hätte sie das auch in Bezug auf ihre Inspirationen und Einflüsse geltend machen sollen. (6.0) Andreas Borcholte

Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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