Abgehört - neue Musik Die hohle Entertainment-Show

Robbie Williams will mit seinem neuen Album zurück auf den Pop-Thron - warum nur verzeiht man dem "Heavy Entertainer" auch gröbsten Unfug? Außerdem: Elektro-Country von Lambchop und Frankfurter Techno-Schule.

Entertainer Robbie Williams
Sony Music

Entertainer Robbie Williams

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Robbie Williams - "The Heavy Entertainment Show"
(Sony Music, ab 4. November)

Über diese Piano-Melodie… muss man schon ein bisschen nachdenken, bis man drauf kommt, dass das Intro zu "Heavy Entertainment Show" an "Feel" erinnert, einen der größten Hits von Robbie Williams. Aus dem Jahre 2002. Damals, vor fast 15 Jahren, befand sich Williams auf dem Zenit seines Erfolgs. EMI hatte ihm die damalige Rekordsumme von 80 Millionen Pfund für die Erneuerung seines Plattenvertrags auf den Tisch gelegt, der Boyband-Aussteiger füllte Stadien, hatte mit einem Swing-Album auch das ältere Publikum für sich begeistert - alles, was Robbie anfasste, verwandelte sich in Gold.

Und das blieb - überraschenderweise - auch so, als Songwriter-Partner Guy Chambers im Streit ging und die Musik immer egaler, wenn nicht ungenießbar wurde - von "Intensive Care" (2005) bis "Take The Crown" (2012): alles verschnulzter, zu Pomp und Popanz aufgeblasener Mist, der sich immer weniger im Glanz vergangener Williams/Chambers-Hits verstecken konnte. Die ganz große Kohle floss nicht mehr, die Stadien wurden auch mal Hallen - und der Pop-Zeitgeist begann sich vom Superstar des beginnenden Millenniums abzuwenden, fair enough. Trotzdem: Auch ein missratenes Experimental-Album wie "Rudebox" verkaufte sich allein in England noch über zwei Millionen Mal. Robbie Williams hat so viele Charts-, Tour- und sonstige Pop-Rekorde gebrochen, dass einem schwindelig werden könnte. Und er ist immer noch da. Und will schon wieder neu angreifen.

"The Heavy Entertainment Show", so hieß auch schon mal ein recht bitterer und düsterer Song, den Williams vor zwei Jahren auf der B-Seiten und Outtakes-Compilation "Under The Radar Vol. 1" veröffentlichte, eine Platte, die nie offiziell in den Handel kam. Inzwischen hat er Universal Music für einen hohen Millionenbetrag für Sony verlassen und sich mit Guy Chambers ausgesöhnt. Wie er selbst sagt, tritt er an, um den Menschen ein Gemeinschaftserlebnis zurückzugeben, das er selbst aus seiner Kindheit erinnert, als große Musik-Shows im Fernsehen noch "30 Millionen Zuschauer" fesselten. Welche er damit genau meint, weiß man nicht. Elvis Presleys globales Massenevent "Aloha from Hawaii" fällt einem ein, aber da war Williams, heute 42, noch gar nicht geboren.

Ist ja auch nicht so wichtig. Was Williams meint, ist "Light Entertainment", aber auf Steroiden - "heavy Entertainment" halt. Und genau so kraftmeiernd (und ungelenk plump) wirft er sich mit der nun gar nicht mehr düsteres "Heavy Entertainment Show" in sein elftes Album: "Good evening, children of cultural abandon/ You searched for a saviour, well here I am", singt er über dem Pling-pling-plong des Pianos, bevor eine James-Bond-Hymnen-Bläserhysterie losbricht, die, so Williams, künftig vielleicht sogar den Evergreen "Let Me Entertain You" als Show-Opener ablösen soll.

"And all the best ones are dying off so quickly/ While I'm still here, enjoy me while you can", geht es trotzig-unverschämt weiter: Jackson, Bowie, Prince, alle tot, aber hey: ICH bin noch da. Nehmt, was ihr kriegen könnt. Das erinnert ein wenig an die dünnen Ölkrisen-Schallplatten-Nachpressungen aus den Siebzigern und Achtzigern, auf denen immer das Verramsch-Label "Nice Price" pappte: "I'm about to strip and you're my pole", singt Williams, immer noch kein Schwergewicht des Songwritings.

Danach folgt das ebenso klumpige, mit Ivan Rebroff-Chören und Prokofieff-Sample verhunzte "Party Like A Russian", eine höchst alberne PR-Stunt-Nummer voller Klischees, mit der sich Williams schon wie geplant bei den Russen unbeliebt gemacht hat. Eigentlich schade, dass es Williams nötig hat, mit solchen Grausamkeiten Schlagzeilen zu provozieren - offenbar aus reiner Panik, es nicht mehr auf den Pop-Thron zu schaffen.

Denn hat man es erst einmal durch einige weitere, sehr schlimme Songs wie die Killers-Kollabo "Mixed Signals", das seichte Radiogedudel "Love Of My Life", den miesen R&B-Versuch "Sensitive" oder das ebenfalls von Stuart Price produzierte ELO-Gedächtnis-Gehampel "Bruce Lee" geschafft, funkeln gegen Ende des Albums aber doch noch ein paar Williams/Chambers-Brillanten. Darunter die ausnahmsweise mal angenehm nostalgisch stimmenden "David's Song", "Sensational" und die schmachtende Schlussnummer "Marry Me".

Auch die Zusammenarbeit mit Rufus Wainwright (u.a. "Hotel Crazy") und John Grant ("I Don't Want To Hurt You") erweist sich als überraschend fruchtbar. Der entwaffnende, jungenhafte Charme, der in Interviews freimütig von Schulhof-Hänseleien, Minderwertigkeitskomplexen, Suchtanfälligkeiten und seinem nur durch strenge Diät zu beherrschendem Hang zur Fettleibigkeit erzählt, verträgt sich gut mit ein bisschen Gay-Melodrama. Die Verletzlichkeit bei gleichzeitiger Absenz jeglicher Virilität macht Williams zum Entertainer-Role-Model des modernen Softie-Mannes - ein Tom Jones fürs 21. Jahrhundert.

Williams spielt diese Rolle des ständig mit irgendwelchen Dämonen ringenden boyish lad so perfekt, dass man ihm auch als Kritiker - ewig wohlwollend - den gröbsten Unfug verzeiht. Am Ende ist der Inhalt einer letztlich charakterlosen mixed bag wie "Heavy Entertainment Show" daher egal: Die Songs des Albums sind nur generische Sound-Tools und Emotions-Trigger, die sich auf der folgenden Mega-Tournee ohne große Brüche ins Best-of-Programm einpflegen lassen. Das ist bei aller vordergründigen Gestrigkeit des ganzen Unterfangens schon wieder sehr zeitgemäß zynisch. Das "Heavy Entertainment" aber, die Show, das ist Williams ganz allein. Wer diese Persönlichkeit fühlen will, dem nützt auch diese Platte nichts, der muss ins Konzert gehen. (1.0) Andreas Borcholte

Lambchop - "Flotus"
(City Slang, ab 4. November)

Mal im Ernst: Wer hat von einer Lambchop-Platte noch wirklich Neues erwartet? Elegantes Songwriting, klar. Dass sie mal angejazzte Klavierparts, mal soulige Harmonien eingemeinden, das auch. Ansonsten hat die Band um den warmherzig grummelnden Kurt Wagner ihren Sound gefunden. Seit "Nixon" (2000) und "Is A Woman" (2002) verwalten sie ihren Status als Säulenheilige des Alternative Country. Das ist freilich nicht verkehrt, wenn man Kurt Wagner ist. Wenn man es wie kein anderer versteht, dem schnapsgesalbten Country seiner Heimatstadt Nashville den Kitsch zu nehmen und so eigen- wie feinsinnige Songs daraus zu machen. Nur: Über die Jahre haben sich Lambchop damit in die Egalheit gespielt.

Aber jetzt das: Mit "Flotus", ihrem elften Album, legen sich Lambchop eine völlig neue Klangsignatur zu, die mehr mit Wagners elektronischem Neben-Projekt HeCTA (2015) zu tun hat als mit der süffigen Opulenz Lambchops.

Wie es dazu kam? Kurt Wagner war bei einem Konzert des Hip-Hop-Duos Shabazz Palaces so begeistert von deren Autotune-Effekt, dass er ihn sich im nächsten Musikladen gleich selbst besorgt hat. Um seine Stimme zu sampeln, durch allerlei Filter zu jagen und daraus Beats und ganze Songgerüste zu zimmern, hat er sich außerdem in die Aufnahmesoftware "Ableton Live" generdet. Innerhalb von drei Monaten ist so das Material für "Flotus" entstanden.

In Stücken wie "NIV" schwirren nun Wagners Gesangsschnipsel durch den Raum, als würde Siri alte Lambchop-Songs singen, dazu analoge Klicks und Klacks aus der Beatbox. Wagners Stimme, die ohnehin klingt, als würden ihm die Silben über die Lippen kullern, wirkt damit noch fragiler. Erst recht, wenn er Raymond-Carver-artige Zeilen wie diese singt: "We've once all fucked up in an old laundry room" ("JFK").

Autotune hin oder her, Lambchop drehen sich nach wie vor gerne auf links. In "Writer" etwa torkelt die Bassdrum vor sich hin, der Gesang liegt hübsch neben der Spur und ein Saxofon grantelt in den tieferen Oktaven. Umso geradliniger "Relatives #2": Die Drums kicken das Stück auf die Tanzfläche, wo Klavier und Gitarre ihre Kreise ziehen. "I saw a new path/ Through the flight path/ It looked like booze over the moon/ The skies above are falling." Willkommen in der Existenzialisten-Disco.

Lambchop sind nicht die einzigen, die mit einem großartigen Spätwerk überraschen. Im Frühjahr erst klangen die Tindersticks auf "The Waiting Room" so aktuell wie lange nicht. Noch deutlicher haben Low mit "Ones and Sixes" (2015) ihren Sound renoviert. Allesamt finden sie auf ihren neuen Alben Anschluss an die Soundästhetik dieser Tage. Als wollten sie ihren Namen in den Pop-Annalen noch mal unterstreichen.

Ein Va-Banque-Spiel, das Lambchop mit dem 18-minütigen Schlusstrack "The Hustle" nachhaltig für sich entscheiden: Über fünf Minuten baut sich ein kleinteiliges Geflecht aus elektronischen Stakkatos und hart angeschnittenen Flötentönen auf, ehe der Bass-Synthesizer in die Magengegend drückt und alles in eine samtene Kakophonie zerfließt. Wie aus dem Nichts bekennt Wagner: "I don't want to leave you ever." Wozu auch? (8.5) Josef Wirnshofer

Andreas Borcholtes Playlist KW 44
SPIEGEL ONLINE

1. Friends Of Gas: Template

2. Helen Money: Become Zero

3. Mogwai: San Pedro

4. Lee Fields & The Expressions: Make The World

5. The Weeknd feat. Daft Punk: Starboy

6. Tove Lo feat. Wiz Khalifa: Influence

7. Charli XCX feat. Lil Yachty: After The Afterparty

8. Kehlani feat. Little Simz: Table

9. Alex Izenberg: Grace

10. Lambchop: In Care Of 8675309

Roman Flügel - "All The Right Noises"
(Dial, seit 28. Oktober)

Roman Flügel, 46, dürfte einer der vielseitigsten und begabtesten Produzenten in der elektronischen Clubmusik sein. Er hat bratzigen und knarzigen Techno gemacht, als Teil des Duos Alter Ego. Er hat als Soylent Green feinsinnige und minimalistische House Music produziert als Ro70 Electronica. Unter dem Namen Eight Miles High kamen alle möglichen, stilistisch ziemlich diverse Platten heraus. Zusammen mit dem Vibraphonisten Christopher Dell hat er auch abstrakten Jazz veröffentlicht. Alles in allem sind es hunderte von Tracks, die über die Jahre zusammengekommen sind. Seit Anfang der Neunziger ist Flügel dabei, er lebt in Frankfurt.

"All The Right Noises" ist Flügels drittes Album unter seinem eigenen Namen, und zusammen erzählen diese drei wunderbaren Platten einen möglichen Bildungsroman des Roman Flügel. "Fatty Folders" (2011) war ein sorgloses House-Album, eine Handvoll bunt hingetupfter Stücke, Musik, die das Glück eines Sommers zu atmen schien, von der Freude eines Anfangs handelte. "Happiness Is Happening" (2014) war dunkler, voll kühler Synthieklänge und motorischer Grooves, nachdenklich und ausgefeilt.

Diese Linie führt Flügel nun fort, in neues abstraktes Gelände. Da plockert eine alte Drum Machine und gibt einen Rhythmus vor, kleine Melodien kommen und gehen wieder. Man meint ein paar Mal Anklänge an Kraftwerk zu hören, oder an alte minimalistische House-Entwürfe. Diese Platte handelt von Gelassenheit. Gelassenheit als künstlerischer Tugend. Als Haltung, die sich aus dem Wissen ergeben kann, niemandem mehr etwas beweisen zu müssen. "Life Tends to Come and Go" heißt das letzte Stück, das in einem langen Bassgebrummel endet - ruhig und lakonisch.

Die Musikgeschichte der vergangenen Jahrzehnte ist voll mit langweiligen Electronica-Alben, mit Musik, die sich als experimentell ausgab und tatsächlich schlicht willkürlich war. Das hatte viel damit zu tun, dass House und Techno einfachen Regeln folgen. Sie zu brechen macht wenig Sinn, denn wer die Menschen zum Tanzen bringen will, tut gut daran, sie nur geschickt zu variieren. Doch diese Routine ermüdet viele Künstler nach einer Weile. Sie wollen dann alles anders machen, ihre eigene Signatur in die Musik pressen. Meist trägt dieser Wille zur Originalität nicht weit.

"All the Right Noises" ist anders. Mit buddhistischer Ruhe lässt Flügel die Sounds fließen. Er weiß, dass es die richtigen Klänge sind. (8.0) Tobias Rapp

Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

Best-of "Abgehört"

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insgesamt 18 Beiträge
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Seite 1
team_frusciante 01.11.2016
1.
Das Album enthält drei "Brillanten" und zwei "fruchtbare" Zusammenarbeiten und bekommt trotzdem eine 1.0, die schlechteste Note auf einer Skala mit 100 möglichen Schritten?
gekreuzigt 01.11.2016
2. Warum nur
wollen die Leute immer einfach unterhalten werden und nicht das genießen, was ihnen die heilige Kaste der Kritiker nahelegt? Völlig unverständlich.
multi_io 01.11.2016
3. Oha
Da ist aber jemand mächtig sauer auf Williams... "Party Like a Russian" ist "grausam" zu Russen?? Na dann...
DerZauberer 01.11.2016
4.
Leider auch hier dasselbe wie bei den Kritiken in den Zeitungen und Magazinen: Der "gefühlte Durchschnitt" der Bewertungen liegt so bei 7.5 bis 8.0 - der "gefühlte Durchschnitt" von dem, was ich höre, eher bei 4.0 bis 5.5. Liebe Kritiker, es bringt nix, dem Durchschnitt so gute Noten zu geben. Es hilft mir nicht, wenn nach dem ersten Höreindruck irgendein bahnbrechendes Werk erkannt wird, das Teil aber nach 3 Mal hören langweilig ist. Auch eine ab und an eingestreute 1.0 oder Null-von-5-Sternen helfen nicht. Kalibriert doch mal neu - die Mitte ist bei 5, nicht bei 7.5. So viel gute Musik gibt es nicht, ebenso wie nicht jedes Restaurant einen Michelin-Stern hat. Und: Nur weil man eine Band/Künstler mag, ist nicht alles sofort super.
warhol66 01.11.2016
5. Rechenfehler
Zitat von team_fruscianteDas Album enthält drei "Brillanten" und zwei "fruchtbare" Zusammenarbeiten und bekommt trotzdem eine 1.0, die schlechteste Note auf einer Skala mit 100 möglichen Schritten?
Ein kleiner Rechenfehler in Ihrem Kommentar: Zwischen 1.0 und 10.0 sind es 90 mögliche Schritte. Was Sie meinen, wäre zwischen 0.0 und 10.0. Dann aber wäre 1.0 eben nicht die schlechteste Note.
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