Kultur

Anzeige

Abgehört - neue Musik

Alle rein in die Tanzhallen-Utopie!

Das französische Duo The Blaze überzeugt auf seinem Debüt auch ohne die umwerfenden Videoclips, mit denen es berühmt wurde. Troye Sivan erblüht zum nächsten globalen Songwriter-Star. Und Amnesia Scanner entdecken den Pop.

Von , und

Dienstag, 04.09.2018   16:16 Uhr

Anzeige

The Blaze - "Dancehall"
(Believe/Soulfood, ab 7. September)

Über The Blaze zu schreiben, ohne weiter auf ihre Videos einzugehen, ist einfacher als gedacht: Wer die mehrfach ausgezeichneten Musikfilm-Meisterwerke der Cousins Guillaume und Jonathan Alric kennt, dessen Herz vollführt bei der Erinnerung an sie ohnehin einen Frosch-Freudentanz. Wer sie noch nicht kennt, kann sich darüber freuen, zu den wenigen Menschen zu gehören, die sich ohne vorgegebene Bilderwelten ganz auf die Musik von The Blaze einlassen können.

Also direkt zur Musik: Famos ist die! Irgendwo zwischen French Touch und Deep House Revival haben es sich die Alric-Mecs aus Frankreich auf ihrem Debütalbum "Dancehall" gemütlich gemacht - und zeigen keinerlei Ehrgeiz, Stilelemente jenseits dieses vergleichsweise eng abgesteckten Klangrahmens einfließen zu lassen. Immer wieder tauchen dieselben Sounds auf: aufgeregt pochende Maschinen-Herztöne, hart angeschlagene, mit viel Hall unterlegte Piano-Akkorde, eine bis zur Breiigkeit herunter gepitchte, in akzentlastigem Englisch singende Männerstimme.

Gerade in dieser Reduktion besteht die große Stärke von The Blaze: Ihr Minimalismus löst erst Tiefenentspannung, dann Konzentration aus. Frei vom maximalistischen Ballast aus Samples und Features, mit dem etwa die stilistisch ähnlich orientierten Disclosure-Brüder ihre Tracks überladen, können die Blaze-Songs umso pointierter und persönlicher von Sehnsucht ("Opening"), Verlangen ("She"), Verletztsein ("Queens") und Trost ("Breath") erzählen.

Die mit Pathos aufgeladenen Halleffekte, die das Album bestimmen, mögen dabei wie eine naheliegende klangliche Illustration dieser Themenkomplexe erscheinen. Doch die Musik von The Blaze will nicht nur Echolot von emotionalen, sondern auch von sozialen Räumen sein. So sei, haben die Alrics verlautbart, auch der Albumtitel "Dancehall" zu verstehen: Nicht als Verweis auf die Musikrichtung, sondern auf gemeinschaftliche Tanzhallen. Welche Art genau sie damit gemeint haben, ob es dafür aktuelle oder historische Vorbilder gibt, haben sie offen gelassen. Doch letztlich braucht es diese Konkretion nicht, denn auf ihrem Album schaffen The Blaze diesen utopischen Ort selbst: einen Dancefloor, auf dem man sich mit sperrangelweit geöffneten Herzen trifft und in der gemeinsamen Begeisterung für Pathos und Überschwang zueinander findet. (9.1) Hannah Pilarczyk

Troye Sivan - "Bloom"
(EMI/Universal, seit 31. August)

Ach, wie süß! Zwei der wahrscheinlich bedeutendsten Popstars der kommenden Jahre pfeifen aufs Ausgehen und machen lieber eine Hausparty. So geht die Geschichte von "Dance To This", dem gemeinsamen Song von R&B-Prinzessin Ariana Grande und dem australischen Popsänger Troye Sivan. Auf dem Teppich fläzend, bei (Low Carb-)Chips und zuckerfreien Gummibärchen wird vom jeweils aktuellen Sweetheart geschwärmt. Die sind allerdings beides Männer.

Denn Sivan ist das, was man eine gay icon nennen könnte, in LGBT-Kreisen wird er gefeiert und als Teenie-Idol umschwärmt, seine Jugend bis zum Coming-out illustrierte er 2015 auf seinem melancholischen Debüt "Blue Neighbourhood". Mit "Bloom" könnte er nun jedoch auch aus dieser wiederum engen Kategorie des schwulen Popstars ausbrechen. Denn er inszeniert sich darauf in knappen 35 Minuten als souveräner Songwriter, der nur seine imaginationsreichen Texte sowie einge unauffällig, aber elegant dahintuckernde Beats und viele verhallt klimpernde Synthie-Pianos braucht, um universell kompatible Hits abzuliefern.

"Bloom", hauptsächlich produziert von den Pop-Spezialisten Ariel Rechtshaid (u.a Haim, Charli XCX) und Jam City (u.a. Kelela), wirkt im Zeitalter Feature-überladener und länglicher Album-Raumkreuzer wie ein altmodisches Bänkelsänger-Boot. Drinnen sitzt Blondschopf Sivan und erzählt, ganz und gar entspannt und befreit wirkend, von den Untiefen und Frohsinnsquellen seines Lebens. Dabei geht es, die sanfte, verträumte Musik mag darüber hinwegtäuschen, durchaus deftig zur Sache: "Seventeen" handelt davon, wie sich Sivan noch minderjährig mit Fake-ID bei der schwulen Dating-Plattfom Grindr auf die Suche nach älteren Sex-Partnern macht - mit aller Angst vor den Risiken und Nebenwirkungen, die das mit sich bringen kann.

"My My My!", eine der eingängigsten Pop-Hymnen des Albums, feiert ganz unverhohlen seine Lust am Geschlechtsverkehr; und das euphorische Titelstück schließlich, geschrieben von "Can't Feel My Face"-Autor Peter Svensson, berichtet von Sivans erst ängstlicher, dann ganz fröhlicher Analsex-Initiation: "I bloom just for you". Kann man natürlich auch als unschuldiges Liebeslied mitsingen im Konzert, da ist Sivans Pop-Lyrik gerade genug chiffriert. Allerdings nur, so spürt man, um auch das anders liebende und lustende Publikum zu umarmen, nicht, um seine sexuelle Orientierung zu verstecken, wie es Sivans Vorbilder und Vorgänger bis hin zu George Michael und Sam Smith zum Teil noch mussten.

Sympathischerweise lässt er gelegentlich, wenn es etwas grüblerischer wird ("Plum"), seine alte Vorliebe für Goth- und Düster-Elektro-Pioniere wie This Mortal Coil aufblitzen - und streckt sich in der elaborierten Klimax von "Animal" nach Frank Ocean. Die meiste Zeit, und das ist sehr schön, bleibt Sivan aber ganz bei sich und seinen eigenen, jetzt klar, hell und voll selbstbewusster Freiheit hervor scheinenden Talenten, die ihn sehr weit bringen können. (7.9) Andreas Borcholte

Amnesia Scanner - "Another Life"
(Pan, ab 7. September)

Amnesia Scanner machen sicher keine Begleitmusik für den erholsamen Feierabend: Zu diesen Klängen etwas Leckeres kochen, einen schweren Roten köpfen oder vielleicht noch das Hemd für den nächsten Tag bügeln? Können Sie gerne versuchen, viel Spaß!

Gerade in dieser Ablehnung von Musik als bequemes Nervenpolster liegt jedoch die Stärke des in Berlin lebenden Duos aus Finnland. Ville Haimala und Martti Kalliala klingen nicht schön und schon gar nicht beruhigend - sondern vielmehr wie der Soundtrack zur digitalen Dystopie ihrer Wahl.

Ihre verzerrten, aus Dancehall, UK-Bass und EBM gespeisten Bassmoränen erinnern an das Stöhnen eines überlasteten Maschinenraums kurz vor dem Kollaps, scharfkantige Synthesizer an vertonte Blechschäden und zerschnittene Stimmfetzen an die verstopfte Gedankenautobahn mitten in einer Panikattacke.

Eine musikalische Symptombeschreibung, mit der sich Haimala und Kalliala in den letzten Jahren eine bescheidene Bekanntheit unter kunstbeflissenen Liebhabern progressiver Musik erspielt haben. Mehr aber auch nicht: Amnesia Scanners fordernde Dekonstruktion traditioneller Clubmusik mag für sich genommen zwar schon immer höchst fesselnd gewesen sein. Für unbedarfte Hörer war sie aber nur schwer zugänglich.

Vor diesem Hintergrund ist "Another Life", das Debütalbum des Duos, ein bemerkenswerter Schritt. Sicher, jede der rund 40 Minuten beißt, kratzt und zischt noch so widerborstig wie zuvor. Trotzdem schleicht sich dabei ein neuer Sinn für Pop ein: Die zwölf Tracks klammern sich ungewohnt fest an die Drei-Minuten-Regel, dazu werden die digitalen Klanggewitter von seltsam eingängigen Bassläufen begradigt.

Das führt zu einem unerwarteten Effekt. Das Album hat tatsächlich so etwas wie Mini-Hits zu bieten: "Unlinear" (feat. Pan Daijing) formuliert etwa mit seinen Laserkanonen-im-Sternenkrieg-Synthies eine Art Zukunfts-Hip-Hop, die in sich zerfließende Single "A.W.O.L." ist in ihrer Verspultheit fast schon infektiös. Und "Too Wrong" liefert den Floorfiller für den letzten Tanz vor dem kollektiven Exitus.

Ihr Hemd sollten Sie also weiterhin zu anderer Musik bügeln. Wer aber verstehen will, warum alternative Popmusik immer noch nicht langweilig geworden ist: Amnesia Scanner liefern auf "Another Life" Antworten. (8.0) Dennis Pohl

Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

Weitere Artikel

Forum

Forumskommentare zu diesem Artikel lesen
Anzeige
© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH