Abgehört - neue Musik Heilende Waldfee, hilf!

Was haben The National mit Coldplay zu tun? Und warum hat Tori Amos Sex im Unterholz? Lesen Sie hier! Außerdem: Wie Rostam und Lee Ranaldo auch ohne Vampire Weekend und Sonic Youth klarkommen.

Von und


The National - "Sleep Well Beast"
(4AD/Beggars, seit 8. September)

Da, neulich hat es wieder einer geschrieben, Alex Petridis im "Guardian": The National seien ja so was wie die US-Version von Radiohead. Unsinn, immer schon! Spätestens mit ihrem siebten Album "Sleep Well Beast" entpuppen sich Sänger/Songwriter Matt Berninger und seine Band vielmehr als irgendwie auch amerikanische, vor allem aber emotional komplexere Entsprechung von Coldplay. Für Berninger, den sonor-beherrschten Frustschieber, der sich auf der Bühne nur durch flaschenweise Rotwein vor heulendem Elend bewahrt, heißt es niemals "Viva la Vida", immer nur "Fuck la Vida".

Umso erstaunlicher, dass sich die Musik der längst auch stadionerprobten Band aus Ohio vom atmosphärisch wabernden Doom und Gloom früherer Erfolgsalben (u.a. "Boxer", "High Violet") nun zu einem Pop-bereiteren Sound öffnet, der sich immer noch vorrangig in Molltönen suhlt, sich jetzt auch mal einen forschen, elektronischen Zitterbeat leistet ("Guilty Party") oder, in "I'll Destroy You", mit kolibrihaftem Steeldrum-Gebimmel karibische Gefühle weckt, die mit anschwellendem Streicher-Geschwirr jedoch alsbald von einem schweren Hurrikan niedergemacht werden.

Denn mag die Musik diesmal überraschend lebhaft, gefällig elektrifiziert und rastlos-flatterhaft klingen, so geht es in den Texten, die Berninger zusammen mit seiner Gattin Carin Desser schrieb, mal wieder hinab in tiefste Existenz-Zweifel und die Abgründe einer Ehe, die scheinbar nur noch durch bittere Kompromisse, Selbstekel und Resignation zusammengehalten wird. "Sleep Well Beast" ist das Kurz-vor-Breakup-Album, das Coldplays "Conscious Uncoupling"-Doppel "Ghost Stories"/ "A Head Full Of Dreams" als den prätentiösen Phrasen-Kitsch entlarvt, der es immer war.

Wie autobiografisch das alles ist? Wer weiß. Berninger steckt jedenfalls fest im Frust, so sehr sehr es um ihn herum auch tschirpt, flötet und pluckert: "Forget it/ Nothing I change changes anything", stellt er in "Walk It Back" nüchtern fest. Dann wiederum scheint nur der Rausch noch Fortschritt und Erkenntnis zu verheißen: "Let's just get high enough to see our problems" fordert er in "Day I Die". Keine Emotion ist hier ist einfach oder direkt, jede Mikro-Verletzung, jede grausame Dialektik, jede quälende Nuance wird um die Ecke gefühlt und jedem Wort nachsinnend ausgewertet. Die Musik gaukelt dazu eine Aufbruchs- und Innovationsdynamik vor, die es in Berningers Stillstands-Szenarien nicht gibt.

Aus diesem Kontrast schöpft das Album seine Kraft und einen faszinierenden Effekt kognitiver Dissonanz: Die (neben Low) wohl zwanghafteste und lustvoll kontrollierteste Band der aktuellen Rockmusik macht sich locker - aber natürlich nicht wirklich. Was dabei im schlimmsten Fall herauskommt, ist das Alien dieses Albums, der lärmende Gitarrenrocksong "Turtleneck", in dem dann plötzlich politisch gegen Trump getextet wird. Dieses besondere "Beast", das den Namen U2 trägt, sollten sie dann doch lieber schlafen lassen. (7.5) Andreas Borcholte

Tori Amos - "Native Invader"
(Decca/Universal, seit 8. September)

Tori Amos sagte selbst einmal, dass ihre Musik, vor allem ihre physisch exaltierten Shows, für heterosexuelle Männer "Folter" darstellen können: "Ich bin denen zu roh, dieses ganze Gefühlsding, Sachen, über die man nicht reden will…" Ja, stimmt, man muss das aushalten: die zudringliche Kate-Bush-Stimme, die säuseln oder säbeln kann, das emphatische Hämmern auf dem Bösendorfer-Piano, das ständige, gnadenlos emotionale Operieren an offenen Wunden. Aber wenn man sich einlässt, dann foltert diese Gefühlsmusik nicht, sondern tröstet und umarmt.

So ist es auch auf dem 15. Album von Tori Amos, dem vielleicht souveränsten seit "Scarlett's Walk" von 2002. Frische Inspiration schöpfte die in Maryland geborene 54-Jährige mit Wohnsitzen in Florida und Cornwall offenbar aus der moralischen und gesellschaftlichen Krise der USA, deren Symptom ein Präsident namens Donald Trump ist. "Rash and reckless won't get us to/ Where we want to be/ Are we emancipators or oppressors/ Of lady liberty?/ Have we lost her?", singt sie in "Broken Arrow"; "Bang" handelt vom Leid der Immigranten, "Up The Creek" vom Klimawandel.

Abgehört im Radio

Abgehört gibt es auch im Radio! Jeden Mittwoch um 23 Uhr gibt es beim Hamburger Web-Radio ByteFM ein Abgehört-Mixtape mit vielen Songs aus den besprochenen Platten und Highlights aus der persönlichen Playlist von Andreas Borcholte.

Die Produktion von Ehemann Mark Hawley ist gefälliger und sparsamer als zuletzt gewohnt, zum Piano gesellen sich warme Gitarrensounds und Beatles-Melodien ("Cloud Riders"), die Ballade "Breakaway" erinnert an Led Zeppelins "Thank You", das Amos gerne live spielt, "Wings" überrascht mit karibisch schmeichelndem Elektropop, der selbst "big boys" anbietet, sich an Toris Schulter den Weltschmerz rauszuheulen.

Amos lässt das Peitschende, kokett Provozierende, mit dem sie ihrem Publikum unter die Haut zu fahren vermag, beiseite, um sich hier ganz als sanfte, sorgenvoll-melancholische Waldfee zu inszenieren. Mal ist sie Gesandte der Erdgöttin Gaia, mal Medium für die Geister der "Natives", der amerikanischen Ureinwohner. Im majestätischen Eröffnungslied konferiert sie mit dem "Reindeer King", immer wieder durchstreift sie auf grandios kaskadierenden Melodiebögen und träge pulsierenden Rhythmen die Wälder, Creeks und Canyons, von den "Great Lakes" bis zu den "sacred Badlands", auf der Suche nach verlorener Schönheit und Naturheilsalben, um Amerikas Seele, den "broken arrow" zu reparieren.

Zu esoterisch? Spätestens, wenn Amos in "Wildwood" sich ins wilde Unterholz zwischen Mohnblumen sinken lässt, um sehnsuchtsvoll "Poppies" seufzend Versöhnungssex mit der von Fracking und Drilling geschundenen Natur zu haben ("touch me again"), sind solche Überlegungen vergessen. Man will sich einfach fallen lassen in diesen Sound der Heilung. (8.0) Andreas Borcholte

Andreas Borcholtes Playlist KW 37
SPIEGEL ONLINE

01 Romano: Copyshop

02 Kelela: Frontline

03 Tori Amos: Wildwood

04 Lee Ranaldo: Uncle Skeleton

05 Rostam: Don't Let It Get To You

06 Neil Young: Hitchhiker

07 Chad VanGaalen: Locked In The Phase

08 Oh Sees: Keys To The Castle

09 Alvvays: Not My Baby

10 Ace Tee: Bounce auf dem Beat

Rostam - "Half-Light"
(Nonesuch/Warner, ab 15. September)

Es ist heute ein ziemliches Kreuz, Indie-Rock zu machen - oder jemals gemacht zu haben. So lesen sich zumindest die weiteren Lebenswege der Klassenbesten des Jahrgangs 2007: Die Protagonisten der letzten großen Indie-Welle können sich nämlich augenscheinlich gar nicht schnell genug vom alten Erfolgsrezept distanzieren.

David Longstreth von den Dirty Projectors etwa? Macht als Alleinunterhalter eine Art kalifornischen Bleichgesichter-R'n'B. Die Wild Beasts? Haben ihrem flamboyanten Falsetto-Pop den Rücken gekehrt und klingen jetzt nach Achtziger-Funk mit Maschinenherz. Arcade Fire? Sind im Stadion angekommen. Und die restlichen 100 Gitarren-Bands, an die sich niemand erinnert? Legen heute sicher irgendwo Hip-Hop auf.

Rostam Batmanglij, rund zehn Jahre lang neben Ezra Koenig Kopf und musikalische Triebkraft der Ivy-League-und-rosa-Hemdkragen-Fraktion Vampire Weekend, macht hingegen alles anders - indem er einfach nichts anders macht. Zwar gibt es auf seinem ersten Soloalbum mit "Hold You" (feat. Angel Deradoorian) einen Ausflug Richtung Auto-Tune und 808-Beats. Doch auf ganzer Länge klingt "Half-Light" wie ein ausführliches Fußnotenverzeichnis zum Vampire-Weekend-Katalog.

Gleich der Opener "Sumer" nimmt die oberlehrerhafte Instrumentenvielfalt der Band wieder auf, um sie mit schwelgerischen Beach-Boys-Gesangsharmonien zu untermauern. Die Single "Bike Dream" könnte mit ihrem zurückgenommenen Power-Pop geradewegs vom dritten Album "Modern Vampires of the City" stammen. Und wer sich immer schon fragte, woher Vampire Weekend ihren oft übersehenen Streicher-Fetisch hatten: Die zweite Single "Gwan" hilft weiter. Dazwischen: Afro-Beats, Schlaumeier-Arrangements, untrügliches Pop-Gespür, gerne fünf Töne zu viel und allerhand Instrumente mit komischen Namen.

Überraschend ist dabei höchstens, wie erfrischend das schon wieder klingt. Und wer weiß, vielleicht kann sich Batmanglij die Neuerfindung ja gleich ganz sparen - die Trend-Zyklen drehen sich schließlich auch immer schneller. (7.2) Dennis Pohl

Lee Ranaldo - "Electric Trim"
(Mute, ab 15. September)

"Uncle Skeleton" ist der vielleicht seltsamste Song in der an seltsamen, obskuren oder gewagten Songs nicht gerade armen Karriere von Lee Ranaldo. Für die Jüngeren: Der Mann ist 61 Jahre alt und eine Legende, spielte jahrzehntelang Gitarre bei einer einflussreichen Band namens Sonic Youth. Seit einigen Jahren ist Ranaldo nun schon solo unterwegs, seine neue Band, The Dust, besteht aus dem ehemaligen Sonic-Youth-Drummer Steve Shelley, den Gitarristen Nels Cline (von Wilco) und Alan Licht sowie Bassist Tim Lüntzel. Aber zurück zu "Uncle Skeleton": "You have to shake the flesh off to open up the body's door" (...) "Use the scalpel, use the knife", sprechsingt Ranaldo, als würde er Scott Walker channeln; darunter wabert eine Art Disco-Version von "All Along The Watchtower" mit Mariachi/Morricone-Twang.

Best-of "Abgehört"

Unsere wöchentlich aktualisierte Playlist

Zuvor hatte "Morroccan Mountains" noch mit siebenminütigem Psychedelic-Kraut-Gedaddel das Album eröffnet, man wähnte sich sicher im Alterswerk verortet, wie es eben seit mehreren sehr gelungenen Alben klingt (u.a. hier nachzulesen). Aber ha! Nach "Uncle Skeleton" geht es nicht minder merkwürdig weiter. "Let's Start Again" heißt bezeichnenderweise ein Stück, das wie eine greisenhafte R.E.M.-Nummer mit getragenen Bläsern beginnt, dann aber in einen zirpenden, zerhackten Elektro-Noise-Mittelteil springt.

Verantwortlich für die modernistischen Disruptionen, die Ranaldos Sound so spektakulär vor dem Vermodern bewahren, ist offenbar der spanische Hipster-Produzent Raül "Refree" Fernandez. Wie er die New Yorker Avantgarde-Veteranen im Studio nochmal auf sonisches Neuland führte, darüber ließ Ranaldo stolz einen ganzen, 76 Minuten langen Dokumentarfilm drehen. Er heißt "HELLO HELLO HELLO", ein Weckruf, schon klar. (Trailer hier ansehen)

Einmal aus dem Schlummer geweckt, gibt es tatsächlich viel zu entdecken auf "Electric Trim": Gast-Vocals von Sharon Van Etten zum Beispiel, und Lyrics vom Pop-nahen Schriftsteller Jonathan Lethem ("Die Festung der Einsamkeit"). Selbst der vermeintlich straighteste und Beach-Boys-lieblichste Gitarrenpopsong, "Circular (Right As Rain)", wird von diesem wild gewordenen Team älterer Herren durch den Geräusche- und Soundwolf gedreht, so dass er am Ende rückwärts zu laufen scheint.

Seltsam, seltsam. Aber in seiner mutwilligen Ungefälligkeit sehr viel aufregender als das, was jüngere Bands zurzeit so als zeitgemäßen Rock'n'Roll verkaufen. (7.5) Andreas Borcholte

Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

Mehr zum Thema
Newsletter
Abgehört: Die wichtigste Musik der Woche


zum Forum...
Sagen Sie Ihre Meinung!

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.