Abgehört - neue Musik Eine andere Art von Sommerpop

Die Sängerin von Die Heiterkeit gibt's jetzt auf Englisch, aber Happiness hat Stella Sommer auch solo noch nicht gefunden. Mit Videopremiere! Außerdem: Minimal-R&B von Tirzah, EU-Chansons von Michaela Meise, Weißbrot-Funk von Louis Cole.

Von und Tobi Müller


Stella Sommer - "13 Kinds Of Happiness"
(Affairs of the Heart/Indigo, ab 10. August)

Wenn Stella Sommer im aufwallenden, sphärischen Eröffnungslied ihres Solo-Albums mit getragener Stimme singt: "13 kinds of happiness/ Someone to destroy them with", dann ahnt man: Hier gibt es keinen hirnlosen Happy-Sound à la "Je ne parle pas francais" zu hören. Sondern eher die Antithese zur herrschenden Hitzewelle, eine ganz andere, charmant misanthropische Art von Sommerpop.

Die Sängerin aus Hamburg sang bisher auf Deutsch und ist eigentlich Frontfrau und Gitarristin der Band Die Heiterkeit. Deren Doppelalbum "Liebe & Tod I + II" gehörte 2016 auch bei uns zu den besten deutschsprachigen Veröffentlichungen des Jahres. Gerade erst hatte sich damals die Band neu aufgestellt und einen vielversprechenden Reifegrad erreicht. Aber, wie Stella Sommer schon in "Große Namen" sang: Wir wissen es seit Jahren, wir wissen es so lang: Man ist immer allein". Also musste Die Heiterkeit zunächst pausieren, um Raum für Sommers Solo-Ambitionen zu schaffen. Bis auf eine Ausnahme singt sie hier englisch und streckt damit ihre Fühler ins angloamerikanische Ausland. Dort nimmt man sie bereits als Ausnahmeerscheinung der deutschen Pop-Szene wahr, wenn auch mit süffisantem Lächeln. "An enchanting solo set from droll German", schrieb das britische Magazin "Uncut" über die Album-Kritik.

Andreas Borcholtes Playlist KW 31
SPIEGEL ONLINE

Playlist auf Spotify

 1 Stella Sommer: Do You Still Love Me Now?

 2 Michaela Meise: Ich bin ein Fremder (Le Métèque)

 3 Louis Cole: When You’re Ugly (feat. Genevieve Artadi)

 4 Yves Tumor: Noid

 5 Gabe Gurnsey: Ultra Clear Sound

 6 John Grant: Love Is Magic

 7 ShadowParty: Present Tense

 8 Roosevelt: Under The Sun

 9 Charli XCX: Girls Night Out

10 Violetta Zironi: One More Goodbye

"Drollig" oder "skurril" sind nicht die ersten Wörter, die einem zu Sommers Kunst einfallen, aber man kann ihren Hang zur ostentativen Gloomyness durchaus komisch finden, im Sinne von unterhaltsam. Natürlich macht sich Sommer auch gerne über sich selbst und ihre zur Schau gestellte Grabesstimmung lustig, wenn sie im Videoclip zum hymnischen "Light Winds" jede gesungene Silbe mimisch überbetont - und sich zur Erbin von artifiziösen Pop-Art-Diven wie Nico stilisiert. Immer wieder fühlt sich ihr an Gitarre oder Piano komponierter Kammerpop in den süßlichen Weltschmerz des Sechzigerjahre-Pop zurück, am deutlichsten in "Birds Of The Night", wenn sie mit dem sonor singenden Duettpartner Dirk von Lowtzow (Tocotronic) eine Neuauflage von Nancy Sinatra und Lee Hazlewood versucht. Das ist dann schon "droll".

Es gibt aber auch tolle, hinreißend berührende Momente unter diesen 13 Arten alternativer Fröhlichkeit, "For A Loner" zum Beispiel, durch die eine seelenvolle Orgel gurgelt und von der Selbstbehauptung einer chronisch Einsamen erzählt. Ohnehin ist Sommer immer dann am stärksten, wenn sie ihrer Lone-Wolf-Sentimentalität freien, schwelgenden Lauf lässt, im apokalyptischen "Collapse/Collapsing" zum Beispiel, im Anti-Lovesong "Dark Princess, Dark Princess" (mit Dire-Straits-Hommage!) oder der umwerfenden Menschenhass-Hymne "Do You Still Love Me Now": "Hatred grows stronger each time we meet/ And we've only just met", singt sie darin zu lethargischen Handclaps und trötender Flöte. Dafür muss man diese zauberhaft nüchterne Prinzessin Düsternis einfach lieben. (8.6) Andreas Borcholte

Louis Cole - "Time"
(Brainfeeder/Rough Trade, ab 10. August)

Der größte Erfolg von Louis Cole aus L.A. bestand bisher darin, jene armen Menschen zum Lachen zu bringen, die in den Kinos nach der Vorführung des Spielzeug-Blockbusters "The Lego Ninjago Movie" leere Popcorn-Tüten und zermatschte Nacho-Behälter aufsammeln mussten. Die nämlich, so geht die Legende, tanzten während ihrer tristen Arbeit fröhlich zu Coles "Dance of Doom", der ganz am Ende des Film-Abspanns lief, also als wirklich kein einziger Zuschauer mehr im Saal war. Kein Zweifel: Eine Weltkarriere stand unmittelbar bevor.

Naja, wer weiß. Die Red Hot Chili Peppers waren so begeistert von dem DIY-Filmemacher und Hobby-Keyboarder, dass sie ihn gleich mit auf Tour nahmen, wo er - ohne viel Material - das Stadionvorprogramm bestreiten musste. Wenn die Peppers so etwas wie die "Avengers" des Pop-Geschäfts sind, dann war Cole ihr "Ant-Man": putzig, ein bisschen verpeilt, aber wenn's drauf ankommt voll da. Und so klingt jetzt auch sein Debüt-Album "Time", das auf dem auf Post Jazz und Neo-Fusion spezialisierten Brainfeeder-Label von Flying Lotus erscheint, ebenfalls ein Fan von Cole.

Abgehört im Radio
Mittwochs um 23 Uhr gibt es beim Hamburger Web-Radio ByteFM ein Abgehört-Mixtape mit vielen Songs aus den besprochenen Platten und Highlights aus der persönlichen Playlist von Andreas Borcholte.

Sein Credo formuliert er in "When You're Ugly", das er zusammen mit seiner "Dance of Doom"-Partnerin Genevieve Artadi bestreitet: "When you're ugly, there is something you can do, called/ Fuck the world and be real cool", singt er darin im Falsett auf einen hübsch marschierenden Funk-Groove, der an Steely Dan erinnern würde - wenn sie mal einen Soundtrack für Pixar-Filme komponiert hätten.

Die sympathische Underdog-Haltung zieht sich durch alle 14 Tracks, bei denen er instrumental von Brainfeeder-Bassist Thundercat und Jazz-Pianist Brad Mehldau unterstützt wird. Cole kann hitzigen, harten Funk ("Weird Part Of The Night", "Real Life", "Freaky Times"), aber auch Softjazz-Balladen wie "Phone" oder "Last Time You Went Away", das sich mit Hollywood-Streicherschmalz nach Crooner-Größen wie Namensvetter Nat King Cole streckt. Um dann bei einer tragikomischen Winnie-Puh-Variante zu landen. Egal. Play that funky music, white boy! (8.0) Andreas Borcholte

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Michaela Meise - "Ich bin Griechin"
(Martin Hossbach/Rough Trade, seit 13. Juli)

Michaela Meise singt demütig. Wenn die in Berlin lebende Künstlerin neun Lieder aus den Sechzigerjahren übersetzt und vertont, die das Trauma des Krieges noch im Rücken und das gemeinsame Europa bereits auf der Stirn spüren, wirkt sie wie ein Medium. Auch ihr Akkordeon spielt sie mit Bedacht, da liegt kein Oh-là-là-hafter Schmuck in der Quetschkommode, wenn sie von der Seine singt. Kein sublim verschwitzter Gypsy Swing keucht aus dem Kasten, wenn sie die rumänische Legende Maria Tanase covert. Selbst wenn die Band Isolation Berlin auf zwei Liedern die Musik verstärkt, spürt man den Respekt: Diese Musik will nicht mit Hyperindividualität punkten, sie will Geister rufen, die größer sind als sie selbst.

Konrad Adenauer und Charles de Gaulle unterzeichneten 1963 den deutsch-französischen Freundschaftsvertrag, 18 Jahre nach Kriegsende. Manche sagen, dass ein Chanson von 1964 genau so viel für die Versöhnung geleistet habe, gesungen von einer französischen Jüdin mit Bühnennamen Barbara. Übersetzt klingt es so: "Es scheint, dass sie viel unterrichten/ Über französische Geschichte/ Hermann, Peter, Helga und Hans/ in Göttingen." Die Melodie trägt die Trauer über die Vergangenheit in sich. Doch die Zukunft ist hochschwanger mit Hoffnung. Die "Zeit von Blut und Zerstörung" möge nie mehr wiederkehren, denn "Es gibt hier Menschen, die ich liebe/ In Göttingen, in Göttingen."

Best-of "Abgehört"

Unsere wöchentlich aktualisierte Playlist

Der Stoff ist entwaffnend hart, die Musik unerbittlich weich. Das gilt für das ganze Album "Ich bin Griechin". Vier der neun Chansons stammen von Mikis Theodorakis, dessen Lieder in Griechenland während und nach der Miltitärdiktatur von 1967 bis 1974 enorme Popularität genossen, auch für deutsche Urlauber wie die Familie Meise aus Hanau, Vater Altphilologe.

Meise begann die Arbeit an diesem Album vor fünf Jahren aus nostalgischem Interesse. Mittlerweile haben die Geschichten über Würde trotz Krieg und Rassismus eine ungewollte Aktualität erfahren. Doch das Album ist im Wortsinn zauberhaft, wegen der Kunst der Betörung. Am besten kommt sie im brutalsten Lied zur Geltung: "Hoheslied" nennt Meise das an die Bibel angelehnte Chanson von Mikis Theodorakis. "Und keiner hat gewusst, dass sie so schön ist", singt die Erzählerin im Todeslager. "Ihr Mädchen von Auschwitz, Ihr Mädchen von Dachau, habt Ihr meine Freundin nicht geseh'n ?"

Die politischen Lieder erfahren am Ende eine Wendung hin zur Liebe. Die ist nicht persönlich, sondern abstrakt. Oder eben: mystisch, durchweht von der Liebe zu oder von Gott. Es ist kein Zufall, dass das letzte Album von Meise eins mit Kirchenliedern war. (9.0) Tobi Müller

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Tirzah - "Devotion"
(Domino/Goodtogo, ab 10. August)

Manche Dinge brauchen Zeit und, nun ja, Hingabe. "Devotion" heißt nun also auch das Debüt der Londoner Künstlerin Tirzah, auf das die Pop-Szene schon etwas länger gewartet hat. Die aus Essex stammende Sängerin ist schon seit einiger Zeit in der UK-Garage- und Grime-Szene umtriebig, aber mit dem harten, antreibenden Sound ihrer bekanntesten Single "I'm Not Dancing" von 2013 haben die introvertierten Tracks auf "Devotion" nichts mehr gemein. Sie repräsentieren, im Gegenteil, den intimsten und reduziertesten R&B-Sound, den man seit The xx gehört hat.

"Gladly", "Reach", "Guilty", "Affection" oder "Basic Need" heißen die Songs, die jeden dieser Herzschmerz-Begriffe tief ausloten, weite Räume schaffen, um ihren Echos und Implikationen nachzufühlen. Ab und zu stolpert oder klappert auch mal ein Beat durch diese kargen Soundscapes.

Die stammen von der experimentell orientierten Popmusikerin Mica Levi alias Micachu, einer engen Freundin von Tirzah. Die beiden lernten sich bereits auf der Musikschule in Watford kennen, wo sie eigentlich Bratsche und Harfe studierten sollten, sich in Wahrheit aber in elektronischer Musikproduktion ausbildeten. Damals sang Tirzah zu den sparsamen, aber klug gesetzten Sounds von Mica - und an diesem effizienten Konzept hat sich nicht viel geändert.

Seine größte Wirkung erzielt die BFF-Kollaboration in Tracks wie "Do You Know", wenn ein endlos geloopter Minimal-Groove immer ein bisschen neben Tirzahs lethargisch-verstockten Sprechgesang trifft - oder sie mit sich selbst im Chor zu perlenden, Pianos und Orgeln Selbstbehauptung jubiliert: "Fine Again".

Nach knapp der Hälfte der 40 Minuten hat sich der Wow-Effekt jedoch abgeschwächt, so dass man sich freut, wenn in "Guilty" gegen Ende plötzlich eine Gitarre aufbratzt - oder der Titeltrack von Tirzahs Kumpel Coby Sey gesungen wird. Es fehlt dann doch der Spannungsbogen - oder mehr schnellere Stücke wie "Holding On", um den nötigen Grad der Hingabe zu erzeugen. Beeindruckend genug bleibt dieses Debüt trotzdem. (7.8) Andreas Borcholte

Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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insgesamt 2 Beiträge
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Seite 1
angst+money 31.07.2018
1.
Wenn wir schon bei Louis Cole und und Genevieve Artadi sind sollte man auch ihr gemeinsames Projekt "Knower" nicht vergessen, umtriebig mal in Electro-Clubs, mal auf Jazz-Festivals und vom arty Progjazz bis zum Trashklopper alles auf Lager was man als Nerd-Superstar so braucht.
harrygelb 16.08.2018
2. Sommer oder was?!
Erscheinen im Sommer keine Platten? Nein! Sind Eure Autoren geschlossen im Feriencamp? Ja! Kann man keine Gastautoren verpflichten? Ganz schwaches Bild, liebe Leute! Was ist los?
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