Abgehört Die wichtigste Musik der Woche

Niels Frevert ist kein Gefühlsplakatierer wie die Naidoos, Tawils und Bendzkos, hören Sie deshalb sein neues Album und sehen Sie exklusiv bei uns das Video zur Single. Außerdem: Neues von Mirel Wagner, Peter Escott und Chuckamuck.

Von und Jan Wigger


Liebe Abgehört-Leser, falls Sie eine Rezension des Albums "LP1" der aufregenden Newcomerin FKA Twigs vermissen, finden Sie hier unser Porträt.

Niels Frevert - "Paradies der gefälschten Dinge"
(Grönland/Rough Trade, ab 22. August)

Freunde, sagt man so, sind das Wichtigste im Leben, und Niels Frevert ist ein sehr guter Freund. Wir haben uns im Verlauf der letzten, ja, 20 Jahre nur flüchtig kennengelernt. Mal bei einem frühen Interview zu Nationalgalerie-Zeiten, später dann nickte man sich bei Konzerten oder Musikbranchenevents zu, jeder in seiner eigenen Blase, aber vereint im Gefühl des Deplatziertseins, Unbehagens. Mit seiner Musik aber war mir Niels Frevert immer ganz nah. Damals, als ich, in Liebesdingen schwer angeschlagen, mit dem Auto an der Elbe lang fuhr und am Straßenrand anhalten musste, weil mich "Tränen in mein Herz" zum Weinen brachte. Oder in der Bittersüße von "Hier und übermorgen" und später "Du kannst mich an der Ecke rauslassen". Die Lieder von Niels Frevert berühren ja nicht, weil sie sich der emotionalen Manipulation bedienen, nach der industrielle Popmusik gemeinhin funktioniert, sondern weil Frevert, inzwischen 46, eigene, manchmal ungewohnte Worte zu wirkungsmächtigen Sätzen zusammenfügt, mit denen er, ganz unaufdringlich und ohne dramatischen Gestus, über die alltägliche Achterbahnfahrt des Lebens erzählt, "himmelhochjauchzendzutodebetrübt", wie es in einem seiner Songs einmal hieß. Man könnte auch, im positivsten aller Sinne, sagen, Frevert macht das Banale besonders.

"Paradies der gefälschten Dinge" ist Freverts fünftes Solo-Album seit 1997. Der Hamburger blieb in der Musikszene der Hansestadt immer ein Außenseiter, ob als beherzter Rockmusiker in den Neunzigern, als die Diskursrocker Hirn diktierten, oder als sensibler Solist in den Nuller- und Zehnerjahren, als Gefühlsplakatierer von Xavier Naidoo bis Adel Tawil die Herrschaft in den Charts übernahmen. Mit neuer Plattenfirma und einem opulenteren, dynamischeren Sound (sehnende Streicher, jubelnde Bläser, Burt-Bacharach-Beschwingtheit) will er nun offenbar noch einmal um einen besseren Platz auf dem Markt kämpfen. "Ich werde den anderen den Bereich 'gehobener Mainstream' nicht kampflos überlassen!", sagte er neulich dem "Rolling Stone". Wobei sich die Frage stellt, wer denn diesen "gehobenen Mainstream" in Deutschland eigentlich verkörpert. Ina Müller? Grönemeyer, auf dessen Grönland-Label Frevert nun veröffentlicht? Oder fängt das bei Philipp Poisel, Clueso und Freverts Hamburger Kumpel Gisbert zu Knyphausen schon an?

Fakt ist: Musikalisch mögen Freverts Kompositionen heute etwas gediegener und erlesener klingen als noch vor drei oder vier Jahren, songschreiberisch bleiben nach dem viel zu frühen Tod Nils Koppruchs nur noch internationale Vergleiche: Ed Harcourt etwa, oder William Fitzsimmons, die wie er mit großer Lakonie und Melancholie nach Schönheit und Wahrhaftigkeit suchen in dem großen Heuhaufen, in dem sie selbst die Stecknadel sind.

Immer wieder sind es die kleinen Geschichten vom Ins-Schleudern-Geraten, wie in "Morgen ist egal" oder "Das mit dem Glücklichsein ist relativ" (unter dieser Rezension in der exklusiven Video-Premiere), in denen man sich durch zu viel Realismus den romantischsten Moment verdirbt. Oder die klugen, traurigen Einzelgänger-Impressionen wie "Speisewagen" oder "UFO", in dem Frevert, allein (und vermutlich nicht mehr ganz nüchtern) in der Partymenge auf dem Dach seines Hamburger Lieblingsclubs "Uebel & Gefährlich" über die Ähnlichkeit zwischen Aliens und Jesusfreaks nachdenkt. Berührend sind Songs wie "Schwör", in dem ein Freund aus der "Tsy-cha-trie" schreibt, oder "Muscheln", komplett aus dem Koma nach einem Unfall erzählt. Das große Wunder dieser Lieder ist, dass sie sagen, wie's ist und damit trotzdem Trost spenden: Da draußen ist dieser Typ, mit dem du erst 30, dann 40 und noch älter wurdest, der immer noch mit dieser jungenhaft ernstmeinenden Stimme singt und dem es genauso geht wie dir. No direction home? Egal, so lange man eine Niels-Frevert-Platte dabei hat. (8.3) Andreas Borcholte

Niels Frevert - "Das mit dem Glücklichsein ist relativ"
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Peter Escott - "The Long O"
(Bedroom Suck Records/Cargo, ab 15. August)

Es gibt diese Enttäuschung, wenn man alte, einstmals allerbeste Schulfreunde 25 Jahre später auf Facebook sucht und findet: Statt Leonard Cohen, den Ramones und Joni Mitchell tauchen unter den "Gefällt mir"-Angaben plötzlich Yoga, Johannes Oerding, Nordic Walking, Unheilig und Orchideen (!) auf. Als träfe man das von Weitem hübscheste Mädchen der Welt, doch geht man näher ran, hat sie ein schwarzes Spinnenweben-Tattoo mitten auf der Stirn. Und dann entdeckt man auch die Schlägertypen von damals, kämpft sich durch Kommentare wie "Jau, rockt", "Lääuuuuuft" und "Herzlichen glückwunsch Zum Burzeltag, mein Bester ;-)!" und denkt: Nur ein Jahr als Bobby Liebling oder Daniel Johnston (jeweils in ihrer schlimmsten Zeit, im Keller der Eltern wohnend, stetig stolpernd, delirierend) würde diesen Existenzen guttun.

Warum geht die endgültige Heilung von Geist und Körper so oft mit intellektueller Verblödung einher? Diese Frage ist kein direktes Thema auf Peter Escotts bekümmerter, irrlichternder Piano-Platte "The Long O", aber es könnte Thema sein, denn Escott, stationiert in Hobart, Tasmanien, gehört zu jenen Menschen, die zu tief in sich selbst hineinschauen können, sich zu schonungslos durchleuchten. Wetten, er hat den Geschmack von Paul Austers Zwiebelkuchen noch auf der Zunge? "The happiest I ever felt in my whole life/ The happiest I ever felt was too much/ And the most loved I ever felt in all my time/ The most loved I ever felt was too much".

Er sei nicht wie die anderen Dummköpfe, singt er einmal, der "NME" wirft ratlos sehr weit hergeholte Namen wie Rufus Wainwright (Weltkünstler) und Perfume Genius (doesn't do it for me, kristallklare Hipster-Angelegenheit) in den Ring. Die ersetzen wir lieber schnell mal mit John Maus und Momus. Ach ja: Hören Sie bitte auch Escotts Rumpel-Duo The Native Cats: "Legga geil!" (Zitat Banknachbar Abi 1994, heute Gas- und Wasserinstallateur, dafür Frau und drei Kinder). (7.2) Jan Wigger

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Best-of "Abgehört"

Unsere wöchentlich aktualisierte Playlist

Chuckamuck - "Im Knast EP"
(Staatsakt/Rough Trade, seit 1. August)

Vor ein paar Tagen im "Rock Hard"-Forum gefunden: "Die Wertigkeit kann ich bestätigen. Die Leimbindung ist auch edler als die Klammerbindung des RH, allerdings ist sie für mich in der Handhabung schlechter, da ich das Heft nicht in der Naht knicken kann und daher quasi immer beidhändig lesen muss." Das sind Probleme! Und grenzt es nicht an ein Wunder, dass die neue Chuckamuck-EP "Im Knast" (6 Songs, Vinyl & Download only, und, wie man hört, streng limitiert auf 300 Stück) nicht schon beim ersten Anfassen komplett auseinander fällt? Hier gibt es keine Leimbindung, hier gibt es überhaupt keine Bindungen, die nicht brüchig sind, denn Chuckamuck sind immer noch das nach toten Mäusen riechende, waghalsige Gegenteil von verlässlichem Dienst am Kunden. Die von der letzten LP "Jiles" ("Hitchhike" vergessen wir nie!) bekannte Ich-hab-euch-Schwanzlutschern-doch-gesagt-ihr-sollt-mich-in-Ruhe-lassen-Attitüde ist voll intakt, gleichzeitig gehören Chuckamuck zu den auf eine sehr seltsame Art und Weise elegantesten deutschen Bands.

Zu hören ist das im furiosen "Knast" und bei "T-Hawk", der Geschichte über einen unwahrscheinlichen Superhelden, man denke an Daniel Clowes' "The Death Ray" oder Gerhard Gösebrecht: "T-Hawk/ Überschall/ Direkt aus dem All/ In deine Wohnung/ Du denkst du fällst/ Nicht drauf rein/ Doch er könnte schon/ Hinter dir her sein/ Und auch/ Wenn er verpeilt erscheint/ Am Ende löst er doch den Fall." Das wüste, blutige "Kehrtage" ist 1-A-Libertines-Punkrock (think: "Horrorshow"), aber klar kennen die auch Buzzcocks, Dub-Kram, Flamin' Groovies und Dohertys superlässigen Shambles-Knaller "Dr. No". Chuckamuck können prinzipiell alles, schlafen aber lieber in der ersten Bahn ein, als das auszunutzen. The screaming fields of sonic love: Heute aus Berlin. (7.5) Jan Wigger

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Mirel Wagner - "When The Cellar Children See The Light Of Day"
(SubPop/Cargo, ab 15. August)

Hätte Steven Soderbergh für seine unbedingtempfehlenswerte Gothic-Arztserie "The Knick" nicht den allgegenwärtigen Cliff Martinez gewonnen, der das makabre Krankenhausgeschehen um die vorletzte Jahrhundertwende mit sehr heutigen Elektrosounds kontrastiert, er hätte sich auch aus Mirel Wagners reichhaltigem Fundus kohlrabenschwarzer Appalachenfolk-Weisen bedienen können. Dabei, ein Witz der Globalisierung, stammt Wagner überhaupt nicht aus einer windschiefen Blockhütte aus Pennsylvania, sondern wurde in Äthiopien geboren.

Aufgewachsen ist sie in Helsinki. Für ihr zweites Album ließ sie ihren ohnehin schon kargen Sound vom Elektro-Produzenten Vladislav Delay, so was wie der finnische Rick Rubin, bis aufs Skelett abnagen, sodass ihre Stimme nurmehr von molltönender Akustikgitarre begleitet wird. Und diese unverkennbar weibliche Stimme, kurios wie sich das anhört, erinnert im Verbund mit der Struktur ihrer Songkompositionen an die großen männlichen Lakoniker jenes Genres, das den Weltschmerz schamanenhaft zum Mythos stilisiert: Nick Cave ("Ellipsis"), Mark Lanegan ("1, 2, 3, 4") und, im großartigen "What Love Looks Like", Johnny Cash. Für manche mag das zu wenig originär klingen und die absichtlich geschaffenen Leerstellen nicht mit genügend Persönlichkeit füllen. Andere sehen in Wagner "eine Lana Del Rey für Menschen, die es ernst meinen mit der Todessehnsucht" (Maik Brüggemeyer im "Rolling Stone"). In jedem Fall ziehen Wagners brüchige, klagende Gesänge über verkrüppelte Eichen, Teufelszungen und den Dreck im Haus ihres Vaters den Zuhörer in einen morbiden Bann. Und plötzlich ist man ganz fasziniert davon, dickflüssigem, schwarzem Blut dabei zuzusehen, wie es aus offenen Wunden quillt. And you wonder, why she's always dressed in black… (7.5) Andreas Borcholte

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Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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insgesamt 2 Beiträge
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Seite 1
bruce 12.08.2014
1.
yes: "the Knick" und the libertines auf einer seite
hors-ansgar 14.08.2014
2. Mirel Wagner...
erinnert mich stark an Nico und/oder Andrea Schröder. Was als Kompliment gemeint ist.
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