Abgehört Die wichtigste Musik der Woche

Zwei Jahre nach dem Tod des Songwriters Nils Koppruch gibt es eine liebevolle Werkschau und ein Tribute-Album. Außerdem: Ein Meisterwerk von Ty Segall, Die Sterne mit einem Zwischenwerk und das Comeback der Rentals.

Von und Jan Wigger


Nils Koppruch + Fink - "Werkschau" (Box-Set)
Nils Koppruch + Fink - "A Tribute To" (Doppel-CD)

(Trocadero/Indigo, seit 22. August)

"Und ich werd' wohl nicht dabei sein an meinem allerletzten Tag/ Und mir nicht mit ansehen wie sie trauern um meinen Sarg/ Die Zeit wartet auf niemanden nicht/ Und ganz besonders nicht auf mich." Dies sang Nils Koppruch auf dem allerersten Song der allerersten, kargsten und vielleicht schönsten Fink-Platte "Vogelbeobachtung im Winter". Viel später gab es "Fink", das rote Album, einen gewichtigen, unbehauenen Brocken, dessen Dichte niemand zerteilen konnte, darauf "Ich wein' einen Fluss" und "Wenn du mich suchst". Während der Aufnahmen zu den beiden nächsten Fink-Alben wurde dem Hamburger Kunstmaler und Songschreiber bewusst, dass seine Band langsam zerrieselte und er den Rest des Weges allein würde gehen müssen. Es folgten also "Den Teufel tun" und "Caruso" - und zum Schluss eine Zusammenarbeit mit Gisbert zu Knyphausen. Die Kid-Kopphausen-LP "I" sollte ein Anfang sein, doch Koppruch wachte eines Morgens einfach nicht mehr auf, mit 46.

Fast zwei Jahre ist das her, und wer eine leise Ahnung davon haben möchte, wie alles begann und endete, der liest die großartige, 69-seitige "Geschichte des Musikers und Malers Nils Koppruch" (erzählt von denen, die dabei gewesen sind) im absolut beispielhaften Begleitbuch zur Werkschau, die nun bei Trocadero Records erscheint und sämtliche Schätze birgt: Auf zehn CDs ist das Wirken des Formwandlers und Vielbegabten - inklusive raren, verlorenen und unveröffentlichten Aufnahmen - nun abschließend dokumentiert.

Dazu kommen zwei weitere Tonträger, auf denen 28 Mal versucht wird, sich dem zuweilen wunderbar spröden Folk, dem Country Noir Koppruchs anzunähern: Niels Frevert ("Als einer einmal nicht kam") ist eine Bank, Halma & Martin Wenk verfinstern "Meine Ecke", Johannes Oerding interpretiert "Hamburger Berg" wie erwartet mit viel zu viel Emotion. Auch dabei: Bernadette La Hengst ("Vielleicht"), Wiglaf Droste & Tünseltown Rebellion Band, Fehlfarben, Locas in Love und Knarf Rellöm. Die empathischste, jenseitigste und klügste Version eines Fink-Stücks gelingt übrigens Olli Schulz und Band mit "Loch in der Welt". So viele Gute gehen, so viele Idioten bleiben. Armer Junge weint, armes Mädchen auch. (8.3) Jan Wigger

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Ty Segall - "Manipulator"
(Drag City/Rough Trade, ab 29. August)

Der schon wieder? Ja, genau. "Manipulator" ist Ty Segalls ungefähr siebtes offizielles Solo-Album… seit 2008. Zwischendurch lag der Sänger, Gitarrist, Bandleader und Produzent aus San Francisco aber auch nicht auf der faulen Haut, sondern spielte mal bei den Sic Alps mit, mal bei White Fence oder half bei den Kollegen Thee Oh Sees aus. Zuletzt gründete er eine Progrockband namens Fuzz, er tauchte aber auch unter den Pseudonymen Epsilons, Party Fowl oder The Traditional Fools auf. Ein endloser Kreativstrom, der nun, Sie werden lachen, im vielleicht besten Album seiner bisherigen Karriere mündet. Nach dem eher introvertierten, aus, wie man später erfuhr, unangenehmen Kindheitserinnerungen gespeisten "Sleeper" will sich Segall offenbar freimachen - von alten Dämonen ebenso wie von einem Übermaß Fuzz und psychedelischen Rauschens. Ziel sei es gewesen, "a Tony Visconti kind of record" aufzunehmen, eine Platte also, die an die Tugenden des legendären Bowie-, T-Rex- und Thin-Lizzy-Produzenten anknüpft.

Viscontis Kunst war es unter anderem, jedem Instrument gleichberechtigten Raum zu geben, was der Musik, egal ob Glam-, Hard- oder Punkrock, eine unfassbare Dichte und Dynamik verlieh. Das verträgt sich nicht nur sehr gut mit den musikalischen Vorbildern, denen Ty Segall von jeher folgt - Yardbirds, Sixties-Psychedelia, Stooges, Led Zeppelin und alles dazwischen -, die neue Klarheit der (selbstgemachten) Produktion enthüllt auch einmal mehr das Songwriting-Talent des erst 28-Jährigen Bay-Area-Berserkers: 17 Songs, 57 Minuten Spielzeit, no fillers? Dafür müssten sich selbst vergleichbare Vielschreiber wie Robert Pollard oder Nick Saloman anstrengen. "Manipulator" ist ein mit jubelnden Twin-Gitarren rotzfrech aus dem Ärmel geschütteltes Meisterwerk irgendwo im Spektrum zwischen Klassikern wie "Odyssey And Oracle", "Shades Of A Blue Orphanage", "For Your Love" und "Forever Changes".

Sagen Sie nicht, wir hätten ja mal früher auf dieses Genie hinweisen können. Haben wir. (8.5) Andreas Borcholte

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Die Sterne - "Flucht in die Flucht"
(Staatsakt/Rough Trade, ab 29. August)

"Wo soll ich hingehen?" heißt der erste Song auf dem neuen Album der Sterne, eine programmatische Frage für die Hamburger Band. Vordergründig geht es in dem Lied wohl um die Qual aller Dreißig- bis Vierzigjährigen, die alltägliche Prokrastination auszuhalten, bis dann irgendwann, am besten ganz von selbst, der Ernst des Lebens beginnt: "Wo kann ich hingehen, um ich zu sein? Ist es unmöglich, sich zu befreien?" Früher reichten dazu vielleicht die im zweiten Song beschworenen "Drei Akkorde" und ein bisschen Wahrheit, heute ist es komplizierter. Da kann man sich schon mal verheddern. Eigentlich will man sich vom Acker machen, wie es in der lustig jinglejanglenden Single heißt, doch dann hält einen die "Miese kleine Winterstadt" doch wieder mit bleischwerem Instrumentarium und kakophonischen Klängen fest.

Die Sterne sind zu alt und zu erfahren, um sich wirklich in die Flucht zu flüchten oder sich jenem jugendlichen Revoluzzer-Romantizismus hinzugeben wie die neue Band Trümmer auf ihrem erstaunlichen Debütalbum. Was sich folglich auf dieser zehnten Platte der Diskurspopper manifestiert, ist durchaus kraftvoll, aber seltsam unausgegoren. Großartig ist Sänger und Songschreiber Frank Spilker immer dann, wenn er seiner bösartigsten Rhetorik freien Lauf lässt, wie in "Menschverachtendverliebt" oder im giftigen, Gentrifizierungsstanzen entlarvenden Sprechgesang-Inner-City-Blues von "Innenstadt Illusionen". Toll auch das an Nick Caves Moritaten erinnernde "Ihr wollt mich töten", bei dem Alexander Hacke (u.a. Einstürzende Neubauten) mitwirkt.

Andererseits hat man Spilker und seine Band auch schon mal homogener, innovativer erlebt, zuletzt in der mit elektronischen Clubsounds durchwirkten Höllendisco, die das Album "24/7" mit der alles negierenden Noise-Hymne "Himmel" war. Auf "Flucht in die Flucht", dem ersten beim neuen Berliner Label Staatsakt, besinnen sich Die Sterne nun wieder auf rockistischeres Songwriting, behalten aber den Psychedelic-Geist des Vorgängers bei. Was soll das nun sein: Krautrock-Hommage? Liedermacher-Funpunk? Lindenberg-Parodie ("Der Bär")? Man bekommt die teils brillanten, teils blöden ("Hirnf***") Einzelteile partout nicht zu einem überzeugenden Ganzen zusammenmontiert. Aber vielleicht muss das manchmal so sein, kompliziert wie die Gesamtlage nun einmal ist.

Programmatisch also auch die abschließende Frage des Albums: "Wie groß ist der Schaden bei Dir?" Schön am Rande: Der Hamburger Schulnachwuchs, namentlich das großartige aus Frankfurt zugezogene Mädchenduo Schnipo Schranke, die Szene-Darlings Zucker sowie Der Bürgermeister der Nacht, bekommt von den Veteranen eine kleine Bühne als begleitender "Flucht-Chor" bereitet. (6.9) Andreas Borcholte

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The Rentals - "Lost In Alphaville"
(Polyvinyl Records/Cargo, ab 5. September)

War es ein Fall von "Nur die Besten sterben alt", oder ein Fall von "You can't surrender if you're already dead"? Oder sollten wir die Welt etwa doch so gleichmütig an uns vorbeiziehen lassen wie der späte Hubert Kah vor dem Badezimmerspiegel? "Der Kakadu, der Kakadu, der macht sein Arschloch auf und zu". Ich denke, Kah alias Kemmler hat Recht, denn den drei Leuten, denen ich überhaupt vom mysteriösen Wiederauftauchen der Rentals erzählen wollte, zuckten entweder mit den Schultern oder reagierten so, als hätten sie einen Geist gesehen. So sei zumindest den Dorfdisco-DJs von damals gesagt: Hey, den Sound der Rentals habt ihr doch ein paar Jahre später auf "Narcotic" von Liquido (remember Tim Eiermann?) wiederentdeckt!

Aber um die Ordnung der Dinge wenigstens für ein paar Minuten wieder herzustellen: The Rentals, "Friends Of P.", Moog-Synthesizer, That Dog und Matt Sharp, bis 1997 Bassist bei Weezer, danach irrer Wissenschaftler und Thomas-Pynchon-Figur. "Lost In Alphaville" ist die erste Rentals-Platte seit 1999. Mit Patrick Carney (sonst Schlagzeuger bei den Black Keys, wie ich mir sagen ließ), Jess Wolfe und Holly Laessig (von Lucius) als female vocals, und Sharps Gespür (ich will nicht "Händchen" sagen, weil ich mich sonst umbringen müsste) für leichte, liebliche und irgendwie weirde Melodien, die im Dunkel bleiben und mit dem Dunkel kämpfen. Manchmal zu baukastenartig und niedlich, aber eine Handvoll Hits sind dabei: "Thought Of Sound", "Traces Of Our Tears", "1000 Seasons". Bitte gebt "Lost In Alphaville" eurer Nichte, bevor sie sich Two Door Cinema Club zum Geburtstag wünscht. (6.8) Jan Wigger

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Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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insgesamt 1 Beitrag
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Seite 1
docvicious 29.08.2014
1. Songwriter Nils Koppruch
ahoi ! wie so oft: man wird ihn wiederentdecken, wenn er tot ist, aber da hat er nix von...... egal, hört einfach "wenn du mich suchst" eins der schönsten liebeslieder die je geschrieben wurden. Danke dafür
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